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Full text of "Allgemeine Naturgeschichte der Parasiten : mit besonderer Berücksichtigung der bei dem Menschen schmarotzenden Arten"

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Kibrary of the Museum 


OF | 
COMPARATIVE ZOÖLOGY, 


AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS, 


FDounded bp private subscription, In 1861. 


w, 


Deposited by ALEX. AGASSIZ. 


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ALLGEMEINE 
NATURGESCHICHTE 


DER 


PARASITEN 


MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DER BEI DEM MENSCHEN 
SCHMAROTZENDEN ARTEN. 


Ein Lehrbuch für Zoologen, Landwirthe und Mediciner 


von 


Rudolph Leuckart, 


Doctor der Philosophie und Mediein, o. ö. Professor der Zoologie und Zootomie 
an der Universität Leipzig. 


Mit 91 eingedruckten Holzschnitten. 


a —— — 


Leipzig und Heidelberg. 
C. F. Winter’sche Verlagshandlung. 
1878, 


Vorwort. 


NY 


Schon bei dem ersten Erscheinen meines Werkes über „die 
Parasiten des Menschen und die von ihnen herrührenden Krank- 
heiten“ (Leipzig und Heidelberg, Winter’s Verlag 1863) ist vielfach 
der Wunsch geäussert worden, ich -möchte den einleitenden Theil 
desselben, der die Natur, die Lebensgeschichte und das Vorkommen 
dieser Thiere im Allgemeinen behandelt, durch Veranstaltung einer 
Separatausgabe einem grössern Leserkreise zugänglich machen. Was 
damals aus Gründen mancherlei Art unterbleiben musste, ist jetzt 
geschehen: die Blätter, welche ich meinen Lesern hier biete, sind 
der soeben in umgearbeiteter Form erscheinenden zweiten Auflage 
dieses Werkes entlehnt worden. Die Herausgabe würde vielleicht 
unterblieben sein, wenn unsere Literatur nicht immer noch eines 
Buches entbehrte, in dem die Erscheinungen des parasitischen Lebens 
dem jetzigen Zustande unserer Wissenschaft entsprechend eine zu- 
sammenhängende Darstellung gefunden haben. Seitdem auf unsern 
Universitäten die Naturgeschichte der Schmarotzer in besonderen Vor- 
lesungen behandelt wird, macht sich diese Lücke um so empfindlicher 
geltend, als die zoologischen Studien in dem Lehrplan der Mediciner, 
für welche jene Vorlesungen zumeist berechnet sind, allmählich immer 
weiter zurücktreten, bei dem Mangel einer specifisch zoologischen 
Bildung aber der Ueberblick über die vielfach verwickelten Erschei- 
nungen des Parasitismus leicht verloren geht. Unter solchen Um- 
ständen darf ich denn hoffen, dass die Herausgabe einer „allgemeinen 
Naturgeschichte der Parasiten“ nicht ohne Nutzen ist, vielleicht gar 


IV Vorwort. 


mein Buch dazu berufen sein möchte, bei unserer studirenden Jugend 
sich einzubürgern und einen der interessantesten nicht bloss, sondern 
auch der praktisch wichtigsten Theile unserer zoologischen Wissen- 
schaft einem bessern und tiefern Verständniss entgegen zu führen. 

In einer „allgemeinen Naturgeschichte“, wie sie hier vorliegt, 
wird man natürlich keine eingehende Behandlung der specifischen 
Lebensformen erwarten. Und so haben denn auch die einzelnen 
Arten nur insoweit hier Berücksichtigung gefunden, als sie das 
Material für die von mir entwickelten Gesichtspuncte und Vorgänge 
abgeben. Wer für das Detail des Parasitenlebens und die parasitären 
Formen selbst sich interessirt, den verweise ich auf das umfangreichere 
Werk, dem dieser Abdruck entnommen ist. Als ein Mittel der 
Orientirung hat letzterer nur die erste Einführung in das wissen- 
schaftliche Studium der Parasitenlehre zur Aufgabe. 


Leipzig, den 1. Mai 1879. 


Rud. Leuekart. 


Inhaltsverzeichniss. 


Natur und Organisation der Parasiten . 
Begriffsbestimmung 

Pseudoparasiten . ee 

Grad und Art des ons EN N ER; 
Leibesform CHEN 

Haftapparate und unse werkebtes 
Commensalismus 


Vorkommen der Parasiten . 


Häufigkeit 

Verbreitung . ; EUR; 
Athmung und Anakeotgane 
Ectoparasiten und Entoparasiten . 
Ernährung und Mundorgane 
Einkapselung 


Die Lehre von der Entstehung der Parasiten in ihrer geschichtlichen 


Entwicklung a 
Annahme der Urerzeugung . 
Heterogenie . 

Linn‘ und Pallas 
Hypothese der Vererbung 
Rudolphi’'sche Schule . 


Erster Nachweis einer Memorpos bei Tr=mätbden nd are 


Eschricht und Steenstrup 
Entdeckungen Dujardin’s, v. Siebold’s, van Benodens 5 


Einführung des helminthologischen Experimentes durch Kachemeiter 


Weiterer Ausbau der Experimentalhelminthologie . 


Lebensgeschichte der Parasiten 

Geschlechtsreife . 

Eier und Embryonen . \ 
Entwicklungsgrad der Heelorten Eier , 
Auswanderung der Eier . 

Wurmnester 


Seite 
3—13 
3—3 
6) 
6—8 
9 
9—12 
15 
13—28 
13—16 
16—18 
18—21 
22—23 
23—26 
26— 28 
28—954 
29—31 
31—33 
33—34 
35 
36—38 
39—42 
42 —45 
46—49 
50—51 
32—54 
54—117 
4—57 
87—75 

38—5 


N 


Inhaltsverzeichniss. 


Continuirliche Entwicklung und Fortpflanzung (Rhakditis stercoralis) 
Haematozoen : 

Entwicklung der nach Arsen olredhin 1: 

Einfluss der Feuchtigkeit 

Beschaffenheit der Eischale 

Einfluss der Wärme . 

Entwicklungsdauer 


Einwanderung der jungen Brut . 


Embryonenhaltige Eier . ß 
Ausschlüpfen der Embryonen nach Yordanune der Fischale : 
Ausschlüpfen im Freien 

Freie Embryonen und Tusendfermen Baal 
Einwanderung der freien Jugendzustände (aaıive Einwanderihe) ! 
Passive Einwanderung (mit der Nahrung) 

Lebensdauer der Keime. 


Entwicklung der eingewanderten Brut 


Das Herkommen der Parasiten und die allmähliche Ausbildung des 


Directe Entwicklung . } 
Wanderung im Wirthskörper . 


Ausbildung der Larven- oder Inrischenform. (Heimiatlen zweiter 


Entwicklungsstufe‘“) 
Geschlechtsreife Larvenzustände . 


Wirthswechsel . 


Entwicklung und Wandeins ad Distomeen 
Organenwechsel des Pallisadenwurmes. 
Ueberwanderung der Finnen u. s. w. 
Einwirkung der Verdauungssäfte 

Aus- und Einwanderung der Pentastomen 
Schmarotzer mit freien Geschlechtsthieren 
Zwischenwirth und definitiver Träger . 


Gesetz der grossen Zahl und seine Bedeutung für ir Parsitiemge 


Theorie der Verirrung und Entartung . 
Bedingungen der Entwicklung 
Lebensdauer und Untergang 


Schmarotzerlebens . 


Die verschiedenen Formen des enge 
Beziehungen zu frei lebenden Thieren 

Frei lebende Nematoden 

Rhabdonema nigrovenosum 
Schmarotzernematoden mit Thabditietbunnngen sendendlanden 
Verlust der Rhabditisform . 

Band- und Saugwürmer ; 

Beziehungen zu den Blutegeln und Tucbellaren 
Acanthocephalen und Nematoden 

Entstehung der Zwischenwirthe . 

Entstehung der Zwischenzustände 


Seite 
62—64 
64—68 

68 
69—72 
72 

73 
74—75 
75—87 
76 

77T 

78 
79—82 
82—84 
85—87 
37 
87—93 
88 

89 —90 
90—92 
93 
94—117 
94—98 
98—99 
100 
100—102 
103 

104 
105—108 
109 
110—112 
113—116 
117 
118—153 
118—119 
120—123 
124—126 
127—129 
130—132 
133--135 
136—138 
139—142 
142—146 
147—149 
150—153 


Verzeichniss der Holzschnitte. vu 


Seite 

Die Einwirkung der Schmarotzer aufihre Wirthe. . . . . . 154—216 

BanasıfenkrankheiteneB les. a. un. denen De, 6 re RRRFEN ER 1er. 154 

Historisches. . . . 3 DE ER ER RL ES LANE DASTDN. 

Natur der Parasifenkranliheiten a La ep N NER RBN RL NET5E—L6D 

Verlust; von Nahrungsmaterial.. . .. ... 1... u en 2 7 160—163 

Folgen des Wachsthums und der Ansammlung . . . 2 .2.2..2......163—168 

Einfluss der Bewegung und Wanderung . . 2. 2 2 202.020.20.0.169—185 

DiaunoseßderHelminthiasis 0.0. 1. 00. Banane sun 185190 

Hiherapitemund Prophylaxe... u. 2. ER. 

Aetiologie . . . LE AR LEN NN ae er a par le Seel 192206 

Statistik der neitschlichen nloroen LEN TREE ENGER RE 193 

Bezugsquellen der menschlichen Parasiten . :» . 2 2... .0.2....194—206 

Vorkommen und Verbreitung der menschlichen Entozoen . . . . „ . 206—216 

Verzeichniss der Holzschnitte 
in alphabetischer Reihenfolge. 

Fig Seite 

Duthomyaarcanicularis, TBarye u... 4.0 sea u m 21 

” ” 55 EA EN AR RE EA NR LEBE: 182 

Elchigelesgsieboldien an ra a RR ER rAuTE 93 

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Ascaris lumbricoides. Frisch abgelegtes i. . . . . 2 2.2..9a 186 

23 50 ER en N USER En 20 ER RIESEN ST) 

5 „= Biemit) Embryosge a Sa Ace 0 
Ascaris nigrovenosa s. Rhabdonema. 

Eswidogastersconchicola, June). 2 rsenN 93 

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z » Eiablagerungen im Harnleiter RER AZISE 166 

Bothriocephalus latus. Frisch a SR ES A OR A le DENN 186 

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5, 5 Eischale mi Deekcicheh N an a ee RS 0 78 

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Vercariagarmata) Rückenlagey ne, u lo 41 


” ” „ ® ° ? ’ {) r . ° ’ r . ® 0 q DR 44 


VII Verzeichniss der Holzschnitte. 


Cercaria armata. Rückenlage 


ei a Profillage 2 
"Cercarienamme (Redia) aus Lymnaeus; jung 
x mit unentwickelten Keimen . 

cn mit Cercarien 
> (Redia) aus Pal jung . 
En 2 ee n mit Brut 


(Sporocystis) . 
Cercaria armata, eingekapselt . 

% jE 5 eh 
Goenurus cerehralis, jung im Hirne 
Cucullanus elegans, Embryo 
Oysticercus cellulosae, in situ 


3 en mit eingezogenem Kopf 

=g an es "> 0 ER ENET 14 

9 nr mit vorgestülptem Kopf. 

> ” hr 3 “= 

” 5 var. racemosa 

n pisiformis, in Auswanderung aus Deber Behr 

5 = 3 le; er 

"= N jung, engere ; 
5 tenuicollis, jung, in Auswanderung aus Leben Degriflen 


Distomum hbaematobium s. Bilharzia. 
Distomum hepaticum, frisch gelegtes Ei 


> A Ei mit Embryo . 

E freier Embryo 
3 5 x = 
Pr erwachsen . 3 
5 lanceolatum, frisch abgelegtes Ei ; 
en luteum, Anatomie 
u s. weiter Üercaria. 


Dochmius duodenalis, Kopf mit Mundorganen im Profil und Rückenlage 


% a frisch abgelegtes Ei 
trigonocephalus, rhabditisförmiger senden 


2’ ” a) EL) 


erwachsene Jugendform 


n 5 junger Parasit 
Echinobothrium minimum, Scolex . .:. 
” M Strobila . 


Echinococeus veterinorum h 
Echinorhynchus angustatus, uetiyunke o 
> Embryo in Profil el Rnekenlage 
A sieas, Biamit Embryo 


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33 


Seite 


Verzeichniss der Holzschnitte. 


Bolinorhynchususpieulaen ea. ne 
Eustrongylus gigas, im Nierenbecken . . . 
Filaria sanguinis hominis . . . . . 


Hirudo medieinalis, Kopfende mit Mundorsanen 
Monostomum capitellatum. Embryo . 

sh mutabile, Embryo . . 
Musca vomitoria, Larve, in Profil und Rückonlage) 


3% ” ” => 2%) ” 
Oxyuris ambigua, Jung . » » . . SULHLENELEND 
„ vermicularis, Ei frisch A INS NA, 
u '“ Ei mit Embryo. . : 
Sa N Eier auf verschiedener Enlwieklunsssiufe : h 
Bentsstomumseonstnietum 
en 5 in Leber und Lunge . . . . 
n dentienlatumsainy Bungee 
en on en DEIN 
2 frei in Rückenlage . . 
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Biohipits. pnlaB a U AR 
Taulexirnitanssalkatvie a ER ER EREN NEE SPERREN h 
„  (Khynchoprion) penetrans d Q Ann SE SER en 
johalkiiiis. (amiegla. a en Se nn 
A e ombiyomea nr RN Se, 
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Rlhabdonema nigrovenosum, Embryo . . RES ER tr, © 
e“ N Rhahditisform En ONE ROER RS RUN ANDERE 
a a a 2 mit Eiern und Embryonen 
Sareoptessseabiei du u wen \ 
2: ni ER TEEN ER EN 
un er nwsiualkrätzkuuste) ne ! 


Sclerostomum equinum, jung, in situ (Wurmaneurysma). . 


2 ib} bb} ” kA) 


e tetracanthum, jung, eingekapselt . . . 2... 
Spiropteranmunna, Bares u... 
Strongylus duodenalis s. Dochmius. ü 

Ba equinus s. Sclerostomum 
er 1 alas BIN EyoR Pe ee. 
en gigas s. Eustrongylus. 
a tetracanthus s. Sclerostomum, 
r trigonocephalus s. Dochmius. 
Taenia coenurus, junge Finne s. Üoenurus cerebralis. 
& eucumerina. Finnenzustand . . 2 2 2 2 0. ö 


An echinococceus, Finue s. Echinococcus. 
= marginata, Finne s. Cysticercus tenuicollis, 


61. a 


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65. b 


45. B 


133 


91 


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Verzeichniss der Holzschnitte. 


Taenia nymphaea, Ei mit Embryo . 


Er} 


a freier Embryo 

saginata (T. mediocanellata), Strobila 

»  „ Proglottiden . 

» „, Ei mit Embryo 
serrata, Scolex 

E beginnende Strobilation 

“ Finne s. Cysticercus pisiformis. 
solium, Ei mit Embryo 

” 22000» ” Di 

= Kopf ataerhedessaneet- 
Finne s. Cyst. cellulosae. 


” 


Trichina spiralis ?, jung 


Trichocephalus dispar, frisch abgelegtes Ei . 


Embryo 
eingekapselt 


39 
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, verkalkt . 


(3 Monate alt) 


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3 Ei mit Embryo 
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in situ (7 Wochen alt) . 


vo. 


Seite 
42 
72 

170 
136 
56 
186 
49 
100 
49 


Natur und Organisation der Parasiten. 


Als Parasiten bezeichnen wir, im weitern und eigentlichen 
Sinne des Wortes, alle diejenigen Geschöpfe, die bei einem leben- 
digen Organismus Nahrung und Wohnung finden. 

Nach dieser Definition giebt es nicht bloss pflanzliche und 
thierische Parasiten (Phytoparasiten und Zooparasiten), sondern auch 
Parasiten an Pflanzen und an 'Thieren. Die Larve, die das Holz 
eines Baumes oder das Fleisch einer Frucht bewohnt, ist darnach 
eben so gut ein Parasit, wie der Spulwurm im Darmkanale des 
Menschen, und der Käfer, der unsere Waldungen entblättert, eben 
so gut, wie die Spinnfliege zwischen den Federn der Schwalbe. 

Der Umfang des parasitischen Lebens erscheint bei solcher 
Fassung ein ausserordentlich weiter. 

So lange man den Namen und Begriff der Parasiten, wie das 
früher sehr allgemein geschah, bloss auf bestimmte exquisite Formen 
beschränkte, konnte man leicht der Ansicht zuneigen, dass der Para- 
sitismus isolirt und ohne Vermittelung neben den übrigen Arten des 
thierischen Lebens dastehe. Gegenwärtig aber kennen wir den Irr- 
thum dieses Standpunktes, der nicht bloss wegen seiner Einseitigkeit 
der auch desshalb besonders hervorgehoben werden musste, weil er 
für die Geschichte unserer Wissenschaft eine verhängnissvolle Be- 
deutung gewonnen hat. Zu den Parasiten gehören nicht bloss die 
Eingeweidewürmer und verwandte Formen, sondern auch zahlreiche 
Geschöpfe, die bis auf die Beschaffenheit ihrer Nahrungsstoffe mit 
gewissen frei lebenden Thieren übereinstimmen, mitunter so voll- 
kommen, dass wir ihnen für gewöhnlich gleichfalls den Besitz eines 
freien Lebens zuschreiben. Oder entspricht es etwa den gewöhn- 
lichen Ansichten von den Eigenthümlichkeiten des Parasitismus, wenn 
wir sehen, dass sich ein Geschöpf, das wir nach jener Definition 
einen Schmarotzer nennen müssen, von einem andern frei lebenden 
Thiere vielleicht nur dadurch unterscheidet, dass es den saftigen 
Splint statt des abgestorbenen Holzes bewohnt oder das grüne Laub 
statt des verdorrten zur Nahrung verwendet? Sind das nicht Unter- 
schiede, deren Werth und Bedeutung weit geringer erscheint, als 

5 


A Beziehungen zu den frei lebenden Thieren. 


wir sie etwa zwischen dem gefrässigen Raubthiere und dem harm- 
losen Pflanzenfresser vorfinden ? 

Das hier hervorgehobene Verhältniss bleibt dasselbe, wenn wir 
den Begriff des Parasitismus, wie das aus gewissen praktischen 
Gründen für unsere Zwecke sich empfiehlt, in einem engern Sinne 
fassen und ihn ausschliesslich auf die bei Thieren schmarotzen- 
den Zooparasiten beschränken. 

In dieser Begrenzung scheint die Gruppe der Parasiten auf den 
ersten Blick viel geschlossener zu sein, als bei jener weitern Fassung. 
Sie schien es in früherer Zeit noch mehr, als heute, denn jener Zeit 
durfte man der Ansicht sein, dass die Zooparasiten immer und überall 
bloss als Parasiten existirten, ja dass sie bloss als solche zu existiren 
im Stande seien. 

Im Laufe unserer Untersuchungen aber haben wir erfahren, dass 
auch bei den sesshaftesten Parasiten, selbst den Eingeweidewürmern, 
nicht selten Zustände eintreten, in denen dieselben ganz nach Art 
der übrigen Thiere im Wasser oder in der feuchten Erde leben; 
auch erfahren, dass es z. B. unter den Spulwürmern Arten (des 
Genus Rhabditis) giebt, die nur gelegentlich schmarotzen und in freien 
thierischen Substanzen, in Milch, Fleisch und dergl., eben so gut 
und vielleicht noch schneller und vollständiger zur Entwickelung 
kommen, als das im Innern eines lebendigen Organismus der Fall 
ist. Wir haben neuerlich sogar einen Spulwurm kennen gelernt, der 
als Parasit die Lunge des Frosches bewohnt (Ascaris nigrovenosa 
Auct.), in seinen Nachkommen aber unter Rhabditisftorm ein völlig 
freies Leben führt *), ein Thier also, dessen Geschichte zwei mit ein- 
ander abwechselnde Generationen aufweist, die, wiewohl beide ge- 
schlechtsreif, in Grösse, Bau und Lebensweise so auffallend verschieden 
sind, dass man sie ohne Kenntniss ihres genetischen Zusammenhanges 
in ganz verschiedenen Familien unterbringen würde. Bei einer 
späteren Gelegenheit**) werden wir auf diesen Fall, der für die 
richtige Auffassung und Deutung des Parasitismus eine grosse Be- 
deutung hat, noch weiter zurückkommen. 

Nach solchen Erfahrungen existirt auch kein Grund mehr, ge- 
wisse Thiere von der Zahl der Parasiten auszuschliessen, die, wie 
manche Fliegenlarven (Musca vomitoria, Sarcophaga carnaria, Antho- 


*) Näheres hierüber siehe Leuckart, Parasiten, Bd. II. 8. 139, 
#*) Vergl. den Abschnitt über das Herkommen der Parasiten und die allmähliche 
Entwickelung des Parasitismus. 


Pseudoparasiten. 5 


myia canicularis u. a.) statt der abgestorbenen, vielleicht schon ver- 
wesenden organischen Substanz, in der sie sonst gewöhnlich gefunden 
werden, gelegentlich einmal den lebendigen thierischen Organismus 
bewohnen und von dessen Theilen sich ernähren. Will man den 
Parasitismus solcher Geschöpfe in irgend einer Weise kennzeichnen, 
so mag man das, dem constanten Parasitismus anderer Schmarotzer 
gegenüber, dadurch thun, dass man denselben einen gelegentlichen 
» und zufälligen heisst. Aber als Parasiten muss man die betreffenden 
Geschöpfe gelten lassen, sobald sie überhaupt schmarotzen. Die Be- 
zeichnung „Pseudoparasiten“, die man für sie oftmals und noch in 
neuerer Zeit in Anwendung gebracht hat, mag man für Anderes 
aufbewahren, für jene mancherlei Gebilde, die als Schmarotzer be- 
schrieben .und selbst getauft sind, ohne es wirklich zu sein*), auch 
meinetwegen für die Frösche, Schlangen und Spinnen, die nach 
manchen Autoren Jahre lang in den Eingeweiden des Menschen zu- 
gebracht haben**), obwohl sie die nasse Wärme des Säugethier- 
körpers nachweislich ***) keine sechs Stunden zu ertragen vermögen. 

Auf der andern Seite zeigt übrigens dieser gelegentliche Para- 
sitismus zur Genüge, was wir auch oben behauptet haben, dass eine 
scharfe Grenze zwischen Parasiten und frei lebenden Thieren über- 
haupt nicht existirt. 

Aber nicht bloss, dass die Grenzen des Parasitismus durch solche 


*) Eine Aufzählung derartiger Pseudoparasiten, auch nur der gewöhnlichsten, würde 
zu weit führen. Es genüge die Bemerkung, dass die verschiedensten Gegenstände, nicht 
bloss Ueberreste -genossener Speisen (Pflanzenfasern, Apfelsinenzellen, Rosinenstengel, 
Sehnen, Knöchelchen u. dergl), sondern auch Zwirnsfäden, Haare, Blutgerinsel, Thier- 
därme u. s. w. für Parasiten ausgegeben sind. In der Regel wird freilich eine nähere, 
besonders mikroskopische Untersuchung die wahre Natur solcher Gegenstände leicht 
erkennen lassen. 

*#) Auch hier schützt das Mikroskop vor Täuschung und Betrug; denn der Darm- 
inhalt der betreffenden Geschöpfe wird beständig Dinge aufweisen, die unmöglich dem 
Wirthe entstammen können, der die Pseudoparasiten beherbergt haben soll. Bei der 
Beurtheilung des Herkommens von Gegenständen, die fremder Aussage zufolge dem 
Kranken abgegangen sein sollen, kann man überhaupt kaum vorsichtig genug sein. 
Handelt es sich doch in solchen Fällen nicht bloss oftmals um einen beabsichtigten 
Betrug, sondern häufiger noch um einen durch Zufälligkeiten der mannichfachsten Art 
herbeigeführten Irrthum. Wollte man z. B. Alles, was den Auswurfsstoffen beigemischt 
ist, ohne Weiteres als abgegangen von dem Kranken ansehen, dann müsste der berühmte 
Wurmdoctor Bremser, wie er launiger Weise erzählt, einst eine Lichtscheere entleert 
haben, da solche sich bei Gelegenheit eines leichten Unwohlseins im Nachtstuhle vor- 
fand, und Niemand sie hineingeworfen haben wollte. 

*##) Berthold, über lebende Amphibien im lebenden Körper, Müller’s Archiy für 
Anatomie 1849. S. 430. 


6 Grad und Aıt 


Thiere verwischt werden, die gelegentlich den lebenden Körper einem 
. Leichname vorziehen; ein Gleiches geschieht auch durch jene Formen, 
die, wie z. B. die Blutegel, nur gewissen Thieren gegenüber ein 
Schmarotzerleben führen, nur dann, wenn sie bei grössern und 
stärkern Geschöpfen ihrem Nahrungsbedürfnisse nachgehen, während 
sie sich unter ihres Gleichen oder gar unter Schwächeren als förm- 
liche Raubthiere zeigen. Der Schmarotzer ist in allen Fällen kleiner 
und schwächer als sein Wirth; ausser Stande, denselben zu über- 
wältigen, begnügt er sich damit, ihn zu plündern, von seinen Säften 
und festen Theilen nach Bedürfniss zu zehren. 

Nach zweien Richtungen geht also der Parasitismus in das freie 
Leben über, und diese beiden Richtungen sind durch die biologischen 
Eigenthümlichkeiten des Parasitismus, durch die Natur der Nah- 
rung einerseits, und durch das Verhalten zu den Nahrungs- 
thieren andererseits bereits im Voraus vorgezeichnet. 

Wenn wir die Bedeutung berücksichtigen, die hiernach der 
Grösse und Ausstattung der Parasiten für ihre Lebensweise zu vin- 
diciren ist, dann kann es uns auch nicht überraschen, wenn wir 
sehen, dass nicht alle Abtheilungen des Thierreichs ein gleiches 
Contingent zu der Reihe der Schmarotzer stellen, dass namentlich 
die Abtheilung der Wirbelthiere, deren Arten an durchschnittlicher 
Grösse und Stärke alle andern übertrefien, kaum einige wenige 
Schmarotzer liefert, während umgekehrt unter den kleinen und 
schwachen Gliederthieren, den Insekten, Spinnen, Krebsen, und den 
Würmern, ganze umfangreiche Gruppen gefunden werden, die aus- 
schliesslich oder doch zum grossen Theile aus parasitischen Geschöpfen 
bestehen. Wir greifen nicht zu hoch, wenn wir behaupten, dass die von 
den übrigen Abtheilungen gelieferten Schmarotzer gegen die Menge der 
parasitischen Gliederthiere und Würmer eine verschwindend kleine sei. 

Die Schmarotzer des Menschen und der höhern Wirbelthiere 
gehören sämmtlich diesen letzten zwei Gruppen an. 

Wenn wir nun aber die Thiere, die wir als Parasiten hier zu- 
sammenfassen, einzeln mit einander vergleichen, dann finden wir 
zwischen ihnen nicht bloss in Betreff der Gesammt-Organisation, die 
natürlich dem jedesmaligen Typus entspricht, sondern namentlich 
auch in biologischer Hinsicht, in der Art und dem Grad ihres 
Parasitismus, zahlreiche und auffallende Unterschiede. 

Es ist ein Anderes, wenn der Schmarotzer nur gelegentlich und 
nur auf kurze Zeit seinen Wirth besucht, vielleicht nur für die jedes- 
malige Dauer der Nahrungsaufnahme, und ihn dann verlässt, um 


des Parasitismus. 7 


später vielleicht ein anderes Nahrungsthier aufzusuchen; ein Anderes, 
wenn der Parasitismus continuirlich über eine längere Zeit, vielleicht 
eine ganze Lebensperiode, sich ausdehnt, so dass der Wirth dann 
auch zugleich den bleibenden Träger des Schmarotzers abgieht. Viel- 
leicht, dass man diese Unterschiede am besten durch die Annahme 
eines temporären und eines stationären Parasitismus aus- 
drückt, zweier Formen, die freilich eben so wenig scharf gegen ein- 
ander sich abgrenzen, wie das oben von dem Parasitismus und der 
freien Lebensweise hervorgehoben werden musste, die aber trotz aller 
Uebergänge im Allgemeinen sich festhalten lassen und in den ein- 
zelnen Fällen oft weit aus einander liegen. 

Schon bei den ältern Zoologen finden wir diesen Unterschied 
hervorgehoben, nur dass man dem temporären Parasitismus damals 
statt des stationären meist einen lebenslänglichen gegenübersetzte. 
Man wusste damals noch nicht, dass auch die sesshaftesten Parasiten, 
selbst die Eingeweidewürmer, theilweise nur in gewissen Lebensperioden 
und Zuständen als Schmarotzer existiren, dass also der Begriff des 
lebenslänglichen Parasitismus den hier beabsichtigten Gegensatz 
keineswegs vollständig ausdrückt. Neben solchen Parasiten, die von 
der Geburt bis zum Tode schmarotzen, giebt es andere, die, wie z. B. 
gewisse Spulwürmer, in der Jugend oder, wie die Schlupfwespen und 
Dasselfliegen, in dem ausgebildeten Zustande längere oder kürzere 
Zeit hindurch ein freies Leben führen. 

Mit Rücksicht auf diese Verschiedenheiten kann man übrigens 
leicht zwei Formen des stationären Parasitismus unterscheiden, einen 
lebenslänglichen und einen periodischen, von denen sich der 
letztere durch den auf irgend einer Entwickelungsstufe auftretenden 
Wechsel der Lebensweise kennzeichnet. 

Die verschiedenen Arten des Parasitismus sind übrigens nicht 
bloss an sich interessant und wichtig, auch nicht bloss wegen ihrer 
Beziehungen zu den übrigen Lebensformen, sondern weiter und haupt- 
sächlich desshalb, weil eine jede derselben ihre besonderen Anfor- 
derungen an den Bau des Körpers und die Beschaffenheit seiner 
Organe stellt, so dass man aus den hier gegebenen Verhältnissen 
schon von vorn herein mit ziemlicher Sicherheit auf die Natur des 
parasitischen Lebens zurückschliessen kann. 

So ist z. B. leicht einzusehen, dass der temporäre Schmarotzer, 
um mit diesem zu beginnen, vor allen Dingen die Mittel besitzen 
muss, sich leicht und schnell seinem Wirthe zu nahen und ihn eben 
so wieder zu verlassen. Er muss mit Locomotivapparaten und Sinnes- 


8 Temporäre und 


werkzeugen ausgestattet sein, wie sie sonst nur bei den Thieren mit 
freier Lebensweise vorkommen. Und in der That entspricht auch die 
Ausstattung dem Bedürfnisse. Der temporäre Schmarotzer hat kräftige 
Gangbeine (wie z. B. die Bettwanze), vielleicht selbst Flügel (Mücken 
und Spinnfliegen) oder Schwimmfüsse (Fischläuse), je nach den 
äusseren Lebensverhältnissen. Einmal vorhanden, gestatten diese 
Organe auch in anderer Beziehung eine freiere Entfaltung der Lebens- 
thätigkeiten, und das vielleicht in einem solchen Grade, däss der 
temporäre Schmarotzer, wenn fern von seinem Wirthe, kaum irgend 
welche specifische Eigenthümlichkeiten zur Schau trägt. Nur das 
Vorkommen seiner Nahrungsstoffe und die Art, wie er sich in deren 
Besitz setzt, zwingt uns, ihn als einen Parasiten in Anspruch zu 
nehmen: es sind nicht die Abfälle des organischen Lebens, sondern 
die lebendigen Organismen, die er in längeren und kürzeren Pausen 
zu Nahrungszwecken aufsucht. 

Bei Beschränkung der locomotorischen Fähigkeiten wird der 
Aufenthalt der Schmarotzer auf dem Wirthe immer dauernder, der 
Wechsel schwieriger; der Parasitismus verliert unter solchen Um- 
ständen seine frühere Form und verwandelt sich allmählich in einen 
stationären. Das Nahrungsthier, welches früher bloss zu Zeiten und 
für kurze Augenblicke besucht wurde, dient dem Schmarotzer fortan 
als Wohnplatz, den er nur noch selten verlässt und mit einem andern 
vertauscht. 

Es giebt unter den stationären Parasiten übrigens manche, die 
sich noch ziemlich leicht und frei (wie z. B. die Flöhe) auf ihrem 
Wohnthiere umherbewegen, je nach Umständen auf demselben bald 
einen geschützteren Platz, bald eine reichere Nahrungsquelle auf- 
suchend. Solche Formen zeigen dann noch manche Annäherung an 
die temporären Schmarotzer, und das nicht bloss in ihrer Lebens- 
weise, sondern auch in ihrem Baue, namentlich in der Entwickelung 
der Bewegungsapparate. In der Mehrzahl der Fälle ist aber die 
Bewegungsfähigkeit der stationären Parasiten reducirt, nicht selten 
sogar vollständig verloren, so dass der Schmarotzer vielleicht Monate 
oder Jahre an demselben Platze verharrt, wie wir das u. a. von den 
Finnen und den mit dem Kopfe in das Muskelfleisch der Fische ein- 
gesenkten Lernäaden wissen. 

Die Locomotionsorgane sind es jedoch nicht allein, die in solchen 
Fällen verkümmern. Ein Gleiches gilt auch von den Sinnesorganen, 
zumal den Augen, deren Entwickelung überall der Energie und der 
Mannigfaltigkeit der Bewegung parallel geht. Ebenso verliert sich 


stationäre Parasiten. 9 


auch das frühere gracile Aussehen und die Gliederung des Körpers, 
die sich in ähnlicher Weise wie die Entwickelung der Sinnesorgane 
den jedesmaligen Bedürfnissen der Ortsbewegung anpasst. 

Je sesshafter der Parasit wird, desto einfacher und 
gleichmässiger erscheint sein äusserer Leib, wie das schon 
ein flüchtiger Blick auf die Gruppe der sog. Eingeweidewürmer, die 
sämmtlich den stationären Schmarotzern zugehören, zur Genüge 
nachweist. 

Uebrigens ist die Vereinfachung des äusseren Körperbaues eben 
so wenig eine ausschliessliche Eigenthümlichkeit der stationären Para- 
siten, wie der Besitz von Flügeln und Schwimmfüssen eine ausschliess- 
liche Eigenthümlichkeit der frei lebenden Thiere. Auch unter den 
letztern finden wir zahlreiche Beispiele einer derartigen Körperbildung, 
und das namentlich bei den Arten mit beschränktem Locomotions- 
vermögen, unter Umständen also, die in gewisser Beziehung dem 
stationären Parasitismus analog sind. Ich erinnere nur an die 
raupen- oder madenartigen Insektenlarven, die zum Theil eine eben 
so stationäre Lebensweise führen, wie die Eingeweidewürmer, und 
hier um so näher liegen, als manche dieser Thiere schon oben als 
constante (Larven von Schlupfwespen, Dasselfliegen u. a.) oder ge- 
legentliche Schmarotzer namhaft gemacht sind. 

Neben diesen mehr negativen Kennzeichen besitzt der stationäre 
Schmarotzer aber auch mancherlei positive Auszeichnungen, unter 
denen in erster Reihe die zum Fixiren dienenden Klammer- und 
Haftapparate zu nennen sind. Allerdings ist es wiederum nicht 
der stationäre Parasit ausschliesslich, der solche Gebilde trägt, denn 
wir finden sie auch häufig bei temporären Schmarotzern, ja sogar 
hier und da bei frei lebenden Thieren, allein nirgends erscheinen 
dieselben so constant und von einer so ansehnlichen Entwickelung. 
Je mehr die Beweglichkeit des Schmarotzers abnimmt, je schwieriger 
es dadurch für ihn wird, auf ein anderes Thier überzusiedeln, desto 
wichtiger erscheint eine Ausstattung mit Organen, die ihn befähigen, 
seinen Wohnplatz auch unter ungünstigen Verhältnissen zu behaupten. 
Freilich bieten die verschiedenen Theile des Wirthes in dieser Be- 
ziehung mancherlei Unterschiede, und dem entsprechend sehen wir 
denn auch zahlreiche Verschiedenheiten in der Ausbildung der Haft- 
apparate. Bei den die äussere Haut bewohnenden Parasiten finden 
wir dieselben meist stärker und ansehnlicher, als bei den Parasiten 
der innern Organe, und unter diesen wiederum am vollkommensten 
bei den Darmparasiten, die in ähnlicher Weise dem Andrange des 


10 Haft- und 


Chymus widerstehen müssen, wie die Hautschmarotzer den auf sie 
einwirkenden äusseren Agentien. Wo solche Haftapparate den Darm- 
würmern fehlen, da dürfte sich beständig in dieser oder jener Art 
ein Ersatz finden, bei den Spulwürmern z. B., die hier zunächst in 
Betracht kommen, in der Form und Länge des Körpers, die eben 
so gut geeignet erscheint, die Kraft des andringenden Speisebreies 
zu brechen, wie den Rückhalt an der Darmwand zu verstärken. Bei 
Triehocephalus wird der peitschenschnurförmige Vorderleib sogar in 
der Schleimhaut eingebohrt und eine Strecke weit darunter hinge- 
schoben (Fig. 3). 

Wie wir in diesem Falle die Leibesform gewissermaassen anstatt 
eines Haftapparates wirken sehen, so finden wir auch sonst in der 
Einrichtung dieser Organe, je nach Bedürfniss 
und Umständen, die grössten Verschieden- 
heiten. Bald erscheinen die Haftwerkzeuge 
als muskulöse Saugnäpfe, die nach dem Principe 
des Luft- und resp. Wasserdrucks wirken, wie 
bei den Egeln (Fig. 1), bald als Krallen und 
Haken, die zum Einschlagen ın die Unterlage 
oder zum Umfassen von Hervorragungen dienen 
und dann entweder mit ihrer Basis unmittelbar 
in das Körperparenchym des Parasiten einge- 
senkt sind, wie bei Taenia Solium (Fig. 4) 
und andern Bandwürmern, oder, wie bei den 
Läusen (Fig. 2) und den meisten parasitischen 
Gliederthieren, den Extremitäten aufsitzen. 
Auch die nicht selten in grösserer oder ge- 
an Iuteum (Jugend- „ingerer Menge von der Körperoberfläche sich 
orm) mit Saugnäpfen und : 2 ; 
Eingeweiden mach de la erhebenden Spitzen und Borsten dürfen wir 
Valette). ohne Anstand den Haftapparaten zurechnen, 
zumal dieselben durch die Berührung mit den anliegenden Theilen 
nicht bloss im Allgemeinen die Widerstandskraft des Parasiten er- 
höhen, sondern meist auch durch die Art ihrer Stellung ein Aus- 
gleiten in dieser oder jener Richtung verhindern. Durch solche 
Spitzen wird u. a. das männliche Distomum haematobium (Bilharzia) 
befähigt, in der Hohlvene des Menschen nicht bloss sich festzuhalten, 
sondern auch gelegentlich gegen den Blutstrom bis in die Venen- 
plexus der Harnblase und des Mastdarmes einzudringen, um hier die 
Eierlage des von ihm umfassten und fortgeschleppten Weibchens zu 
ermöglichen. 


Klammerapparate. 


Dass gelegentlich auch mehrere Formen 


11 


dieser Organe neben 


einander an demselben Schmarotzer vorhanden sind, davon liefert 


NE U \) 
RN 
NN 
NN 


Pediculus (Phthirius) pubis. Trichocephalus dispar in situ. 


die schon oben erwähnte Taenia Solium ein bekanntes Beispiel. Ausser 
den in Form eines Kranzes auf dem Scheitel des Kopfes zusammen- 


gruppirten Haken finden wir hier (Fig. 4) noch 
eine Anzahl von Saugnäpfen, die mit den Haken 
zusammen einen so kräftigen Apparat bilden, 
dass es bekanntermaassen eines energischen 
Eingriffes bedarf, um den Parasiten aus seinem 
Wohnsitze zu vertreiben. 

Die Vierzahl dieser Näpfe und ihre Stellung 
am Kopfe mag uns bei dem Vergleiche mit dem 
einfachen terminalen Saugnapfe der Blutegel 
oder den zwei Saugnäpfen der Distomeen (Fig. 1) 
zugleich davon belehren, dass in der speciellen 
Anordnung der Haftorgane bei den Parasiten 
nicht minder grosse Verschiedenheiten obwalten, 
als das in Betreff der Formverhältnisse oben 
hervorgehoben wurde. 

Wir sind durch die voranstehenden Be- 
trachtungen, wie ich hoffe, zu der Ueberzeugung 
gekommen, dass sich der stationäre Parasit 
in Körperbildung und Ausstattung weit mehr 


Kopfende von Taenia 
Solium. 


und weit auftallender 


12 Körperform. 


von den gewöhnlichen Formen der frei lebenden Thiere unterscheidet, 
als der temporäre Schmarotzer. Wie gross der Abstand zwischen 
diesen zwei Lebensformen ist, sieht man am deutlichsten bei den 
periodischen Schmarotzern, die im freien Zustande vielleicht kaum 
noch irgendwelche Achnlichkeit mit der parasitären Form besitzen, und 
das besonders dann, wenn sie durch den Umfang und die Art ihrer 
Lebensäusserungen beträchtlich von derselben abweichen. Betrachten 
wir z. B. die Dasselfliege zur Zeit ihres Parasitismus, so finden wir 
an derselben alle die charakteristischen Züge eines stationären 
Schmarotzers: einen einfachen, plumpen und cylindrischen Körper 
ohne, Augen und sonstige weitreichende Sinnesorgane, auch ohne 
Bewegungswerkzeuge, dafür aber mit Haftapparaten ausgestattet, mit 
kräftigen, zur Seite der Mundöffnung stehenden Haken und zahllosen 
grösseren und kleineren Spitzen auf der Obertläche des Leibes. Wie 
ganz anders aber verhält sich die frei lebende Fliege mit ihrem 
gegliederten Leibe, mit ihren Augen und Fühlhörnern, ihren Beinen 
und Flügeln! Wer würde es ahnen, dass diese beiderlei Geschöpfe 
nur verschiedene Zustände desselben Thieres wären, wenn wir nicht 
den Uebergang des einen in den andern direct beobachten könnten, 
nicht sähen, dass aus den Eiern der letztern zunächst wieder, statt 
der frei beweglichen Fliege, eine träge, wurmartige Made ihren Ur- 
sprung nimmt. 

Aber — wir dürfen uns darüber nicht täuschen — diese Unter- 
schiede, die so auffallend sind, sie entsprechen weniger den An- 
forderungen des Parasitismus als solchen, als vielmehr den Unter- 
schieden, die zwischen der stationären Lebensweise überhaupt und 
der freien Existenz eines Thieres obwalten. Daher erklärt sich denn 
auch die schon oben erwähnte Thatsache, dass ganz ähnliche Meta- 
morphosen, wie wir sie eben von der Dasselfliege hervorhoben, bei 
den gewöhnlichen Fliegen und andern Insekten gefunden werden, 
auch da, wo deren Jugendzustände keine Schmarotzer sind, sondern 
nur, wie Schmarotzer, eine stationäre Lebensweise führen. 

Umgekehrt giebt es jedoch auch periodische Parasiten, deren 
Organisation in beiderlei Zuständen die grösste Aehnlichkeit zeigt. 
So wissen wir es z. B. von den Gordiaceen, die ihre Jugend in der 
Leibeshöhle von Insekten und Schnecken verleben und später — 
freilich ohne weitere Nahrungsaufnahme — im Wasser oder in der 
feuchten Erde gefunden werden. In solchen Fällen aber sind die 
Lebensäusserungen, und namentlich die Bewegungsformen, beide Male 
nur wenig oder gar nicht von einander verschieden; es ist in beiden 


Commensalismus, 13 


Zuständen dasselbe stationäre Leben, das uns entgegentritt, so dass 
beim Uebergange in den freien Zustand eigentlich nur das Medium, 
in dem die Thiere vorkommen, einen Wechsel erleidet. 

Dass es übrigens mit Recht geschah, wenn wir den Auszeichnungen 
der Parasiten im Vorstehenden den Werth specifischer Eigenthümlich- 
keiten absprachen, das beweisen wohl am überzeugendsten jene Fälle 
eines scheinbaren Parasitismus, die man nach dem Vorgange van 
Beneden’s neuerdings unter dem Namen Commensalismus zu- 
sammenzufassen pflest. Es handelt sich dabei um Geschöpfe, die, ganz 
nach Parasitenart, auf grössern Thieren leben, auch durch ihre 
Organisation meist in unverkennbarer Weise den Parasiten ähneln, 
trotzdem aber keine Schmarotzer sind, indem sie nicht von den 
Säften und Geweben ihres Trägers zehren, sondern als Mitesser von 
den Nahrungsstoffen desselben, resp. seinen Abfällen sich ernähren 
oder sonst in dieser oder jener Weise von ihrem Wohnthiere Nutzen 
ziehen. Obwohl in gewissen Lebenskreisen, besonders bei Wasser- 
thieren, namentlich den niedern, weit verbreitet, werden die Commen- 
salen übrigens bei denjenigen Thieren, die uns hier als Parasiten- 
träger zunächst interessiren, bei dem Menschen und den Hausthieren, 
vollkommen vermisst — vorausgesetzt natürlich, dass man den Be- 
sriff derselben nicht allzuweit ausdehnt, und namentlich nicht auf 
solche Arten überträgt, die statt der lebendigen Gewebe ihres Wirthes 
oder neben denselben die noch im Innern des Körpers enthaltenen 
Absonderungsproducte als Nahrung geniessen. Wenn es sich freilich 
bestätigen sollte, was man behauptet, dass gewisse Darmwürmer (wie 
z. B. Oxyuris curvula des Pferdes) die noeh unverdauten Nahrungs- 
stoffe ihres Trägers aufzunehmen im Stande sind *), dann würde dieser 
Ausspruch einiger Einschränkung bedürfen, zugleich aber auch der 
Beweis geliefert sein, dass der Commensalismus, wie übrigens von 
vorn herein zu vermuthen steht, gleich dem freien Leben durch eine 
Reihe von Zwischenformen in den echten Parasitismus übergeht. 


Vorkommen der Parasiten. 


Wie es kaum ein Thier giebt, welches nicht dem einen oder 
andern Räuber zur Nahrung dient, so giebt es vielleicht auch keines, 
welches nicht gelegentlich einen Schmarotzer beherbergt. Wir kennen 


*) Dujardin, Annal. des scienc. natur. 1851. Taf. XV. p. 302. 


14 . Vorkommen und 


sogar Fälle, in denen der Schmarotzer selbst wiederum von Parasiten 
heimgesucht wurde, Fälle z. B, von Schmarotzerkrebsen, die para- 
sitische Wassermilben oder Fadenwürmer trugen, selbst Fälle, in 
denen die bei Insekten entozootisch lebenden Larven der Schlupf- 
wespen von andern kleinern Schmarotzerlarven (Pteromalinen) be- 
wohnt waren. Bei einem Rundwurm der Ratte (Trichosomum crassi- 
cauda) lebt das Männchen sogar constant zu drei oder vier parasitisch 
im Fruchthälter des Weibchens*). Weder Kleinheit, noch verborgener 
Aufenthalt und heimliche Lebensweise verleihen einen unbedingten 
Schutz gegen die Feinde. 

Damit soll aber keineswegs gesagt sein, dass nun auch ein jedes 
Thier gleich häufig von Parasiten heimgesucht werde. Es finden sich 
in dieser Hinsicht vielmehr die grössten Unterschiede. Während 
man bei gewissen Thieren die Anwesenheit von Schmarotzern fast 
normal nennen möchte, weil fast ein jedes Individuum deren be- 
herbergt, und vielleicht sogar massenhaft**) beherbergt, kann man 


#) Vergl. Leuckart, Parasiten. Bd. II. S. 462. Spätere Untersuchungen von Bütschli 
und von Linstow haben diese merkwürdige Thatsache vollkommen bestätigt. Uebrigens 
giebt es auch einen freilebenden Wurm (Bonellia), dessen Männchen unter abweichen- 
der Form parasitisch die Geschlechtswege des Weibchens bewohnen. Vergl. Kowa- 
lewsky, Revue des sc. natur. 1875. Taf. IV, du male planariforme de la Bonellia (aus 
dem Russischen übersetzt), Vejdovsky, Zeitschr. für wissenschaftl. Zoologie. Bd. LODT 
S. 487. 

**) So z. B. die Schnepfe, die Gans — so lange dieselbe wenigstens die Weide 
besucht —, die Steinbutte, deren Darm fast constant mit zahlreichen Helminthen, besonders 
Bandwürmern, besetzt ist. Wie gross aber die Menge dieser Thiere gelegentlich wird, 
beweisen die vielen Millionen, nach denen man in einzelnen Fällen der Trichinose und 
der Cochinchinesischen Diarrhöe die Zahl der Parasiten geschätzt hat. Und auch von 
srössern Eingeweidewürmern trifft man hier und da ganz erkleckliche Mengen. So 
fand Bloch (Abhandlung von der Erzeugung der Eingeweidewürmer Berlin 1782. S. 12) 
bei einer männlichen Trappe einst mindestens tausend Stück Taenia villosa, die bis zu 
vier Fuss lang waren. Ebenso sah Göze (Versuch einer Naturgeschichte der Eingeweide- 
würmer 1782. $. 32 Anm.) den Darm eines Papageien von strohhalmbreiten zwanzig 
Ellen langen Bandwürmern so aufgetrieben, „dass er :;hätte platzen mögen“. Als das 
Ganze in’s Wasser gelegt wurde, staunte Göze über die ungeheure Menge derselben, 
denn es waren ihrer einige Tausend beisammen! Aus dem Darme einer Tauchergans 
zog derselbe (ebendas. S. 25) nicht weniger als 82 Schnurwürmer (Ligula) hervor, deren 
einige 6—8 Ellen lang und beinahe 3 Linien breit waren. Nicht selten gehören die 
Eingeweidewürmer eines Thieres auch verschiedenen Arten an. So berichtet Nathusius 
(Archiv für Naturgesch. 1837. Th. I. S. 53) von einem schwarzen Storche, der 
24 Individuen von Filaria labiata in den Lungen und Luftzellen beherbergte, 16 Exemplare 
von Syngamus (Strongylus) trachealis in der Luftröhre, über 100 Spiroptera alata 
zwischen den Magenhäuten, viele Hundert Holostomum excavatum im Dünndarm, gegen 
hundert Distoma ferox im Darm, 22 Exemplare Dist. hians in der Speiseröhre, 


Häufigkeit der Parasiten. 15 


bei andern vielleicht Hunderte von Exemplaren untersuchen, bevor 
man einen einzigen Parasiten findet. Am häufigsten unter allen 
Geschöpfen sind unstreitig die Wirbelthiere von Parasiten heimgesucht, 
so viel häufiger, als die Wirbellosen, dass man das Vorkommen von 
Parasiten bei den letztern lange Zeit für eine mehr zufällige Aus- 
nahme halten konnte. Die Thatsache bleibt dieselbe, obgleich wir 
die Auffassung inzwischen als irrthümlich erkannt und die Ueber- 
zeugung gewonnen haben, dass das Vorkommen der Parasiten bei den 
niederen Thieren in den meisten Fällen eine nothwendige Vorbedingung 
für den Parasitismus bei den höhern Geschöpfen abgiebt. 

Die Häufigkeit der Parasiten bei den Wirbelthieren hängt 
übrigens, theilweise wenigstens, mit dem Umstande zusammen, dass 
die meisten derselben mehrere und manche sogar viele Arten von 
Schmarotzern beherbergen®). So kennen wir z. B. bei dem Menschen 
mehr als 50 verschiedene Schmarotzer, beim Hunde und beim Rinde 
vielleicht zwei Dutzend, beim Frosch einige 20 u. s. f., Schmarotzer, 
die natürlich nicht alle an demselben Orte und unter gleichen Ver- 
hältnissen leben, vielmehr sich über die verschiedensten äusseren und 
innern Organe vertheilen. Der eine bewohnt die Haut, die nackte 
oder behaarte, der andere den Darm, noch ein anderer das Binde- 
gewebe zwischen den Muskeln oder gar das Hirn und das Auge. 
Kein Gebilde, und wäre es noch so versteckt und geschützt, ist voll- 
kommen sicher vor den Angriffen der Parasiten; wissen wir doch, 
dass sogar gelegentlich der Embryo im Mutterleibe von ihnen heim- 
gesucht wird. Im Uebrigen gilt für die Organe genau dasselbe, was 
wir für die verschiedenen Thierarten oben hervorgehoben haben. 
Die einen sind häufiger, die andern seltener dem Besuche der Para- 
siten ausgesetzt. Am häufigsten vielleicht die äussere Haut und der 
Darm, zwei Gebilde, die von allen Organen auch am meisten zu- 
gänglich sind, und bei dem Menschen z. B. mehr als drei Viertel 
sämmtlicher Schmarotzer beherbergen. 


5 Exemplare Distoma (D. hians?) zwischen den ;Magenhäuten, 1 Dist. echinatum im 
Dünndarm. Es war ein förmliches Museum helminthologicum — und doch wird der 
Reichthum desselben noch übertroffen, denn Krause in Belgrad erwähnt (nach van 
Beneden, die Schmarotzer des Thierreichs, Leipzig 1876. S. 100) eines zweijährigen 
Pferdes, das über 500 Ascaris megalocephala, 190 Oxyuris curvula, mehrere Millionen 
Strongylus tetracanthus, 214 Sclerostomum armatum, 69 Taenia perfoliata, 287 Filaria 
papillosa und 6 Cysticerken enthielt! 

*) Eine fleissige — wenn auch nicht ganz vollständige — Zusammenstellung der 
Helminthenfauna hat neuerdings O. v. Linstow geliefert: Compendium der Helmintho- 
logie, Hannover 1878. 


16 Verbreitung 


Uebrigens ist der Verbreitungsbezirk der Parasiten nicht 
immer auf ein einziges Organ beschränkt. Wir kennen allerdings Bei- 
spiele dieser Art, wie z. B. die eingekapselte Trichina spiralis, die sich 
nur in dem quergestreiften Muskelgewebe findet, die geschlechtsreifen 
Bandwürmer und Kratzer, welche nur den Darm bewohnen, und den 
Phthirius pubis, der nur an den mit dickern Haaren besetzten Stellen 
der Körperhaut vorkommt, aber der umgekehrte Fall ist fast noch 
häufiger. So lebt z. B. der Cysticercus cellulosae in dem intermus- 
kulären Bindegewebe, im Hirn und Auge — um nur die gewöhn- 
lichsten Vorkommnisse zu nennen —; der Echinococeus in der Leber, 
Milz, Niere, Lunge, in den Knochen und Nervencentren, unter der 
Haut, kurz in den verschiedenartigsten Theilen des menschlichen 
Körpers. Ebenso findet man die Filaria papillosa des Pferdes nicht 
bloss unter dem Peritonealüberzuge und im peripherischen Bindege- 
webe der verschiedensten Körpertheile, sondern nicht selten auch in 
der Brust- und Bauchhöhle, in der Schädel- und Rückenhöhle und 
selbst im Auge, bald eingelagert in der Häute, bald im Glaskörper 
oder der vordern Augenkammer. 

Aehnliches gilt für das Verhalten des Parasiten zu seinem 
Wirthe. Es giebt Arten, die nur auf einzelne Wohnthiere ange- 
wiesen sind, und andere, die bei mehreren Thieren schmarotzen, und 
das nicht etwa bloss in verschiedenen Perioden ihres Lebens, in der 
Jugend vielleicht hier, in dem Alter dort (was wir später als eine 
der häufigsten Erscheinungen kennen lernen werden), sondern auch 
in gleichen Zuständen und Entwickelungsphasen. Zu den erstern ge- 
hört von den menschlichen Schmarotzern u. a. der Pediculus capitıs, 
der Bothriocephalus latus und die Oxyuris vermicularis, gehört ferner 
die Taenia crassicollis der Katzen und der Echinorhynchus gigas des 
Schweines, zu den andern die, wie es scheint, bei weitem grössere 
Mehrzahl der Parasiten, wie der Strongylus gigas, der bei den ver- 
schiedensten Raubthieren, bei dem Gen. Canis, Mustela, Nasua u. s. w., 
bei dem Pferd, dem Ochsen und dem Menschen vorkommt, die Tri- 
china spiralis, die ausser dem Menschen auch noch das Schwein und 
die Ratte, den Igel und Fuchs und Marder, den Hund und die Katze 
bewohnt, auch auf Kaninchen, Rind und Pferd, ja selbst auf Vögel 
sich übertragen lässt, unter den Warmblütern also eine ausserordent- 
lich weite Verbreitung hat, das Distomum hepaticum, das nicht bloss 
bei fast allen Wiederkäuern und Einhufern, sondern auch bei Dick- 
häutern, Nagern, bei dem Känguruh und dem Menschen gefunden 
wird, u. 8S. w. 


der Parasiten. 17 


So häufig es nun aber ist, dass ein Parasit derselben Ent- 
wickelungsstufe bei mehreren und selbst vielen Thieren schmarotzend 
vorkommt, so unverkennbar erscheint dabei andererseits die Thatsache, 
dass die Vertheilung der Schmarotzer in allen Fällen durch bestimmte 
Verhältnisse geregelt ist. Schon die oben angeführten Beispiele be- 
weisen das zur Genüge. Sie zeigen uns, dass die Wirthe der ein- 
zelnen Parasiten nicht beliebig dieser oder jener Thiergruppe ange- 
hören, sondern immer in einer gewissen, hier vielleicht nähern, dort 
etwas weitern Verwandtschaft stehen. Während es ausserordentlich 
häufig ist, dass die verwandten Arten eines Genus oder auch die 
verwandten Genera einer Familie die gleichen Parasiten beherbergen, 
gehören die Fälle vom Vorkommen desselben Schmarotzers bei Re- 
präsentanten verschiedener Klassen, wie wir einen solchen oben z.B. 
für Trichina spiralis angeführt haben, zu den grössten Seltenheiten. 
Und auch in diesen seltenen Fällen dürfte immer noch eine gewisse 
Beziehung zwischen den Wirthen nachzuweisen sein. Dass ein Parasit 
auf derselben Entwickelungsstufe bald etwa ein Säugethier, bald einen 
Fisch oder gar ein Mollusk bewohne, darf mit Fug und Recht als 
ein unerhörtes Ereigniss bezeichnet werden. 

Die hier angedeutete Thatsache wird noch augenfälliger, wenn 
wir bei dem Vorkommen der Parasiten nicht bloss die Zahl der 
Wirthe, sondern auch die Zahl der Fälle, mit andern Worten die 
Statistik berücksichtigen, und nun z. BD. sehen, dass das Dist. hepa- 
ticum bei dem Menschen, dem Känguruh und den Nagern nur äusserst 
selten gefunden wird, während es bei den Wiederkäuern und nament- 
lich dem Schafe zu den verbreitetsten Schmarotzern gehört, dass 
ebenso auch der Strongylus gigas bei den Raubthieren ungleich 
häufiger ist, als bei den Pflanzenfressern, bei manchen Musteloiden 
geradezu gemein, während wir sein Vorkommen bei dem Menschen u.a. 
nur nach einigen wenigen Fällen kennen. 

Mit Rücksicht auf diese statistischen Verhältnisse können wir 
die Wirthe der einzelnen Parasiten in solche eintheilen, die regel- 
mässiger, und solche, die nur gelegentlich von ihnen besucht werden, 
und da dürfte sich denn wohl im Allgemeinen das Gesetz heraus- 
stellen, dass die Häufigkeit des Vorkommens bei verschiedenen 
Wirthen in geradem Verhältniss zu deren Verwandtschaft mit dem 
Hauptwirthe steht. 

Die Ursachen dieser Erscheinung sind ohne Zweifel verschiedene 
und zum Theil der Art, dass wir sie erst später erörtern können, 


wenn wir die Schicksale der Parasiten, ihr Herkommen und ihre 
Leuekart, Allgem. Naturgeseh. d. Parasiten. D 


18 Athmung 


Wanderungen in Betracht ziehen. Aber so viel dürfen wir schon 
hier bemerken, dass diese Ursachen theils in den Wirthen selbst, im 
Vorkommen, in der Bewegungsart, Sitte und Nahrung derselben, 
theils auch in der Natur, den Ansprüchen und Lebensbedingungen 
der Parasiten zu suchen sind. 

Die Faetoren, die hier in Betracht kommen, sind fast genau 
dieselben, die bei den Raubthieren die Beziehungen zu den Nahrungs- 
thieren regeln, indem sie ebensowohl die Gelegenheit zum Raube 
vermitteln, als auch bestimmend auf die Wahl der Beute einwirken. 
Doch das kann uns nicht überraschen, da wir schon oben gesehen 
haben, dass die räuberische Lebensweise eine unverkennbare Ver- 
wandtschaft mit dem Parasitismus hat. 

Mit welchem Rechte wir übrigens das Vorkommen der Parasiten 
in gleicher Weise von den Eigenschaften des Wirthes, wie von denen 
des Gastes abhängig machen, lehrt schon ein flüchtiger Blick auf 
die allgemeinsten Lebensverhältnisse. Wir brauchen nur die Bildung 
der Athmungsapparate und die dadurch bedingten respirato- 
rischen Bedürfnisse in’s Auge zu fassen, um z. B. einzusehen, dass 
ein Schmarotzer mit Lungen, mit Organen also, die einen directen 
Verkehr mit der Luft bedingen, nur bei solehen Geschöpfen existiren 
kann, die ihm durch Aufenthalt und Lebensweise die Möglichkeit der 
Luftathmung gestatten, und auch hier nur an solchen Orten, die 
unmittelbar dem Zutritte der Luft ausgesetzt sind. In der That 
sehen wir auch, dass die zu den luftathmenden Insekten (inel. Spinnen) 
gehörenden Schmarotzer ohne Ausnahme auf die Landthiere oder 
gewisse amphibiotische Arten (wie z.B. das Walross, das eine Pediculide 
von ansehnlicher Grösse beherberst) beschränkt sind, und zwar zu- 
nächst nur auf die Haut derselben. Im Gegensatze dazu werden die 
äusseren Schmarotzer der genuinen Wasserthiere meist von den 
Crustaceen geliefert, von einer Thiergruppe also, deren Repräsen- 
tanten, gleich ihren Trägern, durch Kiemen athmen und einen 
directen Verkehr mit dem Wasser als erste Bedingung ihrer Existenz 
voraussetzen. Auch die den hautathmenden Würmern zugehörenden 
Schmarotzer (die sog. Helminthen), leben mitunter als Ectoparasiten, 
begreiflicher Weise aber, wie die Schmarotzerkrebse, nur bei Wasser- 
thieren, während sie bei Landthieren bloss im Innern vorkommen, 
an Orten also und in Organen, in denen sie von den sauerstoff- 
haltigen Säften ihrer Wirthe umspült sind. Da sie nun aber in 
denselben Localitäten auch, bei den Wasserthieren gefunden werden, 
ist es erklärlich, dass gerade die Schmarotzerwürmer von allen Para- 


und Athmungsorgane. 19 


siten die weiteste Verbreitung haben. Wo man von Binnenparasiten 
oder Entozoen spricht, handelt es sich fast ausschliesslich um 
Helminthen. 

Mit dieser weiten Verbreitung mag es auch zusammenhängen, 
dass die Zahl der Schmarotzerwürmer eine ungleich grössere ist, als 
die der parasitischen Gliederthiere, die überdiess unter relativ gleich- 
föormigen Umständen leben, während die Verhältnisse des Entopara- 
sitismus je nach den Localitäten auf das Mannigfaltigste wechseln. 

Wir wollen es übrigens nicht ganz ausser Acht lassen, dass es 
neben den entozootischen Würmern auch eine, freilich nur kleine, 
Anzahl entozootischer Gliederthiere giebt, ja dass sogar die para- 
sitischen Insekten und Spinnen einzelne Binnenschmarotzer aufweisen. 
Das auffallendste Beispiel bieten eben in dieser Hinsicht die zu den 
Milben gehörenden Pentastomen, die in ihren Jugendzuständen ganz 
nach Art der „Eingeweidewürmer“ die inneren Organe von Land- und 
Wasserthieren bewohnen und deshalb denn auch von den älteren 
Helminthologen ohne Bedenken den Helminthen zugerechnet wurden. 
Bei näherer Untersuchung erscheint dieses Vorkommen freilich weniger 
wunderbar, denn man gewinnt bald die Ueberzeugung, dass die 
Pentastomen (Fig. 5), wenn sie auch in systematischer Hinsicht den 
Arachnoiden zugerechnet werden müssen, durch den Mangel der 
Lungen sehr auffallend von den verwandten Thieren sich unter- 
scheiden und in dieser Beziehung mit den Eingeweidewürmern über- 
einstimmen. Auch die Krätzmilben (Fig. 6) entbehren der Luft- 
athmungsorgane. Sie respiriren nach Art der Pentastomen mittels 
der Hautdecken, die bei der Kleinheit des Körpers eine relativ sehr 
srosse Flächenausdehnung besitzen und dem Athmungsgeschäfte um 
so besser vorstehen können, als die betreffenden Thiere beständig in 
feuchter Umgebung, theils eingegraben in der Epidermis (Sarcoptes) 
also fast entozootisch, theils auch auf der behaarten Haut (Derma- 
todectes u. a.) gefunden werden. 

Die hier angeführten Beispiele dürfen jedoch nicht zu der An- 
nahme verleiten, dass sämmtliche entozootisch lebende Spinnen und 
Insekten durch die Bildung ihrer Respirationsorgane von den gewöhn- 
lichen luftathmenden Repräsentanten ihrer Gruppe abweichen. Im 
Gegentheil; die Mehrzahl derselben besitzt ganz die gewöhnlichen 
röhrenförmigen Lungen (sog. Tracheen) und damit denn auch das 
Bedürfniss einer direeten Luftathmung. Um diese Thatsache zu be- 
greifen, müssen wir berücksichtigen, dass der Contact der Luft keines- 


wegs ausschliesslich auf die äussere Körperoberlläche beschränkt 
2% 


20 Entozootisch 


ist, dass es vielmehr auch im Innern Organe giebt, die entweder be- 
ständig oder doch zu Zeiten und unter Umständen den Zutritt der 
Luft erlauben. Und alle diese Organe werden trotz ihrer Lage im 


Fig. 5. Fig. 6. 


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Fig. 5. Pentastomum denticulatum aus der Leber des Menschen. 

Fig. 6. Sarcoptes scabiei. 

Innern des Körpers gelegentlich von luftathmenden Schmarotzern 
heimgesucht, 

So finden wir nicht selten Fliegenmaden in der Nase und der 
Stirnhöhle der Säugethiere, besonders der Schafe (Oestrus ovis), selbst, 
wie wir neuerlich aus Guyana und dem Mohilow’schen Gouvernement 
erfahren haben, des Menschen (Lucilia hominivorax und Sarcophaga 
Wohlfarti, beide den Museiden zugehörig), nicht selten auch (Musca 
vomitoria, Anthomyia canieularis, Fig. 7 und 8) im Darme, besonders 
in dessen vordern Abschnitten, in die bekanntlich mit dem Speichel 
und der Nahrung beständig Luft eintritt, so dass eine Fliegen- 
art (Gastrus equi) an diesen Orten beim Pferde sogar constant ihre 
Larvenzeit verbringen kann. Andere luftathmende Schmarotzer leben 
unter der Haut gewisser Säugethiere, wie,die Made der Dasselfliege 
oder: der Sandfloh, aber nicht etwa in geschlossenen Räumen, son- 
dern in Gängen und Höhlen, die nach aussen geöffnet sind und 


lebende Luftathmer. 21 


ihrem Insassen um so eher einen directen Verkehr mit der um- 
gebenden Luft erlauben, als die Mündungsstellen der Luftgefässe am 
Körper der Schmarotzer in solchen Fällen beständig der äusseren 


Fig. 8. 


Larve von Anthomyia canicularis aus 
dem Darm des Menschen. Larven von Musca vomitoria. 

Oefinung zugekehrt sind. Ebenso respiriren auch die parasitischen 
Larven in der Leibeshöhle der Insekten, indem sie ihr Hinter- 
leibsende mit den Tracheenöffnungen entweder direct (ganz wie der 
Sandfloh) durch die äusseren Bedeckungen ihrer Wirthe nach Aussen 
hervorstrecken oder mit den Luftgefässen derselben in Communi- 
cation setzen. 

Das bekannte Vorkommen von Fliegenmaden in unreinen Wunden, 
Geschwüren und Abscessen, selbst in der Scheide, unter dem Präpu- 
tium und den Augenlidern, erscheint nach diesen Bemerkungen kaum 
noch besonders auffallend, da alle diese Organe bei ihrer oberfläch- 
lichen Lage das Athmungsbedürfniss unserer Geschöpfe befriedigen 
können. Wo das unmöglich ist, da fehlt dem luftathmenden Para- 
siten eine der wichtigsten Bedingungen seines Lebens, und desshalb 
dürfen wir es dreist als eine Sage oder einen Irrthum bezeichnen, 
wenn man behauptet, dass z. B. die inneren Harnwege in gleicher 
Weise, wie die eben genannten Localitäten, den Fliegenmaden ge- 
legentlich zum Wohnorte dienten. Wir dürfen das um so bestimmter, 
als auch das Experiment die Nothwendiskeit einer direeten Luftzu- 
fuhr für derartige Parasiten ausser Zweifel setzt. Ich habe oftmals 
Fliegenmaden (von Musca vomitoria) auf verschiedener Entwickelungs- 


22 Ectoparasiten. 


stufe (auch Fliegeneier) durch die geöffneten Bauchdecken in die 
Leibeshöhle von Hunden und Kaninchen übertragen, aber niemals 
eine weitere Entwicklung an denselben wahrgenommen, vielmehr immer 
schon nach kurzer Zeit deren Tod beobachtet. 

Im Voranstehenden sind die Schmarotzer nach ihrem Vorkommen 
gelegentlich als Eetoparasiten (Epizoen, äussere Schmarotzer) und 
Entoparasiten (Entozoen, Binnenschmarotzer) unterschieden worden. 
Ich weiss sehr wohl, dass sich dieser Unterschied in den einzelnen 
Fällen eben so wenig scharf bestimmen und durchführen lässt, wie 
der Unterschied zwischen äusseren und inneren Organen, weiss auch, 
dass derselbe die Besonderheiten im Vorkommen der Schmarotzer 
lange nicht erschöpft, aber dennoch möchte es für die uns hier 
interessirenden allgemeinen Verhältnisse erlaubt und zweckmässig 
sein, ihn in gewohnter Weise beizubehalten. 

Der Ectoparasit bewohnt von allen Organen des thierischen 
Körpers dasjenige, welches am meisten und am leichtesten zugäng- 
lich ist, so leicht, dass es nicht selten von seinem Schmarotzer ver- 
lassen und nach Belieben wieder aufgesucht wird. Die oben von uns 
geschilderten temporären Schmarotzer gehören desshalb denn auch 
mit wenigen Ausnahmen zu den Ectoparasiten. Ebenso leben die 
halb stationären Schmarotzer meist auf der äusseren Haut, die der 
Bewegung nur geringe Hindernisse entgegenstellt, während die 
völlig stationären mehr in den inneren Organen gefunden werden. 
So kommt es denn auch, dass man den Ectoparasiten in der Regel 
schon an seiner äusseren Bildung, namentlich der Organisation seiner 
Bewegungswerkzeuge und der Körperform, erkennen kann. 

Wo die locomotorischen Fähigkeiten des Ectoparasiten abnehmen, 
da findet man gewöhnlich bei ihm an den Bewegungswerkzeugen 
(Fig. 2) oder, wie bei den ectoparasitischen Würmern, an deren Stelle 
kräftige Haftapparate, kräftigere im Allgemeinen, als bei den Ento- 
zoen, weil der Aufenthalt auf der äusseren Haut schon wegen der 
bei der Ortsbewegung beständig stattfindenden Reibung dem Para- 
siten nur geringe Sicherheit bietet. Freilich bedingt auch hier die 
Lebensweise des Wirthes und die Beschaffenheit seiner äusseren Be- 
deckungen in den einzelnen Fällen wieder mancherlei Verschieden- 
heiten. 

In Betreff der Athmungsweise richtet sich der Eetoparasit, wie 
das schon oben bemerkt ist, nach seinem Wirthe, mit dem er auch 
den Aufenthalt und überhaupt die äusseren Lebensverhältnisse gemein 
hat. In der Regel ist derselbe auch mit besonderen Respirations- 


Mundwerkzeuge. 23 


organen ausgestattet. So namentlich dann, wenn er bei Landthieren 
schmarotzt und demnach selbst Luft athmet. Der Besitz derartiger 
Organe ist sogar ein fast ausschliessliches Attribut der Ectoparasiten, 
denn die Entozoen gehören bekanntlich mit wenigen Ausnahmen zu 
der Gruppe der (hautathmenden) Würmer. Dass die Entozoen mit den 
Respirationsorganen auch zugleich der Pigmente entbehren und eine 
durchscheinende, resp. weissliche Haut besitzen, theilen sie mit zahl- 
reichen andern, gleich ihnen, dem Einflusse des Lichtes entzogenen 
Thieren, während die Ectoparasiten, und namentlich die temporären, 
auch in dieser Hinsicht mit den frei lebenden Geschöpfen überein- 
stimmen. 

"Doch die Anpassung der Parasiten an die jedesmaligen Verhält- 
nisse ihres Vorkommens geht noch weiter und findet namentlich auch 
iu der Bildung der Mundtheile ihren Ausdruck. 

Die äussere Haut an sich bietet ihren Bewohnern, bei den höhern 
Wirbelthieren wenigstens, keine andere Nahrung, als eine mehr oder 
weniger feste Hornsubstanz, theils der Epidermis, theils auch deren 
Anhängen zugehörig. Soll diese verzehrt werden, so bedarf es natür- 
lich geeigneter Werkzeuge, sie zu verkleinern und zu benagen, wie 
wir solche Gebilde denn auch wirklich bei zahlreichen sog. Läusen, 
besonders Vogelläusen (den hornfressenden Mallophagen), in Form 
von kräftigen Kaukiefern antreffen. Eben so nothwendig ist der 
Besitz besonderer Mundwerkzeuge für jene Ectoparasiten, die sich 
vom Blute ihrer Wirthe ernähren. Hier gilt es 
zunächst, die Epidermis zu durchbohren, dadurch 
den Zugang zu der Nahrung zu bahnen, und diese 
dann aus der Tiefe hervorzuholen. In solchen 
Fällen finden wir vielleicht Nagekiefer, die von 
rinsförmigen, saugnapfartig wirkenden Lippen um- 
geben sind, wie bei dem Blutegel (Fig. 9), oder 
Stechwerkzeuge, wie bei den echten Läusen, den 
Wanzen, Flöhen und Muskitos, Gebilde, die vor 
den erstern noch den Vortheil einer schnellern 
Wirkung voraus haben und desshalb denn auch 
vorzugsweise für jene Schmarotzer sich eignen, die Kopfende von Hirudo 
; : > = : AN medicinalis mit den 
ihren Wirthen für gewöhnlich nur kurze und flüch- 3 Kiefern in der Tiefe 
tige Besuche abstatten. (las Alma henuae, 

Die Nothwendigkeit besonderer Mundwerkzeuge kann bei den 
Ectoparasiten nur dann umgangen werden, wenn dieselben eine 
weiche und schleimige Körperhaut bewohnen, wie das namentlich bei 


94 Entozoen. 3 


Wasserthieren oftmals der Fall ist. Der Parasit reicht dann mit 
einer Vorrichtung aus, die ihn zum Schlürfen befähigt; er besitzt 
vielleicht einen Pharynx oder sonst eine Muskelvorrichtung, die eine 
abwechselnde Erweiterung und Verengerung des Munddarmes, auch 
wohl, je nach Umständen, eine blosse Peristaltik zulässt. 

Eben so verhält es sich, im Gegensatze zu den Ectoparasiten, 
mit den Entozoen. Besondere Mundwerkzeuge, wie sie fast allge- 
mein den erstern zukommen, fehlen den Binnenschmarotzern bis auf 
einige wenige Ausnahmen, und diese beschränken sich auf jene Fälle, 
in denen etwa ein Darmparasit (wie z. B. Dochmius duodenalis Fig. 10) 


Fig. 10. 


Kopfende von Dochmius duodenalis mit Zähnen, im Profil und von vorn gesehen. 


statt der Epithelzellen und des im Darmkanale enthaltenen Chymus 
das in den Wänden desselben kreisende Blut geniesst, also Verhält- 
nisse wiederkehren, wie wir sie bei den Ectoparasiten gefunden haben. 
Die Aufnahme der den Schmarotzer zunächst umgebenden Flüssig- 
keiten oder der festweichen Substanzen, die den meisten Eingeweide- 
würmern zur Nahrung dienen, setzt höchstens die Anwesenheit der 
oben erwähnten Schlürforgane voraus. Und auch diese sind nicht 
einmal unumgänglich nothwendig. Wir kennen Entozoen, die nicht 
nur des muskulösen Pharynx entbehren, sondern auch des gesammten 
Darmkanales mit der Mundöffnung; Thiere, die dann ganz nach Art 
der Pflanzen ihre Nahrung durch die äussere Körperoberfläche auf- 
nehmen, ohne diesen Process auf irgend eine Weise durch ander- 
weitige Handlungen zu vermitteln. Zu diesen mund- und darmlosen 
Eingeweidewürmern gehören namentlich die Bandwürmer und Kratzer, 
deren äussere Bedeckungen einen hohen Grad von Permeabilität be- 
sitzen, wie man schon daraus erschliessen kann, dass die genannten 
Thiere im Wasser gern aufquellen. Natürlicher Weise können auf 


Endosmotische Nahrungsaufnahme. 25 


diesem Wege nur Flüssigkeiten mit den darin 
gelösten Stoffen in das Innere eindringen, aber 
nahrhafte Flüssigkeiten finden sich ja überall in 
der Umgebung der Entozoen, und zwar in sol- 
cher Menge, dass sie gewissermaassen darin 
schwimmend gedacht werden können*). 

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist übrigens 
die endosmotische Aufnahme einer flüssigen 
Nahrung nicht bloss auf die darmlosen Entozoen 
beschränkt, sondern ein bei den Binnenschma- 
rotzern ‚allgemein verbreiteter Vorgang, wenn 
auch zugegeben werden muss, dass derselbe nach 
Aufenthalt und Beschaffenheit der äusseren Be- 
deckungen vielfach modifieirt und in den ein- 
zelnen Fällen an Intensität verschieden ist. Die 
Binnenwürmer können hiernach mit einem ge- 
wissen Rechte als integrirende Theile ihrer 
Träger betrachtet werden; sie verhalten sich 
wenisstens in Betreff ihrer Ernährung (auch 
ihrer Athmung) nicht anders, wie etwa eine 
Zelle oder, wenn man lieber will, ein Embryo. 
Gleich diesen schöpfen sie ihre Nahrung aus den 
umgebenden Säften, die durch ihre chemische 
Zusammensetzung den Bedingungen des Wachs- 
thums und Lebens genügen, und für die abge- 
sebenen Substanzen die inzwischen gebildeten 
Zersetzungsproducte abführen. 

Die Anwesenheit von Mund und Darm 
wird durch die Allgemeinheit dieser endosmoti- 
schen Nahrungsaufnahme aber keineswegs über- 
Hüssıe, Nicht bloss, dass die Besitzer der- num one rnelnaige 

bestehen aus Rüsselscheide 


selben die Möglichkeit gewinnen, ausser den wit Retractor, Lemnisken und 
Geschlechtsorganen. Darm 


flüssigen Substanzen noch feste oder doch fehlt 


ve 


= 


3: = 
EIE= 
Sn 
Bus 
ES 


*), In den sog. Rhizocephaliden (Sacculina u. s. w.) haben wir neuerlich sogar 
eine Gruppe von ectoparasitischen Krebsen kennen gelernt, die des Mundes und 
- Darmes entbehren. Sie ernähren sich ganz nach Pflanzenart durch ein System ver- 
ästelter Anhänge, die von dem Ansatzpuncte aus durch die äusseren Bedeckungen ihrer 
Träger — meist die (weiche) Bauchwand des Schwanzes von Krabben — hindurch in 
die Tiefe dringen und wurzelartig den Darm derselben umspinnen. Vergl. über diese 
interessanten Parasiten besonders Kossmann, Suctoria und Lepadidae, Heidelberger 
Habilitationsschrift 1873. 


26 Einkapselung 


wenigstens festweiche Körper zu geniessen*), auch da, wo solche 
Körper vielleicht verschmäht werden, wird der Darm immer noch als 
eine Einrichtung zur Vergrösserung der aufsaugenden Fläche in Be- 
tracht kommen. 

Wir haben von den Entozoen hier in einer Weise gesprochen, 
als wenn dieselben beständig mit den Gewebstheilen der von ihnen 
bewohnten Organe in unmittelbarer Berührung wären. So ist es 
auch in vielen Fällen, aber nicht in allen. In den parenchymatösen 
Organen bildet sich im Umkreis des Schmarotzers gewöhnlich eine 
häutige Cyste, die den Insassen isolir. Mit dem Parasiten hat 
diese Kapsel keinerlei directen Zusammenhang. Sie ist ein Theil des 
infieirten Organes, eine Wucherung des umgebenden Bindegewebes, 
das den Parasiten allmählich vollständig einhüllt — das Gleiche 
geschieht bekanntlich auch mit andern eingedrungenen Fremdkörpern — 

Fig. 12. Fig. 13. 


Öysticercus pisiformis (jung). Echinococcus. 
und durch Entwicklung einer mehr oder minder dicken Zellenschicht 
auf der freien Fläche (eines sog. Endothels) eine gewisse Aehnlich- 
keit mit einer serösen Haut bekommt (Fig. 12, 14). 


*) Bis zu welchem Grade die Beschaffenheit und der Reichthum der Nahrung auf_ 
die Eingeweidewürmer einwirkt, beweist in augenscheinlicher Weise die Thatsache, 
dass das Polystomum integerrimum,. welches nach einem meist kurzen Aufenthalte in 
der Kiemenhöhle der Froschlarven von da gewöhnlich in die Harnblase überwandert, 
und hier erst im vierten Jahre zur Geschlechtsreife kommt, bei längerem Ver- 
weilen in dem Kiemenapparate schon nach 27 Tagen bis zur Eiproduction sich ent- 
wickelt. Und nicht bloss die Schnelligkeit der Entwicklung ist es, welche diese Indi- 
viduen auszeichnet, auch in anatomischer Beziehung sind dieselben mehrfach (besonders 
durch Abwesenheit der Begattungsapparate) von den gewöhnlichen Formen verschieden, 
Vgl. hierüber die interessanten Beobachtungen Zeller’s, Ztschft. für wissensch. 
Zoolog. 1876. Bd. XXVIL S. 238 fl. 


der Parenchymwürmer. 97 


Man betrachtet diese Kapsel in der Regel als ein Organ zum 
Schutze des infieirten Gebildes und mag dazu auch einiges Recht 
haben, darf aber dabeı nicht ausser Acht lassen, dass dieselbe für 
die Ernährung des eingeschlossenen- Parasiten eine nicht minder 
srosse Bedeutung hat. Die Blutgefässe, welche die Kapsel durch- 
ziehen und sich nicht selten zu einem besondern Systeme mit zu- 
und abführenden Gefässen entwickeln, liefern eine Flüssigkeit, die 
durch Mund oder Haut oder auf beiderlei Weise in den Körper des 
Schmarotzers übertritt und je nach der Natur der abscheidenden 
Membran bald diese, bald eine andere Beschaffenheit haben mag. 
Im Ganzen scheint die Ernährung der eingekapselten Parenchym- 
würmer freilich nicht allzureichlich zu sein. Wir dürfen das wenigstens 
daraus erschliessen, dass die Parasiten in ihren Kapseln nicht selten 
Jahre und Jahrzehnte lang unverändert bleiben, während sie unter 


andern Umständen — nach Uebertragung in den Darm — sehr bald 
um ein Beträchtliches wachsen und eine weitere Entwickelung 
eingehen. | 


Am ansehnlichsten werden diese Kapseln bei den sog. Blasen- 
würmern, besonders denen, die zu einer beträchtlichern Grösse her- 
anwachsen und in bindegewebsreichen Organen zur Entwicklung 
kommen. Sie erreichen hier in manchen Fällen (Echinococeus) die 
Dicke von mehreren Millimetern und eine solche Festigkeit, dass sie 
sich leicht und ohne Verletzung aus dem umgebenden Parenchym 
herausschälen lassen (Fig. 13). Spurweise findet man diese Bildung 
‚übrigens bei allen Parenchymwür- 
mern, die ihren Wohnplatz nicht 
verändern, selbst dann, wenn dieselben 
eine nur unbedeutende Grösse be- 
sitzen, nur dass die Gewebswucherung 
— offenbar die Folge der von dem 
Parasiten ausgehenden Reizung — 
in solchen Fällen kaum als (selbst- 
ständige) Kapsel bezeichnet werden 
kann, 

Von manchen Parenchymwür- ds 
mern wird übrigens unter der Binde- u ne 

u E : i eingekapselt. 
 gewebshülle mit der Zeit noch eine 
mehr oder minder feste Cuticularkapsel ausgeschieden, die sich 
natürlich durch ihre histologische Beschaffenheit scharf gegen die 
Bindesubstanz absetzt. Sie erscheint als eine homogene Haut, 


28 Cuticularkapsel. 


die höchstens eine concentrische Schichtung erkennen lässt und nach 
ihrer Resistenzfähigkeit gegen Alkalien sich an die bei den niedern 
Thieren so weit verbreiteten Chitingebilde anschliesst*). Am häufigsten 
findet man diese Chitinkapseln bei den Trematoden, doch fehlt es 
auch nicht an Beispielen aus andern Gruppen, wie das u. a. die bei 
Fischen eingekapselten Tetrarhynchen und selbst die Muskeltrichinen 


Fig. 15. 


\ 


| 
IN 


— 


Trichinenkapsel mit Bindegewebshülle (in situ), bei B. verkalkt. 


(Fig. 15) beweisen, deren „Kalkeyste“ nichts Anderes als ein verkalktes 
Absonderungsproduct des Insassen selbst ist, dem die Bindegewebshülle 
äusserlich aufliegt. 


Die Lehre von der Entstehung der Parasiten 
in ihrer geschichtlichen Entwicklung. 


Wenn die Schmarotzerfauna des thierischen Körpers ausschliess- 
lich auf die flüchtigen Ectoparasiten beschränkt wäre, dann würde 
der Ursprung und das Herkommen dieser Geschöpfe dem Beobachter 
kaum jemals ein Geheimniss gewesen sein. So aber finden wir 
zahlreiche Schmarotzer tief im Innern des lebendigen Leibes, finden 


*, Waldenburg glaubt übrigens auch diese Chitinkapsel in manchen Fällen als ein 
Produet des Wirthes in Anspruch nehmen zu dürfen. Vergl. Archiv für pathol. Anat. 
u. Physiol. 1862. Bd. XXIV. S, 157. 


Entstehung der Eingeweidewürmer. 29 


sie zu unserer Ueberraschung vielleicht im Hirne oder der Niere 
oder sonst einem unzugänglichen Organe. Wie wunderbar! Wo wir 
bloss Blut und Nerven und Bindegewebe, wo wir mit einem Worte 
bloss die elementaren Bestandtheile des Organismus erwarteten, da 
sehen wir ein selbstständiges, lebendes Thier, nicht selten von an- 
sehnlicher Grösse, das durch keinerlei Spuren verräth, auf welchem 
Wege es eingedrungen ist, vielleicht ein Thier, das nicht einmal 
einer Ortsbewegung fähig ist. 

Begreiflich unter solchen Verhältnissen, dass das Vorkommen 
der Parasiten ein ungewöhnliches Interesse erregte, dass namentlich 
die Frage nach der Entstehung der Eingeweidewürmer auf das 
Eifrisste von den Vertretern der Wissenschaft erörtert wurde. Es 
hätte vielleicht nicht einmal der Beziehungen bedurft, welche die 
Parasiten zu der medicinischen Praxis haben, um den Arzt in gleicher 
Weise wie den Naturforscher zu weiterem Nachdenken über eine 
Thatsache anzuregen, die kaum minder geheimnissvoll und räthselhaft 
erschien, als der Ursprung alles Lebendigen. 

In ihrer allgemeinsten Fassung lässt die Frage nach dem Her- 
kommen der Entozoen nur eine zweifache Antwort zu. Dieselbe 
lautet entweder dahin, dass die Entozoen im Innern der Thiere und 
Organe, in denen wir sie finden, entstanden sind, oder dahin, dass 
sie von aussen an diese Orte gelangten. Im ersten Falle würden 
die Entozoen das Product einer sogenannten Urerzeugung darstellen, 
während sie nach der zweiten Ansicht in gewöhnlicher Weise aus 
befruchteten Eiern ihren Ursprung genommen hätten. 

In der That lässt sich auch Alles, was an Vermuthungen und 
Hypothesen über die Entstehung der Entozoen seit Jahrhunderten 
vorgebracht ist, auf diese beiderlei Ansichten zurückführen, wenn 
auch die Darstellung im Einzelnen nach den Anschauungen der 
Zeit und der Individuen auf das Mannigfaltigste wechselt. Wo die 
Thatsachen schweigen, da ist die Phantasie um so beredter — und 
eine thatsächliche Grundlage hat die Lehre von der Erzeugung der 
Entozoen erst in unsern Tagen erhalten. 

So lange man der Ansicht war, dass die Generatio aequivoca 
unter den Thieren und namentlich den niederen Thieren eine allge- 
meine Verbreitung habe, konnte der Ursprung der Eingeweidewürmer 
natürlicher Weise kaum irgendwie zweifelhaft sein. Die Urer- 
zeusung derselben galt als besonders eclatanter Fall einer Ent- 
' stehungsart, die der bei weitem grösseren Mehrzahl der niedern 
Geschöpfe vindieirt wurde. Höchstens, dass man über die Beschafien- 


30 Urerzeugung und 


heit des neu entstandenen Organismus — ob derselbe zunächst als 
Ei oder gleich als fertiges Thier gebildet werde — und das sich 
selbstständig gestaltende Material verschiedener Meinung war, hier 
das Blut und die Säfte, dort die Absonderungen des Darmkanales 
oder die genossene Speise als Substrat der Urerzeugung in Anspruch 
nahm, vielleicht auch darüber stritt, ob der erste Anstoss zu der 
Entstehung der Würmer von einer Gährung, einer Fäulniss oder 
einem besondern organisirenden Principe ausgehe. 

So war es zu den Zeiten der Alten, so auch während des ganzen, 
für unsere Wissenschaft so fruchtlosen Mittelalters. Erst dem sieben- 
zehnten Jahrhundert war es vorbehalten, die Lehre von der Zeugung 
der Thiere zu reformiren und damit auch in den Ansichten von dem 
Ursprung der Entozoen einen Umschwung vorzubereiten. 

Von besonderem Einflusse waren hier namentlich die Unter- 
suchungen von Swvammerdam und Redi, die im Widerspruch mit 
der früheren Lehre den Nachweis lieferten, dass die geschlechtliche 
Fortpflanzung keineswegs auf die höchsten Thiere beschränkt sei, 
sondern auch zahlreichen niederen Thieren zukomme, und bei vielen 
der letzteren eben so ausschliesslich die Erhaltung der Art vermittele, 
wie das früher bloss für die Säugethiere, die Vögel u. a. bekannt 
war. Zu diesen Thieren gehörten nach den umfassenden Beobachtungen 
beider Forscher namentlich auch die Insekten, deren Fortpflanzung 
und Metamorphose jetzt zum ersten Male vollständig verfolgt und 
dargestellt wurde. Selbst die Schmarotzerinsekten blieben nicht 
ausgenommen. 

Redi zeigte durch seine Untersuchungen und Experimente, dass 
die sog. Fleischwürmer, die man bis dahin für selbstständige Thiere 
(Heleophagi) gehalten hatte, blosse Fliegenmaden seien und nur dann 
sich entwickelten, wenn man den ausgebildeten Insekten Zutritt und 
Eierlage gestatte*). Ebenso lieferte Svammerdam den Nachweis, 
dass die Läuse aus Eiern entständen **); er wusste sogar (nach Mit- 
theilungen des Malers O. Marsilius), dass die Schmarotzerlarven 
der Raupen Abkömmlinge von Insekten seien, die ihre Eier unter 
die Haut jener Raupen zu legen pflegten ***). 

In Betreff der Eingeweidewürmer wagte freilich keiner dieser 
beiden Forscher den herrschenden Ansichten direct entgegenzutreten. 


*) Esperience intorno agl’ insett. Opere di Redi. Venezia 1712. T. I, p. 23. 
*#) Bibel der Natur, aus dem Holl. übersetzt 1752. S. 37. 
##*) Wbendas. S. 281. 


Heterogenie. 31 


Am wenigsten Redi, der über die Entstehung derselben eine Hypo- 
these aufstellte, die sich eigentlich nur durch eine etwas metaphy- 
sische Färbung von der gewöhnlichen Theorie der Generatio aequi- 
voca unterschied. Auch Svammerdam verwahrte sich ausdrücklich 
gegen eine Uebertragung seiner Erfahrungen von der Fortpflanzung 
der Insekten auf die Entozoen. Doch scheint es fast, als wenn 
derselbe mit seinen Bemerkungen zunächst nur der Vermuthung vor- 
beugen wollte, dass die Eingeweidewürmer von Insekten und andern 
frei lebenden Thieren abstammten, keineswegs jedoch der Ansicht 
abhold war, dass sie aus Eiern solcher Arten entständen, „die 
in den Gedärmen anderer Thiere schon lebten und genährt würden“. 

Aber trotz des Anathemas, welches Swammerdam über die 
Hypothese von der heterogenen Abstammung der Eingeweidewürmer 
verhängt hatte, sollte dieselbe in der nächsten Zeit doch vielfachen 
Anklang finden. 

Während auf der einen Seite die Existenz der geschlechtlichen 
Fortpflanzung bei den Thieren in immer weitern Kreisen und immer 
bestimmter nachgewiesen wurde, enthüllte das inzwischen entdeckte 
und auch gleich für wissenschaftliche Forschungen verwandte Mikro- 
skop eine Welt von Geschöpfen, die trotz ihrer allgemeinen Ver- 
breitung sich wegen ihrer Kleinheit bisher den Untersuchungen der 
Forscher entzogen hatten. Man fand solche Thierchen im Wasser, 
das wir trinken, in der Speise, die wir geniessen, in der Erde, die 
wir bewohnen, man vermuthete sie auch in der Luft — war es nicht 
natürlich, dass unter dem Einflusse solcher Entdeckungen die Ansicht 
von der Heterogenie der Entozoen einen fruchtbaren Boden 
fand? Die Einfuhr derartiger Geschöpfe in den menschlichen Körper 
schien kaum vermeidlich, die Vermuthung, dass die eingeführten 
Thiere unter der Einwirkung der Wärme und der reichlichen Nahrung 
zu den bekannten Eingeweidewürmern auswüchsen, wenigstens nicht 
ausser dem Bereiche der Möglichkeit, und so konnte es denn kommen, 
dass selbst Männer, wie Boerhaave*) und Hoffmann **) unsere 
Band- und Spulwürmer von Thieren ableiteten, die für gewöhnlich 
unter abweichender Form und Bildung im Freien existirten. Die 
Geschöpfe, die man dabei als Urformen der Eingeweidewürmer im 
Auge hatte, waren übrigens keineswegs in allen’ Fällen die oben 
erwähnten Infusorien, sondern zum Theil auch andere, grössere 


*) Aphorism. 1360. 
**) Opera T. III. p. 490. 


32 Abstammung 


Thiere, meist frei lebende Würmer, und besonders solche, die in 
ihrem Aeusseren einige Verwandtschaft mit den Entozoen zur Schau 
trugen. 

Wenn uns eine solche Annahme heute durchaus unwissenschaft- 
lich dünkt, dann müssen wir uns daran erinnern, dass dieselbe 
in eine Zeit fällt, in der die Entdeckungen über die Metamorphose 
der Thiere noch zu frisch und zu unvollständig waren, als dass das 
Gesetz der Beständigkeit der Art und ihrer cyclischen Entwickelung 
bereits seine volle Anerkennung und Würdigung gefunden haben 
konnte. 

Doch die selbstständige Natur der Eingeweidewürmer sollte 
nicht lange verkannt bleiben. Man überzeugte sich nicht bloss all- 
mählich davon, dass die Annahme einer zufälligen Umwandlung 
von frei lebenden Thieren in Eingeweidewürmer den gewöhnlichen 
Erscheinungen der Fortpflanzung und Entwickelung widerspreche, 
sondern lernte die Eingeweidewürmer inzwischen auch immer be- 
stimmter als geschlechtsreife Thiere kennen, als Geschöpfe also, deren 
Organisationsverhältnisse sie als Vertreter eigner Thierarten kenn- 
zeichneten. 

Gleichzeitig aber gewann es den Anschein, als wenn diese 
Thiere nicht ausschliesslich als Entozoen existirten, son- 
dern auch im Freien lebten. Bei der immer sorgfältiger 
und systematischer vorgenommenen Durchforschung unserer Gewässer 
fand man eine Anzahl von Thierformen, die den Eingeweidewürmern 
überraschend ähnlich sahen und auch theilweise wirkliche Eingeweide- 
würmer waren. besonders verhängnissvoll war in dieser Beziehung 
der Fund eines Bandwurmes, den Linn&*) und später auch andere 
Beobachter an verschiedenen Localitäten machten. Wir wissen jetzt, 
dass dieser Bandwurm (Bothriocephalus s. Schistocephalus solidus) 
ursprünglich in der Leibeshöhle der Stichlinge lebt, von hier aber 
auf einer bestimmten Entwickelungsstufe nach Aussen durchbricht, 
um eine Zeitlang im Wasser zu treiben, bis ihn vielleicht ein Wasser- 
vogel verschlingt**); aber Linn, der von allen diesen Vorgängen 
nicht das Geringste ahnte, auch nichts ahnen konnte, hielt denselben 


*) Amoenit. acad. Vol. II. p. 93. 

##), Vgl. Steenstrup, Oveıs. kongl. danske videnskab. selsk. forhandl. 1857. p. 166. 
übersetzt in den Hallischen Jahrb. für die ges. Naturwiss. 1859. Bd. XIV. S. 475. Ebenso 
verhält es sich bei den Schnurwürmern (Ligula), die gleichfalls auf einer bestimmten 
Entwicklungsstufe aus den Fischen nach Aussen durchbrechen. Vergl. Bloch, Abhandl. 
von der Erzeugung der Eingeweidewürmer. 1782. S. 2. 


von frei lebenden Arten. 33 


ohne Bedenken für ein junges und unausgewachsenes Exemplar des 
breiten Menschenbandwurms (Bothriocephalus latus) und glaubte da- 
mit den Beweis liefern zu können, dass letzterer von Aussen stamme 
und bereits unter seiner spätern Form im Wasser existire. Uebrigens 
beschränkte sich diese Behauptung nicht auf die Bandwürmer allein; 
Linne& wollte auch den Leberegel der Schafe und den Springwurm 
der Menschen im Freien gefunden haben*) — obwohl es nicht 
zweifelhaft ıst, dass er auch hier irrte und in Betreff des erstern 
durch eine Planaria, bei dem zweiten durch frei lebende Anguilluliden 
getäuscht wurde. 

So gering dieser Apparat von Beweismitteln war, schien er doch 
ausreichend, eine Ansicht zu begründen, die auch nach Linne noch 
manche Vertreter gefunden hat und um so eher finden konnte, als die 
damaligen Kenntnisse sowohl der Eingeweidewürmer, wie auch der 
übrigen hier in Betracht kommenden Thiere immer noch äusserst 
dürftig und lückenhaft waren. Zur Charakterisirung der, damaligen 
Helminthologie brauchen wir nur hervorzuheben, dass man, trotz 
des immensen Reichthums der entozootischen Fauna, die Zahl der 
Eingeweidewürmer jener Zeit auf höchstens ein Dutzend veran- 
schlagte und diese obendrein fast ausschliesslich im Menschen schma- 
rotzen liess. 

Doch bald darauf begann für unsere Helminthologie eine neue 
'Aera. Die Lehre von den Eingeweidewürmern, die bisher fast immer 
nur aus ärztlichen Interessen und von Aerzten cultivirt war, zog 
unter dem Einflusse der Linne’schen Schule allmählich auch die 
Theilnahme der Zoologen auf sich. Männer von hoher Begabung und 
umfassendem Wissen, wie Pallas, O. Fr. Müller u. A., widmeten 
denselben ihre besondere Aufmerksamkeit und bereicherten unsere 
Kenntnisse über diese merkwürdigen Geschöpfe nach allen Richtungen. 
Aber mit jedem neu entdeckten Wurme und jedem neuen Wirthe 
wurde die Wahrscheinlichkeit geringer, dass diese Thiere in der von 
Linne behaupteten Weise hier als Parasiten, dort als freie Thiere 
existirten. Die Zahl der bekannten Helmimthen wuchs in Kürze um 
ein Vielfaches — aber die Bemühungen, die jetzt besser bekannten 
Schmarotzer im Freien aufzufinden, waren vergebens. Und doch 
blieb kein Teich, kein Tümpel undurchsucht. Was man fand, das 


*) Systema naturae. Ed. X., T. I. p. 648. Fasciola hepatica „habitat in aquis 
duleibus ad radices lapidum, inque hepate pecorum“. Ascaris vermicularis „habitat 


in paludibus, in radicibus plantarum putrescentibus, in intestinis puerorum et equi“. 
Leuckart, Allgem. Naturgesch. d, Parasiten. 3 


34 Ansichten von Pallas: 


war die Ueberzeugung, dass die Angaben vom freien Vorkommen der 
Eingeweidewürmer in der grössern Mehrzahl der Fälle auf einer Ver- 
wechselung mit gewissen ähnlichen und in mancher Beziehung auch 
verwandten Wurmformen beruhten, und da, wo es sich wirklich, wie 
bei dem von Linne im Freien gefundenen Bandwurme, um Ein- 
geweidewürmer handelte, keineswegs in dem Sinne dieses grossen 
Zoologen ausgelegt werden dürften. 

Eine neue Hypothese trat an die Stelle der frühern. Anknüpfend 
an die Thatsache, dass die Eier der Eingeweidewürmer frei oder, 
wie bei den Bandwürmern, noch umhüllt von eimem beweglichen 
Theilstücke des mütterlichen Körpers mit dem Kothe ihrer Wirthe 
nach Aussen gelansten und lange Zeit unverändert im Wasser aus- 
dauerten, sprach Pallas*) die Behauptung aus, dass die Ento- 
zoen in Uebereinstimmung mit den übrigen Thieren von 
ihres Gleichen abstammten und aus Eiern entständen, die 
von einem Wirthe auf den andern übertragen würden. 
„Man kann, sagt er, nicht zweifeln, dass die Eier der Eingeweide- 
würmer ausserhalb des Körpers umhergesäet werden, dass sie ohne 
Verlust ihrer Lebenskraft hier allerlei Veränderungen vertragen und 
erst, wenn sie mit Speise und Getränke wieder in dienliche Körper 
gebracht werden, zu Würmern erwachsen“. Natürlich gelangten die 
Eier auf diesem Wege zunächst nur in den Darmkanal; wenn wir 
nun aber später nicht bloss hier, sondern auch in andern Organen, 
in Leber und Muskel und Hirn, gewisse Binnenwürmer antrefien, so 
konnte dieses nur durch die weitere Annahme erklärt werden, dass 
die Eier von dem Darmkanale aus in die Gefässe überträten und 
„durch’s Geblüt“ zu jenen, sonst unzugänglichen Organen geführt 
würden. Durch Hülfe der Blutgefässe sollten die Eier nach Pallas 
gelegentlich auch auf den Embryo übergehen, vielleicht noch bevor 
sie nach aussen abgesetzt wurden; die Eingeweidewürmer sollten in 
solcher Weise auch „vererbt“ werden. 

Der Annahme einer Vererbung der Eingeweidewürmer begegnen 
wir hier übrigens nicht zum ersten Male. Schon zu Leeuwenhoek’s 
Zeiten hatte Vallisnieri die Entstehung der Entozoen durch Ueber- 
tragung von den Aeltern auf die Kinder zu erklären gesucht**) und 
mit dieser Hypothese so viel Glück gehabt, dass ihr nicht bloss viele 
namhafte Zeitgenossen (Hartsoeker, Andry u. A.), sondern auch 


*) Neue nord. Beiträge. Bd. I, S. 43 und Bd. II. S. 80. 
*#) Öpere fisico ıned. 1733, T. I. 


Hypothese der Vererbung. 35 


später noch zahlreiche Helminthologen, wie O. Fr. Müller*), 
Bloch**) und Göze***), beistimmten. Freilich sollten die Einge- 
weidewürmer nach dieser Hypothese ausschliesslich auf dem ange- 
deuteten Wege ihren Ursprung nehmen; sie sollten „angeboren“ sein 
oder doch wenigstens durch directe Uebertragung (z. B. beim Säugen, 
sogar beim Küssen) in ihren Wirth gelangen. Sonst wurde eine 
nachträgliche Einwanderung in Abrede gestellt. Die Eier, die 
mit dem Kothe nach Aussen abgingen, sollten für die Eingeweide- 
würmer verloren. sein und höchstens noch als Nahrungsstoffe für 
andere Geschöpfe einigen Werth haben (Göze). Allerdings war es 
auffallend, dass die bei weitem grössere Menge der Eier ein derar- 
tiges Schicksal hatte, allein auch diese Thatsache wusste man mit der 
Theorie in Einklang zu bringen. Man hob hervor, dass die Einge- 
weidewürmer, die ihre Eier ja nicht selbst, gleich den übrigen 
Thieren, an den Ort ihrer Bestimmung abzulegen vermöchten, dem 
Zufalle es überlassen müssten, dieselben in die Blutgefässe zu über- 
tragen, und gab dann weiter zu bedenken, dass die Wahrscheinlich- 
keit eines solchen zufälligen Uebertrittes weit geringer sei, als die 
einer vorzeitigen Entleerung (Bloch). 

Dass diese Ansicht unter dem Einflusse der damals herrschenden 
Evolutionstheorie bei manchem ihrer Vertreter in wunderliche Sub- 
tilitäten und Spitzfindigkeiten ausartetey), wollen wir ihr nicht 
allzu hoch anrechnen; aber auch in anderer Beziehung bietet sie 
so viele Schwächen, dass es kaum nöthig erscheint, sie mit ihren 
Widersachern durch Erinnerung an die Wurmepizootien (Schaf- 
husten, Leberfäule u. s. w.) oder den seinen Träger fast constant 
und meist schon vor der Geschlechtsreife tödtenden Drehwurm zu 
widerlegen. 

Die Momente übrigens, die zu dieser Ansicht hindrängten, sınd 
nicht eben allzu schwer zu übersehen. Auf der einen Seite war 
es die unläugbare Thatsache von der Geschlechtlichkeit der Einge- 
weidewürmer und deren überraschend grosser Fruchtbarkeit, auf der 
andern die Schwierigkeit, ja scheinbare Unmöglichkeit, die Existenz 
dieser Thiere an die- nach Aussen abgelegten Eier anzuknüpfen. 


*) Naturforscher Bd. XIV. S. 195. Hamburger Magazin Bd. XX. 
*#*) Abhandlung von der Erzeugung der Eingeweidewürmer. Berlin 1782. S. 37. 
**%*) Versuch einer Naturgesch. der Eingeweidewürmer. Blankenburg 1782. S. 4Aff. 
+) So sollen nach Eberhard’s neuer Apologie des Socrates (Th. II. S. 333) die 
Parasiten im Stande der Unschuld als Eier vorhanden gewesen sein, die dann erst nach 
dem Sündenfalle ausgebrütet wurden, 
3# 


36 Fortpflanzung durch Eier. 


Durch die Annahme einer erblichen Uebertragung glaubte man den 
Ausweg aus diesem Dilemma gefunden zu haben, und das um so 
sicherer, als manche Beobachter nicht bloss bei Neugebornen, sondern 
schon bei Embryonen Entozoen gesehen zu haben behaupteten. Ob 
die Fälle, die hier als beweisend angeführt wurden*), stichhaltig 
sind oder nicht, kann uns einstweilen völlig gleichgültig sein, aber 
auffallend erscheint es und kaum in Uebereinstimmung mit der 
Theorie der Vererbung, dass diese Fälle auch damals schon zu den 
srössten Seltenheiten gezählt wurden. 

Es war demnach keineswegs ingelechtkrtiet wenn Pallas 
ausser den vererbten Eiern auch noch die nach Aussen entleerten 
zur Erklärung des Entoparasitismus herbeizog. Allerdings hat es ihm 
eben so wenig, wie seinem berühmten Zeitgenossen van Doeveren**), 
der das Vorkommen von Eingeweidewürmern gleichfalls durch die An- 
nahme einer Uebertragung gleichartiger Keime zu erklären versuchte, 
glücken wollen, seine Ansichten auf directem Wege zu beweisen, 
allein das kann uns nicht abhalten, dem ofinen und richtigen Blicke 
des grossen Forschers unsere volle Anerkennung zu zollen. Die 
Entozoen entstehen in der That, wie wir heute zur Genüge 
wissen, aus übertragenen Keimen, und immer nur in Folge 
einer gleichartigen Fortpflanzung, ganz wie sie den übrigen 
Thieren zukommt. 

Trotz dieser Uebereinstimmung unserer heutigen Kenntnisse mit 
den Ansichten von van Doeveren und Pallas haben sich dieselben 
aber keineswegs direct aus letztern entwickelt. Der Weg der Wissen- 
schaft irrt bald nach dieser, bald nach jener Seite ab von der geraden 
Linie der Wahrheit, und so kann es uns nicht überraschen, wenn 
wir sehen, dass jene Ansicht, noch bevor sie eigentlich Wurzel fassen 
konnte, alsbald von andern Hypothesen verdrängt wurde. 

Mit Pallas, Bloch und Göze begann eine ganze lange Reihe 
bedeutender Helminthologen, unter denen vor allen Andern Rudolphi 
und Bremser hervorragen. Tausende von Thieren wurden zu bloss 
helminthologischen Zwecken untersucht und mit solchem Erfolge, dass 
die Zahl der bekannten Entozoen schon nach wenigen Decennien 
auf viele Hunderte geschätzt werden durfte. Mit dem wachsenden 
Materiale rundete sich die Helminthologie allmählich zu einer be- 


=) Eine Tossa nenktällhne dieser Fälle siehe bei Bloch a. a. 0. S. 38. Vergl. dazu 
die Kritik bei Davaine, Trait& des Entozoaires. 2. Ed. Paris 1877. p. 11. 
“#=), Abhandlung von den Würmern in den Gedärmen des menschlichen Körpers. 
Aus dem Lat. übersetzt. Leipzig 1776. S. 106. 


Rudolphi’sche Schule. 37 


sonderen Disciplin ab; sie wurde eine Specialität, die von der eigent- 
lichen Zoologie immer mehr und immer weiter sich entfernte. Diese 
Abtrennung blieb nicht ohne nachtheilige Folgen. Sie hat es ver- 
schuldet, dass die Helminthologie gar einseitig auf dem Wege der 
descriptiven Systematik fortsing und fast unbekümmert um die 
Lebensgeschichte und die Entwickelung der einzelnen Arten zumeist 
deren Katalog zu vervollständigen bemüht war. 

Eine so einseitige Richtung war wenig geeignet, die Fragen, 
die an die Entstehung der Eingeweidewürmer anknüpften, durch 
ruhige und vorurtheilsfreie Prüfung ihrer definitiven Lösung entgegen- 
zuführen. Dass die bisherigen Versuche, das Vorkommen dieser 
merkwürdigen Geschöpfe durch -die Annahme einer Einführung von 
Aussen zu erklären, alle an mehr oder minder augenfälligen Ge- 
brechen litten, darüber konnte wohl niemals und jetzt vielleicht am 
wenigsten irgend ein Zweifel sein. Statt nun aber auf empirischem 
Wege das Beweismaterial zu mehren und dabei, wo möglich, neue 
Anhaltspunkte für eine Vermuthung zu gewinnen, die, wenn auch 
unerwiesen, doch zahlreiche und wichtige Inductionsgründe für sich 
hatte, begnügte man sich, die Unzulänglichkeit der früheren Ver- 
suche nachzuweisen und dann wieder zu der alten halbvergessenen 
Lehre von der Urerzeugung zurückzukehren*). Allerdings die 
einfachste und bequemste Manier‘, den Knoten zu zerhauen. 

Es waren die Zeiten, in denen die allmächtige Lebenskraft den 
Organismus beherrschte. Für sie schien es ja ein Leichtes, ein Klümp- 
chen Schleim, eine Darmzotte oder ein Stück Bindegewebe selbständig zu 
organisiren, vielleicht auch durch Steigerung des abnormen Bildungs- 
triebes statt der einfachen Hydatide einen Blasenwurm zu erzeugen. 
Die Organisation der Entozoen galt für ziemlich einfach; es stand 
also auch von dieser Seite der Annahme eines derartigen Ursprungs 
keine besondere Schwierigkeit im Wege. Das Mikroskop war als ein 
verdächtiges Hülfsmittel schon seit lange wieder bei Seite gelegt; 
man vertraute der Loupe und dem Auge, und glaubte sogar hier 
und da den Vorgang der Urerzeugung selbst belauscht zu haben **). 
Einmal entstanden, sollten die Entozoen aber auch auf geschlecht- 
lichem Wege sich vermehren — natürlich, wozu wären sie denn 
sonst mit Geschlechtsorganen ausgestattet? Die Bedeutung dieser 


*) Vergl. besonders das sonst so treffliche Werk von Bremser, lebende Würmer 
im lebenden Menschen. Wien 1819. 8. 1—66. 
*®) Bremser.a.a. O. S. 65. Rudolphi, entozoor. hist. natur. Vol. I. p. $11. 


38 Erster Nachweis einer 


geschlechtlichen Fortpflanzung trat allerdings der Urerzeugung gegen- 
über in den Hintergrund. Die meisten Eier wurden nach Aussen 
entleert, ohne zu einer weitern Entwickelung gekommen zu sein, da 
ja bei der immensen Fruchtbarkeit der Entozoen im andern Falle 
der Wirth binnen Kurzem „ganz zu Wurm“ werden müsste. 

Die Hauptvertreter dieser Ansicht waren, als anerkannte Autori- 
täten in ihrem Fache, von einem solchen Gewichte, dass die ent- 
gegenstehenden oder gar widersprechenden Ansichten anderer Ge- 
lehrten durch sie vollständig erdrückt wurden. Theilweise war dieses 
Missgeschick freilich selbst verschuldet, denn die Opposition gegen 
die Urerzeugung der Eingeweidewürmer ging meist von Männern 
aus, die, wie z. B. Brera*), trotz aller sonstigen Tüchtigkeit, ohne 
die jetzt doppelt nöthigen helminthologischen Detailkenntnisse waren. 

So lange die Rudolphi’sche Richtung verfolgt wurde und die 
naturphilosophische Lehre ven der Lebenskraft eine allgemeine 
Geltung hatte, blieb auch die Annahme von der Urerzeugung der 
Eingeweidewürmer die herrschende. Sie schien sogar durch die 
immer mehr und immer bestimmter sich herausstellende Thatsache, 
dass eine beträchtliche Anzahl von Binnenwürmern, wie die Blasen- 
würmer und andere eingekapselte Helminthen, der Geschlechtsorgane 
entbehrten und meist auch sonst keine Fortpflanzungsfähigkeit be- 
sassen, eine neue und wichtige Stütze zu gewinnen. Ohne die An- 
nahme einer Urerzeugung schien ja die Existenz dieser Parasiten 
geradezu unerklärlich. 

Und doch war dieser Schein ein trügerischer, so trügerisch, dass 
dieselben geschlechtslosen Binnenwürmer uns heute vor allen übrigen 
in den Stand gesetzt haben, den Irrthum der Rudolphi’schen Lehre 
zu überwinden. 

Aber mit einem Schlage sollte die Herrschaft dieses Irrthums 
nicht zertrümmert werden. Es bedurfte zahlreicher Thatsachen, um 
den Glauben an die Urerzeugung zu erschüttern und eine richtigere 
Auffassung an dessen Stelle zu setzen. Und die Erkenntniss dieser 
Thatsachen wäre vielleicht noch für lange hinausgeschoben, wenn 
die inzwischen veränderte Richtung und Methode der naturhistorischen 
Forschung nicht auch die Helminthologie in die neue Bewegung 
hineingezogen hätte. 

Die meisten dieser bahnbrechenden Thatsachen verdanken wir 


—n —+ 


*) Medicinisch-praktische Vorlesungen über Eingeweidewürmer. Aus dem Italien. 
übersetzt 1803. S. ATfE. 


Metamorphose bei den Trematoden. 39 


dem Mikroskope, das durch v. Baer, Purkinje, Ehrenberg u. A. 
von Neuem für die wissenschaftliche Untersuchung dienstbar gemacht 
war und sich in andern Theilen unserer zoologischen Disciplinen 
bereits glänzend bewährt hatte. 

Schon die ersten Erfolge, die durch dasselbe auf dem Gebiete 
der Helminthologie errungen wurden, mussten für die Lehre von 
der Entstehung der Eingeweidewürmer eine verhängnissvolle 
Bedeutung gewinnen. 

Es war im Jahre 1831, als Mehlis mittels des Mikroskopes die 
überraschende Entdeckung machte, dass die Eier 
gewisser Distomeen einen Embryo enthielten, der 
(Fig. 16) durch Gestalt und Flimmerung einem 
Infusorium ähnele, bisweilen auch einen Augen- 
fleck trage und nach dem Hervorschlüpfen aus 
seinen Eihüllen wie ein Infusorium umher- 
schwimme*). 

Wie nichtig erwiesen sich dieser einen 
Beobachtung gegenüber alle die früheren Ver- 
muthungen über die Schicksale der Helmin- 
theneier! 

Man wusste allerdings schon seit den „,, Sa 

; 23 { : immernder Embryo von 
Zeiten von Göze, dass es einzelne lebendig Monostomum capitellatum. 
gebärende Eingeweidewürmer gebe, aber alle 
die bis dahin bekannten Fälle betrafen meist die Gruppe der Spul- 
würmer, deren Junge den Eltern so ähnlich sahen, dass die Ver- 
muthung nahe lag, dieselben möchten sieh ohne Weiteres neben ihren 
Eltern zu ausgebildeten Thieren entwickeln. In dem Falle von 
Mehlis aber handelte es sich um Eier, die nach Aussen abgelegt 
wurden, und um Embryonen, die ihren Eltern sehr unähnlich waren, 
die nach ihrer Ausstattung mit Flimmerhaaren und Augenflecken 
sogar bestimmt schienen, eine Zeitlang als freie Thiere zu leben. 
Fast unwillkürlich erinnert man sich hierbei der Ansichten von 
Leeuwenhoek und Pallas; man findet es vollkommen begreiflich, 
wie v. Nordmann**), der die Angabe von Mehlis zuerst bestätigte, 
dieselbe dahin auslegte, dass jene Schmarotzer, weit davon entfernt, 
durch Urerzeugung zu entstehen, „während ihrer ersten Lebensperiode 
das Wasser zu ihrem eigentlichen und natürlichen Aufenthalte haben 


*, Oken’s Isis. 1831. S. 190. 
**) Mikrographische Beiträge II. 1832. S. 140. Anm. 


40 Königsgelbe Würmer 


und erst später in den Leib ihrer Wirthe gelangen, um nun, nach- 
dem das Organ für die Lichtempfindung ihnen entbehrlich geworden, 
ihr Geschlecht fortzupflanzen“. Allerdings gesteht v. Nordmann, 
dass diese Ansicht der herrschenden Meinung gegenüber „märchen- 
haft“ klinge, allein bei näherer Ueberlegung könne er sich doch um 
so weniger derselben entschlagen, als er auch in dem Darmkanale 
einer 3/,“ Jangen Neuropterenlarve eine Nematodenart mit brennend 
rothem Auge gefunden habe, die gleichfalls frei im Wasser vorkomme. 

Bald darauf fügte v. Siebold diesen Beobachtungen die merk- 
würdige Thatsache hinzu*), dass die Flimmerembryonen des bei 
Wasservögeln schmarotzenden Monostomum mutabile (Fig. 17) in ihrem 
Innern einen Körper beherbergen (einen „nothwendigen Schmarotzer“, 
wie es heisst), der so auffallend an die unter dem Namen der „königs- 
gelben Würmer“ von Bojanus beschriebenen Parasiten unserer Teich- 
hornschnecke (Fig. 18) erinnere, „dass man fast auf die Idee gerathen 


Fig. 18. 


Fig. 17. Infusorienartige Embryonen von Monostomum mutabile mit dem „noth- 
wendigen Schmarotzer“. 
„ 18. Bojanus’ „königsgelbe Würmer“ aus der Teichhornschnecke. 


möchte, ob diese Körper, die nach dem Untergange ihres lebendigen 
Kerkers noch fortleben, nicht vielleicht zu denselben heranwüchsen‘“. 
Leider gelang es nicht, diese Vermuthung weiter zu begründen, ob- 
wohl das von der grössten Wichtigkeit gewesen wäre. Denn die 
königsgelben Würmer erzeugten, wie namentlich von Baer schon 
früher auf das Bestimmteste nachgewiesen hatte**), durch Um- 
wandlung von Keimkörnern in ihrem Innern eine Brut von Thieren, 


*) Archiv für Naturgesch. 1835. I. S. 69., Burdach’s Physiologie. II. S. 208. 
*#) Noya Act. Acad. C. L. T. XIII. S. 627. 


und Cercarien. 41 


die einem geschwänzten Trematoden glichen, aber frei im Wasser 
umherschwammen (Fig. 19) und von den ältern Zoologen desshalb 
auch (unter dem Genusnamen Üercaria) den Infusionsthieren zuge- 
rechnet wurden. 

Die Untersuchungen v. Siebold’s beschränkten sich übrigens 
nicht auf die Eier der Trematoden, sondern betrafen in gleicher 


Fig. 19. 


Königsgelbe Würmer mit Keimkörnern (A) und Cergarien im Innern (B). Bei © freie 
Cercarien. 
Weise auch die der übrigen Eingeweidewürmer und lieferten nament- 
lich noch das weitere wichtige Resultat, dass auch bei den Band- 
würmern (Taenia) das Ei meist schon vor dem Ablegen einen Embryo 
in sich einschliesse. Aber auch hier war der Embryo von dem spä- 
‚teren Bandwurme ausserordentlich verschieden: eine einfache Masse 
von kugeliger Form, deren einzige Auszeichnung in einer Bewalinung 
mit sechs stiletförmigen Haken (Fig. 20) bestand, die paarweise am 
vordern Körperende angebracht waren und hebelartig bewegt wurden *). 


®) Burdach’s Physiologie a. a. 0. — Schon vor v. Siebold hat übrigens Göze 
mehrfach diese Embryonen gesehen, aber die darüber veröffentlichten Angaben und Ab- 
bildungen (Versuch u. s. w. T. XXII. Bd. XI. 20—22 u. a.) sind so ungenau und 
theilweise so unrichtig, dass man daraus unmöglich ein Weiteres entnehmen kann. 


49 Eschricht’s Abhandlung über 


Was aus diesen Embryonen ward, blieb einstweilen noch ungewiss, 
wenn auch darüber kein Zweifel war, dass sie nur „durch eine Art 
Metamorphose“ in das ausgebildete Thier übergehen konnten. 


Fig. 20. 
As B. 


Bandwurmeier mit sechshakigem Embryo. 


Ob v. Siebold schon damals die Tragweite seiner Beobachtungen 
kannte, müssen wir unentschieden lassen. Jedenfalls hat er es ver- 
mieden, aus ihnen die letzten Consequenzen zu ziehen. Es geschah 
das erst einige Jahre später durch Eschricht, der die Frage nach 
der Entstehung der Eingeweidewürmer zum ersten Male seit Bremser 
wieder einer eingehenden Besprechung unterwarf*), nachdem er sich 
schon vorher, bei Gelegenheit seiner meisterhaften Untersuchungen 
über Bothriocephalus latus**), in entschiedener Weise gegen die 
Existenz einer Urerzeugung ausgesprochen hatte. Eschricht stellte 
in dieser Arbeit alle Thatsachen zusammen, die über die Metamor- 
phose der Eingeweidewürmer in den letzten Jahren bekannt geworden 
waren, und suchte dadurch die Annahme zu begründen, dass diese 
Erscheinung unter den Helminthen ziemlich häufig sei; er urgirte 
die gewaltige Entwickelung des Zeugungsapparates und die Frucht- 
barkeit unserer Thiere — die jährliche Production von Eiern wurde 
bei Bothriocephalus latus auf mindestens eine Million, der gesammte 
Eiinhalt des weiblichen Spulwurms auf 64 Millionen berechnet — und 
nahm dieselbe als ein Mittel in Anspruch, die ungeheueren Schwierig- 
keiten zu überwinden, welche der Uebertragung „an angemessene 
Aufenthaltsorte“ entgegenständen; er erinnerte schliesslich an die 
auch von Bremser und Rudolphi anerkannte (zuerst von Abild- 
gaard***) beobachtete und selbst auf experimentellem Wege festge- 


*) Aus dem Edinb. new phil. Journ. 1841 übersetzt in Froriep’s Neuen Notizen 
1841. No. 430—434. 
*#) Noya Acta Acad. C. L. Vol. XIX. Supplem. (Verhandlungen der königl. Akad. 
der Wissenschaften 1837.) 
*#%) Naturhistorisk selsk. Skrifter. 1790. I. p. 53. Vergl. hierzu weiter die Be- 
ıerkungen auf S. 32. 


die Entstehung der Eingeweidewürmer. 43 


stellte) Thatsache, dass Bothriocephalus (Schistocephalus) solidus und 
Ligula nur dann ihre volle Entwickelung und Geschlechtsreife er- 
langten, wenn sie aus der Leibeshöhle der Fische — mit oder ohne 
ihren Träger — in den Darm der Wasservögel übergingen, und 
machte es glaublich, dass manche Helminthen auch im Körper ihrer 
Wirthe aus einem Organe nach dem andern hinwanderten. Aus allen 
diesen und andern Thatsachen zog Eschricht den Schluss, dass 
die Lebensgeschichte der Entozoen im Allgemeinen nach 
Analogie der bei den parasitischen Larven der Schlupf- 
wespen und Pferdebremsen vorkommenden Verhältnisse 
beurtheilt werden müsse, dass aber jeder einzelne Fall wegen der 
dabei möglicher Weise unterlaufenden Verwicklungen seine besondere 
Lösung verlange. Einstweilen könne man für das Detail Nichts als 
Vermuthungen aufstellen, und unter diesen wolle er besonders die 
eine hervorheben, dass die im Fleische und Bindegewebe verschiedener 
Thiere so häufig eingekapselt lebenden geschlechtslosen Binnen- 
würmer, wie besonders die Blasenwürmer, Filarien (mit Trichina 
spiralis) und Echinorhynchen, von welchen letzteren das Fleisch der 
Fische nicht selten während der Sommerzeit strotze, als Jugendzu- 
stände zu betrachten seien, die noch an ihrer ursprünglichen Brut- 
stätte verharrten. 

Wir werden uns später davon überzeugen, dass Eschricht in 
der That das Richtige getroffen hat, wenn er den Wechsel des 
Ortes und der Form als das wichtigste Moment in der Lebens- 
geschichte der Eingeweidewürmer hervorhebt. Aber zum Beweise 
fehlte die nöthige Detailerfahrung, und so konnte es denn geschehen, 
dass trotz den Darlegungen Eschricht’s und den beistimmenden 
Bemerkungen Valentin’s*) die Mehrzahl der Helminthologen nach 
wie vor die Urerzeugung der Eingeweidewürmer vertheidigte**). 

Doch das frühere Dunkel sollte immer mehr sich lichten. Kurz 
nach den Untersuchungen von Eschricht erschien Steenstrup’s 
berühmtes Werk über den Generationswechsel, das so viele früher 
nur unvollständig und bruchstückweise erkannte Thatsachen aus der 
Entwickelungsgeschichte der niedern Thiere dem wissenschaftlichen 
Verständniss zugängig machte. Nach den Entdeckungen und Com- 
binationen Steenstrup’s konnte es nicht länger zweifelhaft sein, 


*) Repertorium für Anat. und Physiologie 1841. VI. S. 50. 
**) Vgl. Creplin, Art. Enthelminthologie in Ersch u. Gruber’s Allgem. Ency- 
clopaedie. Bd. XXXV. 


44 Steenstrup’s Theorie 


dass es Thierarten giebt, deren Nachkommen erst in zweiter und 
dritter Generation zu der ursprünglichen Form der Geschlechtsthiere 
zurückkehren, und dass zu diesen Arten namentlich auch zahlreiche 
Eingeweidewürmer gehören. 

Am vollständigsten gelang der Nachweis eines derartigen Gene- 
rationswechsels bei den Trematoden*), und zwar ganz einfach da- 
durch, dass Steenstrup die Entwickelungsgeschichte derselben an 
die schon oben erwähnten Cercarien anknüpfte. Mit dem Aus- 
spruche, dass diese letzteren trotz ihres selbstständigen Ursprungs 
Trematodenlarven seien, war mit einem Male das Schicksal einer 
ganzen grossen Gruppe von Parasiten ent- 
schieden. 

Aber nicht genug, dass Steenstrup 
das Wort sprach, welches das Räthsel löste, 
er suchte die Berechtigung seiner Auffassungs- 
weise auch durch directe Beobachtung ausser 
Zweifel zu setzen. Er fand, dass die ÜCer- 
carien (Fig. 21 u. 22) nicht selten geraden 
Weges durch die äussern Körperhüllen in die 
Eingeweide von Wasserschnecken eindrangen 
und sich nach Verlust des Schwanzes hier 
im Innern einer selbstgebildeten Kapsel in 
Fig. 21 u. 22. Eine freie und Parasiten verwandelten, die in Nichts von 
FR NG ee kleinen und annoch geschlechtslosen Trema- 

toden verschieden waren. 

Diese Thatsachen waren nun freilich nicht absolut neu, aber 
die wenigen Forscher, die schon vor Steenstrup die Einwanderung 
und Verpuppung der Cercarien beobachteten, hatten irrthümlicher 
Weise der Ansicht gehuldigt, dass die betreffenden Vorgänge, weit 
davon entfernt, eine neue Entwickelung einzuleiten, zu dem Unter- 
gange der Parasiten hinführten. Uebrigens verfiel auch Steenstrup 
insofern einem Irrthume, als er annahm, dass die schwanzlose Cercarie 
noch in ihrem ursprünglichen Wirthe zur vollen Auspildung gelange, 
wogegen v. Siebold, der sich alsbald an die Auffassung des 
genialen Dänen anschloss**), mit Recht die Analogie des Bothrio- 
cephalus (Schistocephalus) solidus und der Ligula hervorhob, nach 
der man diese Weiterentwickelung erst dann zu erwarten habe, wenn 


*) Ueber den Generationswechsel. Kopenhagen 1842. 8. 50. 
*%) Jahresbericht im Archiv für Naturgeschichte 1848. Th. IL. S. 321. 


des Generationswechsels. 45 


der ursprüngliche Träger des Parasiten von einem andern geeigneten 
Thiere verschlungen werde. 

Ueber den Ursprung der Cercarien war schon nach älteren 
Untersuchungen (von Baer’s, vergl. S. 40) kein Zweifel. Aber 
Steenstrup ging auch hier weiter als seine Vorgänger, indem er 
die „königsgelben Würmer“ und die „belebten Mutterschläuche der 
Cerearien“ überhaupt auf die im Innern der Monostomumembryonen 
vorkommenden „nothwendigen Schmarotzer“ zurückführte, deren 
Aehnlichkeit mit den königsgelben Würmern bereits v. Siebold her- 
vorgehoben hatte. 

Nach der Auffassung Steenstrup’s entstand aus den nach 
Aussen gebrachten Eiern der Trematoden zunächst ein schwärmender 
Embryo, der sich nach einer Zeit des freien Lebens durch Häutung 
wieder in einen Schmarotzer (den „Keimschlauch“) verwandelte. Aber 
dieser Parasit entwickelte sich nun nicht etwa zu einem Distomum ; 
nein, er blieb, was er war, eine larvenartige sog. Amme, in der dann 
auf ungeschlechtlichem Wege, durch Keimkörner, die zunächst wieder 
ausschwärmenden Jugendformen der spätern Geschlechtsthiere (die 
„Cercarien“) ihren Ursprung nahmen. 

Hätte man früher gewusst, dass sich die Lebensgeschichte eines 
Thieres über mehrere Generationen vertheilen könne, dann würde 
man diese Entwickelung bestimmt schon vor Jahren vollständig 
erkannt haben. Das Material dazu war längst vorhanden, aber es 
fehlte das Verständniss. Trotz aller Aehnlichkeit der Cercarien und 
Distomeen wagte Niemand, die ersteren als die Jugendformen der 
letztern in Anspruch ‘zu nehmen, da man sie in Geschöpfen von 
ganz abweichender Form und Bildung entstehen sah. 

In dem Lichte des Generationswechsels erhielten mit einem Male 
auch die schon längst bekannten „geschlechtslosen“ Binnenwürmer 
eine neue Bedeutung. Nach den frühern Ansichten musste man die- 
selben entweder mit den Anhängern der Urerzeugung für selbstständige 
Thierarten halten, oder für Jugendformen, wie es z. B. Eschricht 
gethan hatte; nach der Theorie des Generationswechsels ergab sich 
‘noch die weitere Möglichkeit, dass sie die Rolle von Zwischengene- 
rationen oder sog. Ammen zu spielen hätten. In der That trug auch 
Steenstrup nicht das geringste Bedenken, manche dieser Thiere, 
und namentlich die Blasenwürmer*), geradezu als Ammen in An- 
spruch zu nehmen. 


*) A. 2.0.8. 111. 


46 von Siebold und 


Welches Gewicht Steenstrup ‚daneben übrigens auch den 
Wanderungen der Embryonen beilegte, geht zur Genüge aus der 
Angabe hervor, dass die Eingeweidewürmer nach seiner festen Ueber- 
zeugung überhaupt nur zu gewissen Zeiten schmarotzten und zu 
andern Zeiten, vielleicht auch in andern Stadien und Generationen, 
frei lebten oder, wie es heisst, „eine geographische Ausbreitung und 
Vertheilung in der Natur (z. B. im Wasser) ausserhalb der Organis- 
men besässen‘“*).. 

Dieser Ausspruch sollte alsbald durch eine neue Entdeckung 
eine glänzende Bestätigung erhalten. 

Dujardin beobachtete**) nicht selten, besonders nach plötz- 
lichen Regengüssen, auf der feuchten Erde zahlreiche filarienartige 
Rundwürmer (Mermis), die vielfach an den schon seit langer Zeit aus 
dem Wasser bekannten Gordius aquaticus erinnerten, und konnte 
sich diese Erscheinung (den sog. „Wurmregen“) nur durch die Ver- 
muthung erklären, dass die betreffenden Geschöpfe aus Insekten aus- 
gewandert seien, um ihre Eier in der Erde abzusetzen. Durch die 
Untersuchungen v. Siebold’s fand diese Vermuthung bald darauf 
eine vollständige Bestätigung, indem dieser nicht bloss die Mermithen 
in zahlreichen Insekten und Insektenlarven als Schmarotzer auffand 
und ihr Auswandern beobachtete, sondern weiter auch nachwies, 
dass ganz derselbe Parasitismus auch bei dem oben erwähnten Gordius 
stattfinde***). Bei der Auswanderung sind die Gordiaceen bereits 
ausgewachsen, aber Begattung und Eierlage werden erst nachher 
vollzogen, bei Gordius im Wasser, bei Mermis in der feuchten Erde. 
Bei letzterer gelang es auch späterf), während des Winters, in den 
abgelegten Eiern die Entwickelung der Embryonen zu beobachten 
und den Nachweis zu liefern, dass die im Frühling ausschlüpfenden 
Larven in die dann gleichfalls aus den Eihüllen hervorgekrochenen 
jungen Räupchen einwandern — ein neuer wichtiger Beitrag zu 
unsern Kenntnissen von der Lebensgeschichte der Entozoen. 


*) Ebendas. S. 116. Anm. 
*#*) Annales des sc. natur. 1842. T. XVII. p. 129. (Aehnliche Beobachtungen sind 
auch später mehrfach — u. A. auch von mir — gemacht worden.) 

*%*#) Entomolog. Zeitung 1843. S. 77. Neuerdings erklärt übrigens Villot das 
Vorkommen von Gordius bei Insekten für eine zufällige Verirrung (?), indem er sich 
davon überzeugt haben will, dass die Elritze und Schmerle den normalen Wirth der- 
selben abgebe. Vergl. Archiv. zool. exper. T. III. p. 182 ff. 

++) Ebendas. 1848. S. 290., 1850. S. 239., Jahresber. der schlesischen. Gesellschaft 
für vaterl. Cultur. Breslau. 1851. S. 56. 


Dujardin. 47 


Noch bevor übrigens diese Beobachtungen zum Schluss gebracht 
waren, hatte v. Siebold schon den Versuch gemacht, die Lehre 
von der Entstehung der Eingeweidewürmer nach den inzwischen, wie 
wir gesehen haben, immer fester und bestimmter sich gestaltenden 
neuern Ansichten zu bearbeiten, und zu dem Zwecke eine vollständige 
Zusammenstellung der bisher bekannten Thatsachen aus der Ent- 
wickelungs- und Fortpflanzungsgeschichte unserer Thiere geliefert *). 
Bei den umfassenden Detailkenntnissen des Verfassers und dem wohl- 
verdienten Ansehen, das derselbe als Forscher genoss, konnte es nicht 
fehlen, dass diese Arbeit einen bedeutenden Eindruck machte und 
mehr als irgend eine frühere in weiten Kreisen die Ueberzeugung 
erweckte, dass die Wanderungen und Verschleppungen der Parasiten, 
und nicht die Urerzeugung, das Geheimniss des Entoparasitismus in 
sich einschliessen. Dem Helminthologen vom Fache bot die Arbeit 
freilich wenig Neues, denn auch die Vermuthung von der Bandwurm- 
natur der Blasenwürmer (Fig. 23), die wir hier zum ersten Male 


Fig. 23. 


Die gemeine Schweinefinne mit eingestülptem (A) und hervorgestülptem (B) Kopfe. 


ausführlicher behandelt und durch die (schon im vergangenen Jahr- 
hundert von Pallas und Göze hervorgehobene) frappante Aehnlichkeit 
in der Kopfbildung der Mäusefinne und des Katzenbandwurmes (Tae- 
nia crassicollis) specieller begründet finden, war bereits einige Zeit 
vorher von Dujardin**) hervorgehoben worden. 

Ueber die Entwickelung der Blasenwürmer hatte v. Siebold 
übrigens ganz besondere Ansichten. Er hielt dieselben nicht — wie 


*) Art. Parasiten in Wagner’s Handwörterbuch der Physiologie. Bd. II. S. 640. 
**) ist. nat, des helm. 1845. p. 544 u. 632. 


48 von Siebold und 


Dujardin — für larven - oder ammenartige Jugendzustände, sondern 
für pathologische Bildungen, die unter gewissen äussern Bedingungen 
entständen, dann nämlich, wenn die Bandwurmkeime bei ihren Wan- 
derungen sich „verirrt“ hätten, d. h. an Orte gekommen wären, die 
ihren Bedürfnissen nicht in jeder Beziehung genüsten. Wir werden 
diese Theorie der Verirrung noch bei einer spätern Gelegenheit zu 
prüfen haben, und bemerken hier nur soviel, dass v. Siebold der- 
selben eine sehr bedeutende Tragweite einräumte und zahlreiche 
geschlechtslose Eingeweidewürmer (auch die Muskeltrichinen) als 
solche verirrte und deshalb nur unvollständig entwickelte Thiere in 
Anspruch nahm. 

Später machte v. Siebold die Entwickelungsgeschichte der Band- 
würmer zum Gegenstande einer eignen Abhandlung*), in welcher 
er mit besonderer Rücksicht auf die bei oceanischen Fischen so weit 
verbreitete Gruppe der Tetrarhynchen, deren Repräsentanten bald’ 
eingekapselt in verschiedenen Organen und dann als blosse Köpfe 
oder finnenartige Parasiten, bald auch im Darmkanale gewisser 
räuberischer Fische und dann als gegliederte Ketten gefunden wer- 
den, den Beweis versuchte, dass jene Bandwurmköpfe aus wandernden 
Embryonen hervorgingen, aber erst dann durch Gliederbildung in 
die geschlechtsreife Form sich verwandelten (Fig. 24 u. 25), wenn 
ihre Wirthe von den Trägern der letztern verschlungen würden. 

Die Gründe, die v. Siebold für seine Behauptung anführte, 
waren allerdings blos inductiver Art, doch konnte ihre Berechtigung 
um so weniger zweifelhaft sein, als der directe Beweis für die 
Wanderungen und die Metamorphose jener sog. Bandwurmköpfe als- 
bald nachtolgte. 

Gleichzeitig mit v. Siebold oder eigentlich schon vorher hatte 
nämlich auch van Beneden die entozootische Fauna der oceanischen 
Fische und besonders die der Rochen und Haifische untersucht **) 
und jene Vorgänge dabei vielfach und auf allen einzelnen Stadien 
beobachtet. Er fand nicht selten in dem Magen der Haie halb ver- 
daute Knochenfische mit Tetrarhynchusköpfen, die theilweise noch 
eingekapselt, theilweise schon frei oder halbfrei waren, und daneben 
andere, die sich bereits in dem Darme des neuen Wohnthieres ein- 
gebürgert und eine kürzere oder längere Gliederkette getrieben hatten. 


*) Ztschr. für wissensch. Zool. I. 1850. S. 198. 
*%*) Les vers cestoides. Bruxelles. 1850. (Vorläufige Mittheilung in der Cpt. rend. 
Acad. Belg. 1849.) 


van Beneden. 49 


Die Untersuchungen van Beneden’s waren so umfangreich und 
betrafen so viele verschiedene Formen, dass die Annahme, es möchte 
die Vebertragung unreifer Entozoen mittelst der Nahrung, 
die bisher nur für Ligula und Schistocephalus nachgewiesen war, 
eine weitere Verbreitung besitzen, auf das Vollständigste gerecht- 
fertist wurde. Im Uebrigen ist es hier nicht der Ort, specieller auf 
die Darstellungen van Beneden’s von der Entwickelung der 


Fig. 24. 


I 


Fig. 24 u. 25. Echinobothrium minimum (nach van Beneden), isolirt lebender Kopf 
und Bandwurm. 


Fig. 26. Umwandlung der Finne in einen Bandwurm (Taenia serrata). 


Cestoden einzugehen. Wir werden bei einer spätern Gelegenheit 
darauf zurückkommen und erwähnen hier nur. das Eine, dass die 
Blasenwürmer nach der Ansicht unseres berühmten Zoologen nicht 
etwa pathologische Zustände repräsentiren, sondern durch Bau und 
Entwickelung sich genau an die sog. Tetrarhynchusköpfe anschliessen. 


Wie richtig diese Behauptung war, davon musste uns bald eine 
neue Erfahrung überzeugen, die nämlich, dass die Blasenwürmer, wie 


das v. Siebold schon früher für einzelne Formen vermuthet hatte, 
Leuckart, Allgem. Naturgesch, d. Parasiten, 4 


50 Einführung des helmmthologischen 


nach Verlust der sog. Schwanzblase sich im Darme geeigneter Thiere 
zu Bandwürmern entwickelten (Fig. 26). 

Die Geschichte der Helminthologie hat vielleicht keine zweite 
Thatsache aufzuweisen, die ein so bedeutendes und so allgemeines 
Aufsehen erregt hätte. Es war freilich nicht blos der Nachweis, 
dass die Blasenwürmer, die so lange Zeit als ein unerschütterliches 
Bollwerk der Urerzeugung gegolten hatten, wirklich die unreifen 
Jugendzustände von Bandwürmern darstellten, was das allgemeine 
Interesse fesselte, es war weiter auch der Umstand, dass der Ent- 
decker dieser Thatsache, Küchenmeister*), dieselbe nicht etwa 
nebenbei oder zufällig gefunden, sondern auf experimentellem Wege, 
durch Fütterungsversuche, festgestellt hatte, mitteist einer 
Methode, die eben so leicht zu controlliren, wie zu wiederholen war 
und auch in andern Händen alsbald das gleiche Resultat lieferte. 

Der Gedanke, solche Fütterungsversuche anzustellen und nament- 
lich auch zur Prüfung der Frage nach der Natur der Blasenwürmer 
zu benutzen, lag allerdings nach Allem, was vorausgegangen war, 
sehr nahe, aber trotzdem hatte bisher Keiner von diesem Mittel 
Gebrauch gemacht. Ich sage Keiner — denn die von Klenke in 
dieser Richtung angestellten Versuche**) haben in der That nicht 
das geringste Anrecht auf Erwähnung. Freilich gilt das zunächst 
nur für die Neuzeit. Den ältern Helminthologen war die Bedeutung 
des helminthologischen Experimentes wohlbekannt. Es wurde schon 
oben angeführt, dass Abildgaard auf solche Weise den Uebergang 
des Schistocephalus solidus aus der Leibeshöhle der Fische in den 
Darm der Wasservögel ausser Zweifel gesetzt hat. Ebenso ist auch 
von Pallas, Bloch und Göze gelegentlich der Versuch gemacht, 
durch Einführung von Helminthen und Helminthenkeimen gewisse 
Fragen zur Entscheidung zu bringen — freilich ohne dass damit 
irgend welche Resultate von grösserer Bedeutung erzielt wurden. 

Neben den herrschenden Ansichten von der Urerzeugung, die 
in so vieler Beziehung hemmend auf den Entwickelungsgang der 
Helminthologie einwirkten, dürfte wohl diese scheinbare Unfrucht- 
barkeit das Meiste dazu beigetragen haben, dass die Fütterungs- 
versuche allmählich in Vergessenheit kamen. 

Es war, wie gesagt, erst Küchenmeister vorbehalten, dieselben 


*) Prager Vierteljahrsschrift 1852. Ueber die Metamorphose der Finnen in Band- 


Würmer. 
**) Ueber die Contagiosität der Eingeweidewürmer. Jena 1844, 


Experimentes durch Küchenmeister. 51 


in unsere Wissenschaft wieder einzuführen und ihre Bedeutung für 
alle Zeiten zu sichern. 

Mit diesen Fütterungsversuchen war ein neues reges Leben in 
die helminthologische Forschung gekommen, so dass Beobachtungen 
und Entdeckungen sich wahrhaft drängten. Kaum ein Jahr nach 
der ersten Anwendung seiner Methode konnte Küchenmeister die 
neue Mittheilung machen *), dass es ihm weiter gelungen sei, durch 
Verfütterung von Bandwürmern oder reifen Proglottiden Blasenwürmer 
zu erzeugen und den ganzen Oyclus der Lebensgeschichte bei den 

Cestoden damit festzustellen **). 

Der erste Versuch dieser Art war an einem Schafe angestellt, 
das noch vor vollständiger Ausbildung der Blasenwürmer, offenbar 
in Folge des Versuches, zu Grunde ging. Ohne Kenntniss von der 
Entwickelung der Blasenwürmer, wie man damals noch war, hätte 
man das Resultat des Experimentes anzweifeln können, wenn es nicht 
gleich darauf durch Haubner***) und Leuckartr) auf das Voll- 
ständigste bestätigt wäre, indem diese fast alle bekannten Blasen- 
würmer, und zum Theil in massenhaftester Weise, aus Bandwurm- 
eiern in geeigneten Ihieren gross zogen. 

Aber die Fütterungsversuche blieben nicht auf die Band- und 
Blasenwürmer beschränkt, sondern wurden alsbald auch auf andere 
Entozoen ausgedehnt. Und auch hier bewährten sich dieselben in 
slänzender Weise. 


*) Günsburg’s Zeitschr. 1853. 8. 448. 
®=#) Wie Küchenmeister Angesichts der hier unverändert aus der ersten Auflage 
meines Parasitenwerkes aufgenommenen Darstellung sich beklagen kann (Parasiten des 
Menschen. 2. Aufl. 1878. Vorrede), „dass die deutsche Wissenschaft ihm für seinen 
Dienst kärglich gedankt habe“, ist mir eben so unbegreiflich, wie der mir persönlich 
gemachte Vorwurf (ebendas. S. 163. Anm.), dass auch ich es nicht unterlassen hätte, 
ihn am unrechten Ort und in unrechter Weise zu bemäkeln. Dem gegenüber bin ich 
mir bewusst, eben sowohl jeder Zeit und aller Orten bereitwillig und unumwunden aner- 
kannt zu haben (vergl. u. a. das Vorwort zu dem ersten Bande meines Werkes, S. IV), 
was unsere Wissenschaft an Anregung und Thatsachen demselben verdankt, wie auch 
den leider sehr zahlreichen Unrichtigkeiten und Irrthümern seiner Schriften immer nur 
maassvoll- und mit sachlichen Gründen — auch immer nur da, wo es nicht zu umgehen 
war — entgegengetreten zu sein. Wenn ich hätte mäkeln wollen, würde mir ein reiches 
Material zu Gebote gestanden haben, jedenfalls ein ungleich reicheres, als es Küchen - 
meister in seinem neuesten Werke mir gegenüber zur Verwendung zu bringen ver- 
sucht hat. 
#2) Gurlt’s Magazin für Thierarzneikunde. 1854 u. 1855. 
+) Die Blasenbandwürmer und ihre Entwickelung. Giessen. 155 8. 


1% 
X 


52 Weiterer Ausbau 


Zunächst wurde durch die Experimente von de Filippi*), 
de la Valette**) und Pagenstecher“**) der Nachweis ge- 
liefert, dass die eingekapselten Distomeen wirklich erst nach einem 
Wechsel des Wohnthieres zur Geschlechtsreife heranwüchsen, wie es. 
v. Siebold vermuthet hatte, dass also auch bei den Trematoden 
eine Uebertragung der Parasiten in andere Wirthe und andere Organe 
zur vollen Entwickelung nothwendig sei. Wenngleich es bisher bei 
den Trematoden noch nicht gelingen wollte, die verschiedenen Ent- 
wickelungsstadien sämmtlich an derselben Art experimentell zu ver- 
folgen?), wie das bei den Üestoden der Fall ist, so dürfen wir mit 
der Feststellung jener Thatsache doch auch hier unsere Kenntnisse 
im Wesentlichen für abgeschlossen ansehen, zumal inzwischen auch 
Zeller’s schöne Untersuchungen über die Lebensgeschichte der ecto- 
parasitischen Formen, besonders des Polystomum integerrimum des 
Froschestf), unsere Kenntnisse nach anderer Richtung hin vervoll- 
ständigt haben. 

Am längsten haben die parasitischen Rundwürmer unsern For- 
schungen Widerstand geleistet. Als im Jahre 1863 der erste Band 
meines Parasitenwerkes erschien, konnte ich — von den .oben 
(S. 46) erwähnten Gordiaceen abgesehen — nur einen einzigen Ne- 
matoden namhaft machen, dessen Entwickelungsgeschichte vollständig 
bekannt sei. Es war die Trichina spiralis, die nach den Experimen- 
taluntersuchungen von mirfff) und Virchow*r) im Darme der 
Kaninchen, der Schweine und anderer Säugethiere zu einer bis dahin 
übersehenen geschlechtsreifen Form sich entwickelt, deren lebendig 
geborene Junge sich alsbald auf die Wanderung begeben und im 
Muskelfleische wieder zu dem längst bekannten Kapselwurme aus- 
wachsen. Seit dieser Zeit aber haben sich durch die in dem zweiten 
Bande meines Werkes niedergelegten Beobachtungen unsere Erfah- 
rungen beträchtlich erweitert. Wir kennen jetzt nicht bloss die 
Schicksale und Wanderungen der Acanthocephalen, sondern auch 
zahlreicher Spulwürmer aus verschiedenen Gruppen, und können auch 


*) Mem. pour servir & lhist. genöt. des Trematodes. Turin, T. I-I. 
**) Symbolae ad trematodum evolut. hist, Berol. 1855. 


###) Tpematodenlarven und Trematoden, Heidelberg 1857 ; über Erziehung von Distomum 
echinatum durch Fütterung, Archiv für Naturgeschichte 1857. I. S, 246, 


+) Auch die Experimente von Wagener (Beitr. zur Entwickelungsgesch. der Ein- 
geweidewürmer, Harlem 1857. S. 29) über Distomum cygnoides lassen — in Bezug 
auf =. Einwanderung in den Frosch — eine Lücke, 
) Zeitschrift für wissensch. Zoologie. Bd. XXII. S, 1 u. Bd. XXVIL S. 238. 
nn Zeitschrift für rationelle Medicin. 1860. Th. VII. p. 259 u. 335. 
*+) Archiy für pathol. Anat, 1860. Bd. XVII. S. 330, 


der Experimentalhelminthologie. 53 


bier an der Hand des Experimentes den Beweis liefern, dass die 
Keime nach Aussen gelangen und auf einer bestimmten Entwickelungs- 
stufe wieder in ihre definitiven Träger zurückkehren. Freilich haben 
sich dabei (für die Nematoden wenigstens) mancherlei neue, sonst 
nicht weiter beobachtete Verhältnisse ergeben, die unsere Vor- 
stellungen von den Modalitäten des parasitischen Lebens in mehr- 
facher Beziehung erweiterten und namentlich die Thatsache ausser 
‚Zweifel stellten, dass keineswegs alle Entozoen bei ihren 
Wanderungen einen Wirthswechsel eingehen. Bei man- 
chen Nematoden, so wird schon das nächste Kapitel uns lehren, 
wird die Jugendzeit ausschliesslich im Freien zugebracht und oftmals 
(besonders bei gewissen Strongyliden) unter Verhältnissen, welche die 
spätern Entozoen in Nichts von den frei lebenden Thieren unter- 
scheiden. Dass das Gesetz des Wirthswechsels andrerseits auch nicht 
ausschliesslich auf die Helminthen beschränkt ist, nor 
das beweisen die (durch das entozootische Vor- i 
kommen freilich eng an die Helminthen sich an- 
schliessenden) Pentastomen, wie ich das gleichfalls, 
und zwar schon vor längerer Zeit, auf experimen- 
tellem Wege nachwies*), indem ich aus den Eiern 
des Pent. taenioides in den Eingeweiden der Kanin- 
chen das sog. Pent. denticulatum erzog und dieses ; 
nach Uebertragung in die Nasenhöhle des Hundes ci 
wieder zu der erstgenannten geschlechtsreifen Form | 
sich entwickeln sah. 
So zahlreich und wichtig nun aber auch diese 
Erfolge der Experimentalhelminthologie erscheinen, 
so ist doch immer noch Vieles zu thun und zu er- 
forschen übrig geblieben. Noch immer giebt es, 
und das gerade unter den häufigsten Helminthen, 
Formen, deren Herkommen uns unbekannt ist. 
Wir müssen zugeben, dass uns auch sonst in der 
Naturgeschichte der Parasiten noch Manches räth- 
selhaft dünkt, dass Anderes mit unsern bisherigen 
Erfahrungen kaum zu erklären scheint — aber wer Pentastomum denti- 
wollte es Angesichts aller der schon jetzt erkämpften a 
Früchte unserer Forschung noch ferner wagen, diese Lücken mit 
den Lappen einer abgelegten Theorie zu füllen? Wenn Rudolphi 


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*) Bau und Entwicklungsgeschichte der Pentastomen. Leipzig 1860. In vorläufiger 
Mittheilung Zeitschrift für rationelle Medicin. 1857. Bd. II. S. 48. 1858. Bd. IV. S. 78. 


54 Geschlechtstreife 


und Bremser, wenn alle die übrigen Vorkämpfer der damaligen 
Helminthologie heute noch einmal auf dem Wahlplatze erschienen, 
sie würden bestimmt ihre Fahne seuken und den alten Kampf nicht 
von Neuem wieder aufnehmen. Die Sache, die sie vertraten, ist ein 
überwundener Irrthum. 


Lebensgeschichte der Parasiten. 


Was über Herkommen, Metamorphose und Wanderung der 
Entozoen bisher von uns mitgetheilt wurde, lässt darüber keinen 
Zweifel, dass man die Parasiten nur mit Unrecht früher als Thiere 
betrachtete, deren Lebensgeschichte keinerlei bemerkenswerthen 
Wechsel darbiete. Heute wissen wir, dass der Parasitismus in dem 
Leben eines Thieres stets nur ein einzelnes Moment repräsentirt, 
das trotz aller Bedeutung, auch trotz dem Umfange, den es in vielen 
Fällen hat, doch immer nocn manch Anderes voraussetzt. Im Grunde 
genommen wissen wir von einem Thiere nur wenig, wenn sich unsre 
Kenntnisse auf die Thatsache beschränken, dass es ein Parasit ist. 
Um seine Geschichte zu überschauen, müssen wir alle einzelnen Züge 
und Situationen seiner Existenz verfolgen und namentlich auch die 
Umstände erforschen, durch welche es zu einem Parasiten wurde.. 

So mannigfaltig und verschieden nun aber diese Schicksale im 
Einzelnen sind, so bewegen sie sich doch überall innerhalb bestimmter 
Grenzen. Es giebt gewisse Normen, wenn man will, gewisse Typen 
des parasitischen Lebens, denen sich die einzelnen Fälle mehr oder 
minder vollständig unterordnen. Die Kenntniss dieser Verhältnisse 
erleichtert natürlich nicht blos das Verständniss der Einzelfälle, sie 
sichert auch den Ueherblick über die Geschichte des Parasitismus 
im Ganzen, und deshalb dürfte es wohl gerechtfertigt sein, dem 
Detailstudium der einzelnen Parasiten ein Gesammtbild ihrer Lebens- 
geschichte vorauszuschicken. 

Dass es die Zeit der Geschlechtsreife ist, an die wir unsere 
Darstellung anknüpfen, bedarf kaum der weitern Begründung. Schen 
wir dieselbe doch überall bei den Thieren den Beginn eines neuen 
Entwicklungseyelus einleiten. 

Aber schon in Betreff dieser Geschlechtsreife existirt bei den 
Parasiten ein auffallender Unterschied. In Uebereinstimmung mit 
der früher angeführten Thatsache, dass der Parasitismus bald ein 
lebenslänglicher, bald auch nur ein periodischer ist, finden wir 
Schmarotzer, deren Geschlechtsreife mit dem Parasitismus zeitlich 


der Parasiten. 35) 


zusammendällt, und andere, die erst nach der Auswanderung, im 
Freien, ihre volle Reife erreichen. Aber im Ganzen ist die Zahl 
dieser letztern eine nur geringe. Wenn wir die im Larvenzustande 
parasitirenden Insekten abrechnen, bleiben uns nur einige wenige der- 
artige Fälle übrig (Gordiaceen, Mermithen), so dass wir dreist und ohne 
Uebertreibung behaupten können, es gelte für die Parasiten und 
besonders die Helminthen als Regel, dass sie als Schmarotzer 
zur Geschlechtsreife gelangen, also auch als solche, d.h. in 
oder an ihren Wirthen, sich fortpflanzen. 

Bei näherer Ueberlegsung erscheint diese Thatsache auch in 
völliger Uebereinstimmung mit den Verhältnissen des parasitischen 
Lebens. Die Lage eines Parasiten ist in ökonomischer Beziehung 
eine äusserst günstige zu nennen. Die Ausgaben desselben, besonders 
für Bewegung und Herbeischaffung der Nahrung, sind gering, viel 
geringer im Allgemeinen, als bei den frei lebenden Thieren, die Ein- 
nahmen dabei reichlich — es sind somit ohne Weiteres durch die 
Verhältnisse des Parasitismus eine Reihe von Bedingungen erfüllt, 
die wir als wichtig und maassgebend für den Eintritt der Geschlechts- 
reife in Rechnung zu bringen haben. Das günstige Verhältniss 
zwischen den Einnahmen und Ausgaben der Parasiten erklärt auch 
die grosse Fruchtbarkeit, die wir schon bei verschiedenen Gelegen- 
heiten als ein bedeutungsvolles Moment in der Lebensgeschichte 
unserer Thiere hervorgehoben haben *). 


*) Wir erwähnten oben (S. 42) die Fruchtbarkeit des Spulwurms und wollen diesem 
einen Beispiele noch cin weiteres hinzufügen. Es betrifft die Taenia solium, deren 
reife Glieder je einen Uterusraum von etwa 6 Cuwbikmillimeter und darin — den 
Durchmesser eines Eies zu 0,06 Mm. gerechnet — etwa 53/0" Eier besitzen. Nehmen 
wir nun an, dass ein Bandwurm jährlich 800 reife Glieder produeire , so repräsentiren 
diese eine Menge von etwa 42 Millionen Eier, eine Zahl, die hei güustigen Vege- 
tationsverhältnissen — es giebt Exemplare, die täglich 5—6 Proglottiden abstossen — 
leicht noch beträchtlicher werden kann. Wie gewaltig aber diese Fertilität ist, geht 
aus folgender Berechnung hervor. Die 64 Millionen Eier, welche (nach Eschricht) 
der Spulwurm in Jahresfrist hervorbringt, repräsentiren (als Kugeln von je 0,05 Mm. 
gedacht, mit dem specifischen Gewichte des Wassers) eine Masse von 41,856 Megr. 
(1 Ei = 0,0000654 Mer... Da nun der ausgewachsene weibliche Spulwurm ein 
Reingewicht von 2,4 Gr. — mit Eierstock 3,4 Gr. — besitzt, so producirt der Spul- 
wurm in einem Jahre auf 100 Gr. nicht weniger als 174,000 Gr. Eisubstanz, unge- 
fähr 13 Mal so viel wie die Bienenkönigin, deren Produetivität für 100 Gr. etwa 
13,000 Gr. beträgt. Da das menschliche Weib, wenn es ein Kind gebiert, im Laufe 
des Jahres auf je 100 Gr. etwa 7 Gr. erübrigt, so ist der Spulwurm hiernach so frucht- 
bar, wie ein Weib, welches täglich 70 — sage siebenzig! — Kinder zur Welt 
bringen würde. 


56 Begattung und 


Doch das nur beiläufig. Das Wichtigste ist die Thatsache, dass 
Geschlechtsreife und Fortpflanzung bei den meisten Parasiten in die 
Zeit des Schmarotzerlebens fällt. Die Begattung, die von Seite des 
Weibchens bekanntlich bei den niedern Thieren oftmals vor Eintritt 
der Geschlechtsreife vollzogen wird, geht übrigens hie und da der 
Zeit des Parasitismus voraus. So 
ist es wenigstens bei den Lernaeen, 
die sich bereits zu einer Zeit be- 
gatten, in .der sie, nach Gestalt und 
Ausstattung von den zeitlebens 
freien Copepoden wenig abweichend, 
noch im Wasser umherschwimmen *), 
so auch bei dem Sandfloh (Pulex 
oder Rhynchoprion penetrans, Fig, 
25) — vorausgesetzt wenigstens, 
dass man nur den stationären Pa- 
rasitismus dabei in Betracht zieht. 
Es ist übrigens, wie bekannt, nur 
das Weibchen, das zu einem sta- 
tionären Parasiten wird. Während 
das Männchen die gewöhnliche Form 
und Lebensweise der Flöhe beibe- 
hält, bohrt sich das Weibchen bei 
Mensch und Hund und andern 
Säugern in die Haut — meist der 
Füsse — ein, um dann durch die 
mächtige Entwicklung des Eier- 
stockes zu einem fast bewegungs- 
losen Blasenkörper zu werden. 

Dass es auch unter den Helminthen Fälle giebt, in denen 
die Begattung in die Periode des freien Lebens fällt, ist in hohem 
Grade unwahrscheinlich. Für den Medinawurm hat man es aller- 
dings vermuthet (Carter), allein bestimmt mit Unrecht, da der 
Wurm, wie wir jetzt wissen, nur in allerfrühester Zeit, in der die 
Geschlechtsorgane überhaupt noch nicht entwickelt sind, im Freien 
gefunden wird **). 


Fig. 28. 


Pulex penetrans. a. Weibchen. 
b. Männchen. 


*) Olaus, Beobachtungen über Lernaeocera, Peniculus und Lernaea, Schriften der 
Gesellsch. zur Beförderung d. ges. Naturw. zu Marburg. Supplement-Heft II. 1868. S. 21. 
*%*) Ein Weiteres hierüber vergl. in meinem Parasitenwerke. Bd. II. S. 643 ff. 


Eierlage, 57 


Ebenso ist es fraglich, ob der Parasitismus auch unter den 
Helminthen gelegentlich nur auf das weibliche Geschlecht beschränkt 
bleibt, wie das bei den oben erwähnten Lernaeen und den Verwandten 
derselben sehr allgemein beobachtet wird. Uebrigens hat schon 
die blosse Thatsache, dass es Thiere giebt, von denen nur die weib- 
lichen Individuen schmarotzen*), ein grosses Interesse. Bei den 
Männchen ist bis jetzt — von dem oben (8. 14, Anmerk.) erwähnten 
Falle der Bonellia abgesehen — ein solcher einseitiger Parasitis- 
mus noch nirgends beobachtet; er dürfte hier auch in Anbetracht 
der geringeren Ausgaben für die Production der Geschlechtsstoffe 
nur in den seltensten Fällen zu vermuthen sein, während für die 
Weibchen dagegen die ökonomischen Vortheile des Parasitismus 
schwer in’s Gewicht fallen. 

Nach diesen Bemerkungen müssen wir den Satz von der Con- 
gsruenz der Geschlechtsreife mit dem Parasitismus dahin beschränken, 
dass die meisten Schmarotzer als solcheihre Eier erzeugen, 
befruchten und ablegen. 

Das Letztere geschieht nun in der Regel, ohne dass der Wirth 
dabei verlassen wird. Allerdings giebt es in dieser Beziehung auch 
Ausnahmen, wie denn z. B. bei den Tänien die Eier meist von dem 
mütterlichen Körper, den sog. Proglottiden, umhüllt bleiben und auch 
in dieser Umhüllung nach Aussen gelangen, aber im Ganzen ist die 
Zahl derartiger Fälle doch eine geringe. 


Eier und Embryonen. 


Für gewöhnlich werden die Eier-der Parasiten an Ort und 
Stelle abgesetzt, da, wo die Mutterthiere ihren Aufenthalt haben. 
Die Epizoen legen ihre Eier auf die äussere Haut ihrer Wirthe, die 
Darmsehmarotzer entleeren sie in den Darmkanal u. s. w. In einigen 
Fällen aber unternehmen unsere Thiere zum Zwecke der Eierlage 
ım Innern ihres Wirthes auch besondere Wanderungen, ganz, wie 
wir das bei den frei lebenden Geschöpfen beobachten. Wir kennen 
sogar einen menschlichen Eingeweidewurm, der so verfährt. Es ist 


*) Die vielfach — noch in neuester Zeit — wiederholte Behauptung, dass auch 
unter den Mücken und Musquitos nur die weiblichen Individuen Blut saugen, nicht 
aber die Männchen, beruht auf einem Irrthum, der dadurch entstanden ist, dass die 
Weibchen länger leben, als die Männchen, auch allein überwintern, und desshalb denn 
häufiger als Schmarotzer zur Beobachtung kommen. (Uebrigens saugen die Mücken 
nicht blos Blut, sondern auch Milch und süsse Säfte,) 


58 Entwicklun gsgrad der Eier., 


das Distomum ‚haematobium (Fig. 29), das für gewöhnlich in der 
Pfortader lebt, zur Zeit der Geschlechtsreife aber, wie wir durch 
Bilharz erfahren haben, paarweise — indem das Weibchen dabei 
von dem rinnenförmig zusammengerollten Leibe des Männchens um- 
fasst wird — in die Venen der Beckenorgane hinabsteist, um hier 
seine. Fier in grösseren Massen abzusetzen. 

Berücksichtigen wir den Entwicklungs- 
grad der abgelegten Eier, so finden wir 
diesen bei den einzelnen Arten ausserordent- 
lich verschieden. Er repräsentirt alle mög- 
lichen Stadien von der Befruchtung bis zur 
Ausscheidung des Embryo. Je nachdem das 
befruchtete Ei eine kürzere oder längere Zeit 
in den Leitungsorganen der Mutter verweilt 
hat, sieht man es hier noch mit unveränderten, 
dort mit durchfurchtem Dotter oder vielleicht mit 
vollständig ausgebildetem Embryo. Es kommt 
sogar vor, dass die Embryonen noch im Mutter- 
leibe ausschlüpfen, wie bei Trichina spiralis, 
dass statt der Eier dann lebendige Junge ge- 
boren werden. Und alle diese Verschieden- 
heiten findet man nicht selten bei Thieren. der 
nächsten Verwandtschaft, so dass die systema- 
tische Stellung der Parasiten kaum emen 
a sichern Rückschluss auf das Brutgeschäft der- 
Männchen und Weibchen, selben zulässt. 
das letztere im Canalis gy- Nicht minder verschieden smd nun aber 
naecophorus des ersteren. : 5 ; i y 

auch die Schieksale dieser Eier. In dem 
einen Falle verweilen dieselben längere Zeit, zunächst bis zum Aus- 
schlüpfen der Jungen, an Ort und Stelle, da, wo sie abgelegt wurden, 
während sie im ändern Falle alsbald nach Aussen gelangen, um dann 
ausserhalb des frühern Trägers, im Freien, ihren weitern Schicksalen 
entgegen zu gehen. 

Der letztere dieser beiden Fälle ist der ungleich häufigere und 
bis auf Weiteres überall da anzunehmen, wo die Localverhältnisse 
die Auswanderung der Eier begünstigen. Im Einzelnen finden wir 
allerdings auch hier wieder manche Ausnahmen, besonders bei den 
Epizoen, die ihre Eier nicht selten auf mehr oder minder künstliche 
Weise an den Hervorragungen des Körpers (die Läuse z. B. an den 
Haaren, andere Schmarotzer, wie Gyrodactylus, Diplozoon u. s. w. 


Fig. 29. 


Auswanderung der Eier. 59 


an den Kiemen ihrer Träger) befestigen. Wo in solchen Fällen die 
gewöhnlichen Mittel zur Sicherung nicht ausreichen, da tragen die 
Eischalen besondere Haftapparate, Näpfe oder Wickelschwänze, wie 
das namentlich auch von den hier eben angeführten Arten bekannt 
ist. Für die Rier gelten in dieser Beziehung dieselben Momente, die 
wir bei einer frühern Gelegenheit (8. 10) als maassgebend für die Aus- 
stattung der ausgebildeten Schmarotzer kennen gelernt haben. 

Am constantesten ist die Auswanderung der Eier bei den 
Darmparasiten, deren Aufenthaltsort von einem beständigen Strome 
halbweicher Massen durchflossen wird. Sie ist hier so constant, dass 
wir — von der als genuinem Schmarotzer sehr verdächtigen Rhab- 
ditis stercoralis abgesehen — keinen Fall kennen, in dem ein Darm- 
schmarotzer alle Phasen seiner Entwicklung ohne Ortswechsel durch- 
liefe. Die Menge der mit den Fäces entleerten Eier wächst natür- 
lich mit der Fruchtbarkeit und der Zahl der Parasiten, und wird in 
manchen Fällen so bedeutend, dass man schon bei oberflächlichster 
Untersuchung die Anwesenheit derartiger Gäste mit dem Mikroskope 
constatiren kann. 

Uebrigens sind die Darmschmarotzer keineswegs die einzigen 
Entozoen, deren Eier nach Aussen ausgeführt werden. Auch von 
den Bewohnern anderer Organe wissen wir ein Gleiches. So ge- 
langen z. B. die Eier von Distomum hepaticum durch die Gallen- 
gänge in den Darm, um von hier dann wie die Eier der Darm- 
parasiten entleert zu werden. Ebenso werden die Eier von 
Strongylus filaria aus den Bronchien unserer Schafe mit dem Tra- 
chealschleime, die Eier von Pentastomum taenioides aus der Nasen- 
höhle des Hundes mit dem Absonderungsproducte der Schneider’schen 
Membran, die Eier von Strongylus gigas mit dem Urin nach Aussen 
ausgeführt*). Es ist für die Entleerung der Eier nicht einmal un- 
umgänglich nothwendig, dass die Wohnstätte der Parasiten mit der 
Aussenwelt, wie in den bisherigen Fällen, in unmittelbarer Communi- 
cation steht. Kennen wir doch Beispiele, in denen sich solche Com- 
municationen erst nachträglich und abnormer Weise in Folge des 
Parasitismus bilden. So brechen u. a. die Eier und Embryonen des 
Distomum haematobium aus den venösen Blutgefässen der Harn- 
organe und des Mastdarms, in die sie ursprünglich abgelegt wurden, 


*) Die mikroskopische Untersuchung der Faeces und der Auswurfs-toffe überhaupt 
wird unter solchen Umständen zu einem diagnostischen Mittel von hoher, fast untrüg- 
licher Bedeutung. 


60 Wurmnester. 


dadurch in die benachbarten Räume hinein, dass die erste Lager- 
stätte derselben geschwürig entartet. Das Gleiche geschieht mit den 
Eiern des beim Schweine in der Nachbarschaft der Niere lebenden 
Stephanurus (des kidney-worm der Amerikaner), die in das Nieren- 
becken übertreten, nachdem die von dem Wurme herrührenden Bohr- 
gänge in dasselbe sich geöffnet haben. Die Embryonen des Dracun- 
culus (Filaria medinensis), der bekanntlich zwischen den Muskeln lebt, 
gelangen durch einen Abscess nach Aussen, der sich bildet, sobald das 
Kopfende des Wurmes an irgend einer Stelle an die Outis andrängt. 

Berücksichtigen wir nun diese und ähnliche Fälle und erinnern 

wir uns dann zugleich an die Thatsache, dass die bei Weitem 
grössere Mehrzahl der geschlechtsreifen Helminthen dem Darmkanale 
angehört, dann erscheint es nicht länger zweifelhaft, dass wir mit 
Recht oben die grosse Verbreitung dieser Auswanderungen behaup- 
teten, und ihr für die Geschichte des Parasitismus eine hohe Be- 
deutung vindicirten. 
' Um so auffallender und interessanter werden uns dann aber 
jene Fälle, in denen das Gegentheil stattfindet, die Eier also bis 
zum Ausschlüpfen der Jungen an Ort und Stelle ver- 
weilen. 

Dass die Eier zu diesem Zwecke auf der äusseren Haut durch 
besondere Vorrichtungen befestigt werden, ist schon oben hervor- 
gehoben. In den innern Organen bedarf es solcher Mittel nicht, da 
die Unzugänglichkeit der Lagerstätte schon ohne Weiteres eine ge- 
nügende Sicherheit mit sich bringt. Die Eier werden hier gewöhn- 
lich in grösserer Menge neben einander im Parenchym abgelagert, 
und oft so zahlreich, dass sie förmliche Haufen von tuberkelartigem 
Aussehen, sogen. Wurmnester oder Wurmknoten, bilden. 

Am häufigsten beobachtet man solche Bildungen in den Lungen 
der Säugethiere, besonders der Schafe, Rinder und Kaninchen, bis- 
weilen in solcher Menge, dass dadurch Entzündungen entstehen, an 
denen die Thiere zu Grunde gehen*). Man kennt selbst förmliche, 


*) Bugnion stellt (Opt. rend. Soc. helvet. & Andermatt 1875, sur Ja pneumonie 
vermineuse des anim. domest.) mit den hier angezogenen Fällen auch die von mir 
(Parasiten, Bd. II. S. 103) beschriebenen Ollulanuscysten aus der Lunge der Katzen 
zusammen. Er behauptet im Gegensatze zu meiner Darstellung, dass dieselben nicht 
von verirrten und abgestorbenen Embryonen gebildet würden, sondern deutet sie — 
wie das auch Henle, der (Allgem. Patholog. Bd. II. S. 789 u. 798) den ersten Fall 
dieser Art heschrieb, gethan hatte — als Eier auf verschiedenen Stadien der Ent- 
wicklung. Nachdem meine Darstellung durch Stirling (on the changes produced in the 


Wurmnester, 61 


durch die Wurmknoten verursachte Epizootieen. Die Parasiten, welche 
die Eier ablegen, gehören zu den Strongyliden*) — beim Schaf zu 
Strongylus filaria, beim Rind zu Str. mierurus und Str. rufescens, 
beim Kaninchen zu Str. commutatus = Filaria leporis pulmonalis 
Fröhl. — zu einer Gruppe von Spulwürmern, deren Arten vielfach 
die Luftwege unserer Hausthiere bewohnen und auch dem Menschen 
nicht vollkommen fehlen**). Auch die Filarien bilden mitunter 
solche Wurmknoten. So fand Ecker einst bei einer Saatkrähe eine 
erbsengrosse gelbe Geschwulst am Darme, die eine erwachsene Filaria 
attenuata mit Eierhaufen einschloss***). Für gewöhnlich wird dieser 
Wurm übrigens frei zwischen den Darmwindungen seines Trägers 
oder im lockern Bindegewebe angetroffen, unter Verhältnissen, welche 
eine Ansammlung grösserer Eiermassen ausschliessen. Was aber bei 
Filaria attenuata nur ausnahmsweise geschieht, die Bildung von 
Wurmknoten, ist bei andern Filarien eine ganz constante Erscheinung. 
So namentlich bei der Filaria sanguinolenta des Hundes, die in 
wärmeren Gegenden nichts weniger als selten ist und in Caleutta 
bei fast jedem dritten Strassenhunde vorkommt. Die der Aorta 
und dem Oesophagus meist in grösserer Menge anhängenden Knoten 
enthalten — nach eingetretener Geschlechtsreife — neben den Wür- 
mern die abgelegten Eier auf allen Stadien der Entwicklung). 

Bei dem Menschen sind solche Bildungen bis jetzt noch nicht 
beobachtet — vorausgesetzt, dass man nicht auch die von Distomum 
(Bilbarzia) haematobium in den Venen des Harnapparates abgelegten 
Eiermassen, die einen nur kurzen Bestand haben, dahin rechnen 
will. Allerdings besitzen wir einige Beschreibungen von Wurmknoten 
aus der menschlichen Leiche, allein dieselben sind der Kritik gegen- 
über nicht stichhaltis fr). 


lungs by the Embryos of Ollulanus trieuspis, Quarterly Journ. microsc. Sc. 1877. Vol. 
XVII. p: 145) Bestätigung gefunden hat, brauche ich auf den Widerspruch Bugnion’s 
nicht näher einzugehen. Ich füge nur noch die Thatsache hinzu, dass auch Ollulanus 
hier und da in förmlichen Epizootieen auftritt. 
*) Leuckart, Parasiten. Bd. II. S. 106. 
=*) Diesing beschrieb aus der Lunge eines an Pneumonie verstorbenen Kindes 
einen Strongylus longevaginatus (Parasiten, Bd. II, S. 403), eine Form, die wahrschein- 
lich mit dem Strong. paradoxus aus den Lungen unserer Schweine identisch ist. , 
*#=#), Archiv für Anat. und Physiologie, 1845. S. 501. 
7) Lewis, the patholog. signification of nematode haematozoa. Caleutta 1874. 
tr) In dem Falle von Gubler (Gaz. med. de Paris 1858, p. 657, ausführlicher Mem, 
-soc. biol, 1859. T. V. p. 61), der hier gelegentlich angezogen wird, handelt es sich 
offenbar, wie schon in der ersten Auflage meines Parasitenwerkes (Bd. I, Nachträge 


62 Die an und in den Wirthen 


Es ist übrigens nicht ohne Interesse zu sehen, dass die bis jetzt 
beobachteten Fälle derartiger Wurmnester sich sämmtlich auf Ne- 
matoden zurückführen lassen. 

Sobald es nun aber feststeht, dass es Parasiten giebt, deren 
Eier an den Wohnstätten ihrer Eltern verweilen, also nicht ohne 
Weiteres nach Aussen abgeführt werden, wie es sonst die Regel ist, 
drängt sich uns die Frage nach den Schicksalen auf, denen die aus 
diesen Eiern hervorkommenden Embryonen entgegensehen. 

Am nächsten liest natürlich die Vermuthung, dass diese Em- 
bryonen neben ihren Eltern aufwachsen und gleich von Anfang an - 
das spätere Leben führen. Und in der That erscheint diese Ver- 
muthung für gewisse Schmarotzer vollkommen begründet. Es ist 
Jedermann bekannt, dass die jungen Läuse an der Stätte ihrer Ge- 
burt allmählich bis zur Geschlechtsreife heranwachsen, und ganz das- 
selbe haben auch die Untersuchungen von Wagener, mir und 
Zeller für die oben erwähnten Kiemenschmarotzer, wenigstens für 
Gyrodactylus, Diplozoon u. a., nachgewiesen. 

Die Lebensgeschichte der Parasiten ist in solchen Fällen ausser- 
ordentlich einfach. Eine Generation folgt der andern, ohne dass 
irgend ein Wechsel des Trägers oder nur des Organs nöthig würde. 
Geschieht einmal eine Auswanderung, so ist es der Zufall, der dabei 
seine Hand im Spiele hat, derselbe Zufall, der gelegentlich auch die 
Uebersiedelung des Parasiten von einem Träger auf den andern 
vermittelt. 

So viel wir mit Sicherheit wissen, sind es aber blosse Epizoen, 
die eine so einfache Lebensgeschichte besitzen. Allerdings hat man 
auch den Entoparasitismus nicht selten nach Analogie dieses Ver- 
haltens beurtheilt und namentlich die Spulwürmer häufig ohne 


S. 740) bemerkt werden konnte und seitdem ziemlich allgemein anerkannt wird, nicht 
um Helmintheneier, sondern um sog. eiförmige Psorospermien, die früher vielfach als 
Helmintheneier gedeutet wurden. Anders verhält es sich mit den von Virchow ein 
Mal in der Leber beobachteten „Wurmknoten“ (Archiv für pathol. Anat. Bd. XVIIL. 
S, 523), Die betrellenden Bildungen bestanden in der That aus Entozocneiern, aber 
nicht, wie vermuthungsweise ausgesprochen wird, von Pentastomum, sondern — einem von 
Virchow seiner Zeit mir zugeschickten (früher in Vergessenheit gerathenen) Präparate 
zufolge — von Ascaris lumbrieoides. Der Fall redueirt sich hiernach auf ein, wenn 
auch nicht ganz seltenes. doch abnormes Vorkommen des Spulwurmes in den Gallen- 
wegen (Parasiten, Bd. II. S. 236). Achnlich verhält es sich vielleicht mit den von v. Sie - 
hold (Archiv für Naturgesch. 1858. Th. IL. 8. 358) in der Milz einer Spitzmaus beob- 
achteten „„Wurmnestern“, die von Trichosomen herrührten, deren abgestorbene Leiber 
auch noch in einigen der Nester verknäuelt neben den Eiern angetroffen wurden, 


sich entwickelnden Embryonen. 63 


Ortswechsel aus ihren Eiern hervorgehen lassen. Allein alle diese 
Annahmen haben sich als irrig erwiesen. Es gilt das sogar für den 
Madenwurm (Oxyuris vermicularis), der meist in ausserordentlicher 
Menge den menschlichen Darm bewohnt und dadurch 
noch am ehesten einer derartigen Vermuthung Vorschub 
leisten konnte). 

In allerneuester Zeit haben wir freilich durch 
Norman von einem kleinen Nematoden gehört, der 
(& 1 Mm., 2 3,3 M.) in Cochin-China bei den an Diarrhoe 
erkrankten Personen in ungeheurer Menge nicht bloss 
den Darm, sondern auch die Ausführungsgänge der 
Leber. und Bauchspeicheldrüse bewohnt, binnen fünf 
Tagen seine volle Ausbildung erreicht und alle seine 
Entwicklungszustände an Ort und Stelle durchläuft, 
aber der Wurm ist, wie schon seine systematische 
Stellung beweist — er gehört zu Rhabditis (Anguillula 
stercoralis Norm.) und soll mit der Dujardin’schen Rh. 
terricola (Fig. 30) die grösste Aehnlichkeit haben**) — 
kein typischer Schmarotzer, sondern repräsentirt eine 
Nematodenform, deren Glieder nur gelegentlich ein 
Schmarotzerleben führen, für gewöhnlich aber im 
Freien #***) von putrescirenden organischen Substanzen 
sich ernähren (9. 2). 

Unter solchen Umständen dürfte es denn nach wie Rhabditis terri- 
vor feststehen, dass es keinen Eingeweidewurm _ 
giebt — reinen nicht unter den constant schmarotzenden 
typischen Formen — dessen Eier und Embryonen neben den 
Mutterthieren wieder zu ausgebildeten Geschöpfen 
werden, oder mit andern Worten keinen, welcher seine 


ken darf eh hier wohl zur Begründung dieser — mit den Angaben von 
Küchenmeister (Parasiten, 1. Aufl. S. 229) und Vix (über Entozoen bei Geistes- 
kranken, Ztschft. für Psychiatrie Bd. XVII) in Widerspruch stehenden — Behauptung 
auf die von mir in Bd. II. meines Parasitenwerkes niedergelegten Beobachtungen ver- 
weisen, die durch Zenker (Verhandl. der physik. med. Societät zu Erlangen, 1872. 
Hft. 2. S. 20) ihre Bestätigung gefunden haben. 

*#*) Unter diesem Namen hat Dujardin übrigens wohl mehrere verwandte Arten 
zusammengefasst. Ueber Rhabditis stercoralis selbst vergl. Norman, Cpt. rend. 1876. 
Juill. p. 316 u. 386, sowie Bavay, bei Davaine., |. c. II. Ed. p. 968. 

*%*#=) Vor Kurzem hat Grassi auch bei dem Kaninchen eine Rhabditisart im Dünn- 
darm aufgefunden, die aber von der Rh. stercoralis in einiger Beziehung abweicht, 
L’Anguillula intestinalis, Gazetta med. Ttal.-Lombard. 1878. No. 48. 


64 Haematozoen. 


gesammte Entwicklungsgeschichte an demselben Orte 
durchläuft*). 

Uebertragen wir den hier ausgesprochenen Satz nun auf die 
den sog. Wurmnestern entstammenden Embryonen, dann erscheint 
es nicht zweifelhaft, dass diese Geschöpfe keineswegs im Körper ihrer 
Wirthe zur Weiterentwicklung gelangen, sondern nach längerm oder 
kürzerm Verweilen aus demselben auswandern. Und damit stimmt 
denn auch das Wenige, was wir über die Schicksale dieser Thiere 
bisher aus directer Erfahrung kennen gelernt haben. So fand Ecker 
in der Leibeshöhle und dem Blute seiner Saatkrähe zahllose kleine 
filarienartige Nematoden, die er als die Embryonen der Filaria 
attenuata erkannte**) und auch auf einer spätern Entwicklungsstufe, 
als linienlange Würmchen, eneystirt, im Gekröse und an andern 
Orten aufgefunden zu haben glaubt. Aehnliche Beobachtungen 
kennen wir von Vogt, der***) in der Leibeshöhle eines Frosches 
zwei grosse, mehr als zolllange Filarien mit zahllosen Embryonen 
im Fruchtbehälter auffand und letztere auch zugleich im Blute cir- 
culiren sah. Ebenso wissen wir durch Lewis, dass die mit Filaria 
saguinolenta behafteten Hunde ganz constant auch Haematozoen 
enthalten, ganz wie es Gruby und Delafondr), so wie später Leidy 
und Walchrf) bei Anwesenheit der Filaria immitis in der rechten 
Herzhälfte desselben Thieres beobachteten. Im letztern Falle ist 
den Embryonen freilich der Uebertritt in das Blut ausserordentlich 
leicht gemacht, da sie von vorn herein einen Apparat bewohnen, in 


*) Es geschieht nicht ohne Absicht, dass ich hier von „‚Eingeweidewürmern“ und 
nicht von „‚Entozoen“ spreche, denn unter den gregarinenartigen Schmarotzern giebt es 
manche, die, wie es scheint, sehr regelmässig neben ihren Eltern aufwachsen. In 
andern Fällen, da, wo die Keimkörner erst im Freien Embryonen bilden, wird der 
Parasitismus freilich, wie bei den eigentlichen Eingeweidewürmern, durch Aus- und 
Einwanderung der Keime unterbrochen. 

*%) Die von Filaria attenuata abstammenden Haematozoen gehören in Leipzig zu 
den gewöhnlichsten Vorkommnissen. Unter 33 Krähen, welche Herr Stud. Kahane auf 
meine Veranlassung nach diesen Schmarotzern untersuchte, waren nicht weniger als 28, 
also fast 80 p. C., damit behaftet und manche in so ungeheurer Menge, dass schon 
das kleinste Blutströpfehen deren mehrere aufwies. Bei der Durchmusterung einer vor- 
her abgewogenen Blutmenge ergaben sich in einem solchen Falle auf 1 Mgr. Blut 
nicht weniger als 601 Embryonen, eine Zahl, die sich für die gesammte Blutmenge — 
dieselbe zu */;, des 360 Gr. betragenden Reingewichtes angenommen — auf ungefähr 
18 Millionen berechnet! 

*#**) Archiv für Anat, und Physiol. 1842. 5, 189. 

+) Cpt. rend. XLYI. p. 1217. 

rr) Monthly microscop. Journ. 1873. p, 157. 


Haematozoen des Menschen. 65 


den sie sonst nur auf dem Wege einer activen Wanderung übertreten 
können. 

Diese nematoiden Haematozoen haben in neuerer Zeit übrigens 
dadurch unsere besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dass sie 
auch bei dem Menschen (Fig. 31) aufgefunden wurden, und zwar 


Filaria sanguinis hominis (nach Lewis). 


unter Verhältnissen, die ihnen eine grosse pathognomonische Be- 
deutung geben. Allem Anscheine nach sind dieselben in den Tropen 
sogar von weiter Verbreitung, nicht bloss in der alten, sondern auch 
der neuen Welt*). Der erste Entdecker dieser menschlichen Haema- 
tozoen, Lewis in Calcutta**), glaubte dieselben als ausgebildete 
Parasiten (Filaria sanguinis) in Anspruch nehmen zu können, hat 
sich aber später davon überzeugt, dass sie — wie das von mir 
(Parasiten Bd. Il. S. 634) vorausgesagt war — von filarienartigen 
Würmern abstammen ***), welche im geschlechtsreifen Zustande (als 


*) Nachdem Magalhaes (o progresso medico, Rio de Janeiro 1878. p. 375) die 
Wuchererschen Urinwürmer auch im Blute aufgefunden hat, kannn nicht länger gezweifelt 
werden, dass es dieselbe Form ist, die in Brasilien, wie in Indien den Menschen heim- 
sucht. Auch in Australien ist der Wurm inzwischen beobachtet worden. 

##) On a haematozoon inhabiting human blood, Calcutta 1872. Sec. Edit. 1874. 

###) CGentralblatt für die mediein. Wissensch. 1877. No. 43, ausführlicher Lancet, 
Sept. 1877. p. 453. Vergl. hierüber auch Cobhold. Ibid. p. 495. 


Leuekart, Allgem. Naturgesch, d, Parasiten, 5 


66 Schicksale 


Filaria Bankrofti Cobb.) das Unterhautbindegewebe besonders des 
Scrotums bewohnen. 

Wenn die Haematozoen in ihren Trägern wieder zur vollen 
Ausbildung gelangten, dann müsste man bei diesen nicht bloss eine 
mit der Zeit unermesslich anwachsende Menge geschlechtsreifer Para- 
siten antreffen, sondern auch alle Zwischenstufen zwischen der Em- 
bryonalform und dem ausgebildeten Wurme vorfinden. Doch Keiner 
der bisherigen Beobachter vermochte Derartiges nachzuweisen. Die 
Haematozoen wurden immer nur auf derselben Entwicklungsstufe 
und von gleicher Grösse beobachtet, auch wenn die Beobachtungs- 
termine durch Monate und Jahre von einander getrennt waren 
(Gruby et Delafond). Selbst da, wo die geschlechtsreifen Thiere in 
verschiedenen Entwicklungsformen vorlagen, wie in den von Lewis 
beim Hunde beobachteten Fällen, selbst da liessen sich die jüngsten 
Zustände nicht direct an die Haematozoen anknüpfen. Die Unter- 
schiede, die zwischen ihnen obwalten und bis jetzt noch keine Ver- 
mittlung gefunden haben, zwingen zu der Annahme, dass beide durch 
eine Metamorphose in einander übergehen, die nicht im Körper des 
ursprünglichen Trägers, sondern in irgend einer Weise ausserhalb 
desselben abläuft. 

Zu dieser Auffassung bringt uns auch die Analogie mit den 
Trichinen, deren Geschlechtsthiere lebendige Junge gebären, welche 
sich gleich den Embryonen der eben erwähnten Filarien im Körper 
ihrer Träger alsbald auf die Wanderung begeben*). Dass dieselben 
bei ihren Wanderungen die Bluthahnen verschmähen und dafür das 
zwischen den Muskeln hinziehende Bindegewebe verfolgen, wird 
man wohl kaum zur Begründung einer tiefern Verschiedenheit von 
den wandernden Embryonen jener Filarien geltend machen wollen. 
Die Wanderung bleibt in beiden Fällen die gleiche, wenn auch die 
Art derselben eine verschiedene ist. Aber das Resultat dieser Wan- 
derung ist auch bei den Trichinen keineswegs die unmittelbare Rück- 
kehr zum Parasitismus der ausgewachsenen Thiere. Die Embryonen 
bleiben vielmehr in den Muskeln, sie entwickeln sich in denselben 
bis zu einer bestimmten Stufe, umgeben sich dann mit einer Oyste 
und verharren in diesem Zustande (als sog. Muskeltrichinen, Fig. 15), 
bis sie mit der Fleischkost in den Darm eines neuen Wirthes über- 
wandern. 


*) Vgl, hier besonders Leuckart’s Untersuchungen über Trichina spiralis. Leipzig. 
1860. 2. Aufl. 1865. 


der Haematozoen. 67 


Auch hier also kehren die wandernden Embryonen nicht ohne 
Weiteres wieder zu der Form und Lebensweise ihrer Eltern zurück. 
Den Uebergang zu vermitteln, bedarf es eines Wirthswechsels — 
und einen solchen Wirthswechsel nehmen wir auch für die Haema- 
tozoen in Anspruch. 


Nach den Beobachtungen Ecker’s, denen zufolge die Haema- 
tozoen der Krähe sich im Gekröse ihrer Träger einkapseln, könnte 
man vielleicht geneist sein, die Lebensgeschichte der Filaria attenuata 
genau unter demselben Gesichtspunkte zu betrachten, wie die der 
Trichmen, und anzunehmen, dass die Uebertragung in den neuen 
Wirth durch diese eingekapselten Formen vermittelt würde. Allein 
ich glaube Grund zu der Ännahme zu haben, dass die letzeren dem 
Entwicklunsskreise der Filaria attenuata fremd sind. Nicht bloss, 
dass die Kapseln sonst, was keineswegs der Fall ist, sehr viel allge- 
meiner und häufiger bei den Krähen sich finden müssten; es stimmen 
auch die Insassen derselben — so war es wenigstens in den von mir 
beobachteten Fällen — vollständig mit gewissen nematoiden Larven- 
zuständen überein, die auch bei andern Vögeln (ohne Filarıa atte- 
nuata und Blutwürmer) an derselben Stelle vorkommen. 


Hiernach darf man wohl annehmen, dass die Haematozoen nach 
längerem oder kürzerem Verweilen im Blute auf irgend eine Weise 
den Körper ihrer Träger verlassen und dann ihre Lebensgeschichte 
unter andern Verhältnissen fortsetzen. Das Verhalten der mensch- 
lichen Haematozoen gibt dieser Annahme auch eine positive Unter- 
lage, denn nach den Beobachtungen von Lewis gelangen dieselben 
mit dem Urine ihrer Träger nach Aussen, indem sie die Capillar- 
gefässe der Nieren durchbohren und dann in die Harnwege über- 
treten. Diese Beobachtung steht freilich noch allein, denn bei den 
übrigen Thieren mit Haematozoen hat man bis jetzt vergebens nach 
den Beweisen einer derartigen Auswanderung gesucht*). Wenn 
spätere Untersuchungen uns keines Besseren belehren — es wäre ja 
immerhin möglich, dass die Auswanderung an andern Orten und in 
einer mehr versteckten Weise geschieht, als bei dem Menschen, dessen 


*) Allerdings gibt Borrell (Archiv für pathol. Anat. 1876. Bd. 65. S. 399) an, dass 
die Hacmatozoen der Krähe durch die Gallenwege nach Aussen auswanderten, allein in 
den oben angezöogenen Untersuchungen Kahane’s liessen sich weder hier, noch in der 
Cloake, den Ureteren und Bronchien Filarien nachweisen — vorausgesetzt natürlich, 
dass eine jede Beimischung von Blut dabei vermieden wurde. 


B)&S 


68 Entwicklung der 


Urin nicht bloss die Auswanderer in beträchtlicher Menge*) aufweist, 
sondern auch durch das beigemischte Blut und Eiweiss eine auffallende 
Beschaffenheit annimmt — dann bleibt ja immer noch die Möglich- 
keit übrig, dass die Haematozoen ohne Veränderung im Blute fortleben, 
bis sie der Tod ihrer Wirthe befreit und in Verhältnisse bringt, die 
eine weitere Metamorphose gestatten. Man könnte für diese Ver- 
muthung auch die Thätsache geltend machen, dass es keineswegs 
gelingt, bei allen Thieren mit Haematozoen die Würmer aufzu- 
finden **), von denen dieselben abstammen. Und doch müssen diese 
einmal zu irgend einer Zeit vorhanden gewesen sein. 

Wir haben bisher nur die Schicksale jener Eier und Embryonen 
im Auge gehabt, die nach dem Ablegen in den Körper ihrer Wirthe 
eine längere Zeit hindurch verweilen. Aber so verhält es sich, 
wie bekannt, nur in der Minderzahl der Fälle. Gewöhnlich ge- 
langen die Eier alsbald nach dem Ablegen mit den De- 
jectionen des Parasitenträgers nach Aussen, sie gelangen 
bald hierhin, bald dorthin, wie es der Zufall mit sich bringt, an die 
verschiedensten Orte, unter die mannigfachsten Verhältnisse. 

Aber nicht alle diese Orte und Verhältnisse sind für die Er- 
haltung und das Fortkommen der Eier gleich günstig. Mögen die 
einzelnen Arten in dieser Beziehung auch immerhin ihre besondern 
Ansprüche machen, im Allgemeinen dürfen wir als erste und noth- 
wendigste Bedingung einer jeden Weiterentwicklung einen bestimmten 
Grad von Feuchtigkeit voraussetzen. Im Trockenen verlieren die 
Entozoeneier ihre Entwicklungsfähigkeit, und zwar meist nicht bloss 
für die Dauer ihres dermaligen Aufenthaltes, sondern für immer, 
während sie dieselbe im Feuchten oder im Wasser eine längere, mit- 


*, Wenn übrigens Cobbold (Märzsitzung der Linnaean Society 1876) diesen Aus- 
wanderern eine jede Bedeutung für die Lebensgeschichte der Filaria sanguinis (Fil. 
Bankrofti Cobb.) abspricht und die Vermuthung aufstellt, dass -es die blutsaugenden 
Musquitos seien, welche die Embryonen in sich zur weitern Entwicklung brächten, 
auch die Larven schliesslich wieder — durch Vermittlung des Trinkwassers, in das 
“ dieselben nach dem Tode der Musquitos gelangten — an den Menschen ablieferten, 
so ist das eine Annahme, die einstweilen kaum mehr für sich geltend machen kann, 
als die Thatsache, dass mit dem Blute auch zugleich die Hacmatozoen in den Darm 
der Musquitos übergehen. (Vergl. über denselben Gegenstand weiter die Anmerkung 
auf S. 85.) 

#*) So fanden Gruby und Delafond bei 24 Hunden mit Haematozoen nur ein 
einziges Mal die Filarien, von denen dieselben abstammten. Ebenso liessen sich auch 
unter den oben erwähnten 38 Krähen nur drei mit Filaria attenuata nachweisen. (Freilich 
bleibt die Vermuthung nicht ausgeschlossen, dass die geschlechtsreifen Würmer durch 
ihren versteckten Aufenthalt hier und da den Nachforschungen sich entzogen hätten,) 


nach Aussen gelangten Eier. 69 


unter sogar sehr lange Zeit behalten. Die Eier theilen in dieser 
Beziehung die Bedürfnisse der ausgebildeten Thiere, und ebenso auch, 
ja vielleicht in noch höherem Grade, die Embryonen, die bekanntlich 
nicht selten an Stelle der Eier und auf denselben Wegen, wie diese, 
nach Aussen gelangen. 

Doch wir dürfen auch hier nicht allzu sehr generalisiren. Kennen 
wir doch in der That eine Anzahl von Helminthen, deren Eier und 
Embryonen das Austrocknen ohne Lebensgefahr überstehen können. 
Sie gehören sämmtlich zu den Nematoden, zu einer Gruppe, über 
die wir in dieser Beziehung noch später ein Mehreres zu vermelden 
haben. Es ist dieselbe Gruppe, deren Repräsentanten trotz der Ein- 
fachheit ihres Baues und ihrer Entwickelung, oder vielmehr gerade 
desshalb, eine Mannisfaltiskeit und Variabilität der äussern Lebens- 
verhältnisse besitzen, wie wir sie sonst bei den Helminthen vergebens 
suchen. Nicht bloss, dass wir ausser den parasitischen und halb- 
parasitischen Nematoden auch frei lebende Formen kennen; wir 
finden unter ihnen selbst Arten, die den pflanzlichen Körper be- 
wohnen und hier nicht selten, wie z. B. an dem Waizen und Roggen, 
der Weberkarde und dem Klee, zu förmlichen Krankheiten Veran- 
lassung geben. Dass jene Vorgänge der Austrocknung bei den 
Pflanzenschmarotzern sehr regelmässig zu bestimmten Zeiten wieder- 
kehren und ein wichtiges Moment der Lebensgeschichte repräsentiren, 
wird uns kaum überraschen, wenn wir die Periodicität mn dem Ent- 
wicklungscyclus ihrer Träger in Betracht ziehen und z. B. bedenken, 
dass die mit der jungen Parasitenbrut besetzten und durch sie de- 
senerirten Waizenkörner, die sog. Gichtkörner, erst nach der winter- 
lichen Ruhe (durch die Aussaat) unter Verhältnisse kommen, in denen 
eine Auswanderung und weitere Entwicklung der Schmarotzer mög- 
lich wird*). Andrerseits aber erweckt diese Thatsache von vorn 
herein die Vermuthung, dass die Fähigkeit der Trockenstarre nicht 
ausschliesslich auf die Planzennematoden beschränkt sei, vielmehr in 
gleicher Weise auch gelegentlich bei den in Thieren schmarotzenden 
Nematoden vorkomme. 

Um den Einfluss zu prüfen, den das Austrocknen auf die Ent- 
wicklungsfähigkeit der Nematodeneier ausübt, habe ich mich eines 
sehr einfachen Apparates bedient, einer Art Thaukammer, die durch 
das Einschalten eines ringförmigen Papierbausches zwischen zwei 


*) Vgl. hierüber besonders die schönen Untersuchungen von Davaine über An- 
guillula tritici, Y’Instit. 1855. p. 330, oder (ausführlicher) Mem, Soc, biolog. 1856. 


70 Austrocknen der Eier. 


grossen Objeetgläschen construirt wurde. Durch Anfeuchten resp. 
Austrocknen des Fliesspapieres konnten die in dem Innenraume 
deponirten Eier beliebig unter Wasser gesetzt und in eine mehr oder 
minder feuchte Atmosphäre gebracht werden. 

Der Gebrauch dieses Apparates stellt es ausser Zweifel, dass 
die Eier zahlreicher Nematoden (Fig. 32), besonders derer, die mit 
fester Schale versehen sind (Asc. lumbricoides, A. megalocephala, 
A. mystax u. a., auch vieler erdbewohnender Rhabditiden) nicht 
bloss ein kürzeres, dass sie auch ein wochen- und monatelanges Aus- 
trocknen ungefährdet überstehen und selbst dann ihre Entwicklungs- 
fähigkeit behalten, wenn Trockniss und Feuchtigkeit beliebig oft mit 


Fig. 32. 


A) Eier von Ascaris lumbricoides und B) Trichocephalus dispar: a) frisch aus dem 
Kothe, b) nach längerem Aufenthalt im Freien. 

einander abwechseln. Die Entwicklung macht übrigens nur im 
Feuchten Fortschritte und sistirt beim Austrocknen, doch genügt 
schon eine mit Wasserdampf geschwängerte Atmosphäre, sie von 
Neuem anzuregen und weiter zu führen. Es hat mir sogar geschienen, 
als wenn die feuchte Luft weit günstiger für die Entwicklung sei, 
als eine fortwährende Berührung mit grösseren Wassermassen. In der 
feuchten Erde geht die Entwicklung gleichfalls verhältnissmässig rasch 
und sicher von Statten. Lässt man die Erde austrocknen, so hemmt 
man die Weiterentwicklung*), ohne jedoch zugleich die Keimkraft 
zu zerstören. 

Wie die Eier, so verhalten sich auch die darin eingeschlossenen 
Embryonen. Man kann sie durch Eintrocknen beliebig in einen 
Ruhestand versetzen und durch Wasserzusatz wieder zum Leben auf- 


*) Die Behauptung von Davaine (Mm. Soc. biol. 1862. S. 272), dass die Ascariseier 
von Landthieren auch in völliger Trockniss zur Entwicklung kämen, beruht bestimmt auf 
einem Irrthume, 


Entwicklungsbedingungen. 71 


erwecken, wie das übrigens für manche Arten mit freien Embryonen 
(z. B. Filaria medinensis, auch Rhabditis) schon früher bekannt war. 

Aber alle diese Erfahrungen können die Gültigkeit des Satzes 
nicht beeinträchtigen, dass die Feuchtigkeit der Umgebung 
für die ausgewanderten Entozoeneier zu ihrem weitern 
Fortkommen nothwendig sei. Natürlich aber ist dieselbe nicht 
die einzige Bedingung. Der Grad dieser Feuchtigkeit, die sonstige 
Beschaffenheit der Umgebung, ihre chemische Zusammensetzung, be- 
sonders auch ihre Wärme, das Alles sind Factoren, die hier gleich- 
falls in’s Gewicht fallen und voraussichtlich bei den einzelnen Arten 
in verschiedener Weise. 

Leider sind unsere positiven Erfahrungen über die hier vor- 
kommenden Verschiedenheiten nur dürftig, aber Einzelnes hat sich 
doch auch in dieser Beziehung constatiren lassen. 

So wissen wir namentlich, dass die Eier gewisser Nematoden, 
und zwar vornehmlich wiederum jene, die eine feste und dicke Schale 
haben, wie die oben erwähnten Ascarisarten, eine ganz ausser- 
ordentliche Resistenzkraft besitzen, uhd das bis zu einem solchen 
Grade, dass sie sogar in Spiritus‘, Terpentinöl und Chromsäure, also 
in giftigen Flüssigkeiten, die den ausgebildeten Thieren rasch den 
Tod bringen, Monate lang in Integrität bleiben, zum Theil selbst*) in 
diesen Flüssigkeiten allmählich einen Embryo entwickeln (Bischoff, 
Leuckart, Munk). Hier und da scheint übrigens auch der Con- 
centrationsgrad der Flüssigkeit nicht ohne Einfluss. So fand z. B. 
Vix, dass Ascarideneier in einer Seifenlösung von 0,5°/, zertielen, 
während sie in einer solchen von 1°/, sich entwickelten. Ebenso 
gehen die Eier der Ascariden (A. lumbricoides) in künstlich ange- 
legten kleinen Senkgruben und faulendem Urine nach meinen Ex- 
perimenten allmählich dem Untergange entgegen, wie sie denn auch 
nicht selten durch Verderbniss des umgebenden Wassers zum Zerfall 
gebracht werden. Doch das Alles beweist am Ende nicht mehr, als 
dass die Resistenzkraft unserer Eier eine begrenzte ist.z 

Die hier angezogenen exquisiten Fälle dürfen uns übrigens nicht 
zu der Annahme verleiten, als wenn die Resistenzfähigkeit der Eier 
bei den übrigen Helminthen eine geringe sei. Allerdings steht die- 
selbe meist beträchtlich hinter jener zurück, die wir bei gewissen 
Nematoden so eben kennen lernten, allein im Vergleiche mit andern 


*) Es gilt das auch für die eiförmigen sog. Psorospermien, die wir als die Keim- 
körner gregarinenartiger Schmarotzer zu betrachten haben. 


72 Beschaffenheit der Eihüllen. 


Thieren dürfte dieselbe doch immer noch sehr allgemein einen hohen 
Werth beanspruchen. Nur ‘bei längerer Dauer haben ungünstige 
äussere Verhältnisse auf sie einen verderblichen Einfluss — im ganzen 
aber einen bestimmt viel geringern, als bei der grössern Menge der 
übrigen Geschöpfe. Natürlicher Weise ist das wohl weniger Folge 
- einer besondern Beschaffenheit des Protoplasma, als vielmehr abhängig 
von der Natur und den Eigenschaften der umhüllenden Eischale. 

In dieser Hinsicht erscheint es auch nicht ohne Bedeutung, 
dass die Eier der Helminthen nicht bloss sehr häufig, wie wir das 
für einzelne Arten schon oben hervorhoben, mit einer festen und 
dicken Schale versehen sind, sondern oftmals noch eine einfache 
oder mehrfache accessorische Hülle von wechselnder Beschaffenheit 
tragen und dadurch denn ein bisweilen sehr eigenthümliches und 
charakteristisches Aussehen annehmen. Allerdings ist es bei diesen 
Hüllen wohl nicht immer und überall nur auf eine Verstärkung der 
Resistenzkraft abgesehen. Vielmehr mögen dieselben in manchen 
Fällen auch eine andere Bedeutung haben. So kann man sich z. B. 
leicht überzeugen, dass die Eier des in der Nasenhöhle des Hundes 
schmarotzenden Pentastomum taenioides der vielfach gefalteten äussern 
Haut, die sie mantelartig umgiebt, jene grosse Klebkraft verdanken, 
die eine Uebertragung auf die verschiedensten Gegenstände (beim 
Schnüffeln) erleichtert. Eine ähnliche Bedeutung haben ohne Zweifel 
die bisweilen vorkogmenden faden- oder quastenförmigen Verlänge- 
rungen der äussern Eihaut (Fig. 33) oder die Eiweissüberzüge, die 
man hier oder dort (Fig. 32a) auf der eigent- 
lichen Schale antrifft. Selbst die lebendigen 
Umhüllungen, in denen die Helmintheneier 
mitunter (bei den Tänien) nach Aussen ge- 
langen, dürften in dieser Beziehung nicht 
ohne Werth sein, und das um so weniger, als 

Ei einer Vogeltaenie dieselben meist noch eine Zeit lang mit ihrer 

eanyrapn2e). frühern Beweglichkeit die Mittel einer selbst- 

ständigen, von äussern Agentien bis zu gewissem Grade unabhängigen 
Verbreitung besitzen. 

Trotz allen diesen Einrichtungen gehen aber begreiflicher Weise 
Tausende und abermals Tausende von Helminthenkeimen durch die 
Ungunst der äussern Verhältnisse zu Grunde. Indessen was will das 
da bedeuten, wo die Fertilität nach Hunderttausenden und Millionen 
geschätzt wird. 

Doch gesetzt, die Eier unserer Parasiten finden nun wirklich 


Einfluss der Wärme. 73 


jene Bedingungen, die ihnen eine Erhaltung ihres Lebens und ihrer 
Keimkraft sichern, wie gestalten sich dann deren weitere Schicksale’? 

Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir zunächst er- 
wägen, dass, wie auch oben schon bemerkt wurde, der Entwicklungs- 
zustand der Eier zur Zeit der Ausfuhr ein verschiedener ist. In 
vielen dieser Eier hat sich vielleicht schon vor der Geburt (wie bei 
den Acanthocephalen und Taenien, vielen Distomeen u. a.) ein 
Embryo entwickelt, während zahlreiche andere noch den ursprüng- 
lichen Dotter enthalten. Aber die Anwesenheit eines Embryo er- 
scheint als Vorbedingung jeder weitern Veränderung. Die bis dahin 
nur unvollständig oder noch gar nicht entwickelten Eier 
durchlaufen also zunächst nach ihrer Auswanderung die 
Vorgänge der Embryonalbildung bis zur Ausscheidung 
eines lebensfähigen und lebendigen Geschöpfes. 

So wissen wir es namentlich von den Nematodeneiern, die wir 
nach dem Vorgange von Schubart und Richter nicht bloss in 
kleinen Aquarien massenhaft ausbrüten, sondern auch, wie oben er- 
wähnt, in feuchter Atmosphäre und feuchter Erde mit gleicher und 
vielleicht noch grösserer Sicherheit zur Entwicklung gelangen lassen. 
So aber auch von den Eiern zahlreicher Bandwürmer (Bothriocepha- 
liden) und Trematoden. 

In vielen, wohl den meisten Fällen geht die Embryonal - Ent- 
wieklung der Eier übrigens nur zur Sommerszeit vor sich, und 
auch dann bei manchen Arten nur da, wo eine grössere Wärme auf 
dieselben einwirkt. So verlangen die Eier von Asc. lumbricoides 
einer Einwirkung von mindestens 16° R., die von Trichocephalus von 
18°, die von Oxyuris vermicularis sogar von 32°. Freilich entwickeln 
die Eier der letztern schon nach wenigen Stunden, bei höherer 
Temperatur sogar in noch kürzerer Zeit, 
einen vollständigen Embryo, während 
die Eier von Ascaris und Tricho- 
cephalus, die allerdings ihre ganze Ent- 
wicklung im Freien durchlaufen — die 
Eier von Oxyuris enthalten schon beim 
Ablegen einen halbfertisen Embryo 


" Be T Eier von Oxyuris vermicularis. a, b 
(Fig. 34) — dazu mehrere Wochen be- frisch abgelegt, ce mit ausgebildetem 
dürfen. Bei wechselnder Temperatur, Embryo. 


wie sie des Sommers bei uns zu herrschen pflegt, vergehen in der 
Regel viele Monate, bevor ein lebensfähiger Embryo sich ausscheidet. 
- Besonders bei Trichocephalus, der seine Entwicklungszeit nur selten 


74 Entwicklungsdauer. 


binnen eines Jahres abschliesst, während Ascarıs lumbricoides dazu 
im Freien meist 3 bis 4 Monate — Asc. mystax vielleicht 3 Wochen 
— bedarf. Im Gegensatze hierzu braucht Dochmius duodenalis 
(allerdings in wärmerem Klima) zu seiner Embryonalentwicklung nur 
weniger Tage. Aehnliche Unterschiede finden sich bei den Trema- 
toden und Cestoden, deren Eier bald gleichfalls schon nach einigen 
Tagen (Triaenophorus), bald erst nach Wochen (Ligula) und Monaten 
(Bothriocephalus latus, Distomum hepaticum u. a.) zur Entwicklung 
kommen. Und selbst hier nur zur Sommerszeit. Des Winters ge- 
schieht die Entwicklung auch im geheizten Zimmer nur langsam und 
unregelmässig, so dass man z. B. bei Asc. mystax oft erst nach 
Monaten die jüngsten Stadien der Furchung zur Ansicht bringt. 

Ausser der Wärme*) dürften hier übrigens noch mancherlei 
andere Momente bestimmend sem. Zum Theil Momente von in- 
dividueller Natur, wie wenigstens dadurch wahrscheinlich wird, dass 
die Eier einer Versuchsreihe nur selten in ihrer Entwicklung gleichen 
Schritt halten, indem einzelne mitunter schon einen fertigen Embryo 
einschliessen, während andere eben erst die Furchung beginnen oder 
noch in tiefster Ruhe verharren. Dass es daneben auch unter sonst 
günstigen Umständen zahlreiche Eier gibt, die sich niemals ent- 
wickeln, bedarf kaum der besondern Erwähnung, doch kann man 
diese meist schon ziemlich frühe daran erkennen, dass der sonst 
scharf begrenzte Dotter zerfällt und als feinkörnige, halbdurchsich- 
tige Masse durch den ganzen Eiraum sich verbreitet. Wenn wir die 
Vermuthung aussprechen, dass die Mehrzahl dieser tauben Eier un- 
befruchtet geblieben sei, so stützen wir uns dabei auf die weitere 
Erfahrung, dass mitunter ganze (wohl von jungfräulichen Spulwürmern 
abstammende) Infusionen auf dieselbe Weise ohne nachweisbare äussere 
Veranlassung zu Grunde gehen. 

Bei Entozoen mit kurzer Entwicklungszeit (z. B. Dochmius 
duodenalis) geschehen die ersten Phasen der Embryonalbildung meist 
schon während des Durchtrittes durch den Darmkanal. Gelegentlich 
durchlaufen die Eier sogar ihre ganze Entwicklung. im Körper des 
Wirthes, wie das namentlich da nicht selten ist, wo sie eine längere 
Zeit in demselben verweilen. Unter Umständen mag ein längerer 
Aufenthalt in dem lebendigen Wirthe sogar eine Vorbedingung der 
embryonalen Entwicklung sein. 


*) Vix sah die Oxyuriseier im Sonnenscheine schon nach einer Viertelstunde einen 
beweglichen Embryo entwickeln. A. o. O. 8. 65. 


Beschaffenheit der Embryonen. 75 


Obwohl unsere Erfahrungen über die Keimfähigkeit der Ento- 
zoeneier dermalen erst auf eine verhältnissmässig kleine Anzahl von 
Experimenten und Beobachtungen sich stützen*), so sind dieselben 
doch im Wesentlichen so übereinstimmend, dass sie über die all- 
gemeine Verbreitung jener Eigenschaft keinen Zweifel aufkommen 
lassen. Mit vollem Rechte dürfen wir demnach behaupten, dass die 
Embryonen der oviparen Entozoen sich nach Ablegen der Eier ent- 
wickeln, wie sich die der viviparen (oder ovi-viviparen) Arten bereits 
vorher entwickelt haben, mit andern Worten also behaupten, dass 
die Eier aller Schmarotzer, falls sie nur die für ihre 
Entwicklung günstigen Bedingungen finden, in irgend 
einer Zeit, später oder früher, einen Embryo aus- 
scheiden**). 


Einwanderung der jungen Brut. 


Die Embryonen der Entozoen haben übrigens keineswegs in 
allen Fällen die Form uud Ausstattung der Mutterthiere. Im Gegen- 
theil, eine solche Uebereinstimmung ist ausserordentlich selten und 
selbst bei den Nematoden, denen man eine Metamorphose gewöhn- 
lich absprieht, eine meist nur scheinbare. In der Mehrzahl der 
Fälle (bei den Cestoden, Distomeen, Echinorhynchen, auch den Pen- 
tastomen) gehen die Unterschiede so weit, dass kaum noch irgend 
welche Aehnlichkeit zwischen den Entozoen und den ausgebildeten 
Würmern obwaltet (Fig. 35, 36 u. 37). 

Es geschieht übrigens weniger aus zoologischen Gründen, zur 
Vervollständisung unserer Kenntnisse über die Organisation der 
Schmarotzer, dass wir diese Thatsache hervorheben, als vielmehr 
desshalb, weil die Heteromorphie der Embryonen für die Lebens- 
geschichte unserer Thiere die grösseste Bedeutung hat. 

Wie die Gestalt und Ausstattung eines Geschöpfes nirgends 
gleichgültig ist, vielmehr überall den Voraussetzungen bestimmter 
Fähigkeiten und Lebensformen entspricht, so lässt auch jene That- 
sache keinen Zweifel, dass die Embryonen der Entozoen unter Ver- 
hältnissen leben und Leistungen üben, die den ausgebildeten Thieren 


*) Vgl. hierzu noch die Beobachtungen von Willemoes-Suhm, Ztschft. für 
wissensch. Zoologie 1872. Bd. XXIII. S. 343 (Bothriocephalus) und S. 337 (Trematoden). 
**) Dasselbe gilt für die Keimkörner der Gregarinen (die sog. Psorospermien oder 
Pseudonavicellen), die früher oder später (d. h. noch im Innern ihrer Träger oder im 
Freien) gleichfalls Embryonen in sich entwickeln. 


76 Embryonenhaltige Eier. 


fremd sind. Und diese Eigenthümlichkeiten erscheinen von vorn 
herein um so bedeutungsvoller, als die Schicksale der Embryonen 


Fig. 36. Fig. 37. 


Ai hllanı 


h 


if 


“| 


Fig. 35. Ei von Distomum hepaticum mit Embryo. 
Fig. 36. Ei von Bothriocephalus latus mit Embryo. 
Fig. 37. Ei von Echinorhynchus gigas mit Embryo. 


überall bestimmend auf die Gestaltung der Lebensgeschichte ein- 
wirken. 

Doch wenden wir uns mit unseren Fragen und Betrachtungen 
lieber unmittelbar an den realen Inhalt unserer Erfahrungen. 

Da sehen wir denn die Schicksale der nach Aussen ge- 
langten Embryonen, gleichgültig ob diese erst nachträglich sich 
entwickelten oder schon beim Ablegen der Eier vorhanden- waren, 
insofern nach einer zwiefachen Richtung auseinandergehen, als die- 
selben in dem einen Falle nach Abschluss der Entwicklung aus den 
Eihüllen hervorbrechen und dann eine kürzere oder längere Zeit 
hindurch ein freies Leben führen, in dem andern Falle aber in 
ihren Eihüllen verharren oder diese vielmehr erst dann verlassen, 
wenn die Eier auf irgend eine Weise im den Darm eines neuen 
Wirthes gelanet sind. Im letztern Falle kann man den Schmarotzern 
nach dem sewöhnlichen Sprachgebrauche kein eigentliches freies 
Leben zuschreiben, da es immer nur die Eier und niemals die im 
Innern eingeschlossenen Thiere sind, die im Freien gefunden werden. 
Selbst wenn man gegen diesen Sprachgebrauch hervorheben wollte, 
dass die gewöhnliche Anschauungsweise zwischen dem lebendigen 
Individuum und dem entwicklungsfähigen und entwickelten Eie eine 
vielleicht allzu scharfe Grenze zieht, muss man auf der andern Seite 
doch zugeben, dass der Verkehr mit der Aussenwelt bei einem 


Einwirkung der Verdauungssäfte. 27 


Embryo, der noch von der Eihülle umschlossen wird, ungleich: be- 
schränkter ist, als bei einem freien Thiere, selbst wenn sich letzteres 
durch seinen Entwicklungsgrad in keinerlei Weise über ersteren 
erhebt. 

Ob nun der Embryo eines Parasiten nach Abschluss seiner Ent- 
wicklung frei wird oder nicht, hängt, wie es scheint, zum grossen 
Theile von der Beschaffenheit der äusseren Eihülle ab. 
Mit der Dicke und der Festigkeit der letztern wächst der Wider- 
stand, den der ausschlüpfende Embryo zu überwinden hat, und das 
eventuell in einem solchen Grade, dass das Ausschlüpfen, d.h. das 
selbständige Ausschlüpfen geradezu unmöglich wird. Um den Embryo 
zu befreien, bedarf es dann noch besonderer günstiger Momente; 
das Ei gelangt in solchen Fällen m den Darm, es gelangt zunächst 
in den Magen eines Thieres — und hier geht nun unter dem Einflusse 
der Magensäfte eine Auflösung oder wenigstens eine Auflockerung 
der Eihülle vor sich, so dass der Embryo ohne sonderliche Schwierig- 
keiten frei wird. 

Dass wir es dabei wirklich mit einem Verdauungsphänomene zu 

thun haben, kann nach den von mir in dieser Beziehung bei den 
Bandwürmern angestellten Beobachtungen und Experimenten *) nicht 
bezweifelt werden. 
In den einzelnen Fällen wird übrigens, der chemischen und 
physikalischen Beschaffenheit der Eischale entsprechend, die Ein- 
wirkung der Verdauungssäfte eine verschiedene Intensität besitzen 
müssen, wenn der Embryo aus seiner Umhüllung hervortreten soll. 
Allerdings sind uns die Unterschiede in der Verdauungskraft der 
Thiere bis jetzt nur wenig bekannt, dass sie aber in Wirklichkeit 
existiren und für das Vorkommen der Helminthen, so wie deren 
Verbreitung unter den Thieren wichtig sind, können wir nicht be- 
zweifeln, sobald wir z. B. sehen, dass die Eier unserer gemeinen 
Blasenbandwürmer wohl von Säugethieren, aber nicht vom Frosche 
verdaut werden. Im Ganzen scheint überhaupt die Verdauungskraft 
der kaltblütigen Thiere gegen die der warmblütigen beträchtlich 
zurückzustehen, wie denn auch die Fliegenlarven, Asseln, Tausend- 
füsse, Mehlwürmer u. a. die Schale junger Bandwurmeier nicht auf- 
lösen und die Eier von Asc. lumbricoides ohne Verdauung des In- 
haltes den Darm passiren lassen, 

Hängt es übrigens wirklich, wie wir behauptet haben, von der 


*) Leuckart, Blasenwürmer. $, 100, 


78 Ausschlüpfen der Embryonen. 


Beschaffenheit der Eischale ab, ob der Embryo eines Schmarotzers 
im Freien ausschlüpft oder nicht, dann werden wir für die Arten 
der erstern Gruppe zumeist den Besitz von dünnen und zarten, leicht 
zu durchbrechenden Hüllen vermuthen dürfen. In der That trifft 
das auch für viele Fälle, besonders aus der Ordnung der Nematoden 
(Dochmius, Sclerostomum u. a.) vollständig zu. Allein diese dünnen 
Eischalen gewähren ihren Insassen keineswegs den Schutz und die 
Resistenzkraft, '!die mit emer grössern Festigkeit verbunden zu sein 
pflegen. Sie finden sich desshalb auch keineswegs bei allen Arten 
mit freien Embryonen und fehlen namentlich überall da, wo die 
Incubationszeit eine längere Dauer beansprucht. In solchen Fällen 
besitzt die Schale die gewöhnliche Festigkeit, gleichzeitig aber auch. 

eine Deckelvorrichtung, die einem von Innen 

„ig. 38. kommenden Anstosse nachgiebt, beim Andrängen 
des Embryo also sich lüftet und abhebt (Fig. 38). 
So finden wir es namentlich bei den Distomeen 
und Bothriocephaliden, aber auch bei manchen 
Ecetoparasiten, wie z. B. den Läusen. 

Uebrigens wollen wir nicht behaupten, dass 
run die Abwesenheit eines Deckels an der festen 

othriocephaluseier mit Ä i y £ 
Deckel; eines ieer. Eischale in allen Fällen bei den Parasiten 
ein selbständiges Ausschlüpfen des Embryo ver- 
hindere. Es wäre ja möglich, dass derselbe durch besondere Aus- 
rüstung mit Kopfstacheln und anderen derartigen Waffen die Schale 
zu zerbrechen vermöchte, wie das von andern Thieren mit fester 
Eischale bekannt ist und in der That auch unter den Entozoen für 
Gordius angegeben wird; selbst möglich, dass die feuchte Umgebung 
durch ihren fortwährenden Einfluss die feste Schale schliesslich zur 
Verwesung und Auflösung brächte, wie man das z. B. an den Eiern 
unserer Spulwürmer bisweilen beobachten kann. 

Doch dem sei, wie ihm wolle. Was uns zunächst interessirt, ist 
die Thatsache, dass es Parasiten und zwar zahlreiche Pa- 
rasiten giebt, die in ihrer Jugend ein freies Leben 
führen. Die meisten derselben verbringen diese Zeit im Wasser, 
an Localitäten, welche die Eier auf einem mehr oder weniger direeten 
Wege schon vor dem Ausschlüpfen der Jungen gefunden haben. 
Bald schwimmen sie hier mit Hülfe eines Flimmerkleides (Bothrio- 
cephalus, Monostomum u. a. Trematoden, Fig. 39 u. 40) oder beson- 
derer Ruderfüsse (Fischläuse), bald liegen sie ziemlich träge auf dem 
Grunde, den Schlamm nach verschiedenen Richtungen hin durch- 


Freie Embryonen. 79 


-setzend. Andere Arten, besonders Nematoden, bewohnen statt des 
Wassers auch die feuchte Erde, ja es giebt selbst — wenngleich nur 


Fig. 40. 


\ \\\ Ni ji 
NN NUN \N Kylis/ MW. 
EN N \ Il) Up, 
NN IR SLR 


Fig. 39. Freier Embryo von Distomum hepaticum. 
Fig. 40. Freier Embryo von Bothriocephalus latus. 


unter den luftathmenden Insekten — Parasiten, deren Jugendzustände 
eine mehr trockene Umgebung aufsuchen. Als bekanntes Beispiel 
erwähnen wir hier die Flohlarven (Fig. 41), die an 
versteckten Orten in der Nähe modernder organischer 
Substanzen (in schmutzigen Winkeln, dem Schutte 
der Hühnerställe u. dergl.) oftmals massenhaft ge- 
funden werden. 

Durch diese Zusammenstellung der Flohlarven 
mit den frei lebenden Jugendformen der Helminthen 
soll übrigens nicht gesagt sein, dass die letztern in 
allen Fällen und in jeder Beziehung mit den erstern 
übereinstimmten. 

Das Leben der Flohlarven ist bekanntlich von 
langer Dauer und von so hoher Bedeutung für 
Wachsthum und Metamorphose, dass wir es dem 
Leben des ausgebildeten Thieres dreist als gleich- 
berechtigt an die Seite stellen dürfen. Ganz anders Alaileae, 
aber verhält es sich bei den Entozoen, wenigstens der weitaus 
srössern Mehrzahl. Denn nicht bloss, dass die Eingeweidewürmer 
während des freien Lebens mit wenigen Ausnahmen keine Nahrung 
geniessen, sie verharren gewöhnlich auch nur kurze Zeit in diesem 


s0 Rhabditisförmige Embryonen. 


Zustande und benutzen die Fähigkeit der Ortsbewegung wesentlich 
nur als das Mittel einer weitern Verbreitung und der 
Einwanderung. An die Stelle des blinden Zufalls, der sonst die 
Uebertragung der Parasitenkeime beherrscht, tritt jetzt die eigne 
Bestimmung. Trotz der meist nur nach Stunden bemessenen Dauer 
reicht das freie Leben — unter sonst günstigen Verhältnissen — 
aus, den passenden Wirth zu suchen und in denselben einzudringen. 

Noch in der ersten Auflage meines Parasitenwerkes musste ich 
es unentschieden lassen, ob es auch Entozoen gebe, deren freies 
Leben eine längere Dauer habe und durch die Aufnahme von 
Nahrungsstoffen die Möglichkeit einer Grössenzunahme und Weiter- 
bildung gewähre. Im Hinblick auf die so vielfach wechselnden Lebens- 
verhältnisse der Nematoden hielt ich es übrigens schon damals für 
wahrscheinlich, dass derartige Beispiele, wenn sie überhaupt vorkämen, 
zunächst unter den genannten Thieren zu suchen seien. Diese Ver- 
muthung hat sich vollständig bestätigt. Meinen Untersuchungen über 
die Lebensgeschichte der Nematoden verdanken wir den Nachweis*), 
dass es unter ihnen zahlreiche Arten giebt, besonders Strongyliden 
(von menschlichen Schmarotzern Dochmius duodenalis), die in der 
Jugend nach Bau und Lebensweise mit den frei lebenden Rhabditiden 
übereinstimmen (Fig. 42, 43), gleich diesen wenigstens eine Zeitlang 
fressen und wachsen, dann aber nach einer Häutung, bei der die 
charakteristischen Eigenthümlichkeiten und namentlich auch die 
Pharyngealbewaffnung von Rhabditis verloren geht,. in ein Lebens- 
stadıum übertreten, in dem mit dem Aufhören der frühern Nahrungs- 
aufnahme und des Wachsthums die Nothwendiskeit eines Parasitis- 
mus anhebt. Ich brauche kaum hervorzuheben, dass die schon oben 
(5. 2) mit kurzen Worten amgezogene Lebensgeschichte der sog. 
Ascaris nigrovenosa sich eng an diese Fälle anschliesst. Nur dass die 
Rhabditisformen, die sonst bloss den Jugendzustand darstellen, hier 
zu einer selbständigen Generation sich entwickelt haben, die erst in 
ihren Nachkommen wieder zum Parasitismus zurückkehrt. 

Unter den übrigen Helminthen, den Cestoden, Acanthocephalen 
und Distomeen, sind derartige Erscheinungen nicht bekannt, bei 
den Arten der zwei erstgenannten Gruppen auch dadurch un- 
möglich, dass dieselben schon in der Jugend des zur Nahrungs- 
aufnahme nothwendigen Darmapparates entbehren. Wo bei diesen 
Thieren freie Jugendzustände vorkommen, da dienen dieselben aus- 


*, Die näheren Auseinandersetzungen siehe Parasiten. Bd, IL. S. 131 u, 436 #, 


der Nematoden, s1 


schliesslich zum Zwecke einer selbständigen Wanderung. Uebrigens 
sind die Entozoen keineswegs die einzigen Thiere, deren Lebensge- 
schichte mit einer solchen Schwärmperiode anhebt. Derartige Jugend- 
zustände sind vielmehr nichts weniger als selten und namentlich bei 


Fig. 42. Fig. 48. 


Fig. 42. Embryo von Rhabditis terricola. 


Fig. 43. Rhabditisföormige Jugendzustände von Dochmius 
trigonocephalus bei Beginn (a) und am Ende 
des freien Lebens (b). 


solchen Arten zu beobachten, die im ausgebildeten Zustande, gleich 
den Entozoen, eine beschränkte Ortsbewegung besitzen oder bewegungs- 
los sind, wie die Corallen, Ascidien u. s. w. Sogar bei den Insekten 
sehen wir solche wandernde Jugendformen mitunter dem eigentlichen 
Larvenzustande vorausgehen, wie das durch Newport und Fabre 
besonders für die Meloiden nachgewiesen ist, für Formen, deren 
Larven ın den Nestern verschiedener Bienenarten leben, in die sie 
bei der beschränkten Beweglichkeit ihrer Eltern nur durch Hülfe 
jener Jugendformen einzuwandern im Stande sind *). 


*) Die Lebensgeschichte dieser jungen Meloiden bietet ein so interessantes Beispiel 
von Verschleppung, dass wir es uns nicht versagen können, hier näher darauf einzu- 
gehen, zumal dadurch mancherlei Parallelen und Anknüpfungspunkte für die Lehre 


vom Parasitismus geboten werden. Die Meloidenweibchen legen ihre Eier im ersten 
Leuckart, Allgem. Naturgesch. d, Parasiten, 6 


39 Einwanderung 


Hat nun der junge Parasit seinen Wirth gefunden, so giebt er 
sein früheres freies Leben auf. Er verliert die Organe, die zunächst 
nur für den directen Verkehr mit der Aussenwelt bestimmt waren, 
die Flimmerhaare und Schwimmfüsse, auch die nicht selten daneben 
vorhandenen Gesichtswerkzeuge, und leitet auf diese Weise eine 
Metamorphose ein, die ihn bald mehr, bald minder schnell seiner 
definitiven Gestaltung entgegenführt. 

Mitunter siedelt sich der junge Parasit schon auf der Aussen- 
fläche des neuen Wirthes an, oder in Organen, die ohne Weiteres von 
Aussen zugänglich sind. So wissen wir namentlich von gewissen 
Trematoden, dass sie zunächst auf der Körperhaut oder in der 
Athemhöhle von Wasserschnecken ihren Wohnplatz finden. Andere 
dringen durch die äussere Körperhülle geraden Wegs in die Tiefe, 
bis in die Leibeshöhle und die Eingeweide. Zu dem Zwecke sucht 
der junge Parasit irgend eine weiche und nachgiebige Stelle der 
äussern Bedeckungen, gegen die er mit seinem Vorderende immer 
stärker und stärker andrängt, bis er sie durchbohrt hat. Berück- 
sichtigen wir die geringe Grösse und besonders den geringen Quer- 
schnitt seines Körpers, so wie ferner den Umstand, dass viele dieser 
jungen Einwanderer, wie u. a. die Embryonen von Gordius und Bo- 
thriocephalus, auch von manchen Distomumarten, noch mit besondern 
Bohrapparaten versehen sind, so werden wir leicht einsehen, dass 
die Schwierigkeiten, mit denen dieselben zu kämpfen haben, nicht 
eben allzu gross sind, vorausgesetzt, dass sie die geeigneten Wirthe 
heimsuchen. Es sind natürlich immer nur Thiere mit wenig festen 
und dicken Körperhüllen, die sie anbohren, junge, vielleicht erst eben 
ausgeschlüpfte Insekten und Krebse, Schnecken u. Ss. w. 

In manchen Fällen sind diese Einwanderungen der Gegen- 
stand einer directen Beobachtung gewesen, in andern dadurch aut 
das Unzweifelhafteste festgestellt, dass man die betreffenden Jugend- 
formen mit wurmfreien geeigneten Thieren zusammenbrachte und 


Frühling an die Wurzeln der Ranunculaceen, des Löwenzahns und anderer honigreicher 
Pflanzen, die während ihrer Blüthezeit von Bienen fleissig besucht werden. Sobald nun 
die jungen Larven aus dem Eie ausschlüpfen, besteigen dieselben die benachbarten 
Pflanzen und verbergen sich in deren Blüthen, bis eine Biene naht, den Honig zu 
lecken. Dieses Moment benutzt die Larve. Sie klammert sich mit ihren kräftigen 
Extremitäten an irgend einer Hervorragung der Biene fest und lässt sich von letzterer 
dann in das Nest tragen, wo sie alsbald sich häutet, die Klammerbeine und die frühere 
gracile Form verliert und in ein träges und plumpes Geschöpf, die definitive Larve, 
sich verwandelt. 


der freien Embryonen. s3 


nach Verlauf einiger Zeit als Parasiten in den letzteren wieder auf- 
fand. So erzählt z. B. v. Siebold bei Gelegenheit seiner Unter- 
suchungen über die Mermithen und deren Einwanderung in kleine, 
' millimetergrosse Räupchen Folgendes*): „Von denjenigen Räupchen 
der Spindelbaummotte (Hypomeneuta cognatella), welche sich durch 
die mikroskopische Prüfung auf das Bestimmteste als frei von Faden- 
würmern herausgestellt hatten, wurden dreizehn Stück in ein Uhr- 
gläschen gelegt, in welchem sich feuchte Erde mit vielen muntern 
Mermis-Embryonen befand. Nach achtzehn Stunden konnte ich in 
fünf Individuen dieser Räupchen Mermis-Embryonen entdecken. Zu 
einem zweiten Versuche wurden drei und dreissig Räupchen eben so 
sorgfältig geprüft und, nachdem ich sie von Parasiten rein erkannt 
hatte, wurden sie auf gleiche Weise in einem Uhrgläschen mit 
feuchter Erde und Mermis-Embryonen in Berührung gebracht. Nach 
vier und zwanzig Stunden enthielten vierzehn Individuen davon 
Mermis-Embryonen. Von sechs Stück dieser Räupchen hatte ein 
jedes zwei Würmcehen bei sich, zwei andere Stücke enthielten sogar 
drei Würmchen. Ich benutzte auch mehrere drei Linien lange 
Raupen von Pontia cerataegi, Liparis chrysorhoea, Gastropacha 
 neustria, die ich aus Gespinsten genommen, in welchen sie über- 
wintert hatten. Sie wurden gleichfalls in einem Uhrglase auf feuchte, 
mit Mermis-Embryonen imprägnirte Erde geworfen. Am folgenden 
Tage. fand ich unter vierzehn Raupen zehn Individuen mit Mermis- 
Embryonen behaftet; in fünf dieser Raupen waren je zwei Würmchen 
und in eine Raupe sogar drei Würmchen eingewandert.“ 

Aehnliche Beobachtungen sind von Meissner über die Ein- 
wanderung der Gordiusembryonen angestellt**). Dieselbe geschieht, 
wie es scheint, nur Nachts, wenn sich die Ephemerenlarven, mit 
denen Meissner experimentirte***), in der Nähe der trägen 
Würmer für längere Zeit ruhend niederliessen, und fast immer nur 
an den Extremitäten, die sich den bohrenden Embryonen zunächst 
als Angrifispunkte darboten. „In alle die Ephemerenlarven , welche 
die Nacht in dem Gefässe mit Gordiusembryonen zugebracht hatten, 
war die Einwanderung geschehen; noch aber wurden alle Eindring- 
linge innerhalb der Beine angetroffen, vorzugsweise in der Nähe 


*) Entomol. Ztg. 1860. S. 239. 
**) Ztschr. für wissensch. Zool. Bd. VIL S. 132. 

*#%) Villot hält übrigens nicht die Larven von Ephemeren, sondern die von Chiro- 
nomus für die natürlichen Träger der jugendlichen Gordien. Arch. Zool. exper. 
USTD.’ 186. 

6* 


S4 Äctive und 


der untersten Gelenke, einige schon zwischen den Muskeln bis hinauf 
in die Coxa. Sie lagen zum Theil ruhig mit eingezogenem Kopf 
und Rüssel, andere aber waren in geschäftigem Bohren begriffen, 
besonders die zwischen den Muskelprimitivbündeln befindlichen, und 
ich sah, wie sie zwischen denselben sich hinaufarbeiteten. Es ge- 
schah das unter ganz eigenthümlichen Bewegungen. Der vorher 
eingezogene Kopf wurde nämlich vorgestülpt, wobei dann die von 
Innen nach Aussen im Bogen herumgeführten Haken gegen das 
anliegende Gewebe andrängten; dann wurde der Rüssel mit einem 
raschen Stoss vorgetrieben, worauf Rüssel und Kopf rasch wieder 
zurückgezogen wurden, um das Werk von Neuem zu beginnen. Der 
Rüssel bohrte dabei gewissermaassen vor, und der durch Hakenkränze 
und angestemmte Schwanzspitze nachdringende Kopf erweiterte dann 
die Lücke. Bei diesem Vorgange waren den Gordien die Contra- 
ctionen der Muskeln der Ephemeren-Larven sehr hinderlich und 
störend, indem sie oft hin- und hergeschleudert, und ihre An- 
strengungen vergeblich gemacht wurden. Einen Gordius traf ich 
bei dieser erst vor Kurzem stattgefundenen Einwanderung schon im 
Leibe, mitten im Fettkörper, wo er eifrigst bemüht war, sich zwischen 
den für seine Dimensionen gewaltigen Fetttropfen durchzuarbeiten ; 
er drängte sie auseinander, und hinter ihm flossen sie dann wieder 
zusammen. Je länger die Larven in dem mit Gordius imprägnirten 
Wasser verblieben, desto grösser wurde die Zahl der eingewanderten 
Würmer. Ich fand sie in allen Organen der Larven, in den Beinen, 
in den Palpen, im Fettkörper, überhaupt überall in der Leibeshöhle, 
sogar im Rückengefässe, festliegend z. B. an einer Klappe, mit der 
der Parasit dann bei den Pulsationen hin- und hergeworfen wurde. 
Die Zahl der Parasiten nahm allmählich so überhand — ich habe n 
mehreren Larven über 40 Stück gezählt — dass ich vermuthen 
muss, eine grosse Sterblichkeit, die sich plötzlich unter meinen 
Ephemeriden einstellte, hatte ihren Grund in dieser Helminthiasis.‘ 

Eine Zeit lang konnte man der Meinung sein, dass der Para- 
sitismus dieser freien Embryonen überall durch eine active Wanderung 
eingeleitet werde. Allerdings blieb die Vermuthung nicht ausge- 
schlossen, dass in gewissen Fällen auch eine andere Art des Importes 
stattfinde, allein es fehlten dafür die nöthigen Beweise. Gegen- 
wärtig aber wissen wir, dass manche jener Jugendformen in der That 
auch mit dem Trinkwasser an den Ort ihrer nächsten Bestimmung 
gelangen. Ich brachte das mit reifen Jugendformen von Dochmius 
trigonocephalus (Fig. 43 a, b) besetzte schlammige Wasser direct in den 


passive Einwanderung. 835 


Darmkanal eines Hundes und sah dieselben schon nach wenigen 
Tagen in die spätern Parasiten auswachsen *). Auf die gleiche Weise 
infieirt sich sonder Zweifel der Mensch mit dem Dochmius duodenalis, 
das Pferd mit Sclerostomum equinum u. s. w. Vermuthlich sind es 
übrigens bloss die freien Jugendformen von Nematoden, welche die 
natürlichen Wege einschlagen, um zu Entozoen zu werden. Sie sind 
wenigstens die einzigen, die durch die Festigkeit ihrer Körperhaut 
einigen Schutz gegen die Einwirkung der Verdauungssäfte finden. 
Freilich ist auch für sie der Schutz ein nur bedingter, wie u. a. die 
Angabe Meissner’s beweist, dass die von den Ephemerenlarven ge- 
fressenen Gordius-Embryonen — wie ich es in derselben Weise für 
Monostomum beobachtete — der Verdauungskraft unterlegen seien. 
Ebenso gehen die mit dem Blute (oft in grosser Menge) aufgenom- 
menen Exemplare von Filaria sanguinis in dem Darme der Musquitos 
— nach Manson — bis auf wenige**) zu Grunde. 

Was aber bei den Entozoen mit freien Embryonen im Ganzen 
nur selten und ausnahmsweise geschieht, die passive Einwan- 
derung, das erscheint bei den Arten ohne freie Jugendformen als 
allgemeine Regel. Noch.umhüllt von ihren Eischalen gelangen diese 
Parasiten auf irgend eine Weise in den Darm ihrer späteren Wirthe. 
Der Process der Nahrungsaufnahme liefert dazu hinreichende Ge- 
legenheit, wenn diese auch bei den einzelnen Arten nach den Be- 
sonderheiten der Lebensweise bald mehr, bald weniger häufig wieder- 
kehren dürfte. 

Manche Thiere, besonders kleinere, mögen die Entozoeneier als 
Nahrungsmaterial geniessen — so beobachtete ich z. B., dass Gam- 
marinen und Asseln, wenn sie in den mit Echinorhynchuseiern an- 
gesetzten Aquarien gehalten wurden, schon nach kurzer Zeit ihren 
Darm vollständig mit denselben anfüllten — während andere die- 
selben zufällig mit Speise oder Trank verschlucken; hier einzeln, 


=) ran Ba. 1. S. 437. 

*%*) Dass die Ruhezustände, welche lem (on the development of Filaria sanguinis 
hominis and on the Musquitos considered as a nurse, Joum. Linnaean Soc. 1878. 
T. XIV. p. 301) an diesen wenigen Exemplaren beschrieben hat, in Wirklichkeit eine 
weitere Entwicklung einleiten und zu den beweglichen Würmern mit „drei- oder vier- 
lippigem Munde“ hinführen, welche einige Male im Darme der Musquitos aufgefunden 
wurden, scheint mir noch keineswegs ausgemacht. Jedenfalls lässt die Darstellung manche 
Zweifel übrig. Die weitere Angabe, der zufolge die Würmer nach dem Tode der 
Musquitos in das Wasser gerathen, indem sie die Leibeswand ihrer frühern Wirthe 
(„nurses“) durchbohrten, und durch die Haut oder auf andere Weise in den Menschen 
einwanderten, ist durch keinerlei Beobachtung gestützt. 


86 Verschleppung und 


dort in grosser Menge, vielleicht noch umhüllt von der schützenden 
Decke des mütterlichen Körpers, der ja, wie wir wissen, nicht selten 
mitsammt den Eiern abgeht. 

Auf die letztere Weise infieiren sich u. a. die grasfressenden 
Wiederkäuer mit den Eiern der den Darm der Hunde bewohnenden 
Bandwürmer (Taenia serrata, T. marginata, T. Echinococeus), die 
ihre Glieder, die sog. Proglottiden, einzeln abstossen, sobald die Eier 
und Embryonen im Innern zur völligen Entwicklung gekommen sind. 
Diese „reifen“ Glieder sind bei ihrer Entleerung noch in hohem 
Grade beweglich. Sie verlassen den Koth, mit dem sie nach Aussen 
entleert wurden, besteigen vielleicht hier einen Grashalm, dort einen 
Strauch und übertragen dadurch ihre Eier auf Objecte, die für zahl- 
reiche Thiere einen gesuchten Nahrungsartikel abgeben. Statt der 
Hundebandwürmer hätte ich hier auch die Taenia saginata s. medio- 
canellata (Fig. 44) des Menschen anziehen können, deren Eier meist 


Proglottiden von Taenia saginata in verschiedenen Contractionszuständen. 


auf dem gleichen Wege in den Darm des Rindes übertreten, während 
das Schwein die Eier der Taenia solium in der Regel direct, mit 
dem Kothe, den es frisst, in sich aufnimmt. Der Mehlkäfer, der die 
Exeremente der Mäuse benagt, verzehrt die darin enthaltenen em- 
bryonenhaltigen Eier der Spiroptera murina, wie der Engerling die 
Eier des Riesenkratzers (Echinorhynchus gigas), nachdem dieselben 
aus dem Darme der Schweine in die Ackerkrume gelangt sind. Selbst 
der Mensch ist gegen eine derartige Ansteckung nicht gesichert: 
überträgt doch der schnüffelnde und leckende Hund nicht selten 
die Eier seiner Pentastomen auf Hände und andere Gegenstände, 
welche sie dann weiter befördern. 

Man sieht schon an diesen wenigen Beispielen, wie die Nah- 
rungsstoffe der Thiere bald so, bald anders mit Entozoenkeimen sich 
verunreinigen, sieht auch, wie letztere durch die verschiedenartigsten 


Lebensdauer der Keime. 37 


Kräfte verschleppt und ausgestreuet werden. Im Wasser geschieht 
eine solche Verschleppung und Uebertragung natürlich noch leichter, 
als auf dem Lande. Hier wird es sich auch, besonders bei den 
Thieren mit Strudelorganen, gar häufig ereisnen, dass die Entozoen- 
eier für sich, an Stelle der Nahrungsstoffe, wie schon oben hervor- 
gehoben, verschluckt werden. Selbst bei höhern Thieren scheint das 
mitunter vorzukommen, besonders bei den Fischen, die nicht selten 
z. B. durch die im Ganzen oder in grössern Stücken abgehenden 
Parasiten der Wasservögel (bes. Bandwürmer) getäuscht werden mögen. 

Es versteht sich übrigens von selbst, dass die Uebertragung der 
Entozoeneier nur dann zur Entwicklung von Schmarotzern hinführt, 
wenn .die Bedingungen dieser Entwicklung gegeben sind, zuvörderst 
also nur dann, wenn die Eier einen lebenskräftigen Embryo enthalten. 

Wie lange der Embryo seine Lebensfähiskeit behält, ist schwer 
zu sagen, zumal hier nach zufälligen und auch constanten Verhält- 
nissen die mannigfachsten Verschiedenheiten vorkommen. In den 
Eiern des gemeinen Spulwurmes habe ich die Embryonen noch 
nach Verlauf von’ zwei und dritthalb Jahren*) beweglich gesehen. 
Ebenso verhält es sich mit den Eiern des Riesenkratzers, während 
die der Blasenbandwürmer schon nach Verlauf einiger Wochen 
(im Feuchten) ihre Keimkraft verloren haben. 

Nach der Einwanderung in den Darm eines Thieres gelangen 
nun die Eier der Parasiten, wir wollen annehmen, in keimfähigem 
Zustande, zuerst in den Magen. Ist die Verdauungskraft des neuen 
Wirthes eine genügend grosse — und wir haben oben gesehen, dass 
darin bedeutende Verschiedenheiten vorkommen — dann wird die 
„Eischale aufgelöst. Der Embryo, der in seiner Umhüllung bis dahin 
einen genügenden Schutz gegen die Verdauungssäfte. gefunden hatte, 
wird frei und gewinnt damit die Möglichkeit einer weitern Entwicklung. 


Entwicklung der eingewanderten Keime. 


Würde man die Verhältnisse des entozootischen Lebens einfach 
nach Analogie der gewöhnlichen Erscheinungen beurtheilen, dann 
könnte man leicht zu der Vermuthung kommen, dass die in den 


*) Davaine sah die Embryonen noch nach vier Jahren am Leben und konnte die- 
selben sogar nach Ablauf des fünften Jahres noch durch Erwärmung zu Bewegungen ver- 
anlassen. (Mem. de la Soc. biolog. 1863. T. IV. p. 261.) Freilich giebt derselbe auch 
an, die Eier und Embryonen von Taenia solium und Taenia serrata Jahre lang un= 
verändert und lebend conservirt zu haben. (Ibid. 1862. T. IIL p. 272.) 


88 Directe Entwicklung. 


Magen ihrer Träger eingewanderten und daselbst frei gewordenen 
Embryonen: alsbald in den Darm übersiedelten und hier sich ein- 
bürgernd zur Geschlechtsreife gelangten. In der That giebt es auch 
eine Anzahl von Entozoen, für die solches ausser Zweifel ist. So 
konnte ich durch Verfütterung embryonenhaltiger Eier das Schaf 
direct mit Trichocephalus infieiren*). Auf gleiche Weise geschieht 
(nach Ehlers) die Uebertragung des bei unsern Hühnern u. a. Vögeln 
in der Trachea schmarotzenden Syngamus, sowie (nach mir und 
Zenker) die der menschlichen Oxyuris. Auch unsere Ascaris lum- 
bricoides hat man (Küchenmeister, Davaine) von Eiern abzuleiten 
versucht, die wir mit dem Trinkwasser in den Magen eingeführt 
hätten, allein die zur Prüfung dieser Frage von mir und Mosler an- 
gestellten zahlreichen Experimente haben alle genau das gleiche 
negative Resultat ergeben. 

Die frei in den Darm einwandernden Embryonen gehen zum 
Theil gleichfalls ohne Unterbrechung an Ort und Stelle in den ge- 
schlechtsreifen Zustand über, wie das für den Dochmius trigono- 
cephalus schon oben hervorgehoben ist. 

In der Regel aber schlägt die Entwicklung der jungen Parasiten, 
mögen dieselben von Anfang an frei sein, oder erst im Magen ihre 
Eihüllen verlassen haben, einen andern und complicirtern Weg ein, 
indem sie nach Art der an Ort und Stelle geborenen Embryonen 
von Trichna die umgebende Darmwand durchsetzen und dann in die 
benachbarten Eingeweide oder die peripherischen Organe .übertreten. 

So verhält es sich bei den Taenien, Echinorhynchen und Pen- 
tastomen, deren Wanderungen wir experimentell verfolgt haben, so 
auch bei zahlreichen Spulwürmern, Spiroptera murina, Ascaris incisa, 
Selerostomum equinum u. a. m. = 

Wenn wir mit dieser Thatsache nun den Umstand zusammen- 
stellen, dass auch die von Aussen eindringenden Embryonen der 
Distomeen, Bothriocephalen u. a. m dem Körper ihrer Wirthe be- 
stimmte Localitäten aufsuchen, dann kommen wir zu der Ueber- 
zeugung, dass die in Embryonenform einwandernden Ento- 
zoen bis auf wenige Fälle mit dem Eindringen nicht alsbald 
zur Ruhe kommen, sondern ihre Wanderungen fortsetzen 


*) Parasiten, Bd. II. S. 498. Der hier angezogene Versuch ist der erste, der die 
continuirliche Entwicklung eines Eingeweidewurmes ausser Zweifel gesetzt hat. Aller- 
dings ist früher schon gelegentlich, besonders von Davaine, eine derartige Entwick- 
lungsweise behauptet worden, allein das, was man dafür anführte, war in keinerlei 
Weise überzeugend, 


Wanderungen im Wirthskörper. 839 


und die Organe und Gewebtheile ihres Trägers nach 
dieser oder jener Richtung durchsetzen*). 

Wenn man die unbedeutende — meist mikroskopische — Grösse 
der Wanderer berücksichtigt, auch die nicht seltene Nadelform des 
Körpers und die häufige Bewaffnung mit Bohrapparaten in Betracht 
zieht, dann wird man diese Wanderungen nicht einmal für besonders 
schwierig halten dürfen, wenigstens kaum für schwieriger, als die 
Bewegung eines Vogels durch das dichte Buschwerk oder eines 
Hundes durch das Getreidefeld. Gleich letzteren hinterlassen auch 
die wandernden Embryonen nur wenige und unmerkliche Spuren 
ihrer Minirarbeit, indem sie beim Durchsetzen der Organe die Ge- 
webstheile mehr auseinander drängen, als zerreissen und sonstwie 
verletzen. 

Bei den höheren und grösseren Thieren scheinen diese Wan- 
derungen nicht selten noch dadurch erleichtert zu werden, dass die 
jungen Embryonen in den Gefässapparat ihrer Wirthe eindringen 
und mit der Blutwelle dann in die entlegensten Körpertheile fort- 
gerissen werden, eine Zeit lang also als Haematozoen leben, wie die 
oben von uns erwähnten (S. 64) Embryonen gewisser Filarien. In 
einzelnen Fällen ist das Vorkommen derartiger Embryonen (von 
Taenia) im Blute direct beobachtet (Leuckart, Leisering), und 
in andern hat man wegen der weiten und gleichmässigen Verbreitung 


*) Geht eine solche Wanderung in einem trächtigen Weibchen vor sich, so können 
die jungen Entozoen natürlich ebensogut in die Embryonen eindringen, wie in die 
Organe des mütterlichen Körpers. So sah Leydig einst (Müller’s Arch. für Anat. 
und Physiol. 1851. S. 227) bei Mustelus laevis im Blute der Mutter und der Frucht 
dieselben Filarien. Freilich ist das nicht immer so, denn bei den Säugethieren hat 
man den Uebergang der nematoiden Haematozoen auf die Frucht nicht constatiren können 
(Chaussat). Auch die wandernden Trichinenembryonen verschonen das Kind im Mutter- 
leibe. Dagegen aber fand ich einst bei einer trächtigen Lacerta agilis in fast allen 
Embryonen, in 9 von 12, geschlechtslose Spulwürmer von etwa 0,5 Mm. Länge, die 
sich im Herzbeutel, in den Höhlen des Hirns und Rückenmarks, in der Amniosflüssig- 
keit und zwischen den Keimblättern munter umherbewegten. Die meisten der Em- 
bryonen beherbergten 2 oder 3 Parasiten, einige auch 4 und zwar gewöhnlich in ver- 
schiedenen Theilen, ohne dass sich die Eintrittsstelle irgend wie nachweisen liess. In 
den miütterlichen Organen suchte ich vergebens nach ähnlichen Entozoen, auch ver- 
gebens nach den Stammeltern der jungen Wanderer. (Die gleiche Beobachtung hat, 
wie ich nachträglich sehe, vor Jahren schon Rathke gemacht. Archiv für Natur- 
geschichte, 1837. Th. I. S. 335.) So wenig auffallend das Vorkommen von Entozoen 
in Embryonen unter solchen Umständen ist, so verdächtig scheinen die ältern Angaben, 
nach denen die Embryonen in Darm und Leber gelegentlich geschlechtsreife Helminthen 
beherbergt haben sollen. (Vgl. S. 36 und Davaine, Traite etc. p. 11.) 


90 Wachsthum und Metamorphose 


der aus denselben hervorgehenden Entozoen auf den gleichen Weg 
zurückgeschlossen. Freilich ist dieser Schluss nichts weniger als 
zwingend, da meine Untersuchungen über die Trichinen den Beweis 
geliefert haben, dass auch die den Körper durchziehenden Binde- 
gewebsmassen von den Embryonen gelegentlich als Wanderstrassen 
benutzt werden und dann gleichfalls eine sehr allgemeine Verbreitung 
ermöglichen. 

Mögen diese Wanderungen nun aber auf die eine oder andere 
Weise geschehen, mittels der Blutwelle oder in den Bindegewebs- 
strängen, vielleicht auch geraden Wegs durch die verschiedensten . 
Parenchymtheile hindurch, mögen sie von dem einen oder andern 
Punkte, von der Haut oder der Darmfläche, ihren Ausgang nehmen, 
in allen Fällen dauern sie nur eine Zeit lang. Früher oder später 
verliert der Embryo seine Beweglichkeit, um dann, falls die Ver- 
hältnisse günstig sind und den Bedürfnissen genügen, 
durch Wachsthum und Metamorphose eine weitere Ent- 
wicklung zu durchlaufen. 

Diese günstigen Verhältnisse findet der junge Parasit vielleicht 
nur in bestimmten Wirthen und Organen, hier in einem Säugethiere, 
dort in einer Schnecke, hier im Hirne, dort in der Leber. Nur hier 
sind die Bedingungen seiner Weiterentwicklung gegeben, nur hier 
geht die weitere Entwicklung vor sich. Hat der Zufall die jungen 
Wanderer in andere Thiere und andere Organe geführt, wie das 
unendlich häufig der Fall ist, dann gehen dieselben meist schon nach 
kurzer Zeit dem Untergange entgegen. In manchen Fällen hinter- 
lassen dieselben übrigens deutliche Spuren ihres Daseins. So trifft man 
z. B. in Lämmern, die mit der Brut von Taenia Coenurus gefüttert 
wurden, mit einem Wurme, dessen Jugendformen für gewöhnlich nur 
in dem Hirne zur Ausbildung kommen, im den Muskeln, der Leber 
und an den Eingeweiden zahllose kleine Stippchen, die keinen Zweifel 
lassen, dass die Embryonen auch in diese Organe hineingelangt sind. 

Die Art der Weiterentwicklung richtet sich natürlicher Weise 
nach der definitiven Gestaltung und der embryonalen Ausstattung, 
so dass man vielleicht nur die Grössenzunahme als gemeinschaftliches 
Moment für alle Fälle hervorheben kann. Und auch diese Grössen- 
zunahme führt bei den einzelnen Arten zu sehr verschiedenen Re- 
sultaten, indem sie bald mit der Länge eines Millimeters, bald erst 
mit der eines Fusses (Ligula) ihren Abschluss erreicht. 

Wo die Embryonen in Gestalt und Ausstattung von den Eltern 
verschieden waren, da combinirt sich diese Grössenzunahme zugleich 


der eingewanderten Keime. 91 


mit einer Metamorphose. Die Organe, die zu den jetzt beendigten 
Wanderungen eine Beziehung hatten, werden abgelegt und durch 
neue, den veränderten Lebensbedingungen entsprechende Gebilde er- 
setzt. In der Regel zeigen die Entozoen bereits auf dieser ihrer 
„zweiten Entwicklungsstufe“ eine grosse Aehnlichkeit mit 
dem ausgebildeten Thiere, obwohl dieselbe durch specifische Einrich- 
tungen dieser oder jener Art nicht selten getrübt ist. Die Ge- 
schlechtsorgane sind nur unvollständig entwickelt oder noch ab- 
wesend, so dass die Organisation im Ganzen weit einfacher erscheint, 
als das später der Fall ist. Freilich ist auch das Leben, das unsere 
Thiere führen, sehr sleichförmig und einfach. Eingelagert in das 
Parenchym der Organe, meist auch umschlossen von Bälgen und 
Cysten, die, wie wir oben sahen, durch Wucherung des Bindegewebes 
oder durch eine Ausscheidung um den wachsenden Körper sich ge- 
bildet haben, ruhen sie fast ohne Bewegung, sich nährend von den 
Stoffen, die ihre Umgebung liefert (Fig. 45). 


A B C 


Entozoen zweiter Entwicklungsstufe: 
A) Finne von Taenia solium aus dem Schwein, 
B) Finne von Taenia cucumerina aus der Hundelaus, 
C) Jugendform von Spiroptera murina aus dem Mehlwurme. 


Trotz der scheinbaren Ruhe tritt in einzelnen Fällen aber 
auch auf dieser zweiten Entwicklungsstufe, wenigstens Anfangs, noch 
ein Ortswechsel ein, freilich nur langsam und allmählich, wie es 
bei den Grössenverhältnissen des Parasiten und der Beschaffenheit 
seines Lagers kaum anders sein kann, aber doch immerhin merklich 
genug. Wir kennen diese Erscheinung besonders von gewissen Band- 
würmern, namentlich solchen *), deren Embryonen sich in der Leber 


*) Vgl. Leuckart, Blasenbandwürmer. S. 124. 


93 Secundäre Wanderungen. 


oder dem Hirne von Säugethieren entwickeln (Taenia serrata, T. 
marginata, T. Coenurus). Die Blasenwürmer, die bei den Band- 
würmern bekanntlich diese zweite Stufe repräsentiren, drücken in 
solchen Fällen durch fortgesetzte Peristaltik in bestimmter Richtung 
auf ihre Umgebung, die dann dem Drucke nachgiebt, so dass 
förmliche, mehr oder minder. lange Bohrgänge entstehen, welche 
durch die Wucherung der umgebenden Bindesubstanz (sog. Exsudat- 
streifen) nicht selten eine auffallende Beschaffenheit annehmen. Bis- 
weilen öffnen sich diese Gänge 
auch in die benachbarten Körper- 
höhlen, so dass die Insassen dann 
in diese hineinfallen. Am häufig- 
sten geschieht das in der Leber 
(Fig. 46), aus der die Blasen- 
würmer (z. B. bei den Kaninchen 
oder den Wiederkäuern) für ge- 
wöhnlich auf diese Weise in die 
Leibeshöhle gerathen, in der sie 
Ein Stück Kaninchenleber mit Finnengängen dann nach einiger Zeit von Neuem 
Oysticereus pisiformis). R ; N 
sich einkapseln. 

Die aus den wandernden Embryonen sich entwickelnden Ruhe- 
zustände finden sich niemals im Darme, sonst aber in allen Theilen 
und Organen des thierischen Körpers, bald hier, bald dort, je nach 
den Verhältnissen. Sie finden sich besonders häufig in dem Binde- 
gewebe, zwischen den Muskeln, im Parenchym der Eingeweide. Da 
diese Localitäten nun aber gelegentlich auch bei diesem oder jenem 
Geschöpfe, wie wir wissen, von ausgebildeten und geschlechtsreifen 
Entozoen bewohnt werden, so liest es nahe, diese letzteren ohne 
Weiteres an jene Zustände anzuknüpfen und zu vermuthen, dass 
die geschlechtsreifen Bewohner der parenchymatösen Organe sich 
direct aus den wandernden Embryonen entwickelt hätten. In der 
That kennen wir auch ein Paar Parasiten, bei denen das der 
Fall ist. Zu ihnen gehört zunächst das Genus Archigetes, ein der 
Familie der Caryophyllaeiden zugehöriger ungegliederter Bandwurm 
der in der Leibeshöhle gewisser Naiden schmarotzt (Fig. 47) 
und mit dem Finnenzustande seine Entwicklung abschliesst*), also 
bereits auf einer Bildungsstufe geschlechtsreif wird, die bei den 


*, Leuckart, Archigetes Sieboldi, eine geschlechtsreife Gestodenamme, Zeitschrift 
für wissenschaftl. Zool. 1878. Bd. XXX. Suppl. 8. 593. 


Geschlechtsreife Parenchymwürmer, 93 


übrigen Bandwürmern nur eine genetische Durchgangsstufe darstellt. 
Aehnlich verhält es sich mit dem Gen. Aspidogaster *), einem Tre- 
matoden, der in dem Herzbeutel unserer Flussmuscheln lebt (Fig. 48) 


Fig. 47. Fig. 48. 


Fig. 47. Archigetes Sieboldi. 

Fig. 48. Aspidogaster conchicola. a) als Embryo, 
b) als junges, noch nicht geschlechtsreifes 
Thier (nach Aubert). 


und gleichfalls ohne Wirthswechsel durch continuirliche Fortbildung 
der einwandernden Embryonen zur Reife kommt. 

Aber alle diese Bespiele betreffen — und das wird uns späterhin 
als ein bedeutsames Factum erscheinen — Helminthen, welche bei 
wirbellosen Thieren schmarotzen. Unter den Binnenschmarotzern 
der Wirbelthiere kennen wir keinen einzigen, der direct aus dem 
wandernden Embryo hervorgeht. Und somit können wir es denn 
getrost als Regel betrachten, dass der den Wanderungen des 
Embryo folgende Ruhezustand dieEntwicklungsgeschichte 
der Entozoen noch nicht zum Abschlusse bringt, dass es 
dazu vielmehr einer nochmaligen radicalen Aenderung 
der äussern Lebensverhältnisse, mit andern Worten einer 
nochmaligen Wanderung bedarf. 


=) Aubert über Aspidogaster, ebendas. 1855. Bd. VI. S. 349 


94 Generationswechsel 


Wirthswechsel. 


Mit Ausnahme der so eben erwähnten wenigen Fälle führt die 
zweite Entwicklungsstufe — wir lassen dabei natürlich die Arten 
mit direeter Entwicklung (Trichocephalus, Oxyuris, Dochmius u. a.) 
bei Seite — immer nur bis zu einem bestimmten Punkte, der von 
der definitiven Bildung und der Geschlechtsreife mehr oder minder 
entfernt bleibt. Auf diesem Punkte verweilen die Schmarotzer , oft 
eine lange Zeit, vielleicht Jahre hindurch, bis ein günstiger Augen- 
blick die Bedingungen einer weiteren Entwicklung herbeiführt. Im 
andern Falle verbleiben dieselben, was sie bis dahin waren, ge- 
schlechtslose unreife Thiere, die vor der Zeit, wenigstens vor ihrer 
vollen Ausbildung und Reife, zu Grunde gehen. 

In neuerer Zeit sind wir übrigens darauf aufmerksam geworden, 
dass diese Zwischenformen nach Abschluss ihrer vorläufigen Ent- 
wicklung gelegentlich auch selbständig auswandern und einen neuen 
Wirth suchen, vielleicht einen solchen, der mehr geeignet ist, als 
der frühere, sie ihrer definitiven Bestimmung entgegenzuführen. Wir 
kennen diese Auswanderung namentlich von gewissen marinen Band- 
würmern (Tetrarhynchus) und werden mit der Zeit vielleicht die Ueber- 
zeugung gewinnen, dass sie auch sonst noch weiter verbreitet ist. 

Wo während der Dauer dieses „zweiten Entwieklungszustandes“, 
wie es bei den Entozoen mit Generationswechsel vorkommt, auf un- 
geschlechtlichem Wege eine Nachkommenschaft erzeugt wird, da wird 
von dieser gewöhnlich gleichfalls ein soleher Ortswechsel vorgenommen 
— vorausgesetzt natürlich, dass die Nachkommen frei beweglich sind 
und nicht, wie die „Köpfe“ der Finnen, ihrem Mutterthiere verbunden 
bleiben. Wir kennen diese Erscheinung vornehmlich von den Disto- 
meen und den verwandten Trematoden, deren Embryonen zunächst 
in die schon oben mehrfach erwähnten „belebten Keimschläuche“ 
(Fig. 49), d. h. in schlauchartige Schmarotzer mit oder ohne Darm 
(Redien oder Sporocysten) auswachsen, die dann nach Art der 
sog. Ammen — den Gesetzen des (Generationswechsels gemäss — 
auf ungeschlechtliche Weise eine neue Generation hervorbringen. 
Es entsteht in ihnen eine Anzahl von Keimzellen, die sich in 
immer zunehmender Menge im Innern ansammeln und zu Schma- 
rotzern entwickeln — freilich nicht zu den frühern Embryonen, 


oder minder grosser Menge wieder zu Redien werden, Noch häufiger ist es, dass 


der Distomeen. 9F 


geraden Wegs zu kleinen, einstweilen jedoch nur geschlechtslosen 
Distomeen. 

In manchen Fällen gelangt nun diese Distomumbrut, noch um- 
schlossen von den Keimschläuchen, direct in ihren spätern Träger. 
So wissen wir es namentlich von Distomum macrostomum, das sich 


Fig. 49, 


Keimschläuche mit Cercarien im Innern. 


in dem sog. Leucochloridium paradosum, einem Ammenschlauche 
entwickelt, dessen merkwürdige Lebensgeschichte wir erst vor Kurzem, 
durch Zeller *), vollständig kennen gelernt haben. Aus der Leibes- 
höhle seines Trägers (Succinea) tritt dieser Schlauch in den Fühler über, 
den er durch seine stossenden und bohrenden Bewegungen ausweitet 
‚ und schliesslich zum Platzen bringt. Der Wurm, der ganz das Aussehen, 
Form und Färbung einer geschwänzten Fliegenmade hat, fällt dann 
nach Aussen vor, setzt seine Bewegungen aber trotzdem fort und 
wird schliesslich mit seinem lebendigen Inhalte von den insekten- 
fressenden Singvögeln verzehrt. Schon sechs Tage nach der Ueber- 
tragung wird das junge Distomum, das inzwischen natürlich frei, ge- 


darmlose sog. Sporocysten durch Theilung oder Knospung zu einem „Geniste“ aus- 
wachsen, das dann die Eingeweide ihrer Träger nach allen Richtungen durchzieht, 
*) Zeller, Zeitschrift für wissensch. Zool. 1874. Bd. XXIV. S, 564. 


96 Wanderungen 


worden ist und dabei auch die frühere dieke Cuticularhülle verloren 
hat, mit Eiern angetroffen. 

Doch ein solcher directer Uebergang in den definitiven Träger 
ist im Ganzen nur selten. In der Regel geschieht derselbe erst dann, 
wenn der junge Saugwurm seinen Ammenwirth verlassen und einen 
neuen Zwischenträger gefunden hat. 

In solchen Fällen sind die jungen Distomeen mit einem eignen 
schwanzartigen Bewegungsorgane, auch mitunter noch am Mundende 
mit einem Bohrstachel versehen, so dass man sie früher (unter dem 
Genusnamen Cercaria) als besondere Thierformen betrachten konnte. 

In dieser Verkleidung brechen dieselben (Fig. 50) 

Fig. 50. dann aus ihren Brutschläuchen und deren Wirthen 
hervor, um eine Zeit lang frei im Wasser umher- 
zuschwimmen und nach Art der schwärmenden 
Embryonen einen neuen Wirth zu suchen*). Bald 
sind es wiederum Mollusken, in welche unsere 
Cercarien eindringen, bald auch Insekten und 
Krebse, deren äussere Bedeckungen sie durch- 
setzen, wie das besonders v. Siebold in anschau- 
licher Weise geschildert hat. „Ich hatte mir), so 
erzählt derselbe **), eine grosse Quantität der Cer- 
caria armata verschafft, welche aus der gemeinen 
Teichhornschnecke (Lymnaeus stagnalis) ausge- 
wandert war, und brachte dieselbe in einem mit 
Wasser gefüllten Uhrglase mit mehreren im Wasser lebenden Netz- 
Hüglerlarven (aus der Familie der Ephemeriden und Perliden) zu- 
sammen. Unter dem Mikroskope konnte ich bald bemerken, dass 
die anfangs frei im Wasser mit ihrem beweglichen Schwanze umher- 
rudernden Cercarien sich an die Insektenlarven begaben und auf 
diesen unruhig hin- und herkrochen. Es war ihren Bewegungen 
anzusehen, dass die kleinen Würmchen etwas suchten. Ich konnte 
weiter deutlich bemerken, dass sie öfters stille hielten und ihre Stirn- 
waffe gegen den Leib der Insekten andrückten. Sie standen aber 
von diesem Bohrversuche, denn das war es offenbar, immer wieder 
ab, bis sie eine jener zwischen den Einschnitten des Insektenleibes 


Eine freie Üercarie. 


*) Wo ein derartiger Wirthswechsel fehlt, da sind die jungen Distomeen auch ohne 
xuderschwanz. Einzelne besitzen allerdings an Stelle desselben einen kurzen stummel- 
förmigen Fortsatz, der wie ein Saugnapf aussieht und möglicher Weise auch eine 
Kriechbewegung gestattet. 

**) Ueber Band- und Blasenwürmer, S. 26.. H. W.B. der Physiologie, Bd. II. 8. 669, 


der Gercarien. 97 


befindlichen weichen Hautstellen gefunden hatten. Hier angelangt, 
wichen sie nicht mehr von der Stelle, sondern arbeiteten unablässig 
mit ihrem Stachel, bis sie eine solche in Angrift genommene Haut- 
stelle durchbohrt hatten. Kaum war die Spitze der Stirnwaffe ein- 
sedrungen, so schob der äusserst geschmeidige Wurm sein verdünntes 
Vorderleibsende in die Hautwunde des Insekts, drängte die Oeffnung 
derselben etwas aus einander, und zwängte sich nach und nach mit 
seinem ganzen Leibe, der sich dabei ausserordentlich verschmächtigte, 
durch die kleine Hautwunde in die Leibeshöhle hinein. Der Schwanz 
der Cercarie wurde nie mit in das Insekt hineingezogen, sondern 
blieb immer aussen an der Wunde hängen, indem er wahrscheinlich 
nach -dem Durchschlüpfen des Leibes von der sich gleich darauf 
schliessenden Hautwunde abgerissen wurde. Da ich zu dieser Beobach- 
tung noch ganz junge und zarte Larven ausgesucht hatte, so konnte 
ich die eingewanderten schwanzlosen Cercarien auch noch im den 
Insektenleibern weiter beobachten. Sie lagen alsbald 
nach der Einwanderung still, zogen sich kugelförmig 
zusammen und umgaben sich mit einer Cyste (Fig. 51). 
Bei diesem Einkapselungsprocesse löste sich jedesmal 
der Stirnstachel von dem Leibe ab und lag dann 
lose neben der Cercarie in der Kapselhöhle mit ein- 
geschlossen. Es erleidet diese Waffe also dasselbe Eine eingekapselte 
Schicksal, wie 'der Ruderschwanz: beide Werkzeuge a 
werden nach Erfüllung ihres Zweckes abgeworfen.“ ’ 

Was die Dauer des freien Lebens betrifft, so dürfte diese für die 
einzelnen Arten mancherlei Verschiedenheiten darbieten. Bei den 
einheimischen Cercarien ist dieselbe eine meist nur kurze, so dass 
manche nicht einmal die Zeit der Einwanderung abwarten, sondern 
sich gelegentlich schon vorher an Wasserpflanzen und dergl.*) ein- 
kapseln, Die marinen Formen dagegen scheinen zum Theil eine 
längere Schwärmperiode zu besitzen. Unter ihnen giebt es auch 
solche, die nach der Einwanderung (in Wurmlarven, Copepoden) eine 
fast räuberische Lebensweise führen, indem sie ihre Wirthe förmlich 
ausfressen und in der leeren Hülle dann zusammengerollt umher- 
treiben (Moebius). 

In diesem Ruhezustand verhalten sich die Cercarien nun ganz 
wie Entozoen der zweiten Entwicklungsstufe. Sie harren der Ueber- 
tragung in einen neuen Wirth, um dann, falls die Umstände 


®), y, Siebold sah solche Kapseln sogar an der Glaswand seiner Aquarien. 


Leuckart, Allgem. Naturgesch. d, Parasiten, 7 


gg Üebertragung 


es erlauben, zur vollen Ausbildung zu gelangen. Die Veränderungen, 
welche sie — auch bei jahrelangem Aufenthalte — in dem Zwischen- 
träger erleiden, sind blosse Vorbereitungen dieser spätern Entwick- 
lung; sie beschränken sich in der Regel auf eine überdies meist nur 
wenig auffallende Grössenzunahme und die allmähliche Bildung der 
Geschlechtsorgane *). 

Der Uebergang in das letzte Stadium des Entwick- 
lungslebens wird also auch in den Fällen mit intercurrirenden 
Schwärmzuständen durch eine passive Wanderung eingeleitet, 
durch einen Vorgang, den wir demnach überall da zu statuiren haben, - 
wo es sich um das schliessliche Schicksal eines unreifen Binnenwurmes 
handelt. 

Freilich ist diese passive Wanderung nicht immer und überall 
die Folge eines Wirthswechsels. 

Fig. 52. An der Eingeweidearterie des 

Pferdes findet man nicht selten eine 
aneurysmatische Geschwulst von 
mehr oder minder beträchtlicher 
(Grösse. Sie ist durch den Para- 
sitismus von Spulwürmern veranlasst, 
welche in den Entwicklungskreis des 
Sclerostomum equinum (Strongylus 
equinus) gehören und von den oben 
(S. 80) erwähnten rhabditisartigen 
Embryonen abstammen. Die Wür- 
mer durchleben in den die Innen- 
wand des Aneurysma bedeckenden 
Fibrinschollen ihren Larvenzustand 
(Fig. 52). Sie wachsen während 
desselben zu Zolllänge heran und 
gehen dann durch Häutung in den 
’ ausgebildeten Zustand über, der 
Wurmaneurysma des Pferdes, nicht bloss durch den Besitz der ge- 


*) Bei ungewöhnlich langer Dauer dieses Zwischenzustandes gelangen die einge- 
kapselten Distomeen gelegentlich selbst zur Geschlechtsreife, wie ich das z. B. in 
Ephemerenlaryen beobachtete. Achnliche Fälle sind auch, aber immer nur vereinzelt, 
von andern Forschern angemerkt. So namentlich von Linstow und Villot. Der Letztere 
veröffentlichte sogar eine eigne Abhandlung über diesen Gegenstand: ÖObserv. de Disto- 
mes adultes chez les Insectes (Bullet. Soc. statistique de l’Isere 1868, T. II. p. 9). die 
ich übrigens nicht weiter kenne, 


in die definitiven Wirthe. 99 


schlechtlichen Auszeichnungen, sondern auch eines ansehnlichen hor- 
nigen Mundnapfes mit sägeförmig gezähneltem Rande zur Genüge 
charakterisirt ist*). Reife Geschlechtsproducte freilich werden einst- 
weilen noch vermisst; dieselben entwickeln sich erst, nachdem die 
Würmer ihren frühern Anfenthaltsort mit dem Darm vertauscht 
haben. Diese Ueberwanderung geschieht nun aber in dem vor- 
liegenden Falle, ohne dass der Wurm genöthigt ist, seinen Wirth zu 
verlassen. Nachdem derselbe seine frühere Befestigung aufgegeben, 
fällt er in den Innenraum des Aneurysma, aus dem er dann mit der 
Blutwelle in die peripherischen Zweige der Darmarterie fortgetrieben 
wird, bis die zunehmende Enge der Gefässe der Wanderung ein Ziel 
setzt. Hier, auf der Darmwand, beginnt der Parasit dann seine 
Bohrthätigkeit. Er durchschneidet mit dem nach Art einer Trepan- 
krone wirkenden Mundnapfe die Wände des Darmes und gelanst 
dann an den Ort seiner Bestimmung. 

Doch solche Fälle sind dem Anscheine nach ausserordentlich 
selten. So vielfach wir sonst unter ähnlichen Umständen den Ueber- 
gang eines Entozoon in den definitiven Zustand zu beobachten Ge- 
legenheit hatten, ist derselbe überall dadurch vermittelt, dass der 
Wurm — meist mitsammt seinem Träger **) — von dem definitiven 
Wirthe verzehrt wird. 

Wie bedeutungsvoll dieser Vorgang für die Verbreitung der 
Entozoen ist, brauchen wir kaum im Speciellen nachzuweisen. Aus 
dem einen Thiere gelangen die Schmarotzer dadurch in ein anderes, 
aus dem Wasserbewohner in ein Landthier, aus dem Kaltblüter in 
ein warmblütiges ***) Geschöpf. Hier fällt der Träger des eingekap- 
selten Helminthen als Beute dem grössern und stärkern Räuber an- 
heim, dort wird er zufällig mit der Nahrung verschluckt: weder 
Pflanzenfresser, noch Fleischfresser ist vor der Einfuhr von Entozoen 
gesichert. Mit der Zahl der verschluckten und gefressenen Thiere 


*) Näheres siehe Parasiten II. S. 449. 
=#*) Dass gelegentlich auch das Gegentheil. der Fall ist, beweisen gewisse Band- 
würmer (Ligula, Schistocephalus), die von den Wasseryögeln ‘oftmals frei aus dem 
Wasser aufgelesen werden, Vergl. 5. 32. Achnliches gilt für das sog. Leucochloridium 
und dessen Distomumbrut (S. 95). 

*#*) Dass der auf die Helminthen einwirkende Wärmegrad nicht gleichgültig für die- 
selben ist, wird u. a. durch die Thatsache bewiesen, dass die Entozoen der Fleder- 
mäuse (Distomeen) während des Winterschlafes ihrer Träger die Weiterentwicklung 
einstellen. (VanBeneden, Les parasites des chauves-souris p. 23. M&m. Acad. Bel- 
gique, T. XL. 1873.) Ebenso hören auch die an den Kiemen der Fische schma- 


rotzenden Trematoden des Winters auf, Eier zu legen. 
-. 
7 


100 Einwirkung 


wächst die Möglichkeit der Uebertragung, und das um so mehr, als 
die Wirthe der eingekapselten Entozoen ihrer grössern Mehrzahl nach 
den kleineren (wirbellosen) Thieren zugehören. Die grösseren Thiere, 
die ein stärkeres Nahrungsbedürfniss besitzen, legen somit in ihrem 
Körper allmählich eine Sammlung von Schmarotzern an, und dadurch 
erklärt sich dann in einfacher Weise aus der Lebensgeschichte 
unserer Gäste die schon früher (S. 15) hervorgehobene Thatsache, 
dass von allen Geschöpfen die Vertebraten am meisten von Parasiten 
heimgesucht sind. 

Natürlich entwickelt sich nicht jeder Schmarotzer nach der Ueber- 
tragung zu einem geschlechtsreifen Thiere. Es geschieht das immer 
nur dann, wenn die Bedingungen dieser Entwicklung vollständig ge- 
geben sind, also immer nur unter bestimmten Verhältnissen, in be- 
stimmten Thieren. Andern Falls tritt statt der weiteren Entwicklung 
der Tod und Untergang ein, wie das in völlig gleicher Weise für 
die in unrechte Wirthe gelangten Eier bekannt ist. 

Die erste Veränderung, die mit unsern Schmarotzern nach der 
Uebertragung in ihre definitiven Wirthe vor sich geht, besteht in der 
Auflösung der umhüllenden Kapsel. Wie früher die Eihaut, so wird 
jetzt auch diese Kapsel durch die Magensäfte des neuen Trägers 
macerirt, bis der Insasse hervortritt, um dann möglichst bald den 
Magen mit dem Darmkanal zu vertauschen. Eine Zeitlang bleibt 
derselbe übrigens wohl immer noch der Einwirkung der Verdauungs- 
säfte ausgesetzt, vielleicht sogar länger, 
als die aus der Eihülle hervorgekom- 
menen Embryonen, die schon wegen 
ihrer Kleinheit eine meist viel freiere 
Bewegung besitzen, sich möglicher 
Weise auch sogleich nach ihrem Aus- 
schlüpfen in die Wandungen des 
Magens einbohren. Aber selbst ein 
längerer Contact mit den Verdauungs- 
flüssigkeiten wird unsere Parasiten nur 
selten in Gefahr bringen, da sie durch 
Fig. 53. Finne mit vorgestrecktem Kopfe. ihre Grösse oder richtiger vielmehr 
Fig. 54. Finnenkopf nach Verdauung der durch die davon abhängige relativ 

Schwanzblase. kleine Körperoberfläche und die festern 
Hautbedeckungen vor einer allzu intensiven Einwirkung geschützt 
sind. Freilich ist dieser Schutz nicht in allen Fällen der gleiche, 
und so kann es denn z. B. kommen, dass die sog, Schwanzblase der 


Fig. 53. Fig. 54. 


der Verdauungssäfte. 101 


Finnen (Fig. 53 u. 54), die eine grosse Oberfläche und eine nur 
geringe Dicke besitzt, ganz constant, wie die umgebende Cyste, der 
Verdauungskraft unterliegt*), also immer nur ein Theil der Finne, 
freilich der wichtigste, der Bandwurmkopf, in den Darmkanal des 
neuen Trägers überwandert. 

Es ist übrigens kaum zu bezweifeln, dass auch die Verschieden- 
heiten in der Grösse der Verdauungskraft ähnlich, wie das oben 
in Bezug auf die einwandernden Jugendformen hervorgehoben 
wurde (S. 77), für die Schicksale der importirten Schmarotzer von 
Bedeutung sind. Reicht dieselbe nicht hin, die Kapsel zu verdauen, 
wie man das z. B. bei den an Frösche verfütterten Trichinenkapseln 
leicht constatiren kann, oder ist sie vielleicht so gross, dass auch 
der Bewohner der ‚Kapsel dadurch angegriffen wird, dann bleibt die 
Uebertragung natürlich "beide Male ohne Folgen. In solehen Fällen 
ist der Wirth eben ein unrechter, der die für die weitere Entwicklung 
der Parasiten nöthigen Bedingungen nicht erfüllen kann **), 

Natürlich umfasst ein bestimmtes Maass der Verdauungskraft 
noch keineswegs die ganze Summe dieser Bedingungen. Es kommen 
dabei auch andere Momente in Betracht, bei dem einen Thiere diese, 
bei dem andere jene. So ist z. B. bei den Trematoden, wenigstens 
denjenigen, die ohne Ammenschlauch einwandern (S. 96), die An- 
wesenheit der Kapsel für die Weiterentwicklung nothwendig (de la 
Valette), während das bei den Tänien nicht der Fall ist, offenbar 
desshalb, weil erstere wegen ihrer geringen Grösse und ihrer zarten 
Bedeckungen in einem höhern Grade des Schutzes gegen die Ver- 
dauungssäfte ihrer neuen Wirthe bedürfen. Noch wechselnder sind 
allem Anscheine nach die nutritiven Ansprüche der Entozoen, auf 
die wir bei einer spätern Gelegenheit zurückkommen werden. 

Die in Vorangehendem von mir geschilderten Vorgänge sind bei 
einer ganzen Anzahl von. Entozoen Schritt für Schritt verfolgt und 
auf experimentellem Wege geprüft worden. So verstehen wir es, die 


*) An einem andern Orte habe ich den Nachweis geliefert, dass man durch künst- 
liche Verdauungsversuche ausserhalb des Thierkörpers dieselben Veränderungen erzielen 
kann. Blasenbandwürmer S. 156. 

*%®) Die ersten . Veränderungen gehen übrigens in solchen ‚‚unrechten‘“ Wirthen oft- 
mals in derselben Weise vor sich, wie in den „rechten“. So findet man z. B. die ge- 
fütterten Schweinefinnen bei Hund und Kaninchen mitunter am folgenden Tage als 
freie Bandwurmköpfe, also genau in derselben Form, wie das bei dem Menschen der 
Fall sein würde. Nach spätern Entwicklungsstadien freilich sucht man vergebens, 
denn die Schmarotzer gehen bald darauf zu Grunde, 


102 Einwanderung in Darm 


Blasenwürmer und Muskeltrichinen im Darme geeigneter Thiere in 
ausgebildete Entozoen zu verwandeln. Die jugendlichen Echino- 
rhynchen . unserer Gammarinen und Wasserasseln erziehen wir in 
Fischen (Eeh. proteus) und Vögeln (Ech. polymorphus) zu geschlechts- 
reifen Formen. Ebenso die eingekapselten Spulwürmer unserer Mehl- 
käfer (Fig. 45C), die im Magen der Maus zu der Spiroptera murina 
s. obtusa werden, oder das Dist. echinatum der Paludinen, das bei 
den Enten sich zur Geschlechtsreife entwickelt. 

Dass auch die geschlechtsreifen Parenchymwürmer grossentheils 
aus larvenartigen Binnenschmarotzern hervorgehen, wird schon durch 
die Angaben glaublich, die wir in Betreff der Filaria sanguinolenta 
oben (S. 66) gemacht haben. Auch die sog. Filaria medinensis wird, 
wie heute — nach Fedschenko’s Beobachtungen *) — nicht länger 
bezweifelt werden kann, als Larve in ihren Träger eingeführt, und 
zwar durch Cyclopen, welche mit dem Trinkwasser verschluckt werden. 
Natürlicher Weise gelangen die jungen Würmer zunächst in den 
Darmapparat, in dem sie jedoch allem Anscheine nach nur kurze 
Zeit verweilen. Noch bevor sie erheblich gewachsen sind, wird die 
Darmwand durchbohrt und die weitere Wanderung angetreten. 

Zu dieser letzten Annahme zwingt uns nicht bloss die Analogie 
der Filaria sanguinolenta, die man oft noch mit den Attributen des 
Larvenlebens in den „Wurmknoten‘“ antrifft, sondern weiter auch die 
Ueberlegung, dass die Schwierigkeiten der Wanderung im Innern 
des Gewebes mit dem Querschnitte des wandernden Parasiten um 
ein Beträchtliches wachsen. Allerdings wissen wir, dass gelegentlich 
auch grosse Würmer, dass selbst ausgewachsene Spul- und Band- 
würmer die Wandungen des Darmkanales und die Bauchdecken ihrer 
Wirthe durchbohren. Aber diese späten Wanderungen sind im 
Ganzen nur selten, und gehen überdies nur langsam vor sich, viel- 
leicht bloss mit Hülfe gewisser pathologischer Processe, die durch den 
fortwährenden Andrang und die Bohrbewegungen der Würmer all- 
mählich in den angegriffenen Theilen hervorgerufen werden. Für 
die Lebensgeschichte der Parasiten sind dieselben meist ohne Be- 
deutung; sie erscheinen als Zufälligkeiten, die für das Leben der 
Wirthe freilich oftmals verhängnissvoll werden. 

Uebrigens darf man nicht glauben, das ein jedes Entozoon, 
das ausserhalb des Darmes wohnt, nun auch die Verdauungs- 
organe seines Wirthes passiren muss. Auch in dieser Beziehung gilt 


*), Parasiten. Bd. II. S. 705. 


und peripherische Organe. 103 


der Satz, dass der Natur zu ihren Erfolgen eine reiche Auswahl von 
Mitteln zur Disposition steht. Ein hübsches Beispiel dieser Art bietet 
das Pentastomum taenioides, das sich sonst in seiner Lebensgeschichte 
eng an die gewöhnlichen Entozoen anschliesst. Sobald die Jugend- 
formen desselben (das sog. Pentastomum denticulatum, Fig. 56) in 
den innern Organen, in Leber und Lunge (Fig. 55) ihrer Zwischen- 
wirthe, der pflanzenfressenden Säugethiere, das zweite Entwicklungs- 
stadıum durchlaufen haben, verlieren sie ihre frühere Starrheit. Sie 


Fig. 55. Fig. 56. 


BONN 
N 


Hin 
Puky) 


AV DUN 
PIE KOHL 
Alızmım 

u7 


Fig. 55. Lunge eines mit Pentastomen behafteten Kaninchen. 

Fig. 56. Pentastomum denticulatum. 
brechen aus den Cysten hervor, durchsetzen die von ihnen bewohnten 
- Organe nach dieser oder jener Richtung, sie vielleicht mehr oder 
minder vollständig zerstörend, und gelangen dann in die Leibeshöhle, 
aus der sie nicht selten wiederum in die Eingeweide, besonders die 
Lymphdrüsen, einwandern. Natürlich geschieht das (bei der Grösse 
und der Beschaffenheit) der Larven nicht ohne mancherlei Stö- 
rungen und Reizungen, die bisweilen so beträchtlich werden, dass 
die Wirthe daran zu Grunde gehen. Wird nun später der Pen- 
tastomumträger von einem Hunde oder sonst einem Raubthiere ge- 
fressen, dann wandern die Parasiten, vorausgesetzt wenigstens, dass 


104 Periodische 


sie noch nicht eingekapselt sind, direct durch die Nasenlöcher (viel- 
leicht auch die Choanen) in die Geruchshöhle ein, um hier schliess- 
lich zur Geschlechtsreife zu kommen. 

Statt der passiven Wanderung ist es in diesem Falle also eine 
active, die den Parasiten an den Ort seiner Bestimmung befördert. 
Diesem Umstande entspricht auch die Ausstattung der jungen Pen- 
tastomen mit besondern Bewegungsorganen, wie sie unter ähnlichen 
Umständen auch sonst wohl wiederkehren, mit Stachelkränzen und 
Haken (Fig. 56), die erst gegen Ende des Ruhezustandes sich ent- 
wickeln und nach geschehener Wanderung als unnöthig wieder bei 
Seite gelegt oder beträchtlich reducirt werden. 

Wenn wir uns dächten, dass die ausgewanderten Pentastomen 
den Körper ihrer Träger selbständig 'verliessen und keimen neuen 
Wirth aufsuchten, dann würden uns diese Thiere das Beispiel eines 
periodischen Parasitismus darbieten, bei dem die definitive Ausbildung 
mit der Geschlechtsreife in die Zeit des freien Lebens fällt. 

Dass es derartige Schmarotzer giebt, ist schon am Anfang des 
gegenwärtigen Capitels hervorgehoben. Die meisten derselben ge- 
hören freilich zu den Insekten, besonders den Fliegen und Wespen. 
Aber auch unter den Helminthen ist diese Form des Parasitismus 
nicht unbekannt, wie das die Gordiaceen und Mermithen zur Ge- 
nüge beweisen. Wenn man will, kann man sogar in der Auswan- 
derung der Bandwurmglieder und anderer trächtiger Helminthen 
(Oxyuris vermicularis) eine Annäherung an diese Art des Parasitis- 
mus finden. 

Die Jugendgeschichte dieser periodischen Schmarotzer, 
wenigstens der dahin gehörenden Insekten, zeigt in der Regel übrigens 
insofern gewisse Eigenthümlichkeiten, als die Einwanderung derselben 
durch Vermittlung der Eltern vor sich geht. Frei beweglich, wie diese 
sind, können sie begreiflicher Weise durch eine passende Benutzung 
der Umstände auf die Schicksale der Eier in einer Weise influiren, 
die den sesshaften Entozoen schon durch die äussern Verhältnisse 
ihres Lebens unmöglich ist. So legen z. B. die Dasselfliegen ihre 
Eier an die Haare gewisser Säugethiere und zwar gerade an solchen 
Stellen, von denen aus die jungen Larven auf active oder passive 
Weise (durch Auflecken) leicht an den Ort ihrer nächsten Bestimmung 
gelangen können. Noch einfacher verfahren die Ichneumoniden, die 
ihre Eier gleich von vorn herein in die Leibeshöhle der spätern 
Träger (meist Raupen) versenken und zu diesem Zwecke mit einem 
eignen, passend construirten Stachelapparate versehen sind, 


PL A a he a, 


Schmarotzer. 105 


Das Gegenstück beobachten wir bei Gordius und Mermis, deren 
Eier ohne Weiteres in das Wasser oder die feuchte Erde abgelegt 
werden und hier verharren, bis die jungen Embryonen auskriechen 
und dann durch active Wanderung, wie das oben geschildert wurde, 
in ihren Wirth übersiedeln. 

Aus diesen somit bald activ, bald auch passiv einwandernden 
Embryonen entsteht nun -im Innern der infieirten Thiere (mitunter 
schon im Darmkanale, wie bei Gastrus equi) ein Schmarotzer, den 
wir am besten wohl dem zweiten Entwicklungszustande der Helminthen 
parallelisiren dürfen. Obwohl es dabei nur selten zu einer förmlichen 
Eneystirung zu kommen scheint — auch bei den Helminthen dürfte 
dieselbe hier und da unterbleiben —, verlebt der Schmarotzer in 
diesem Zustande doch eine Zeit der Ruhe, die er zum Wachsthum 
und zur Einleitung der spätern Metamorphose verwendet. Gegen 
Ende dieser Periode erwacht die Wanderlust. Der Parasit verlässt 
dann seinen Wohnsitz, je nach Beschaffenheit desselben entweder 
auf natürlichem Wege (die Dasselfliege des Pferdes z. B. durch den 
After, die des Schafes durch die Nasenlöcher) oder, wo das nicht 
angeht, durch selbst gebohrte Oefinungen; er gewinnt das Freie und 
vollendet hier sein Leben unter Verhältnissen und Formen, die von 
dem vorhergehenden Zustande oft beträchtlich abweichen. 

Bei den kleineren und schwächern Trägern führt die Aus- 
wanderung der Parasiten meist den Tod herbei, was uns bei der 
relativen Grösse des nach Aussen durchbrechenden Körpers kaum 
überraschen kann. 

Bei Gordius gestaltet sich die Lebensgeschichte insofern com- 
plieirter, als derselbe aus seinem ersten Träger (S. 43) in andere ge- 
frässige und grössere Thiere übergeht und erst in diesen seine Meta- 
morphose durchläuft. Ob es freilich nur Gordius ist, der derartiges 
aufweist, dürfte um so zweifelhafter sein, als einzelne Vorkommnisse 
Gleiches auch für gewisse andere Nematoden wahrscheinlich machen *). 

Man sieht, im Grunde genommen ist der Parasitismus des Gordius 
trotz aller scheinbaren Differenz nur wenig von dem gewöhnlichen 
verschieden, so wenig, dass wir ihn ohne Zwang den gleichen Gesichts- 
punkten unterordnen können. In beiden Fällen vertheilen sich 
die charakteristischen Momente des Lebens auf drei, 
meist auch formell von einander verschiedene Entwick- 
lungszustände, auf den Embryo, das geschlechtsreife Thier und 


*) Ein Mehreres hierüber vergl. Parasiten, Bd. IL. S. 125. 


106 Zwischenwirth und 


einen Zwischenzustand, den wir mit Rücksicht auf seine äussern Ver- 
hältnisse vielleicht am besten als Puppenzustand bezeichnen könnten, 
wenn uns diese Benennung nicht bei den schmarotzenden Insekten- 
larven in einen bedenklichen Confliet mit der sonst üblichen Ter- 
minologie brächte. 

Ein jeder dieser drei Zustände repräsentirt auch in biologischer 
Beziehung eine besondere Seite des Lebens. Der Embryo hat die 
Bestimmung, den Parasitismus einzuleiten. Er wandert, während 
der Zwischenzustand die vorzeitig abgebrochene Entwicklung wieder 
aufnimmt und so weit führt, dass sich alsbald nach dem Uebergange 
in das dritte Stadium die Geschlechtsreife einstellt. Die Wanderung, 
die diesen Uebergang ermöglicht, ist in der Regel eine passive, die 
keinerlei besondere Anforderungen an die Organisation macht, also 
auch durch keinen eignen Entwicklungszustand vermittelt zu werden 
braucht. 

Das Bild, das wir hier mit wenigen Zügen von der Lebens- 
geschichte der Parasiten entworfen haben, kann natürlicher Weise 
nur im Allgemeinen eine Gültigkeit beanspruchen. Es ist gewisser- 
maassen eine Schablone, die im Einzelnen nach mehrfacher Richtung 
hin varüirt wird. Sie kann complieirt, sie kann in andern Fällen 
auch vereinfacht werden, complieirt z. B. dadurch, dass das sonst 
nur einfache Zwischenstadium durch eine Zwischengeneration mit 
selbständiger Wanderung vertreten wird, wie bei den Trematoden, 
vereinfacht vielleicht dadurch, dass dieses Zwischenstadium ohne 
Unterbrechung und Wanderung in das Stadium des geschlechtsreifen 
Thieres überführt, ja dass dieses sogar direct aus dem Embryonal- 
zustande hervorgeht. 

Aber alles das bildet gewissermaassen eine Ausnahme, neben der 
wir das oben entworfene Bild nach wie vor als Typus für die Lebens- 
geschichte der Parasiten, wenigstens der Entozoen, festhalten dürfen. 
Nach unsern bisherigen Erfahrungen gilt es also als Regel, dass 
sich die Lebensgeschichte der Parasiten über zwei (auch 
wohl mehr) Träger vertheilt, von denen der eine den Jugend- 
zustand, der andere das geschlechtsreife Thier beher- 
bergt. Mitunter smd diese Träger nur individuell von einander 
verschieden, wie wir das besonders für Trichna kennen, die fast 
immer in beiderlei Zuständen bei demselben Thiere gefunden wird; 
aber ungleich häufiger ist es, dass beide nicht blos verschiedenen 
Arten und Geschlechtern, sondern selbst verschiedenen Ordnungen, 
Klassen und Kreisen angehören. So lebt z. B. Taenia crassicollis 


definitiver Träger. 107 


als ausgebildetes Thier im Darm der Katze, während die Jugendform 
in der Leber der Mäuse gefunden wird. T. marginata aus dem 
Darm der Wölfe und Hunde bewohnt in der Jugend das Netz der 
Schafe und Rinder, sowie die menschliche T. Solium in der Jugend 
(als Finne) namentlich beim Schwein vorkommt. Ebenso vertheilt 
sich die Lebensgeschichte von Ligula über Wasservögel und Cyprinen, 
von Echinobothrium typus über Rochen und Gammarinen, von Di- 
stomum echinatum über Enten und Paludinen, von Amphistomum 
subelavatum über Frosch und Planorbis, von Pentastomum taenioides 
über Hund und Kaninchen u. s. w. u. S. w. 


Die Beispiele, die wir hier zusammengestellt haben, beweisen 
übrigens nicht blos die Richtigkeit des oben ausgesprochenen Satzes, 
sondern belehren uns auch weiter von der Thatsache, dass die Jugend- 
zustände der Entozoen vielfach in solchen Thieren gefunden werden, 
die den Trägern der ausgebildeten Schmarotzer zur Nahrung dienen. 
Die Mäuse, sehen wir, liefern den Katzen nicht blos ihr Fleisch, 
sondern auch ihre Parasiten, und eben dasselbe beobachten wir bei 
Kaninchen und Hund, bei Fisch und Säger u. s. w. 


Bei näherer Ueberlegsung kann uns diese Thatsache nicht un- 
verständlich bleiben. Nicht blos aus teleologischen Gründen, weil 
auf solche Weise die Existenz der Schmarotzer am ehesten gesichert 
werden konnte, sondern auch aus physiologischen. Wenn ein Thier 
ein anderes mit besonderer Vorliebe geniesst, so beweist das un- 
streitig soviel, dass das letztere den nutritiven Bedürfnissen des 
erstern am meisten entspricht; es beweist eine gewisse Gleichartig- 
keit der Nutritionsverhältnisse, die es dann ihrerseits wieder wahr- 
scheinlich macht, dass ein Schmarotzer, der in dem einen dieser 
beiden Thiere die Bedingungen seiner Existenz findet, sie auch in 
dem andern nicht vollständig vermissen wird. 


Im Uebrigen darf man dieser Thatsache keine allzu grosse Trag- 
weite zuschreiben. So finden wir z. B. den Jugendzustand des 
Katzenbandwurmes gelegentlich auch in solchen Thieren, die den 
Katzen vielleicht niemals zur Beute werden, und den Jugendzustand 
des menschlichen Bandwurmes bisweilen beim Menschen selbst, also 
unter Umständen, die, wenn wir sie nach den hier hervorgehobenen 
Verhältnissen beurtheilen wollten, den Cannibalismus naturhistorisch 
rechtfertigen hiessen. Ueberdies kann man begreiflicher Weise nur 
das Vorkommen von Entozoen bei Raubthieren diesem Gesichts- 
punkt unterordnen. Aber auch die Herbivoren haben Schmarotzer, 


108 Gesetz der grossen Zahl und 


die ihre Jugendzustände in andern Thieren verbringen*) und zwar 
meist in solchen, welche zufällig, mit der Nahrung, von ihnen ver- 
schluckt werden. In der Regel dürften diese Träger mit den be- 
treffenden Herbivoren die gleichen Localitäten bewohnen, und somit 
denn auch zu einer Infection (mit Embryonen oder Eiern) gar leicht 
Gelegenheit finden. 

Auch sonst haben die Localverhältnisse für die Verbreitung der 
Helminthen eine grosse Bedeutung. In welcher Weise gewisse auf- 
fallende Eigenthümlichkeiten im Vorkommen der einen oder andern 
Zustände durch sie ihre Erklärung finden, das beweist am schlagend- 
sten vielleicht die von Melnikoff und mir**) constatirte Thatsache, 
dass die Taenia elliptica des Hundes ihren Jugendzustand (Fig. 45B) 
in der Leibeshöhle der dieses Thier bewohnenden Haarläuse (Tricho- 
dectes) verlebt und mit letztern wieder in den Hundedarm eimwandert. 

Mag nun aber die Lebensgeschichte der Parasiten durch die 
gegenseitigen Beziehungen der Thiere, welche dieselben tragen, immer- 
hin auf die mannigfaltigste Weise bestimmt und geregelt sein, so 
bleibt doch darüber kein Zweifel, dass das Schicksal derselben mehr, 
als das eines andern Thieres, vom Zufalle beherrscht wird. Ein 
Zufall ist es, wenn das Ei seinen adäquaten Träger findet, so wie 
es ein Zufall ist, wenn dieser später, und zwar gerade zur rechten 
Zeit, von eimem andern passenden Thiere gefressen wird. Je compli- 
cirter die Lebensgeschichte eines Schmarotzers sich gestaltet, je 
grösser und zahlreicher die Umwege sind, auf denen dieselbe sich 
bewegt, desto geringer wird im einzelnen Fall die Wahrscheinlichkeit 
des Gelinsens.. Tausend und aber Tausende, selbst Millionen von 
Keimen werden zu Grunde gehen, bis vielleicht einer das vorge- 
steckte Ziel erreicht***). Wir haben schon oben mehrfach auf 


*) Die einst von v. Siebold (H. W. B. der Physiol. II. S. 647) ausgesprochene 
und von Ercolani neuerlich reproducirte Behauptung, dass die Herbivoren ihre Ein- 
geweidewürmer zum Theil mit ihrer vegetabilischen Nahrung bezögen, indem sich die 
bei gewissen Pflanzen (z. B. im Waizen) schmarotzenden Nematoden zu den bekannten 
Darmwürmern derselben entwickelten, hat keine Bestätigung gefunden. Die Pflanzen- 
Nematoden sind, wie wir inzwischen erfahren haben, selbständige Arten, die weder 
für sich, noch in ihren Nachkommen jemals bei Thieren schmarotzen. 

*#=) Archiv für Naturgesch. 1869. Th. I. S. 62; Parasiten Bd. II. S. 463. 

*##) Ein Bandwurm hat, so wollen wir annehmen. die durchschnittliche Lebensdauer 
von 2 Jahren. Er producirt in dieser Zeit etwa 1500 Glieder, je (8. 55 Anm.) mit 
53,000 Eiern, also im Ganzen eine Summe von 85 Millionen! Bleibt nun die Zahl der 
Bandwürmer durchschnittlich die gleiche, wie wir gleichfalls wohl annehmen dürfen, 
so entwickelt sich von 85 Millionen Eiern also eines wieder zu einem Bandwurme. Die 
Wahrscheinlichkeit der vollen Ausbildung ist für einen Bandwurm demnach !gsoooooo !! 


seine Bedeutung für die Parasiten, 109 


diese grossen Verluste hingewiesen, aber auch gleichzeitig die immense 
Fruchtbarkeit der Schmarotzer hervorgehoben, die diesem Verlust die 
Wage halte. „Gelangten die Eier und die Brut der Helminthen 
sicher an eine passende Entwicklungsstätte, so müssten sehr bald alle 
Menschen von Bandwürmern, Spulwürmern, Peitschenwürmern u. s, w. 
vollgestopft sein.“ Dass damit das Leben der Träger und zugleich 
auch der Schmarotzer im höchsten Grade bedroht wäre, braucht 
nicht ausdrücklich hervorgehoben zu werden. Man könnte bei solcher 
Sachlage sogar in Anbetracht des Umstandes, dass die Fertilität der 
Schmarotzer mit den physiologischen Eigenthümlichkeiten ihres Lebens 
untrennbar verbunden ist, in der complieirten Geschichte derselben 
das Mittel sehen, dieser Ueberfüllung die gehörigen Schranken zu 
setzen, die Wanderungen der Helminthen mit andern Worten als 
eine Einrichtung in Anspruch nehmen, welche für die betreffenden 
Thiere selbst den grössesten Nutzen hat. 

v.Siebold hat die in unrechte Thiere einwandernden Entozoen 
„verirrt“ genannt*). Wir haben gegen diese Bezeichnung an sich 
Nichts einzuwenden, wohl aber gegen die Folgerungen, die der be- 
rühmte Helminthologe an diese Benennung geknüpft hat. 

Zunächst müssen wir daran erinnern, dass solche „Verirrungen“ 
keineswegs den Schmarotzern eigenthümlich sind. Bei allen Thieren, 
deren active Bewegung beschränkt ist, kehren dieselben bald mehr, 
bald weniger häufig wieder. Es ist eine „Verirrung“, wenn ein Thier 
an Localitäten geräth, in denen es aus Mangel hinreichender Nahrung 
verhungern muss, weil es sie nicht verlassen kann, eine „Verirrung“, 
welche dem Stranden des Walfisches oder dem Verschmachten der 
Froschlarven in dem austrocknenden Tümpel vorausgeht. Allerdings 
sind diese Erscheinungen vielleicht weniger constant und allgemein, 
als das „Verirren“ der Helminthen, allem auch darin stehen die 
letzteren nicht allein. Hören wir z. B., was Weinland über die 
Geschichte der Korallen sagt**). 

„In der Fortpflanzungszeit der Korallenpolypen schwärmen 
Myriaden mikroskopischer Embryonen in der Nähe der Mutterstöcke 
und an den Uferfelsen umher; Millionen werden oft von ihnen durch 
eine Welle in’s Meer hinausgerissen und sind verloren; eine andere 
Welle wirft Millionen auf's trockene Land; Millionen mögen sich an 
Orten festsetzen, wo sie nie wachsen können, da jeder Art ihre 


*, H. W. B. der Physiologie. Bd. II. S. 650, 
**) Würtemb. naturwissensch. Jahreshefte, 1860. XVI S. 39, 


110 Theorie der Verirrung 


bestimmte Meerestiefe angewiesen ist — aber wenn nur einer von 
einer Million eine seinem Wachsthum entsprechende Localität findet, 
so hat die Natur ihren Zweck, die Fortpflanzung der Art, erreicht, 
und wenn dieser Eine an einem Ort sich festsetzt, wo vorher kein 
Korallenstock war, vielleicht Hunderte von Meilen vom Mutterstock 
entfernt, so hat er den Grund zu einem neuen Korallenfelsen gelegt, 
der vielleicht nach einigen tausend Jahren als Insel über der Meeres- 
tläche erscheint. Jene Embryonen nämlich saugen sich, sobald sie 
irgendwo einen festen Punkt vorfinden, daran fest. Ein Instinkt, 
der sie gerade an die ihnen günstigen Plätze führen würde, ist nicht. 
wohl anzunehmen; desshalb eben produeirt die Natur solche Massen, 
dass vermöge einer einfachen Wahrscheinlichkeitsrechnung noth- 
wendig der Eine oder der Andere am rechten Orte sich anheftet.“ 
Wer wird leugnen wollen, dass das Vorgänge sind, die zu den 
„Verirrungen“ der Helminthen ein vollständiges Gegenstück geben? 
v. Siebold sagt übrigens von den verirrten Helminthen nicht, 
dass sie in „unrechte“ Wirthe eingewandert seien, sondern in solche, 
„welche nicht als ihre Wohnthiere bestimmt sind“. Wenn wir diesen 
Ausdruck vermieden, so geschah das desshalb, weil derselbe eine Be- 
hauptung enthält, die sich auf keinerlei Art beweisen lässt. Sehen 
wir einen Parasiten an irgend einem Orte sich entwickeln, so können 
wir daraus nur schliessen, dass dieser Ort die Bedingungen seiner 
Entwicklung enthalte. Im andern Falle erschliessen wir, gewiss mit 
Recht, das Gegentheil. Ob der Träger für den Parasiten „bestimmt“ 
war, oder nicht — wer möchte sich unterfangen, das zu behaupten? 
Aber v. Siebold geht noch weiter. Er behauptet, dass die verirrten 
Helminthen für gewöhnlich nicht untergingen, sondern fortwüchsen, 
„jedoch wegen des ungünstigen Bodens, auf den sie gerathen, nicht 
sehörig gedeihen und keine Geschlechtsreife erlangen könnten“, 
dass sie unter solchen Umständen sogar „entarteten“*). v. Sie- 
bold hat diese Ansicht auch dann noch aufrecht erhalten **), als 
Küchenmeister den Versuch gemacht hatte, sie zu widerlegen ***); 
er ist sogar nach seinen Aeusserungen auf der Königsberger Natur- 
forscherversammlung noch später (1860) von ihrer Richtigkeit über- 
zeugt. Er kann „nicht recht einsehen, warum man sich dagegen 
sträubt, bei Würmern die Möglichkeit von Ausartungen in Form und 
Gestalt anzunehmen, da man doch bei höheren Thieren die durch 

FEAR: 

“#*), Band- und Blasenwürmer. S. 65. 

*#*) Prager Vierteljahrschrift. 1852. Bd. I; über die Öestoden im Allgemeinen, 8, 12. 


und Entartung. 111 


ungewohnte klimatische Verhältnisse und veränderte Nahrungsmittel 
herbeigeführten Ausartungen ohne alle Beanstandung als Racen- 
bildungen anerkannt. Wenn bei manchen dieser Racen ein ausser- 
ordentlich üppiger Haarwuchs am ganzen Körper oder an bestimmten 
Stellen desselben emporschiesst, wenn die Hörner gewisser Racen von 
Wiederkäuern sich eigenthümlich verlängern oder gar verdoppeln, 
wenn die Ohren gewisser Racen unserer Hausthiere sich unverhält- 
nissmässig vergrössern und hängend werden, wenn sich bei einigen 
Racen locale Fettsucht in Form von Fettschwanz oder Fettbuckel 
einstellt, warum soll nicht in gewissen niederen Thieren sich unter 
dem Einflusse einer ungewöhnlichen Lebensweise an bestimmten 
Ri02377: Fig. 58. 


® WIRT Sal 


Fig. 57. Finniges Schweinefleisch (nat. Grösse). 
Fig. 58. Trichiniges Schweinefleisch (45 Mal vergrössert). 
Stellen des Leibes eine seröse Flüssigkeit als locale Wassersucht an- 
häufen können 
Mit den letzten Worten deutet v. Siebold auf die von ihm 
vertretene Ansicht hin, dass die unter dem Namen der „Finnen“ 
bekannten Zwischenzustände der Bandwürmer diesen verirrten Hel- 
minthen zugehörten. Sie seien, so lehrt er, in die Muskeln oder 
Leibeshöhle ihrer Wirthe, statt in deren Darm gerathen, und in 
Folge dieser Verirrung „hydropisch entartet“. 
Die Finnen (Fig. 57) und die früher nur in ihrem eneystirten 
Zustande bekannten Trichinen (Fig. 58) sind die einzigen Helminthen, 


112 Beispiele wirklicher 


die unser Verfasser als „verirrt“ namhaft macht, also gewissermaassen 
als Belege seiner Ansicht aufführt. Allein das geschah zu einer Zeit, 
in der man weder die Bedeutung, die der encystirte Zwischenzustand 
der Entozoen für deren Geschichte hat, noch seine weite Verbreitung 
kannte, vielmehr der Ansicht war, dass die Keime der Helminthen 
meist direet in ihre definitiven Wirthe einwanderten. Zu dieser Zeit 
konnte man die v. Siebold’sche Hypothese immerhin als einen Ver- 
such zur Erklärung gewisser auffallender Entwicklungszustände gut 
heissen (wie das denn damals u. A. auch von mir geschehen ist), 


aber heute ist dieselbe — obsolet geworden. Durch eine selt- 


same Fügung des Zufalles sind gerade die Blasenbandwürmer und 
Trichinen die ersten Gegenstände der helminthologischen Experimen- 
talforschung geworden, und durch diese ist uns ihre Naturgeschichte 
vollständig erschlossen. Es ist dabei nicht der geringste Zweifel ge- 
blieben, dass die Zustände, die v. Siebold als abnorm und zufällig 
in Anspruch nahm, dem gesetzlichen Entwicklungsgange unserer Thiere 
angehören, dass die Trichinen ohne Ausnahme vor ihrer Geschlechts- 
reife eine Zeitlang als encystirte Muskelwürmer leben und die Blasen- 
bandwürmer eben so ausnahmslos einen Finnenzustand durchlaufen. 

Nachdem die v. Siebold’sche Lehre ihre reale Grundlage ver- 
loren hat, können wir sie getrost ihrem Schicksale überlassen. Trotz 
der grossen und gerechtfertigten Autorität ihres Begründers dürfte 
sie heute nur noch wenige Anhänger haben. 

Unsere Bemerkungen richteten sich übrigens zunächst nur gegen 
die praktische Anwendung der Entartungstheorie, nicht aber in 
gleichem Maasse gegen deren ideale Berechtigung. An sich ist eine 
„Entartung“ bei den Helminthen eben so 
gut möglich, wie die Entstehung einer Miss- 
bildung, die ja gleichfalls nur das Product 
einer ungewöhnlichen oder unzureichenden 
Combination von Entwicklungsbedingungen 
darstellt. Auf derartige Gründe hin hat man 
Üysticereus racemosus (nach gewisse ungewöhnliche Zustände von Helmin- 

v. Siehold). 2 IE ; 
then, wie den sog. Echinococeus multilocula- 
ris oder den Öysticereus racemosus*) (Fig. 59), 


*) Vergl. über diese eigenthümliche Forın Heller in Ziemssen’s Handbuch der spe- 
ciellen Pathologie. Bd. III. S. 334 und Marchand in Virchow’s Arch. 1879. Bd. 75. 
S. 104. (Uebrigens ist auch früher schon mehrfach auf die nicht selten unregelmässige 
Form der Hirnfinnen beim Menschen aufmerksam semacht. So von v. Siebold, 
Krabbe u. A.) 


Enntartung. 1413 


auch neuerdings wieder als „entartete“ (resp. pathologisch ver- 
änderte) Formen in Anspruch genommen, Im Princip ist man damit 
wieder auf den Standpunkt v. Siebold’s — oder, wenn man noch 
weiter zurückgreifen will, auf Pallas (1767) und Hartmann (1655), 
die in dieser Hinsicht als Vorläufer v. Siebold’s zu betrachten sind *) 
— zurückgenommen, allein das kann uns natürlich nicht veranlassen, 
die Anwendung und Ausdehnung gutzuheissen, die demselben einst 
gegeben wurde. 

Die hier berührten Verhältnisse führen uns naturgemäss zu einer 
Erörterung über die Entwicklungsbedingungen der Helminthen, oder, 
wenn man lieber will, über den Einfluss, den die äussern Um- 
stände auf die Entwicklung derselben ausüben. 

Ein Eingeweidewurm, so wissen wir, entwickelt sich zunächst 
nur dann, wenn der Wirth seine Bedürfnisse zu befriedigen im Stande 
ist. Aber was wird aus demselben, sobald das Gegentheil stattfindet? 
Wir haben oben gesagt, dass ein solcher Schmarotzer zu Grunde 
geht, und dürften damit im Grossen und Ganzen auch nicht Unrecht 
haben, wenngleich die Verhältnisse, unter denen das geschieht, und 
die Zeit, in welcher der Untergang eintritt, gar mancherlei be- 
merkenswerthe Eigenthümlichkeiten bieten. 

Zunächst erwähnen wir, dass der Kreis jener Entwicklungs- 
bedingungen in vielen Fällen ausserordentlich eng ist, dass dabei hier 
und da selbst individuelle Momente der mannigfaltigsten Art in’s 
Spiel kommen. So ist es z. B. eine bekannte Thatsache, dass der 
berüchtigte Drehwurm fast immer nur in jungen Schafen zur Ent- 
wicklung gelangt. Wir haben das auch auf experimentellem Wege 
ausser Zweifel gestellt und den Nachweis geliefert, dass das Auf- 
kommen dieser Würmer mit zunehmendem Alter immer schwieriger 
wird. Bei Lämmern kann man mit fast mathematischer Sicherheit 
das Resultat einer Fütterung bis auf den Tag, in dem das Thier an 
den Folgen der Einwanderung zunächst erkrankt, voraussagen, wäh- 
rend alte Schafe mit gleicher Wahrscheinlichkeit gesund bleiben, 
wenn man die Brut auch noch so massenhaft einwandern lässt. Und 
das ist nicht etwa eine ausschliessliche Eigenthümlichkeit des Coen- 
urus, sondern, wie es scheint, unter den Blasenwürmern weiter ver- 
breitet, obwohl die Immunität der ältern Thiere vielleicht nur selten 
eine so vollständige ist, 


*) Ein Näheres hierüber siehe in der historischen Einleitung zu meinen .‚Blasen- 
bandwürmern“. Giessen 1856. S. 11—13, 
Leuckart, Allgem. Naturgesch. d. Parasiten, 


(0,0) 


114 Nutritive und sonstige Ansprüche 


Worin der Grund dieser Erscheinung beruht, wissen wir nicht. 
Wir wissen nicht einmal, ob wir hier die nutritiven Verhältnisse in 
Betracht zu ziehen haben oder daran denken müssen, dass vielleicht 
die Beschaffenheit der Gewebe im jugendlichen Körper eine leichtere 
Wanderung zulässt, als im Alter. 

Jedenfalls aber ist es das Alter nicht allein, auf das er bei der 
Begrenzung dieser. individuellen Entwicklungsbedingungen ankommt. 
Wie wir, wenngleich nur selten, unter den alten Schafen gelegentlich 
frische Fälle von Drehkrankheit beobachten, so giebt es andererseits 
auch unter den Lämmern einzelne Beispiele einer vollständigen Im- . 
munität gegen den betreffenden Parasiten. So erwähnt z. B. Baillet 
eines Schaflammes, das im Verlaufe von ungefähr acht Wochen 19 Mal 
mit reifen Gliedern der Taenia coenurus gefüttert wurde und trotz- 
dem keinen Drehwurm entwickelte*). Auch sonst hat der experi- 
mentirende Helminthologe oftmals und selbst unter anscheinend 
gleichen Bedingungen, gar unerwartete Resultate zu registriren. 
Er verfüttert vielleicht einen Drehwurm mit zahlreichen Köpfen an 
einen Hund und sieht, wie das dem Schreiber dieser Zeilen vor- 
gekommen ist, das eine Mal schon nach zehn Tagen den Darm mit 
mehr als hundert ausgewachsenen Bandwürmern erfüllt, während er 
das andere Mal nach drei Wochen blosse Bandwurmköpfe mit höchstens 
zolllangen Ketten, und auch diese nur in spärlicher Menge, vorfindet, 
und in einem dritten Falle ein vielleicht völlig negatives Resultat 
erhält. Alle drei Fälle sind freilich nur Ausnahmen, denn als Regel 
dürfen wir annehmen, dass die Coenurusköpfe binnen drei Wochen 
in geschlechtsreife Bandwürmer auswachsen. Allerdings findet man 
auch nach dieser Zeit gewöhnlich noch einzelne unreife Bandwürmer, 
selbst hier und da noch einen isolirten Kopf, allein das sind Unregel- 
mässigkeiten, die eher auf Rechnung der Schmarotzer, als ihrer Wirthe 
kommen und in analoger Weise auch sonst bei helminthologischen 
Experimenten beobachtet werden. 

Wie man alte Schafe vergebens mit den Embryonen von Taenia 
coenurus zu infieciren sucht, so wird man auch Muskeltrichinen nur 
selten in alten Hunden zur Entwicklung kommen sehen, selbst wenn 
die Embryonen in Massen aus dem Darmkanale auswandern und in 
der Leibeshöhle gefunden werden. Eben so wenig konnte ich und 


*) Anna]. des sc. natur. 1858. T. X. p. 190. In ähnlicher Weise berichtet 
Fiedler (zur Trichinenlehre, Deutsches Archiv für klinische Medicin, Bd. I. S. 68) 
von einem Menschen, der eine Portion stark trichiniges Fleisch ohne zu erkranken roh 
verzehrt hat 


der Helminthen. 113 


Pagenstecher bei Vögeln Muskeltrichinen erzielen, obwohl vielleicht 
Tausende von trächtigen Thieren den Darm bewohnten. Bei Tauben 
gelang es nicht einmal, die importirten Trichinen zur Geschlechts- 
reife zu bringen. Sie wuchsen allerdings und wurden auch sonst 
den geschlechtsreifen Thieren ähnlich, aber die Fortpflanzungsorgane 
blieben ohne Keimstoffe (Leuckart). 

Man sieht aus diesen Fällen, dass die Entwicklungsbedingungen 
der Schmarotzer innerhalb gewisser Breite schwanken, dass es mit 
andern Worten neben den „rechten“ und „unrechten“ Wirthen auch 
solche giebt, die den Bedürfnissen der Parasiten nur theilweise ge- 
nügen. In solchen Wirthen gehen die importirten Schmarotzer dann 
keineswegs gleich nach der Einfuhr zu Grunde; im Gegentheil, sie 
beginnen ihre Entwicklung wie gewöhnlich, und führen dieselbe auch 
bis zu einem bestimmten Puncte weiter, ohne sie jedoch zum Ab- 
schlusse zu bringen. Ob die Würmer dann in diesem Zustande 
längere Zeit verharren, ob sie schon früher zu Grunde gehen, wird 
voraussichtlich davon abhängen, in welchem Grade die Entwicklungs- 
bedingungen auch zugleich das Leben des Schmarotzers beeinflussen. 
Und das mag in den einzelnen Fällen gar mannigfach verschieden sein. 

Die Thatsache selbst übrigens, um die es sich handelt, können 
wir noch mit andern Beispielen belegen. Wenn man die Finnen 
des gemeinen Hundebandwurmes an ein Kaninchen verfüttert, so 
gehen diese nieht bloss während des Aufenthaltes im Magen die ge- 
wöhnlichen Veränderungen ein — wie wir das für die von Taenia 
solium abstammende Schweinefinne schon oben (S. 101) bemerkt 
haben —; sie verweilen auch längere Zeit in Dünndarm, ganz, wie 
sonst, an dessen Wand sich befestigend. Einzelne treiben sogar eine 
kurze Gliederkette, die sich vielleicht nur durch eine weniger voll- 
ständige Segmentirung von den normalen Anfängen eines Bandwurm- 
leibes unterscheidet. Aber dabei bleibt die Entwicklung stehen, bis 
nach etwa 10 — 12 Tagen die jungen Würmer zu Grunde gegangen 
sind (v. Siebold, Küchenmeister). 

Aehnlich verhält es sich bei den Fütterungsversuchen mit Taenia 
coenurus. Da sich die Finne dieses Bandwurmes für gewöhnlich nur 
im dem Gehirne der Lämmer entwickelt, so könnte man vielleicht 
annehmen, dass der Embryo auch allein dahin auswandert. Doch 
dem ist nicht so, wie das schon früher (S. 90) hervorgehoben wurde. 
Die Embryonen verbreiten sich vielmehr vom Verdauungsapparate 
aus in die verschiedensten Organe ihres Wirthes, hierhin und dort- 


hin, nur dass sie überall, mit Ausnahme des Hirnes, bald nach der 
g* 


i16 Einfluss äusserer Verhältnisse. 


Einwanderung zu Grunde gehen. Untersucht man das infieirte Lamm 
etwa in der dritten Woche nach der Fütterung, so findet man ausser 
einer Anzahl kleiner und rundlicher Bläschen im Hirne, welche die 
ersten Anfänge der spätern Drehwürmer repräsentiren, zahlreiche 
weisse Knötchen von tuberkelartigem Aussehen, die in der Leber und 
Lunge, wie auch namentlich zwischen den Muskeln ihren Sitz haben 
und bei näherer Untersuchung als Cysten erkannt werden, die sich 
im Umkreis der wandernden Embryonen entwickelt haben. Einzelne 
dieser Oysten enthalten auch vielleicht noch die Brut unseres Band- 
wurmes, kleine, mehr oder weniger getrübte und zusammengefallene 
Bläschen, bisweilen sogar noch unverändert und lebenskräftig, wie 
die des Hirnes, wenn auch an Grösse meist dahinter zurückstehend *). 
In seltenen Fällen entwickeln sich die Bläschen mit der Jeit sogar ZU 
einem vollständigen Coenurus**). 

Die Gründe dieser Verschiedenheiten entziehen sich einstweilen 
noch unserm Verständniss. Wir wissen nicht einmal zu erklären, 
warum die Leber oder das intermuskuläre Bindegewebe anders aut 
die Entwicklung der Brut einwirkt, als das Hirn. Die Vermuthung, 
dass es sich dabei um gewisse Unterschiede in der Zufuhr und der 
Beschaffenheit der Nahrung handele, kann uns natürlich nicht be- 
friedigen. } 

Hier und da mögen übrigens auch die räumlichen Verhältnisse 
der Organe und die Eigenthümlichkeiten in der anatomischen An- 
ordnung der Gewebe für die Entwicklung der Parasiten maassgebend 
sein. So wachsen die Hirnfinnen des Menschen in den subarachnoi- 
dealen Räumen zu blasig ausgebuchteten Strängen aus, die gelegent- 
lich eine Länge von 25 Centim. erreichen, aber nur selten einen Kopf 
entwickeln, so dass die wahre Natur dieser Gebilde (des oben erwähn- 
ten Cyst. recemosus) erst seit Kurzem erkannt ist. Auch der sog. 
multiloculäre Echinococeus ist vielleicht nur ein Product seiner Lager- 
stätte, während dagegen der sterile Echinococcus (Acephalocystis) und 
der hydatidöse — zwei Formen, die gleichfalls kaum als normale 
Zustände zu betrachten sein dürften — auf Entwicklungsbedingungen 
hinweisen, die in einer andern Richtung zu suchen sind. 


*) Vergl. hierüber, so wie über die Entwicklung des Drehwurmes überhaupt, 
besonders Haubner in Gurlt’s Magazin für pathol. Anat. 1854. S. 248 u. 375. 

**) So fand z. B. Eichler einen ausgebildeten Coenurus unter der Haut des Schafes, 
Nathusius unter der eines Rindes. Auch bei dem Kaninchen ist der Drehwurm schon 
oftmals in peripherischen Organen — im Hirne aber noch niemals — zur Beobachtung 
gekommen. 


Lebensdauer und Untergang. 117 


Es giebt überhaupt nur’ wenige Thiere, bei denen die Meta- 
morphose mit ihren einzelnen Phasen in einem solchen Grade oder 
vielmehr in so evidenter Weise, wie bei den Entozoen, von dem 
Eintritte gewisser äusserer Momente abhängt. Bleibt doch der 
jugendliche Parasit, wenn ihm die Gelegenheit zur Uebersiedelung 
in seinen definitiven Träger fehlt, Zeitlebens auf einem Entwicklungs- 
stadium, das seine glücklicheren Genossen, das möglicher Weise sogar 
deren Descendenten längst hinter sich gelassen haben. 

Es ist übrigens nicht bloss die Wanderzeit und die Entwicklungs- 
periode, die unsere Helminthen von den äussern Verhältnissen in 
ungewöhnlicher Weise abhängig macht. Auch im spätern Leben ist 
ihre Selbständigkeit eine nur beschränkte. Alle die mannigfachen 
Störungen, die den Wirth betreffen, die Gesundheit und Existenz 
desselben untergraben, wirken in mehr oder minder eingreifender 
Weise auch auf die Insassen zurück. Die einen werden durch ge- 
wisse Eingriffe aus Darm*) und sonstigen Eingeweiden vertrieben, 
während andere vielleicht einem entzündlichen Zustande ihrer Wohn- 
stätte erliegen. Aus diesem Grunde ist es auch schwer, die natür- 
liche Lebensdauer der Parasiten mit einiger Sicherheit festzustellen. 
Von manchen wissen wir freilich, dass sie nicht bloss einige wenige 
Jahre, sondern selbst ein Jahrzehnt hindurch in exponirter Stellung 
(Bothriocephalus latus, Taenıa saginata) ausharren, aber andere ver- 
mögen ihre Existenz kaum über einige Wochen hinaus auszudehnen. 
Im Allgemeinen dürfte freilich die Lebensdauer der Eingeweidewürmer 
länger sein, als bei den an Grösse ihnen gleichstehenden frei lebenden 
Thieren. 

Und das gilt namentlich für die eingekapselten Jugendformen, 
die ihre Lebensdauer nicht selten auf mehrere Decennien ausdehnen. 
So wissen wir namentlich von den Echinococcen und Muskeltrichinen, 
dass sie in einzelnen Fällen über zwanzig Jahre alt wurden, während 
die zugehörigen Geschlechtsthiere schon nach wenigen Wochen dem 
Untergange anheimfallen. 

Was die Veränderungen der abgestorbenen und in ihrem Wirthe 
verbleibenden Entozoen betrifft, so sind diese, je nach Umständen, 
verschieden. Die einen mumificiren, andere lösen sich in einen form- 
losen, fettigen Brei auf, noch andere verkalken. 


*) Hierher u. a. die Thatsache, dass die Spulwürmer nicht selten bei Eintritt von 
'Diarrhoe den Darın verlassen. 


118 Die verschiedenen Formen 


Das Herkommen der Parasiten 


und die allmähliche Ausbildung des Schmarotzerlebens. 


Wenn wir unsere Erfahrungen über das parasitische Leben, wie 
sie ın Vorstehendem niedergelegt sind, zusammenfassen und mit ihren 
charakteristischen Zügen zu einem Gesammtbild vereinigen, dann 
dürfte sich dieses in seinen hauptsächlichsten Modalitäten etwa 
folgendermaassen gestalten. 


I. Der Parasitismus ist ein bloss temporärer. In solchen Fällen 
handelt es sich beständig um Ectoparasiten, die sich von den 
frei lebenden Verwandten fast nur durch die Beschaffenheit ihrer 
Nahrung und Nahrungsquelle unterscheiden. 


II. Der stationäre Ectoparasit zeist im Ganzen gleich- 
falls nur geringe Eigenthümlichkeiten. Er verbringt entweder alle 
Entwicklungszustände (vom Ei an) auf seinem Wirthe oder führt in 
der Jugend — unter mehr oder minder abweichender Form — ein 
freies Leben. 


Ill. Der Entoparasit ist stets ein stationärer. Aber niemals 
— von den wahrscheinlich nur gelegentlich schmarotzenden Rhab- 
ditiden abgesehen — durchläuft derselbe alle Entwicklungsstadien in 
seinem Wirthe. Die junge Brut wird, in Form von freien Embryonen 
oder von mehr oder weniger weit entwickelten, vielleicht noch völlig 
unentwickelten Eiern nach Aussen gebracht. In letzterm Falle geht 
im Freien zunächst die Embryonalentwicklung vor sich. Von da an 
aber weichen die Schicksale nach verschiedener Richtung aus einander. 


1) Die Embryonen der Entozoen führen einige Zeit hindurch 
unter abweichender Form ein freies Leben (Nematoden mit rhabditis- 
formigen Jugendzuständen). Sie üben nicht bloss eine freie Bewegung, 
sondern geniessen auch Nahrung, ganz nach Art der übrigen Geschöpfe. 

a. Im Verlaufe dieses freien Lebens gelangt die Jugendform zur 
Geschlechtsreife, um dann erst in den geschlechtlich erzeugten Nach- 
kommen wieder zum Parasitismus zurückzukehren (Ascaris nigrovenosa). 

b. Die Jugendform wird auf einer bestimmten Entwicklungsstufe 
selbst wieder zu einem geschlechtsreifen Parasiten. Sie kommt von 
vorn herein in ihren definitiven Träger und vollendet in diesem — 
bisweilen freilich (Sclerostomum equinum) an einer provisorischen 
Wohnstätte — ihre Entwicklung. Hierher u. a. gewisse Strongyliden. 


des parasitischen Lebens. 119 


2) Die Embryonen finden in Folge einer activen oder passıven 
Wanderung — ohne jemals ein eigentlich freies Leben geführt zu 
haben — einen Zwischenwirth, in dessen peripherischen Organen sie 
sich zu einer Larvenform entwickeln, die dann unter verschiedenen 
Umständen ihre Lebensgeschichte zum Abschluss bringt*). 

a. Die Larve wandert aus und wird nach vollendeter Metamor- 
phose zu einem frei lebenden Thiere (Oestriden u. a. Fliegen, Ichneu- 
moniden, Mermithen, Gordiaceen). 

b. Die Larve kommt in ihrem Zwischenwirthe ohne weitere 
Metamorphose zur Geschlechtsreife. So ist es bei dem oben ($. 92) 
erwähnten Archigetes und Aspidogaster. 

e. Die Larve verharrt in dem Zwischenwirthe, bis sie, meist auf 
passive Weise (mit der Nahrung), in ihren definitiven Träger über- 
wandert. Die Lebens- und Entwieklungsgeschichte vertheilt sich ın 
solchen Fällen auf zwei von einander verschiedene Wirthe. Es ıst 
das diejenige Lebensform, die wir bei der weitaus grössesten Anzahl 
der Eingeweidewürmer (den Cestoden, mit Ausnahme von Archigetes, 
den Acanthocephalen und Distomeen, so wie den Pentastomen) an- 
treffen und als die eigentlich typische unter den Entozoen zu be- 
trachten haben. Im Einzelnen lässt dieselbe aber auch ihrerseits 
wieder gewisse Modificationen zu, und zwar dadurch, dass 

&. die Zahl der Zwischenwirthe steigt, indem die Larve ent- 
weder selbst auswandert und einen neuen Wirth sucht (gewisse 
Gestoden) oder auf ungeschlechtlichem Wege eine Nachkommenschaft 
erzeugt, die dann den gleichen Wirthswechsel eingeht (Distomeen), 
oder dadurch, dass 

2. der Zwischenwirth mit dem definitiven Träger individuell zu- 
sammenfällt, indem die Embryonen den letztern nicht verlassen, 
sondern in die peripherischen Organe desselben übersiedeln und im 
diesen sich zu Larven entwickeln (Trichina). 

3. Die Embryonen gelangen gleich von vorn herein und noch 
umschlossen von ihren Eihüllen (auf passive Weise) in den Darm 


*) Die hier kurz characterisirte Form des entoparasitischen Lebens ist diejenige, 
welche am frühesten unserer Kenntniss sich erschlossen hat. Als die erste Auflage 
meines Parasitenwerkes erschien, war sie die einzig bekannte. Die Existenz der übrigen 
Formen (1 a u. b, 3) ist erst später durch meine Untersuchungen, besonders über 
Nematoden — vergl. Bd. II. meines Parasitenwerkes —, nachgewiesen. Zu den nach 
diesen neuen Normen sich entwickelnden Helminthen gehören mehrere der wichtigsten 
menschlichen Parasiten. Trotzdem behauptet Küchenmeister (Parasiten 2. Aufl., Vorw.) 
frischweg, dass auf dem Gebiete der Parasitenlehre dem von ihm Gebotenen .„‚practisch 
Wichtiges und Neues kaum hinzugefügt‘ sei! 


120 Entstehung der Parasiten 


ihrer definitiven Träger und vollenden in diesem ihre gesammte 
weitere Entwicklung. Hieher zahlreiche Nematoden, besonders Tricho- 
cephalus und Oxyuris. 

Die Reihenfolge, in der wir die verschiedenen Modalitäten des 
Schmarotzerlebens hier zusammengestellt haben, gibt uns zugleich 
ein Bild von der allmählichen Ausbildung und Steigerung, der das- 
selbe fähig ist. Die ersten Anfänge verlieren sich, wie das schon 
oben (8. 1) hervorgehoben wurde, in den Erscheinungen des gewöhn- 
lichen Lebens. Offenbar, dass dieses letztere auch den Ausgangs- 
punkt des Parasitenthums abgibt, dass die Parasiten mit andern 
Worten durch Anpassung an die Bedingungen des Schma- 
rotzerlebens im Laufe der Zeit aus ursprünglich freien 
Geschöpfen hervorgegangen sind. 

Die Entstehungsweise, die wir unsern Thieren hiermit vindieiren, 
ist im Principe genau dieselbe, welche wir — in Uebereinstimmung 
mit der sog. Descendenzlehre — auch für die einzelnen freien Lebens- 
formen in Anspruch nehmen, wenn wir diese durch eine verschiedene 
Einwirkung der Lebensverhältnisse direet aus einander oder aus einer 
gemeinschaftlichen Urform sich hervorbilden lassen. Die Art der 
Anpassung ist freilich insofern eine andere, als es sich bei den freien 
Thieren gewöhnlich um eine Entwicklung von Eigenschaften handelt, 
die eine ausgiebigere oder complieirtere Leistung ermöglichen, während 
der Parasit dagegen seine Beziehungen zur Aussenwelt in demselben 
Verhältnisse einengt, in dem sein Schmarotzerthum sich weiter 
ausbildet. 

Nur unter dem Einflusse einer wechselvollen Umgebung und ım 
Vollgenusse ungehemmter Thätigkeit vermag der Organismus allseitig 
sich zu entwickeln und seine Fähigkeiten zur Ausbildung zu bringen. 
Die Beschränkung hat allenthalben eine Verkümmerung im Gefolge, 
und eine solche Verkümmerung ist es, die unsern Schmarotzern, wenig- 
stens den stationären Schmarotzern, ihr eigenthümliches Gepräge gibt. 
Die Organe und Einrichtungen, welche dazu dienen, auf die Aussen- 
welt zu wirken und von dieser erregt zu werden, schwinden unter 
dem Einflusse einer beschränkten Existenz, und bei den exquisiten 
Schmarotzern oftmals in einem solchen Grade, dass der gesammte, 
sonst so kunstvoll gegliederte Organismus zu einem einfachen 
Schlauche wird, dessen Leistungsfähigkeit fast vollkommen im Er- 
nährung und Fortpflanzung aufgeht*). 

#) Es ist das übrigens eine Auffassung, die keineswegs erst mit der Darwin'schen 
Lehre zur Geltung gekommen ist, sondern schon früher mehrfach vertreten wurde. So 


aus ursprünglich frei lebenden Arten. 121 


Diese Wirkungen des Schmarotzerlebens sind besonders da sehr 
augenfällig, wo es sich um Formen handelt, deren Verwandte sämmt- 
lich oder doch zum grösseren Theile ein freies Leben führen. So 
kennen wir seit Joh. Müller’s klassischen Untersuchungen *) eine 
Schnecke (Entoconcha mirabilis), die in der Jugend die gewöhnlichen 
Attribute dieser Thiere trägt, jedenfalls nicht mehr von den ver- 
wandten Jugendformen sich unterscheidet, als diese unter einander, 
auch eine Zeitlang ganz in gewöhnlicher Weise lebt, aber schliesslich 
zu einem Parasiten wird **), der nicht bloss sein Gehäuse — wie das 
noch andere Schnecken thun —, sondern auch seine Bewegungs- 
organe, seine Sinneswerkzeuge und seinen Verdauungsapparat ver- 
loren hat und zu einem einfachen, mit Geschlechtsstoffen gefüllten 
Schlauche geworden ist. In der Form dieses „Schneckenschlauches‘“ 
findet man den Parasiten in der Leibeshöhle einer wurmartigen 
Holothurie (Synapta digitata), mit dem knopfförmig verdiekten Vorder- 
ende in das Darmgefäss seines Wirthes eingefügt, so dass man ihn 
leicht für ein genuines Organ desselben halten könnte. Jedenfalls 
würde Niemand ohne Kenntniss der Jugendform darin eine Schnecke 
wiedererkennen. 

Wenn wir diese Rückbildung als eme Folge des Schmarotzer- 
lebens auffassen, so ıst das natürlich nicht dahin zu verstehen, als 
ob letzteres seinen Einfluss gleich von vorn herein mit ganzer Stärke 
auf unser Thier geltend gemacht habe und denselben jedes Mal in 
gleicher Weise wiederhole. Der Einfluss, den die äusseren Lebens- 
verhältnisse auf die Bildung eines Organismus ausüben, kann, wie 
überall, so auch in vorliegendem Falle, nur ein allmählich wirkender 
gewesen sein, der sich durch lange Zeit und viele Generationen hin- 
durch fortsetzte, bevor er so extreme Wirkungen zu erzeugen ver- 


für die Epizoen von Nitzsch (Magazin der Entomologie Bd. III. S. 261), für die Ento- 
zoen von meinem Onkel Fr. S. Leuckart (Versuch einer naturgemässen Eintheilung der 
Helminthen, Heidelberg 1827). Der Letztere sagt u. a. (a. a. OÖ. S. 10), „Die Hel- 
minthen zeigen mit andern Ordnungen und Klassen mehrfache Verwandtschaft und 
Aehnlichkeit, bieten dabei aber bedeutende Abweichungen von den verwandten Thier- 
formen, die ohne Zweifel durch die ganz besondere Lebensweise der 
Thierwürmer, bedingt dureh ihren so beschränkten, von der Aussen- 
weltinderRegelvölligabgeschlossenen Aufenthalt, entstehen mussten“, 
*) J. Müller, über Synapta digitata und die Erzeugung von Schnecken in Holo- 
thurien. Berlin 1852. 
*#) Ich habe mich in der obenstehenden Darstellung der gewöhnlichen Annahme an- 
geschlossen, will aber hinzufügen, dass die Umwandlung der Schnecke in den sog. 
Schneckenschlauch bis jetzt noch nicht direct beobachtet worden ist. 


122 Allmähliche Steigerung 


mochte, Keine plötzliche Umformung, sondern eine langsam, aber 
stetig fortschreitende Anpassung an die Bedingungen einer para- 
sitischen Lebenweise ist es, deren Resultat wir in der betreffenden 
Bildung vor Augen haben. Wir müssen auch annehmen, dass die 
Schnecke — um bei unserm Falle zu bleiben — nicht von vorn herein 
die jetzige Form des Parasitismus gezeigt habe, sondern erst allmäh- 
lich zu dem oben beschriebenen Binnenschmarotzer geworden sei. 

Wo innerhalb einer Thiergruppe die Zahl der Schmarotzer 
wächst, da sehen wir die verschiedenen Grade des Parasitismus nicht 
selten auch in bleibenden Formen neben einander. Die Summe der . 
Rück- und Umbildungen ist dann in den einzelnen Arten eine ver- 
schieden grosse, denn die Umgestaltung der Organisation geht in 
keinem Falle weiter, als die Verhältnisse des Schmarotzerlebens es 
mit sich bringen. Schritt für Schritt können wir unter solchen Um- 
ständen verfolgen, wie Thiere, die sonst von organischem Detritus 
sich ernähren, wie die Asseln, oder eine räuberische Lebensweise 
führen, wie die in unsern Gewässern besonders durch das Gen. Cy- 
elops vertretenen Copepoden *), die freie Lebensweise mit einer para- 
sitischen vertauschen. Oftmals blosse temporäre Schmarotzer, vielleicht 
nur durch den Besitz wirksamerer Klammerorgane von den nächsten 
Verwandten unterschieden, verweilen sie in andern Fällen eine längere 
Zeit hindurch auf ihren Nährthieren. Die frühere Beweglichkeit geht 
verloren, indem die Extremitäten in Folge des Nichtgebrauches sich 
zurückbilden und um so mehr verkümmern, je mehr der Parasitismus 
zu einem stationären wird. Ebenso schrumpfen die Sinnesperceptionen 
und die sie vermittelnden Organe. Der Leib verliert seine Gliederung 
und verwandelt sich schliesslich in eine cylindrische Masse, die unter 
dem Drucke der mächtig schwellenden Geschlechtsorgane, besonders 
des Ovariums, nicht bloss um ein Beträchtliches wächst, sondern 
oftmals auch in unregelmässigster Weise sich umformt. Als solche 
extreme Fälle heben wir unter den Copepoden die Lernaeaden **), 
unter den Isopoden die als förmliche Entozoen lebenden Ento- 
nisciden ***) hervor. 

Aber auch in diesen en Fällen besitzen die Schmarotzer- 
krehse in der Jugend dieselbe Organisation, wie ihre frei lebenden 
Verwandten. Mit der gleichen Form verbinden sie Anfangs auch 


*) Vergl. v. Nordmann, mikrographische Beiträge. Berlin 1832. Bd. II. 
5m C. Claus, Beobachtungen über Lernaeocera u. s. w. Marb. 1866. 
, Fr. Müller, Archiv f. EN 1862. Th. I. 8. 10. und Buchholz, Ztschft, 
für en Zoologie 1860. Bd. XVL S. 103, Jenaische Ztschr. f. Naturw. Bd. VI. S. 53. 


des Parasitismus. 123 


das gleiche Leben. Der Uebergang in den definitiven Zustand ge- 
schieht erst allmählich und stufenweise, durch eine Metamorphose, 
die der jedesmalisen Umgestaltung der Lebensverhältnisse parallel 
geht*). Dass die Metamorphose im Allgemeinen eine sog. rück- 
schreitende ist, je nach den Umständen aber verschieden weit geht, 
hat schon oben erwähnt werden müssen; ich will nur noch die Be- 
merkung hinzufügen, dass dieselbe — in Zusammenhang mit einer, 
uns schon früher (S. 57) bekannt gewordenen Thatsache — nicht 
selten auch bei den Weibchen einen höhern Grad erreicht, als bei 
den Männchen. 

In derselben Weise, wie das für die Schmarotzerkrebse hier ver- 
sucht ist, lassen sich auch die natürlichen Beziehungen der Gregarinen, 
der Krätzmilben und Muskitos zu den frei lebenden Verwandten fest- 
stellen. Aber schon unter den parasitischen Insekten gibt es Formen, 
bei denen diese Beziehungen weniger evident sind, weil die ver- 
bindenden Zwischenglieder fehlen. So stehen namentlich die Läuse 
und Flöhe trotz der nicht unbeträchtlichen Menge ihrer Arten ziem- 
lich isolirt unter ihren Verwandten, durch Charaktere davon ver- 
schieden, für die wir bis jetzt so wenig Vermittlungen gefunden 
haben, dass selbst die systematische Stellung der Thiere noch keines- 
wegs in jeder Hinsicht gesichert erscheint. 

Und ebenso verhält es sich mit der grössern Mehrzahl der sog. 
Eingeweidewürmer. Die Gruppen der Bandwürmer (Cestodes), Saug- 
würmer (Trematodes), Kratzer (Acanthocephali) bestehen ausschliess- 
lich aus Schmarotzern, wenn diese auch vielleicht, wie das wenigstens 
für die Trematoden gilt, in dem Grade ihres Parasitismus mehrfach 
von einander abweichen. Die Bandwürmer und Kratzer sind durch 
den Mangel von Mund und Darmkanal sogar ausdrücklich auf eine 
parasitische Lebensweise angewiesen, denn das freie Leben setzt be- 
kanntlich die Fähiskeit voraus, die Nahrungsstoffe durch eine (blei- 
bende oder vergängliche) Oeffnung direct in den Körper zu übertragen. 

Es gibt unter den Eingeweidewürmern nur eine einzige Gruppe, 
die auch im Freien durch verwandte Formen, und zwar in zahl- 
reichster Menge, vertreten ist, und das ist die Ordnung der Rund- 
würmer oder Nematoden, Aber die frei lebenden Nematoden sind erst 
seit kurzer Zeit ein Gegenstand näherer Untersuchung geworden **). 


*) Vergl. besonders Claus. Beiträge zur Kenntniss der Schmarotzerkrebse , Zeit- 
schrift für wissensch. Zool. 1864. Bd. XIV. S. 365. 
*#) Besonders durch Bastian, Ebert, Schneider, Bütschli, Marion, de Maan. 


124 Frei lebende Nematoden. 


Noch vor wenigen Decennien kannte man kaum mehr als ein halbes 
Dutzend derartiger Formen und auch diese nur unvollkommen, so 
dass man mehr geneigt war, dieselben mit Verkennung ihrer natür- 
lichen Beziehungen den Infusorien zuzurechnen, als den Nematoden. 

Unter solchen Umständen erscheint es denn auch begreiflich, 
dass die früheren Helminthologen vielfach der Ansicht waren, die 
Eingeweidewürmer ständen nicht bloss biologisch, sondern auch syste- 
matisch ganz isolirt unter den übrigen Thieren. Sie bildeten aus 
ihnen eine gemeinschaftliche Klasse (Entozoa), die, wenn auch den 
frei lebenden Würmern zumeist angenähert, doch sonst kaum irgend- 
wie damit in einem nähern Verhältniss stehen sollte. 

Dass diese Auffassung nicht wenig dazu beitrug, die Vorgänge 
des entozootischen Lebens aus ihrem natürlichen Zusammenhange zu 
lösen, liegt auf der Hand. Unter dem Einflusse derselben gestaltete 
sich der Parasitismus in unserer Wissenschaft zu einer Erscheinung 
sui generis, die keineswegs nach Maassgabe des gewöhnlichen Thier- 
lebens zu beurtheilen sei, vielmehr vielfach mit den Verhältnissen 
desselben im Gegensatze stehe. Wir haben bei einer frühern Gelegen- 
heit ausführlich erörtert, wie man dem Sein und Werden der Ento- 
zoen lange Zeit hindurch — und vielfach waren es die Systematiker, 
die hier den Ausschlag gaben — seine eignen Gesetze vindicirte, bis 
man es schliesslich lernte, die Thatsache in richtiger und natur- 
gemässer Weise zu beurtheilen (S. 28£f.). 

Und dabei haben denn auch die Beziehungen der Entozoen zu 
den frei lebenden Thieren eine bessere Würdigung gefunden. 

Am augenfälligsten sind diese Beziehungen, wie gesagt, bei den 
Nematoden, bei einer Gruppe von Thieren, deren Vertreter, weit 
davon entfernt, ausschliesslich Entozoen zu sein, im Freien eine so 
immense Verbreitung haben und unter so verschiedenartigen Ver- 
hältnissen vorkommen, dass die Menge der parasitischen Formen, so 
gross sie ist, doch vielleicht nicht unbeträchtlich hinter letzteren 
zurückbleibt. Es würde mich natürlich zu weit führen, wollte ich 
den Versuch mach®n, näher auf diese freien Nematoden einzugehen. 
Für unsere Zwecke genügt die Bemerkung, dass dieselben eben so 
wohl im Meere und dem süssen Wasser, wie im Schlamme und der 
Erde leben, auch bald als förmliche Räuber sich ernähren, bald 
faulende Substanzen geniessen. Zu den letztern gehören als die be- 
kanntesten und verbreitetsten Formen die Arten des schon früher 
mehrfach erwähnten Dujardin’schen Genus Rhabditis (Leptodera, Pe- 
lodera Schneid.). Es sind Thiere von unbedeutender Grösse, welche 


Khabditiden. 125 


überall in reichlichster Menge die mit verwesenden organischen Sub- 
stanzen geschwängerte Erde bewohnen und sich von den Verwandten 
namentlich durch die Bildung ihres Verdauungs- und Geschlechts- 
apparates unterscheiden. Besonders charakteristisch ist die kräftige 
Muskulatur des Oesophagealrohres, das in seinem 
hintern kugelförmis aufgetriebenen Abschnitte, 
dem sog. Bulbus, eine gewöhnlich aus drei klap- 
penden Zähnen gebildete Bewaffnung einschliesst 
(Fig. 60). Die Geschlechtsreife tritt nur bei 
reichlicher Ernährung em, meist nur an Orten, 
wo sich ein Fäulnissherd gebildet hat. An solchen 
Localitäten folgen die Generationen nicht selten 
so rasch auf einander, dass die Würmchen massen- 
haft auf allen Stadien daselbst gefunden werden. 
Erlischt der Fäulnissherd, vielleicht durch Er- 
schöpfung oder Eintrocknen, dann zerstreuen sich 
die Thierchen und verharren ım Larvenzustande, 
bis ein günstiges Ungefähr ihnen die Möglichkeit 
einer weitern Entwicklung bietet. In diesem 
jugendlichen Zustande können sie auch unter 
der cystenartig abgestossenen Larvenhaut (mit 
verschlossenem Mund und After) eine längere 
Zeit hindurch der Austrocknung unterliegen, ohne 
zu Grunde zu gehen. Unter gewissen Umstän- 
den gelangen diese mundlosen Larven auch in Rhabditis terricola, 
lebendige Thiere, in denen sie dann, offenbar in rwachsenes Weihchen u, 
Ir : 3 = Junges. 

Folge des Parasitismus, oftmals einen in mancher 

Hinsicht abweichenden Entwicklungsgang einschlagen. So ist es na- 
mentlich bei einer Art, die ihr Entdecker Schneider zunächst unter 
dem Namen Alloionema appendiculatum beschrieben *), später aber 
ganz richtig als eine Rhabditis (Leptodera) erkannt hat**). Nach 
den Untersuchungen, welche theils von Schneider selbst, theils auch 
und besonders von Claus***) über diese interessante Form veröftent- 
licht sind, erscheint der Parasitismus derselben als ein rein faculta- 
tiver. Er kann ohne Gefährdung des Artbestandes unterbleiben , so 
dass dann die Lebensgeschichte ganz das gewöhnliche Bild zeigt, 


*) Zeitschrift f. wissensch. Zoologie. Bd. X, S. 176. 
*®) Monographie der Nematoden, Berlin 1866. S. 159. 
***) Beobachtungen über die Organisation und Fortpflanzung von Leptodera appen- 
dieulata. Marburg u. Leipzig 1856 


126 Lebensgeschichte der Rhabditis appendiculata 


Anders aber verhält es sich, wenn die Larven Gelegenheit finden, in 
die schwarze Wegeschnecke (Arion ater) einzuwandern. Im dieser 
wachsen dieselben zu Thieren aus, die trotz der Abwesenheit eines 
Mundes die doppelte Grösse (über 4 Mm.) erreichen, auch die Chitin- 
zähne des Oesophagus und die frühere pfriemenförmige Schwanzspitze 
verlieren, dafür aber am Hinterleibsende zwei fein gestreifte lange 
Cuticularbänder entwickeln, welche wahrscheinlicher Weise trotz ihres 
eigenthümlichen Baues als Tastpapillen, wie sie auch bei andern 
Nematodenlarven an dieser Stelle gefunden werden*), fungiren. Zur 
(Greschlechtsreife kommen die Parasiten übrigens erst nach der Aus-. 
wanderung aus ihren Wirthen, und zwar durch eine Häutung, bei 
der die bandförmigen Schwanzanhänge abfallen und die Oefinungen 
des Verdauungs- resp. (Geschlechtsapparates nach Aussen durch- 
brechen. Grösse und Schwanzbildung charakterisiren diese Thiere 
auch im geschlechtsreifen Zustande als eine besondere Form. Selbst 
die innere Organisation zeigt mancherlei Unterschiede. Der Uterus 
enthält mindestens 5--600 Eier, während derselbe bei den aus freien 
Larven hervorgehenden Weibchen höchstens zwei bis drei Dutzend 
in sich einschliesst. Beide Male aber entwickeln sich die Eier im 
Mutterleibe zu Embryonen, die genau die gleiche Grösse, Gestalt und 
Organisation besitzen und auch, ohne der Einwanderung in Schnecken 
zu bedürfen, bei Vorhandensein einer stickstoffhaltigen Nahrung 
gleichmässig im Freien zur Geschlechtsreife gelangen. 

Es kann hiernach keinem Zweifel unterliegen, dass der Para- 
sitismus in diesem Falle einen blossen Collateralweg repräsentirt, der 
für die Erhaltung der Art nur insofern von Bedeutung ist, als er — 
ganz in Uebereinstimmung mit den früher erörterten Verhältnissen 
— die Erzeugung einer reichlichern Nachkommenschaft ermöglicht. 
Gleichzeitig aber erweist es sich als unverkennbar, dass die Ab- 
weichungen im Baue der parasitischen Generation mit den veränderten 
Lebensverhältnissen in Zusammenhang stehen und durch diese be- 
dingt sind. 

Was bei der hier angezogenen Rhabditis appendiculata aber nur 
facultativ war, dasAuftreten parasitischer Generationen neben 
den frei lebenden, das steigert sich in andern Fällen und wird 
schliesslich zu einer constanten Erscheinung. In regelmässiger Wechsel- 
folge schieben sich dann die parasitischen Generationen ein zwischen 
die frei lebenden, wie die sog. Ammen bei dem Generationswechsel 


*) Leuckart, Parasiten, Bd. II, S. 697. 


und des Rhabdonema nigrovenosum, 127 


zwischen die Geschlechtsthiere. Aber die Zwischengenerationen sind 
nicht geschlechtslos, wie die Ammen, die bekanntlich nur auf un- 
geschlechtlichem Wege ihre Nachkommenschaft erzeugen, sondern 
vollständige Geschlechtsthiere, in morphologischer Beziehung den frei 
lebenden Generationen ebenbürtig, sogar in mancher Beziehung den- 
selben überlegen *). 

So finden wir es bei der schon oben (8. 2) erwähnten sog. As- 
caris**) nigrovenosa, deren Rhabditisform in den Exerementen der 
Frösche lebt und sich von den verwandten Thieren kaum durch 
irgend welche Besonderheiten unterscheidet. Gleich den übrigen 
Rhabditisarten von unbedeutender Grösse erreicht dieselbe (Fig. 61) 
schon. nach kurzer Zeit ihre Geschlechtsreife, um dann alsbald einige 
wenige Junge zu erzeugen, die schon im Mutterleibe auskriechen 
und darin — wie das inzwischen auch von andern Rhabditiden be- 
kannt geworden ist — verweilen, bis sie die innern Organe sämmt- 
lich zerstört und verzehrt haben. Auch diese Jungen haben Anfangs 
die Charaktere des Gen. Rhabditis, verlieren solche aber, nachdem 


"sie (immer noch im Mutterleibe) eine gewisse Grösse erreicht haben. 


Sie hören dann auch auf zu fressen und entwickeln sich erst weiter, 
wenn sie Gelegenheit gefunden haben, in die Lungen eines Frosches 
einzuwandern, ihre frühere Lebensweise also mit einer parasitischen 
zu vertauschen. 

Die Anpassung an die Verhältnisse dieses parasitischen Lebens 
ist aber bei unserm Wurme viel vollständiger, als bei der Rhab- 
ditis appendiculata. Er wächst in den Lungen seines Trägers zu 
einem fast zolllangen Wurme aus, der kaum noch irgend welche 
Aehnlichkeit mit seinen Vorfahren besitzt, eine Lebensdauer von 
Monaten besitzt und binnen dieser Zeit eine unzählige Menge von 
Eiern producirt, die noch im Fruchthälter einen Embryo ausscheiden 
und später in den Darm ihres Wirthes übertreten. Während des 
Aufenthaltes im Darme schlüpfen die Embryonen aus. Sie ergeben sich 
wieder als vollständige kleine Rhabditiden (Fig. 62) und verweilen 
in dieser Form unverändert in der Kloake, bis sie mit den Excre- 
menten nach Aussen entleert werden, wo sie dann, von faulenden 
Stoffen umgeben, schon in wenigen Tagen ihren Lebenslauf vollenden. 
Der auffallende Umstand, dass die parasitische sog. Ascaris nigrovenosa 


*) Eine solche Wechselfolge dimorpher geschlechtlicher Generationen habe ich 
schon seit längerer Zeit als „‚Heterogenie‘‘ bezeichnet. 

**) Da die Benennung Ascaris für dieses Thier durchaus unrichtig ist, werde 
ich das Thier fortan mit dem (neuen) Genusnamen Rhabdonema bezeichnen. 


128 Rhabdonema nierovenosum. 


immer nur in weiblicher Form gefunden wird, hat mich Anfangs zu 
der Annahme geführt, dass dieselbe parthenogenesire, indessen habe 
ich inzwischen — wie früher schon Bischoff — bei einigen Individuen 


Fig. 61. Ri 62, 


Fig. 61. Rhabditisform von Rhabdonema (Ascaris) nigrovenosum, ein Männchen (a) und 
drei Weibchen (b) mit Embryonen auf verschiedenen Stadien der Entwicklung. 


Fig. 62. Reifer Embryo von Rhabdonema nigrovenosum, 


ım hintern Abschnitte des Fruchthälters zwischen den Eiern unver- 
kennbare Samenkörperchen angetroffen, so dass ich jetzt Schneider 
und Olaus beistimmen muss, wenn diese unsere Form für einen Her- 
maphroditen erklären, der, wie das auch von einzelnen frei lebenden 


Rhabditisartige Schmarotzer. 129 


Rhabditiden bekannt ist*), in den sonst ganz weiblich gebauten 
Geschlechtsorganen vor den Eiern einige Zeit hindurch Samen- 
körperchen erzeust. Ich muss übrigens hinzufügen, dass ich in 
manchen Fällen — und ebenso ist es auch andern Helminthologen 
ergangen (nach brieflicher Mittheilung z. B. v. Siebold) — ver- 
sebens nach Samenkörperchen gesucht habe, die Möglichkeit einer 
parthenogenetischen Entwicklung also noch keineswegs vollständig aus- 
schliessen möchte. 

Ob Fälle, wie der hier geschilderte, unter den Nematoden 
häufiger vorkommen, muss einstweilen dahin gestellt sein bleiben. 
Allerdings hat es nicht an dem Versuche gefehlt, gewisse andere 
parasitische Spulwürmer gleichfalls mit frei lebenden Rhabditiden in 
genetischen Zusammenhang zu bringen, ja letzteren sogar sammt und 
sonders die Bedeutung von selbständigen Formen abzusprechen, allein 
Alles, was man zu Gunsten eines solchen Verhaltens beigebracht 
hat**), ist so wenig begründet und vielfach so verfehlt, dass die Be- 
weisführung vor der Kritik nicht stichhält. 

Am ersten könnte man übrigens noch bei der Rhabditis ster- 
coralis an einen Zusammenhang mit einer frei lebenden Art denken, 
vorausgesetzt natürlich, dass dieselbe überhaupt eine genuine Schma- 
rotzerform darstellt und nicht etwa das Beispiel eines bloss gelegent- 
lichen Parasitismus abgiebt, wie wir einen solchen für gewisse Fliegen- 
larven (8. 2) früher kennen lernten. Der Umstand, dass der Wurm 
die anatomischen und biologischen Charaktere des Gen. Rhabditis 
noch unverändert beibehalten hat, auch in seinem Träger und den 
von ihm bewohnten Organen seine ganze Entwicklungsgeschichte 
durchläuft, spricht übrigens mehr zu Gunsten der letztern Ver- 
muthung. Jedenfalls beweist derselbe eine verhältnissmässig nur 
geringe Anpassung an die parasitischen Verhältnisse. 

Doch schon das eine Beispiel von Rhabdonema ist genügend, 
nicht bloss die innigen Beziehungen des parasitischen und freien 
Lebens ausser Zweifel zu stellen, sondern auch weiter noch den 
Beweis dafür zu liefern, dass das erstere, statt dem andern gleich- 
berechtigt zur Seite zu stehen oder gar dahinter zurückzubleiben, wie 
noch bei Rhabditis appendiculata, unter gewissen Umständen mehr in 


*) Vergl. Schneider, Monographie, S. 315 und Vernet, Journ, de Geneve, 
1872. Sept. 

*#) Ercolani, sulla dimorphobiosi, Memor, Accad. Bologna 1873, T. II. und 
ler 


Leuckart, Allgem. Naturgesch, d. Parasiten, 9 


130 Beschränkung der Rhabditisform 


den Vordergrund zu treten vermag. Die Bedeutung des freien Lebens 
wird dann natürlich in demselben Verhältniss eine geringere. 

Und diese Verschiebung der beiderlei Zustände hat bei Rhabdo- 
nema noch lange nicht ihr Extrem erreicht. Denn nach den oben 
(S. 80) angezogenen Untersuchungen giebt es eine ganze Reihe para- 
sitischer Nematoden, besonders aus der Gruppe der Strongyliden, bei 
denen die Rhabditisform mit ihren biologischen Attributen, statt eine 
eigene Generation zu repräsentiren, welche der parasitischen voraus- 
geht, auf die Jugendzeit (Fig. 63) der spätern Eingeweidewürmer 


Fig. 63. 


Dochmius trigonocephalus als frei lebende Jugendform (a) und junger Parasit (b). 


beschränkt ist und somit denn continuirlich in den parasitischen Zu- 
stand überführt. Nach Art der gewöhnlichen Rhabditiden leben 
diese Würmer Anfangs frei im Schlamme und der feuchten Erde, 
fressend und wachsend, bis sie ein bestimmtes Grössenmaass erreicht 
haben. Bei Gelegenheit einer Häutung gehen dann die Charaktere 
des Gen. Rhabditis verloren. Damit erlischt zugleich die Möglichkeit 
des frühern Nahrungserwerbs. Allerdings leben die Würmer noch 
einige Zeit hindurch unter den frühern Verhältnissen, aber nur so 
lange, als die im Innern angesammelten Reservestoffe zur Bestreitung 
der Bedürfnisse ausreichen. Um weiter zu wachsen und ihre Meta- 
morphose zu vollenden, müssen dieselben das frühere freie Leben mit 
einem parasitischen vertauschen; nur im Innern eines lebendigen 
Thieres finden sie die Bedingungen ihrer vollständigen Entwicklung. 

Trotz allen Unterschieden weist übrigens die Beschaffenheit der 
Jugendform in allen diesen Fällen noch unverkennbar auf die Be- 
ziehungen hin, welche zwischen ihnen und den Rhabditiden obwalten. 
Und auch die Unterschiede sind nicht einmal so gross, wie es auf den 
ersten Blick den Anschein hat, denn im Grunde genommen beschränken 


auf die Jugendzustände. 131 


sıe sich darauf, dass die früher über zwei Generationen vertheilten 
Lebenszustände in eine einzige Reihe zusammengezogen sind. Und 
das ist eine Erscheinung, der wir auch sonst im Thierleben gar 
häufig begegnen. Ich brauche, um das mit einem Beispiele zu be- 
legen, nur daran zu erinnern, dass der Generationswechsel nicht 
selten bei nahen Verwandten von einer Metamorphose vertreten wird, 
in der die frühere vorbereitende Generation dann nur noch durch 
die Zustände der Jugendform ihre Repräsentation findet. 

Und selbst diese Anklänge an eine frühere Selbständigkeit können 
mehr oder minder vollständig verloren gehen. Wissen wir doch, dass 
es neben den Arten mit Generationswechsel und Metamorphose sehr 
sewöhnlich auch solche giebt, bei denen die Zustände, die bei den 
ersteren durch freie Jugendformen vertreten waren, in die Zeit des 
Eilebens verlegt sind, die Geburt also auf einem Entwicklungsstadium 
eintritt, das sonst erst während des freien Lebens erreicht wurde. In 
solchen Fällen bleiben natürlich alle diejenigen Eigenschaften latent, 
welche die betreffenden Zustände zu einer selbständigen Existenz 
befähigten; die frühere lebensreife Form erscheint dann in verein- 
fachter, leichter Skizzirung, nur soweit angelegt, als es nöthig ist, 
um den Uebergang zu einer neuen Entwicklungsstufe zu vermitteln. 

Unter solchen Umständen haben wir denn auch kein Recht, die 
Existenz einer rhabditisartigen Jugendform zum ausschliesslichen 
Kriterium für die Beziehungen zu machen, die zwischen den para- 
sitischen und den frei lebenden Nematoden obwalten. Bei fortge- 
setzter und gesteigerter Anpassung an die Verhältnisse des Parasitis- 
mus kann diese Jugendform ausfallen oder richtiger vielmehr in den 
Vorgängen der Eientwicklung bis zur Unkenntlichkeit aufgehen. 
Durch eine derartige Abkürzung der Entwicklungssgeschichte ent- 
stehen dann zunächst vielleicht Formen, wie Oxyuris, Trichocephalus, 
Spiroptera u. a., mit Embryonen, die im Freien überhaupt nicht 
ausschlüpfen, sondern (S. 88) in der Eischale verharren, bis sie einen 
Wirth gefunden haben. 

Die Verschiedenheiten, die zwischen diesen Arten obwalten, müssen 
natürlich in genau derselben Weise beurtheilt werden, wie die spe- 
cifischen Unterschiede der frei lebenden Geschöpfe. In allen Fällen 
sind die Eigenschaften eines Thieres maassgebend für die Lebens- 
weise desselben; wenn also zwei Thiere von einander abweichen, so 
ist auch ihre Leistungsfähiskeit eine verschiedene, und das um so 
mehr, je grösser die Unterschiede sind, welche dieselben aufweisen. 


Trichocephalus und Spiroptera leben unter andern Verhältnissen, als 
9% 


132 Verlust der Rhakditisform 


Oxyuris, obwohl sie sämmtlich Entozoen sind und zum Theil sogar 
dasselbe Organ bewohnen: Bewegungsweise, Nahrungserwerb, Fort- 
pflanzung und noch Anderes zeigt sich bei ihnen verschieden. Und 
diese Verschiedenheiten eben sind es, die in den Eigenthümlichkeiten 
des äussern und innern Baues ihren Ausdruck finden, denn der Thier- 
körper ist hildsam und kann sich den Verhältnissen einer specifischen 
Lebensweise anpassen. Wir müssen es desshalb auch zweifelhaft 
lassen, ob die unverkennbare Aehnlichkeit, die 

Fig. 64. Oxyuris (Fig. 64) in mancher Hinsicht (besonders 

in Körperform, Bildung des Darmes und Geschlechts- . 
apparates) mit Rhabditis aufweist, die Folge solcher 
secundären Anpassungen ist, oder als Zeichen einer 
nähern genetischen Beziehung gedeutet werden darf. - 

Es sind aber nicht bloss die ausgebildeten 
Thiere, welche derartige Anpassungsverhältnisse 
zur Schau tragen, sondern auch die Embryonen. 
Ob dieselben da verweilen, wo sie frei geworden, 
oder ihre Geburtsstätte verlassen und wandern, 
ob sie dabei Gewebe und Organe dieser oder jener 
Beschaffenheit durchsetzen, ob ihre Bewegungen 
rasch und energisch sind oder nicht — das Alles 
findet in Bau und Bildung seinen Ausdruck und 
prägt nicht selten sich mn Formen aus, die trotz 
dem gemeinschaftlichen Typus oft weit von einander 
abweichen. 

Auf diese Weise dürfte sich denn auch die Thatsache erklären 
lassen, dass es Nematoden giebt, deren Embryonen ohne Rhabditis- 
form eine Zeitlang im Freien gefunden werden, bis sie auf die eine 
oder andere Art in ihren Wirth eimwandern. Derartige Embryonen 
führen kein eigentlich freies Leben, wie die Rhabditiden, denn sie 
geniessen weder Nahrung, noch wachsen sie, aber sie gleichen den 
frei lebenden Thieren insofern, als sie die Fähigkeit einer selbstän- 
digen Bewegung haben. Diesem Umstande verdanken sie es auch, 
dass sie im Stande sind, vielen jener Zufälligkeiten sich zu entziehen, 
welche sonst die Verbreitung und Uebertragung der Helminthenkeime 
bestimmen. Es sind also gewisse Vortheile, die mit einem solchen 
Jugendleben verbunden sind, und diese Vortheile mögen es denn 
auch sein, welche die Existenz derartiger Formen motiviren. Dass 
dabei Bau und Bildung der Embryonen je nach den Verhältnissen 
(Aufenthalt, Bewegungsart, Beschaffenheit der zu durchsetzenden 


Oxyuris ambigua, jung. 


in Folge anderweitiger Anpassung. 133 


Hautdecken) in mannigfacher Weise wechseln, liegt auf der Hand und 

lässt sich bei Vergleichung der Embryonalform z. B. von Cucullanus 

oder Dracunculus einerseits und Strongylus filaria andererseits 

(Fig. 65) schon bei flüchtigster Untersuchung constatiren. Der Mangel 
Fig. 65. 


\ 
Embryonen von Cucullanus (a) und Strongylus filaria (b). 

einer Nahrungszufuhr bringt es übrigens mit sich, dass die Zeitdauer 

dieses Jugendlebens in allen Fällen eine nur kurze ist, im Allgemeinen 

um so kürzer, je lebhafter die Bewegungen sind, die der Embryo 

ausführt. 

Ich muss es natürlich dahin gestellt sein lassen, ob der voran- 
stehende Versuch die Erscheinungen des parasitischen Lebens bei 
den Nematoden in richtiger und naturgemässer Entwicklung von 
ihren ersten Anfängen an zur Anschauung gebracht hat. Bei der 
Unmöslichkeit einer objectiven Controle tragen ja alle derartigen 
Versuche einen mehr oder minder subjectiven Charakter. Es lag 
auch keineswegs in meiner Absicht, eine Stammtafel der parasitischen 
Nematoden zu entwerfen, da solches doch nur auf Verhältnisse hın 
möglich wäre, die vielleicht schon in kürzester Frist als illusorisch 
sich erweisen. Was ich bezweckte, war nicht mehr, als der Nach- 
weis, dass es möglich sei, zwischen den frei lebenden und den para- 
sitischen Nematoden Beziehungen aufzufinden, die auf Grund unserer 
biologischen Kenntnisse eine Ableitung der letzteren aus den ersteren 
als möglich und zulässig erscheinen lassen*). Ich will desshalb auch 


*) In ähnlicher Weise hat auch schon Bütschli die Beziehungen der frei lebenden 
und parasitischen Nematoden darzustellen versucht. Ber. der Senkenberg. naturf. Gesell- 
schaft 1872. S. 56 ff. 


134 Parasitismus 


immerhin zugeben, dass die Verknüpfungen mit gleichem und viel- 
leicht selbst grösserem Rechte in andern Richtungen gesucht werden 
können, als es von mir geschehen ist. So könnte man z. B. die 
zuletzt von mir erwähnten frei beweglichen Jugendformen, die ich 
durch eine erst nachträgliche Anpassung zu erklären versucht habe, 
unmittelbar an die rhabditisartisen Zustände anderer Nematoden 
anknüpfen und durch die Annahme einer — auf blosse Bewegung — 
beschränkten Leistungsfähiskeit von diesen ableiten, gewissermaassen 
also als verkümmerte Rhabditisformen in Anspruch nehmen. Es hat 
das in der That auch manches Verführerische, besonders wenn man ° 
dabei die Jugendformen gewisser Strongylusarten im Auge hat, die 
eben sowohl durch ihre Organisation, wie durch die systematischen 
Beziehungen ihrer Mutterthiere vielfach an die rhabditisartigen Em- 
bryonen von Dochmius u. a. erinnern. Doch, wie gesagt, es handelt 
sich hier überhaupt nur um Möglichkeiten — und diese bleiben be- 
greiflicher Weise stets arbiträr. Nur so Vieles dürfte feststehen, 
dass der Parasitismus der Nematoden mancherlei Grade darbietet 
und im Grossen und Ganzen immer nur auf Kosten des freien Lebens 
zu seiner vollen Ausbildung gelangt. 

Der exquisiteste Fall dieses Parasitismus hat übrigens in unserer 
bisherigen Darstellung noch nicht einmal eine Stelle gefunden. . Er 
betrifft die Trichinen, eine Wurmform, die in der Regel ihre ganze 
Lebensgeschichte im Körper ihres Trägers zum Abschlusse bringt. 
Die Embryonen, welche lebendig geboren werden, durchbohren alsbald 
die Wand des Darmes, der ihre Mutterthiere beherbergt, und gelangen 
dann in die Muskeln, in denen sie zu einer Larvenform sich ent- 
wickeln, welche nach der Uebertragung in einen andern geeigneten 
Wirth direct wieder zu der Geschlechtsform auswächst (Fig. 66). 
Ein Aufenthalt im Freien ist dabei völlig ausgeschlossen; selbst die 
Embryonalentwicklung und Wanderung fällt in die Zeit des Schma- 
rotzerlebens.. Nur ausnahmsweise und in seltenen Fällen vermögen 
die mit dem Kothe nach Aussen gebrachten Embryonen eine Ueber- 
tragung zu vermitteln. 

Die Trichinen bieten uns übrigens das einzige Beispiel eines 
Parasitismus, der eine jede Beziehung zu der Aussenwelt verloren 
hat. Denn für die Saug- und Bandwürmer sowohl, wie auch die 
Kratzer gilt es als ausnahmsloses Gesetz, dass ihre Jugendzustände 
als frei bewegliche Embryonen oder doch als Eier nach Aussen ge- 
langen und von da dann mittels einer activen oder passiven Wan- 
derung wieder in ihre Wirthe zurückkehren. Freilich kennen wir 


der Trichinen. 135 


dafür auch keinen Fall, in dem bei diesen Helminthen das freie 

Leben der Jugendformen zu einer grössern biologischen Selbständig- 

keit gelangt, wie das für die Nematoden so vielfach von mir nach- 

gewiesen wurde. Wo wir es bei ihnen mit freien Jugendformen zu 
Fig. 66. 


Embryo (a), Zwischenform (b) und Geschlechtsform (ec), 
(2% noch nicht begattet) von Trichina spiralis. 


thun haben, da beschränkt sich deren Bedeutung darauf, einen 
geeigneten Wirth zu suchen und in denselben einzuwandern (8. 80). 
Nirgends geschieht während dieses freien Lebens eine Nahrungsauf- 
nahme und ein Wachsthum. 

Dass der Nachweis der Beziehungen zu den frei lebenden Thier- 
formen dadurch beträchtlich erschwert wird, liegt auf der Hand und 


Verwandtschaft der 


136 
ist auch oben schon gelegentlich hervorgehoben. Durch eine weit 


gehende Anpassung an die Bedingungen des parasitischen Lebens 
sind die Familienzüge der betreffenden Thiere beträchtlich modifieirt 


und vielfach bis zur Unkenntlichkeit verwischt worden. 


Yig. 67. Fig. 68. 


6 
£ T 
D - 
a 
a 
auae 
Fan 
i 
5 
I 8 
4 
Ä = Taenia mediocanellata (Fig. 67) und 
5 3 Distomum hepaticum (Fig. 68), beide 
\ : in nat. Grösse. 
I 


Unter den hier namhaft gemachten Gruppen sind übrigens zwei, 
die einander sehr nahe stehen, so nahe sogar, dass es schwer ist, sie 
scharf von einander zu sondern. Es sind die Band- und Saug- 
würmer. Angesichts freilich der gewöhnlichen Formen, einer Taenia 
(Fig. 67) etwa und eines Distomum (Fig. 68), scheint ein solcher 


Band- und Saugwürmer, 157 


Ausspruch nichts weniger als gerechtfertigt. Denn auf den ersten 
Blick giebt es kaum zwei Helminthen, die in ihrer äussern Erschei- 
nung gleich weit von einander abweichen. 

Hier ein meterlanger bandförmiger Leib mit Kopf und Gliedern, 
dort ein kurzer und einfacher platter Körper, hier Saugnäpfe im 
Umkreis des Kopfes, dort in der Mittellinie des Vorderkörpers, hier 
Abwesenheit von Mund und Darmkanal, dort ein wohl entwickelter 
Verdauungsapparat — wer möchte zwischen so widersprechenden 
Eigenschaften gleich von vorn herein zu vermitteln suchen? Doch 
die Sachlage ändert sich, sobald wir erkennen, dass das, was wir 
einen Bandwurm heissen, nicht ein einziges Thier ist, wie etwa eine 
Raupe oder ein Tausendfuss, sondern eine ganze Colonie von Thieren, 
die in regelmässiger Reihenfolge am Hinterende des sog. Kopfes, der 
natürlich auch seinerseits ein besonderes Individuum (Scolex) dar- 
stellt, hervorknospen (8.49). Nicht der gesammte Wurm, das einzelne 
Glied (Proglottis) vielmehr muss mit dem Saugwurme verglichen 
werden. Und dabei ergeben sich dann, besonders in der Bildung 
der Geschlechtsorgane, die den bei Weitem grössesten Theil der ge- 
sammten Eingeweide ausmachen, so viele und so überraschende Aehn- 
lichkeiten, dass die verwandtschaftlichen Beziehungen unmöglich noch 
länger verborgen bleiben können. Allerdings restiren immer noch 
gewisse Unterschiede zwischen beiderlei Formen, besonders im Ver- 
halten des Darmapparates und der Haftwerkzeuge, aber auch diese 
verlieren ihren Werth, sobald wir die Vergleichung auf eine grössere 
Menge von Arten ausdehnen. 

So hat sich zunächst die Thatsache herausgestellt, dass es auch 
unter der entoparasitischen Trematoden eine Anzahl von Species giebt, 
die ganz nach Art der Cestoden des Darmes entbehren*). Für ein 
frei lebendes grösseres Thier wäre ein solcher Mangel allerdings ein 
sehr auffallender Umstand, denn Mund und Darm gehört nach unsern 
heutigen Erfahrungen zu den nothwendigsten Requisiten dieser Thiere, 
allein die Verhältnisse des parasitischen Lebens machen dadurch, 
dass sie eine Nahrungsaufnahme von der Haut aus gestatten (S. 25), 
den Besitz derselben unnöthig oder doch wenigstens entbehrlich. 
Auch schon bei den Nematoden sehen wir den Darm in einzelnen 


*) So verhält es sich nach einer brieflichen Mittheilung des Herrn Prof. Claus 
bei einem distomumartigen Trematoden aus dem Darme von Delphinus delphis, so auch 
nach van Beneden bei Dist. filicolle.. Herr Dr. Taschenberg wird nächstens den 
Nachweis liefern, dass die Zahl der darmlosen Trematoden mit diesen Beispielen noch 
keineswegs ihren Abschluss gefunden hat. 


138 Trematodenartige Cestoden. 


Fällen der Verkümmerung anheimfallen. Es beweist das im Grunde 
genommen nicht mehr, als dass die betreffenden Parasiten ihren 
Existenzbedingungen so vollständig angepasst sind, dass sie des 
Darmes nicht mehr bedürfen. Und somit können wir denn auch die 
Darmlosigkeit der Cestoden nur dahin auslegen, dass diese den Ver- 
hältnissen des freien Lebens in einem noch höhern Grade entfremdet 
sind, als die Trematoden. 

Wie der Mangel des Darmes, so resultirt aber auch der Mangel 
der eignen Haftapparate bei den Proglottiden aus den gegebenen 
Verhältnissen. Sie bedürfen derselben nicht in solchem Maasse, wie 
die isolirt lebenden Saugwürmer, weil sie einer Gemeinschaft ange- 
hören, welche durch den mit Haftwerkzeugen versehenen sog. Kopf 
(Fig. 4) bereits in hinreichender Weise fixirt ist. Alle die einzelnen 
Glieder der Kette haben somit einen gewissen Antheil an den Haft- 
apparaten des Kopfes. 

Wenn es für diese Behauptung noch eines Beweises bedürfte, so 
würde derselbe durch die Existenz gewisser ungegliederter Cestoden- 
formen geliefert sein, welche, wie Caryophyllaeus, Amphiptyches u. a., 
in ihrem einfachen Leibe Kopf und Proglottis zugleich repräsentiren, 
d. h. Haftwerkzeuge und Geschlechtsorgane, wie die Trematoden, in 
sich vereinigen. Was bei dem gewöhnlichen Bandwurme über zwei 
Generationen (Kopf und Geschlechtsthier) vertheilt war, das ist bei 
diesen Thieren wieder in ein einziges Individuum zusammengezogen, 
wie das in den Gruppen mit Generationswechsel — und ein Gene- 
rationswechsel ist es, welcher in der Entwicklungsweise der Bandwürmer 
sich kundthut — schon oben von uns als eine keineswegs seltene Er- 
scheinung hervorgehoben ist. 

Nach den voranstehenden Erörterungen können wir nicht länger 
daran zweifeln, dass die Cestoden mit den Trematoden aufs Engste 
verwandt sind, gewissermassen darmlose Trematoden darstellen, 
deren Organismus sich nach den Gesetzen des Generationswechsels 
in zwei genetisch verbundene Individuenformen aus einander gelest 
hat. Dass solches gewisse Vortheile darbietet, die namentlich für 
Thiere mit so wechselvollem und unsicherem Schicksale, wie die Ein- 
seweidewürmer es sind, eine grosse Bedeutung haben, leuchtet ein, 
sobald wir berücksichtigen, dass der junge Bandwurm (Scolex) durch 
den Generationswechsel, den er nach der Uebertragung in seinen 
definitiven Wirth eingeht, befähigt wird, die Summe seiner Nach- 
kommen um die Zahl der von ihm erzeugten Geschlechtsthiere zu 
multipliciren. Auch hierdurch erweisen sich die Bandwürmer als 


Beziehungen zu den Hirudineen. 139 


Helminthenformen, die sich den Verhältnissen des Parasitismus weit 
vollkommener angepasst haben, als die Trematoden. 

Sind die Bandwürmer nun aber in Wirklichkeit als Geschöpfe 
aufzufassen, die durch eine weitere Anpassung an die parasitischen 
Existenzbedingungen aus Trematoden oder trematodenartigen Schma- 
rotzern hervorgingen, dann fällt die Frage nach dem Herkommen 
dieser beiderlei Gruppen in eine einzige zusammen. Es handelt sich 
dann nur noch um die Beziehungen’, welche die Trematoden zu den 
frei lebenden Würmern besitzen. 

Bei der Erörterung dieser Frage können von den uns bekannten 
Thieren eigentlich nur zwei Gruppen in Betracht kommen, die Blut- 
egel nämlich und die Planarien, beides Thiere, welche in ihrer äussern 
Erscheinung und dem innern Bau mancherlei Annäherung an die 
Saugwürmer darbieten. Die Blutegel führen auch durch ihre Lebens- 
weise ganz allmählich in die Trematoden über, denn es ist zur 
Genüge bekannt, dass dieselben, wenn auch zum Theil noch förmliche 
Räuber (wie z. B. Aulastomum vorax, das sich vornehmlich von 
Regenwürmern und Schnecken ernährt), ihrer grössern Mehrzahl 
nach als Parasiten leben und in ihren kleineren und schwächeren 
Formen durch die Beständigkeit ihres Parasitismus kaum hinter den 
ectoparasitischen Trematoden zurückbleiben. Auch Grösse und Aus- 
sehen erinnert gelegentlich so auffallend an gewisse Saugwürmer — 
die auf unserm Flusskrebse schmarotzende Astacobdella z. B. an die 
auf Caligus lebende Udonella — dass man leicht versucht sein 
könnte, an einen direeten Zusammenhang dieser beiderlei Formen zu 
denken. - 

Bei näherer Vergleichung aber stellen sich einer solchen Ver- 
bindung beträchtliche Schwierigkeiten entgegen. Nicht bloss, dass 
die Blutegel einen deutlich segmentirten Leib besitzen und diese 
Segmentirung in ihrem innern Bau, besonders der Bildung des Nerven- 
systemes und der Excretionsorgane, noch entschiedener zum Aus- 
drucke bringen, als im Aeussern, auch die Entwicklungsweise und 
die Embryonalanlage zeigt viele und tief greifende Unterschiede von 
den Trematoden, die einstweilen jede Vermittlung ausschliessen. Was 
von Aehnlichkeit zwischen beiden Formen bleibt, ist entweder mehr 
scheinbar als wirklich (Bildung des Darmapparates und der Ge- 
schlechtsorgane) oder reducirt sich auf Momente von untergeordneter 
Bedeutung (Besitz von Saugnäpfen, Mangel der Leibeshöhle). Jeden- 
falls entspricht es unsern dermaligen Kenntnissen von dem morpho- 
logischen Verhalten der Hirudineen mehr, dieselben als parasitäre 


140 


Die Planarien (Turbellarien) als 


Formen an die Regenwürmer anzuknüpfen, als sie mit den Trema- 
toden in Verbindung zu bringen, 

Wenn es nun aber nicht die Blutegel sind, die zu den Trema- 
toden hinführen, dann bleiben nur die Planarien als deren Stamm- 
eltern übrig. Und diese erweisen sich denn auch in der That durch 
ihren Gesammtbau und die Bildung der einzelnen Organe als die 
nächsten Verwandten der Trematoden. Bei beiden enthält der un- 
gegliederte und kurze parenchymatöse Leib einen afterlosen, oft ver- 
ästelten Darm mit kräftigem Pharynx und einen mächtig entwickelten 
hermaphroditischen Geschlechtsapparat von oftmals analoger Zusam- - 
mensetzung. Die gleiche Uebereinstimmung herrscht in dem Bau 
und der Anordnung der excretorischen Gefässe, des Nervensystems 
und der Muskeln. Selbst in histologischer Beziehung ergeben sich 
vielfach gleiche Verhältnisse. Da nun schliesslich auch die Embryonal- 
zustände einander sehr ähnlich sind, bleibt zwischen beiden Gruppen 
eigentlich nur in sofern ein Unterschied, als die eine frei lebende 
Thiere enthält, während die andere aus Parasiten besteht. Jedenfalls 
lassen sich die specifischen Eigenthümlichkeiten sowohl der Planarien, 
wie auch der Trematoden auf diesen Unterschied zurückführen, . 
denn der Besitz eines Flimmer- 
epithels und besonderer Sinnesorgane, 
wie wir sie bei den Planarien vor- 
finden, entspricht den Anforde- 


Fig. 69. 


N 
N 


N 


IN 


N 


rungen des freien Lebens in genau 
derselben Weise, wie die Anwesenheit 
von Haftwerkzeugen den Verhält- 
nissen des. Parasitismus. In den frei 
schwimmenden Jugendformen tragen 
denn auch die Trematoden, selbst 


die entozootisch lebenden Arten, 
srösstentheils das Flimmerkleid der 
Planarien, nicht selten auch Augen- 
flecke, wie ihre frei lebenden .Ver- 
wandten (Fig. 69). 

Und selbst im ausgebildeten Zu- 
stande fehlt es nicht an Formen, die 
zwischen beiden Gruppen vermitteln. 
Wie es unter den Trematoden zahl- 
reiche Arten giebt, die statt der innern Organe den äussern Körper 
ihrer ‘Wirthe bewohnen, auch durch Pigmentirung und Besitz 


Flimmernde Embryonen von Distomum 
hepaticum (a) und Monostomum capi- 
tellatum (b). Ersterer auch mit 
Ausenfleck. 


muthmassliche Stammeltern der parasitischen Plattwürmer. 141 


von Augen den frei lebenden Thieren sich annähern, so haben wir 
im Laufe der Zeit auch Planarien kennen gelernt, deren hinteres 
Körperende : einen scheibenartigen Haftapparat darstellt (Monocelis 
caudatus Oulian.) oder selbst förmliche Saugnäpfe trägt (Mon. pro- 
tractilis Greeff), mit deren Hülfe sich die betreffenden Thiere dann 
an fremden Gegenständen befestigen. Leidy bildet aus den Planarien 
mit saugnapfartig gestaltetem Hinterleibsende ein eignes Genus 
(Bdellura) und beschreibt darin eine Art (Bdellura parasitica), die 
an. den Kiemenblättern von Polyphemus occidentalis lebt und einen 
förmlichen Parasiten darstellt*). Wenn wir von dem Flimmerkleide 
absehen, dann dürfte es schwer fallen, derartige Formen von ecto- 
parasitischen Trematoden zu unterscheiden — dieses Flimmerkleid 
aber wird verloren gehen, sobald sich der Parasitismus zu einem blei- 
benden gestaltet, und der Wechsel des Wohnthieres dann ausschliess- 
lich in die Jugendzeit verlegt wird. 

Ich darf nach diesen Bemerkungen die Beziehungen der Trema- 
toden zu den frei lebenden sog. Strudelwürmern für so gesichert 
halten, dass ich mich eines eingehenden Vergleiches der Jugendformen 
beider Gruppen enthalten kann. Nur beiläufig will ich darauf hinweisen, 
dass die oben (S. 40) bei den Embryonen von Monostomum mutabile 
geschilderten eigenthümlichen Entwicklungsverhältnisse in ähnlicher 
Weise auch bei gewissen den Planarien nahe stehenden Würmern **), 
vielleicht sogar den Planarien selbst, gefunden werden. Ebenso dürfte 
der Umstand, dass die Embryonen der entozootischen Trematoden 
vielfach ohne differenzirten Darm das Ei verlassen, ja zum Theil 
niemals — dann nämlich, wenn sie zu sog. Sporocysten auswachsen 
(S. 94) — einen solchen entwickeln, für planarienartige Thiere am 
wenigsten auffallend erscheinen. Haben wir uns doch davon über- 
zeugen müssen, dass es selbst unter den frei lebenden Planarien 
Formen giebt (Acoela Oulian.), die eines eigentlichen Darmes ent- 
behren. Die Stelle desselben wird von einer leicht verschiebbaren 
Substanzmasse eingenommen, welche die durch den Mund hindurch- 


*) An dieser Stelle dürfen wir auch wohl an die Malacobdellen erinnern, die 
lange Zeit den 'Trematoden zugerechnet wurden, gleich Entozoen auch in Muscheln 
schmarotzen , trotzdem aber — wie das schon 1848 von mir vermuthet ist — den Ne- 
mertinen zugehören, die den Planarien nahe verwandt sind. 

**) Vergl. hier besonders die Beobachtungen über die sog. Desor’sche Larve: ausser 
Max Schultze, Zeitschr. f. wissensch. Zool. 1853. Bd. IV. S. 179 und Krohn, Arch. 
‚für Anat. u. Physiol. 1858. S. 293, vornehmlich Barrois, mem. sur V’embryologie des 
Nemertes, Ann, des se. natur. 1877. T. VI, 


142 "Die Kratzer oder 


tretende Nahrung in sich aufnimmt, wie das für die Infusorien schon 
seit längerer Zeit bekannt ist. 

Die Darmlosigkeit der Eingeweidewürmer ist also nicht in allen 
Fällen die Folge eines Rückbildungsprocesses, sondern unter Um- 
ständen auch das Zeichen einer mangelhaften Differenzirung. Und 
so nicht bloss bei den Embryonen der oben erwähnten Distomeen, 
sondern auch bei denen der Bandwürmer, bei denen man überall 
vergebens nach einem Darmrudimente sich umsieht*),. Es ist das 
ein neuer Beweis dafür, dass diese Thiere weit vollständiger, als die 
verwandten Parasiten, an das Schmarotzerleben angepasst sind. Für 
die Taenien gilt das übrigens in einem noch höhern Grade, als für 
die Bothriocephaliden, wie wenigstens daraus hervorgeht, dass erstere 
nicht einmal mehr das embryonale Flimmerkleid besitzen, das die 
Jugendformen der letztern (Fig. 70) mit denen der Trematoden ge- 
mein haben**) und gleich diesen auch zum Zwecke einer freien 
Ortsbewegung benutzen. Die Embryonen der Taenien gelangen, wie 
die der Trichocephalen und anderer Nematoden, noch von den Ei- 
hüllen umschlossen in ihre Wirthe. 

Die gleiche Form des Parasitismus finden wir bei den Acan- 
thocephalen oder Kratzern, die sich auch durch ihre Darmlosig- 
keit an die Bandwürmer anschliessen und darauf hin denn von 
manchen Zoologen mit diesen zu einer systematischen Einheit (Anen- 
terati) vereinigt werden. Zu Gunsten einer solchen Auffassung könnte 
man vielleicht auch die Analogieen hervorheben, die in der Bildung 
und dem Mechanismus des rüsselförmigen Haftapparates (Fig. 71) 
zwischen beiden Gruppen obwalten und besonders deutlich werden, 
wenn man die Taenien mit cylindrischem Rostellum oder die Tetra- 
rhynchen zur Vergleichung heranzieht. Allein alle diese Aehnlich- 
keiten beweisen kaum mehr, als eine gewisse Uebereinstimmung in 
den Lebensverhältnissen. Sie repräsentiren blosse Anpassungsver- 
hältnisse und gestatten um so weniger einen Rückschluss auf wirk- 


*) Huxley hält diesen Umstand für so bedeutungsvoll, dass er auf Grund desselben 
die Abstammung der darmlosen Helminthen von darmführenden Thieren bezweifelt und 
die Vermuthung ausspricht, es möchten sich dieselben ganz unabhängig von freien 
Formen durch direete Weiterbildung von gleich Anfangs darmlosen Parasiten entwickelt 
haben. Vergl. Anat. der wirbellosen Thiere 1878. S. 577. 

**) In manchen Fällen sind aber auch schon bei den Trematoden, selbst Distomeen, 
die Embryonen ohne Flimmerhaare. v. Willemoes-Suhm zählt unter den his jetzt 
bekannten 28 Trematodenembryonen sogar 10 unbewimperte (Zeitschrift für wiss. Zool. 
Bd. XXI. S. 339). 


Acanthocephalen. 143 


liche Verwandtschaft, als der morphologische Aufbau in beiden 
Gruppen die grössesten. Verschiedenheiten darbietet. Schon die An- 
wesenheit eines besondern, von den Eingeweiden getrennten Muskel- 
schlauches — von andern Eigenthümlichkeiten zu geschweigen — 
verhindert eine Zusammenstellung mit den Plattwürmern. 


Fig. 70. Fig. 71. 


Fig. 70. Frei schwimmender Embryo von Bothriocephalus latus. 
Fig. 71. Echinorhynchus spirula in natürl, Grösse (nach Westrumb). 


Freilich sucht man auch andrerseits vergebens nach Formen, 
denen sich die Kratzer in ungezwungener Weise anreihen. Eine 
Zeitlang hat man allerdings gemeint, dieselben mit den Sipunculiden 
in Verbindung bringen zu können, sie gewissermaassen als schma- 
rotzende Sipunculiden betrachten zu dürfen. Aber auch hier war 
es eine bloss oberflächliche Aehnlichkeit, welche der Auffassung zu 
Grunde lag, um so oberflächlicher, als sie fast ausschliesslich an 
die äussere Körperbildung anknüpfte*). Die innere Organisation der 


*) Schneider sucht die Verwandtschaft mit den Sipunculiden auch durch die Bil- 
dung des Muskelapparates zu stützen, der allerdings in seiner Anordnung von den Verhält- 
nissen der Nematoden abweicht und denen der Sipuneuliden sich annähert.  Archiy f, 
Anat. u. Physiol. 1864. 5. 592. 


144 Die verwandtschaftlichen Beziehungen 


Sipunculiden zeigt kaum irgend welche nähere Beziehungen zu den 
Ecehinorhynchen — es müsste denn sein, dass man die Anwesenheit 
eines ungegliederten Hautmuskelschlauches in diesem Sinne deuten 
wollte. Was eine Verwandtschaft beider Gruppen weiter nur wenig 
wahrscheinlich macht, ist der Umstand, dass die Kluft zwischen ihnen 
durch keinerlei Zwischenformen überbrückt ist. Wohl kennen wir 
durch neuere Untersuchungen eine den Sipunculiden nahe stehende 
parasitische Thierform — es ist das Männchen von Bonellia, das (S. 14) 
als Schmarotzer in den Geschlechtswegen des Weibchens lebt — aber 
Nichts verräth an diesem Thiere eine Hinneigung zu den Kratzern. 
Man wird durch den Bau derselben viel eher an planarienartige Wesen 
oder die flimmernden Embryonalzustände anderer Würmer erinnert. 
Auch die Aehnlichkeit mit dem sonderbaren Genus Echinoderes*) 
beschränkt sich auf gewisse Aeusserlichkeiten (Anwesenheit eines 
mit Stacheln besetzten Kopfzapfens) und berechtigt keineswegs zu 
der Annahme eines genetischen Zusammenhanges. 

Das Geständniss übrigens, dass wir keine Thiergruppe namhaft 
zu machen im Stande sind, auf welche sich die Kratzer direct zu- 
rückführen lassen, involvirt natürlich noch keineswegs einen Rück- 
schluss auf den gänzlichen Mangel verwandtschaftlicher Beziehungen. 
Wir können daraus nur so viel entnehmen, dass diese Beziehungen, 
statt offen darzuliegen, wie in andern Fällen, mehr versteckter Natur 
sind, dass mit andern Worten die Kratzer an Thierformen anknüpfen, 
welche einer tiefgreifenden Veränderung unterlagen, bevor die typische 
Bildung der jetzigen Schmarotzer zur Entfaltung kam. Der Ausfall 
der Zwischenglieder lässt die Stellung unserer er dann natür- 
lich sehr isolirt erscheinen. 

Wenn wir uns nun von diesem Gesichtspunkte aus nach Formen 
umsehen, die als etwaige Ausgangspunkte der Kratzer in Betracht 
kommen können, dann wird unsere Aufmerksamkeit sehr bald auf 
die gleich ihnen schmarotzenden Nematoden hingelenkt, Ich will 
die Thatsache nicht geltend machen, dass es Spulwürmer giebt, die, 
mit einem rüsselförmigen und bewafineten Kopfende ausgestattet, 
gelegentlich schon für Echinorhynchen gehalten sind. Eine irrthüm- 
liche Deutung kann keine Beweiskraft für sich in Anspruch nehmen. 
Aber sie wäre kaum möglich gewesen, wenn zwischen beiderlei Formen 
nicht auch sonst noch mancherlei Aehnlichkeiten obwalteten. In der 


*), Vergl. über dieses Thier besonders Greeff, Archiv f. Naturgesch. 1869. Th. I. 
8, 72 und Pagenstecher, Ztschr, für wissensch. Zool, Th. XXV. Suppl. S, 117, 


der Acanthocephalen. 145 


That besitzen auch beide einen langgestreckten cylindrischen Leib, 
dessen Wände von einem kräftigen, mit derben Hüllen umge- 
benen Hautmuskelschlauch gebildet werden, der von Längsgefässen 
durchzogen ist und eine deutliche Leibeshöhle in sich: einschliesst. 
Der Innenraum enthält beide Male einen mächtig entwickelten männ- 
lichen oder weiblichen Generationsapparat, dessen Verschiedenheiten 
allerdings schon bei oberflächlicher Betrachtung auffallen, aber 
doch kaum weiter gehen, als die Unterschiede in der Bildung des- 
selben Apparates bei den Chaetopoden oder den Turbellarien. Die 
Darmlosiskeit der Kratzer darf nach den oben darüber gemachten 
Bemerkungen kaum als ein gewichtiger Unterschied betrachtet werden. 
Aber auch die Anwesenheit des Rüsselapparates kann, so complicirt 
und eigenthümlich der Bau desselben ist, für die Beziehungen zu 
den Nematoden keinen Ausschlag geben, da wir ja bei den Cestoden 
neben den rüsseltragenden Formen auch solche kennen, die desselben 
vollständig entbehren (Bothriocephalus). 

Wenn wir dann schliesslich noch berücksichtigen, dass die 
Acanthocephalen auch in histologischer Beziehung mancherlei An- 
näherung an die Verhältnisse der Spulwürmer darbieten, dass 
beide u. a. in dem Bau der Muskelfasern und der Ganglien- 
kugeln, in der cuticularen Beschaffenheit der Bindesubstanz, der oft 
colossalen Grösse ihrer Zellen und der vollständigen Abwesenheit 
von Flimmerhaaren unter sich übereinstimmen, dann wird es in der 
That sehr wahrscheinlich, dass die Kratzer als eigenartig gebildete 
Nematoden in Anspruch zu nehmen sind. Die Beziehungen dieser 
beiden Gruppen dürften wohl nicht mit Unrecht jenen zu ver- 
gleichen sein, die zwischen den Bandwürmern und den Trematoden 
obwalten; es dürften mit andern Worten die Acanthocephalen als 
Nematodenformen zu betrachten sein, die in einem noch höhern und 
vollständigern Grade als die übrigen den parasitischen Existenzbe- 
dingungen sich anpassten. Mit dieser Auffassung stimmt auch die 
Beschaffenheit der Jugendformen, von denen wir schon desshalh 
annehmen müssen, dass sie den ursprünglichen Zuständen näher 
stehen, weil sie (nach meinen Beobachtungen) mit einem Darm- 
rudimente versehen sind*), in dem man trotz der sonst nur unvoll- 
ständigen Differenzirung noch deutlich einen Pharynx und Chylusdarm 
zu unterscheiden vermag. Eine Mundöffnung fehlt freilich: die Stelle 
derselben wird von einer spaltförmigen Grube eingenommen, neben 


*) Parasiten, Bd. II. S. 810. 
Leuckart, Allgem. Naturgesch. d. Parasiten, 10 


146 Acanthocephalen und Gordien. 


der eine wechselnde Anzahl von Stacheln in das retractile Kopfende 
eingesenkt ist (Fig. 72). Bei einer Vergleichung mit den gewöhn- 
lichen Embryonalformen der Nematoden hat es nun freilich den An- 
schein, als wenn die von mir in Anspruch genommene Aehnlichkeit 

eine nur sehr geringe sei, allein das ändert sich, 

Fig. 72. sobald wir die Embryonen des Gen. Gordius in 
Betracht ziehen und bei diesen — man sehe be- 
sonders die von Villot veröffentlichten*) Abbil- 
dungen — Verhältnisse treffen, die in der That nur 
wenig von denen der Echinorhynchusembryonen ab-- 
weichen. Allerdings ist Gordius ein Spulwurm, der 
sich von den echten und typischen Nematoden in 
mehrfacher Beziehung (u. a. durch eine atrophische 
Reduction des Darmes und terminale Lage der 
weiblichen, wiemännlichen Geschlechtsöffnung, durch 
Embryonen v. Echin. Charaktere also, die bereits zu den Kratzern über- 
ein leiten) unterscheidet, allein das ist nur ein Grund 

n mehr, auf ihn hier ein grösseres Gewicht zu legen, 
da wir allen Grund haben, die Kratzer als solche — nur noch weiter 
gehende — Deflexe aufzufassen. 

Die Veränderungen, welche die Gordiusembryonen ihrer defini- 
tiven Bildung entgegenführen, sind bis jetzt leider noch unbekannt. 
Wir müssen das um so mehr bedauern, als sie uns vielleicht mit 
Verhältnissen bekannt machen, welche die sonderbare und vielfach 
auffallende Metamorphose der Echinorhynchen**) den gewöhnlichen 
Entwieklungsvorgängen näher rückt, als das bisher geschehen ist. 
Einstweilen möchten wir übrigens bei der Beurtheilung der verwandt- 
schaftlichen Beziehungen auf diese Eigenthümlichkeiten nur geringes 
(Gewicht legen. Wissen wir doch zur Genüge, dass die‘ Entwicklungs- 
geschichte auch sonst bei nahe stehenden Thieren nicht selten sehr 
verschiedene Wege einschlägt, hier vielleicht direet und rasch ihrem 
Ziele entgegeneilt, dort durch Metamorphose und Generationswechsel 
hindurch erst auf Umwegen ihren Abschluss findet. Und in letzter 
Instanz reducirt sich auch die Entwicklungsweise der Echinorhynchen 
auf eine Metamorphose, eine Metamorphose allerdings, wie sie kaum 
sründlicher und vollständiger gedacht werden kann, da im Laufe 
derselben so ziemlich Alles, was der ausgebildete Wurm besitzt, auf 
Kosten des Vorhandenen neu gebildet wird. 


*) Archiv. zool, exper. T. III. Pl. VII. Fig. 46—48. Pl. VII bis 
**) Versl, darüber meine Untersuchungen, Parasiten Bd, IL. 8. si1f. 


Ursprung des Wirthswechsels. 147 


Nach dem Vorstehenden mag der Leser selbst entscheiden, ob 
und in wie weit es mir gelungen ist, die verwandtschaftlichen Be- 
ziehungen der Helminthen aufzudecken und den Nachweis zu liefern, 
dass dieselben durch Anpassung an die parasitischen Existenzverhält- 
nisse aus freien Wurmformen hervorgegangen sind. Gesetzt nun aber, 
es seien bewiesene Thatsachen und nicht blosse Möglichkeiten, die 
wir hier erörtert haben, so ist doch damit noch nicht Alles in der 
Lebensgeschichte unserer Thiere aufgeklärt. Wir würden einstweilen 
darnach nur so viel begreiflich finden, dass ein Wurm im Stande ist, 
das freie Leben mit einem parasitischen zu. vertauschen und sich den 
veränderten Verhältnissen in Bau und Lebensweise anzupassen. Der 
Wurm wird dabei aus einem freien Geschöpfe zu einem Helminthen, 
der je nach Umständen von seiner Urform mehr oder minder weit 
abweicht. Wie früher im Freien, so gelangt derselbe jetzt im Innern 
seines Wirthes zur Geschlechtsreife. Er erzeugt eine Nachkommen- 
schaft und zwar in Folge der im Allgemeinen sehr günstigen Er- 
nährungsverhältnisse eine meist sehr zahlreiche Nachkommenschaft, 
die nach Aussen auswandert, vielleicht auch eine Zeitlang im 
Freien lebt, schliesslich aber wieder geschlechtsreife Parasiten liefert. 

So ist es nun allerdings in manchen Fällen, nicht bloss bei den 
stationären Ectoparasiten, sondern auch (vergl. die diesem Abschnitte 
vorausgeschickte Uebersicht 1a und b, 2b, 3) bei manchen Ento- 
zoen, aber im Ganzen doch nur selten, denn in der Regel bringt 
der erste Wirth den Eingeweidewurm, wie wir wissen, nicht zur 
vollen Ausbildung, sondern bloss zu einem bestimmten, mehr oder 
minder weit vorgeschrittenen Entwicklungsstadium, aus welchem der 
Parasit dann erst nach Uebertragung in einen andern (definitiven) 
Wirth zur Reife kommt. Die Eingeweidewürmer erleiden also, wie 
das früher von uns des Weitern auseinander gesetzt wurde, ihrer 
srössern Mehrzahl nach einen Wirthswechsel, in Folge dessen sich 
ihre Lebensgeschichte und Entwicklung auf zwei (oder mehr) Träger 
vertheilt. | 

Von diesem Wirthswechsel haben wir bisher bei unsern Erör- 
terungen keine Notiz genommen, und doch ist es offenbar, dass der- 
selbe einen Vorgang darstellt, der nicht nur die Erscheinungen des 
Parasitismus in unerwarteter Weise complicirt, sondern auch genetisch 
der Erklärung bedarf, bevor wir einer vollständigen Einsicht in die 
Natur des Schmarotzerlebens uns berühmen dürfen. 

Von vorn herein lässt sich auf die Frage nach der Bedeutung 
und der Entstehungsweise der sog. Zwischenwirthe — voraus- 

10* 


148 Entstehung der Zwischenwirthe 


gesetzt natürlich, dass wir den bisher von uns eingehaltenen Stand- 
punkt nicht verlassen wollen — nur eine zweifache Antwort geben. 
Die Zwischenwirthe, so lautet dieselbe, sind entweder erst nach- 
träglich in die Lebensgeschichte der Helminthen eingeschaltet, oder 
sie sind die ursprünglichen genuinen Träger, die Anfangs ihre Ein- 
geweidewürmer auch zur Geschlechtsreife brachten, später aber 
dadurch zu Zwischenträgern degradirt wurden, dass die Entwicklungs- 
geschichte der Insassen durch Weiterbildung und Differenzirung über 
eine grössere Zahl von Stadien sich ausdehnte. Dass wir es in beiden 
Fällen mit einem weiter gehenden neuen Anpassungsverhältnisse zu 
thun haben, braucht kaum ausdrücklich hervorgehoben zu werden. 

Wenn ich mich unbedingt für die zweite dieser Eventualitäten 
ausspreche, so geschieht das namentlich in Berücksichtigung des 
Umstandes, dass die ausgebildeten und geschlechtsreifen Zustände 
der Entozoen mit wenigen Ausnahmen heute nur bei Wirbelthieren 
gefunden werden, ‚bei Geschöpfen also, die verhältnissmässig erst in 
später Zeit ihren Ursprung genommen haben. Allerdings sind auch 
die Wirbellosen nicht frei von Helminthen, aber alle die Hunderte 
und Tausende von Formen, welche dieselben beherbergen , sind, bis 
auf einige wenige, Jugendformen, die erst der Uebertragung in ein 
Wirbelthier bedürfen, um ihren Entwicklungsgang zu vollenden. 
Wollen wir diesen Umstand nicht etwa dahin deuten, dass die Ein- 
geweidewürmer überhaupt erst mit den Wirbelthieren entstanden 
sind oder in ihren ältesten Vertretern bis auf ein paar Ueberbleibsel 
gänzlich zu Grunde gingen — und beides ergiebt sich doch bei 
unbefangener Erwägung als wenig wahrscheinlich — dann bleibt 
eben nur die Annahme, dass die Helminthen der Wirbellosen mit der 
Zeit ihren Charakter verändert haben, und durch Weiterbildung in 
den Wirbelthieren aus geschlechtsreifen Arten zu. blossen Jugend- 
formen geworden sind. Den factischen Verhältnissen gegenüber können 
wir auch nicht bezweifeln, dass die Wirbelthiere für die Entwicklung 
der Helminthen einen viel günstigern Boden abgeben, als die Wirbel- 
losen. Wir müssen sogar zugeben, dass zahlreiche Formen überhaupt 
erst nach Entstehung der Wirbelthiere ihren Ursprung genommen . 
haben — manche sogar in relativ später Zeit, wie die Trichinen und 
andere, deren Lebenscyclus ausschliesslich auf die Säugethiere, die 
jüngsten aller Geschöpfe, beschränkt ist. . In vielen Fällen mag die 
Entstehung neuer Helminthen auch Hand in Hand mit der Umfor- 
mung gegangen sein, durch welche die Träger derselben allmählich 
zu neuen Arten geworden sind, | 


durch Weiterbildung der Parasiten. 149 


Dass die Umwandlung eines geschlechtsreifen Thieres in eine 
bloss vorbereitende Jugendform (eine Larve), der Vorgang also, den 
wir zur Erklärung des Wirthswechsels hier verwerthen, biologisch 
möglich ist, wird schon nach Analogie der oben mehrfach von uns 
angezogenen sog. abgekürzten Entwicklung, deren Gegenstück sie 
bildet, nicht bezweifelt werden können. So gut eine Reihe verschie- 
dener Entwicklungsphasen in eine continuirliche Einheit zusammen- 
schrumpft, so gut kann letztere auch über eine längere Reihe solcher 
Phasen sich ausdehnen. Es ist das ein Vorgang, dem wir bei dem 
Process der Artenbildung sogar eine sehr bedeutungsvolle Rolle vin- 
dieiren müssen, denn die jetzigen Larvenzustände sind, den Con- 
sequenzen der Descendenzlehre zufolge, vielfach als die ursprünglich 
seschlechtsreifen Stammeltern derjenigen Arten zu betrachten, die 
heute deren definitiven Zustand darstellen. Die Summe der Eigen- 
schaften, welche diese letztern von den Larven unterscheiden, reprä- 
sentirt die Erwerbungen, die das ursprüngliche Thier unter den 
sich verändernden Lebensverhältnissen allmählich gemacht hat, Ver- 
änderungen also, die den frühern sich hinzufügen, d. h. die Entwick- 
lung verlängern und die Geschlechtsreife, die mit dem Abschluss der 
Entwicklung zusammenfällt, hinausschieben. 

Die Beschaffenheit der bei Wirbellosen im ausgebildeten Zustande 
schmarotzenden Entozoen giebt unserer Annahme eine noch be- 
stimmtere Unterlage. Es sind freilich, wenn wir von den entozootisch 
lebenden Asseln u. a. absehen, uns also auf die eigentlichen Hel- 
minthen beschränken, nur einige wenige Arten, meist den Spulwürmern 
zugehörig, ausserdem noch ein Trematode, der unsere Flussmuscheln 
bewohnt (Aspidogaster conchicola), und ein erst neuerdings näher 
durch mich bekannt gewordener Cestode (Archigetes Sieboldi), der 
in der Leibeshöhle von Saenuris lebt. 

Alle diese Formen entwickeln sich, so weit wir ihre Lebens- 
geschichte kennen (S. 92), ohne Zwischenwirth, gelangen also gleich 
in ihrem ersten Träger zur Geschlechtsreife, wie wir es — die Rich- 
tigkeit unserer Annahme vorausgesetzt — für sie von vorn herein 
vermuthen mussten. 

Dazu kommt dann ferner noch, dass die Entwicklung und Me- 
tamorphose derselben eine sehr einfache ist, die betreffenden Thiere 
sich also von ihrer hypothetischen Urform nur wenig entfernen und 
in einem Zustande geschlechtsreif werden, der in vielfacher Hinsicht 
den Jugend- und Larvenformen der weiter vorgeschrittenen Ver- 
wandten gleich steht, So schliessen sich die geschlechtsreifen Nema- 


150 Die geschlechtsreifen Entozoen 


toden der Wirbellosen (meist omnivorer Insecten und Tausendfüsse) 
mit Ausnahme einer einzigen sehr sonderbaren Art, Sphaerularia, die 
in der Leibeshöhle überwinterter Hummeln lebt und Organisations-. 
verhältnisse zeigt, welche bis jetzt erst unvollständig bekannt sind #), 
sämmtlich sehr nahe an die Rhabditiden (resp. Oxyuris) an, an Formen 
also, die wir oben als die Vorläufer der parasitischen Spulwürmer 


Fig. 74. 


Fig. 73. Archigetes Sieboldi. 
Fig. 74. Aspidogaster conchicola. a) als Embryo, 


b) als junges, noch nicht geschlechtsreifes 
Thier (nach Aubert). 


in Anspruch genommen haben und nicht selten auch noch in den 
Jugendzuständen derselben repräsentirt sehen. Ebenso ist Archigetes 
(Fig. 73) in morphologischer Beziehung nichts Anderes als ein Oysti- 
cerceoid, ein Bandwurm also, der seine Metamorphose auf einer Entwick- 
lungsstufe abschliesst, die bei den gewöhnlichen Cestoden eine dem 
Zwischenwirth angehörige Uebergangsform darstellt. Und Aspidogaster 
(Fig. 74) endlich, den man nur mit Unrecht — wegen Abwesenheit 


*) Vergl. über dieselbe besonders John Lubbock, Natur. hist. review 1860. T. I. 
und Schneider, Monogr. der Nematoden $. 322, deren Ansichten über die Lebensge- 
schichte und die Morphologie des sonderbaren Wurmes freilich weit aus einander gehen. 


der Wirbellosen, 151 


der Metamorphose — den (sonst ectoparasitischen) Polystomeen zu- 
rechnet, während sein Bau ihn entschieden zu einem Distomum- 
artigen Trematoden stempelt, Aspidogaster gleicht nach Entwicklungs- 
weise und Bildung seines Darmapparates einer sog. Redie in so 
auffallender Weise, dass ich keinen Anstand nehme, ihn trotz seiner 
Geschlechtsreife damit zusammenzustellen und den genuinen Distomeen 
in derselben Weise, wie Archigetes den Bandwürmern, zur Seite zu 
setzen. Die Anwesenheit eines Bauchnapfes kann gegen diese Auf- 
fassung eben so wenig geltend gemacht werden, wie die hohe Aus- 
bildung des excretorischen Gefässsystems, da beiderlei Bildungen sich 


a Fig. 75. b 


Redien mit Distomeenbrut im Innern, a aus Paludina impura (jung und alt), b aus 
Lymnaeus (jung und alt). 


auf blosse Anpassungsverhältnisse reduciren, die für die Beurtheilung 
der morphologischen Beziehungen zunächst nicht in Betracht kommen. 

Die Redien und die durch Rückbildung des Darmes aus denselben 
hervorgegangenen sog. Sporocysten (Fig. 49) sind also nach den vor- 
anstehenden Erörterungen ebenso als die ältesten Distomeen anzu- 
sehen, wie die Cysticercoiden als die ursprünglichen Bandwürmer. 
Damit stimmt es auch, dass die Redien den ectoparasitischen Tre- 
matoden (besonders durch die Bildung des Darmes) entschieden näher 
stehen, als die ausgebildeten Distomeen, sich also auch leichter und 
‘besser aus denselben entwickeln lassen. 

Es ist übrigens zur Genüge bekannt, dass die Redien nicht direct 


152 Allmähliche Ausbildung des 


in die spätern Distomeen sich verwandeln, sondern diese aus eiartigen 
sog. Keimzellen, die von der Körperwand sich ablösen, in ihrer 
Leibeshöhle zur Entwicklung bringen (Fig. 75). Die Metamorphose 
(derselben hat sich über zwei aus einander hervorgehende Gene- 
rationen vertheilt: ihre Stelle ist von einem Generationswechsel ver- 
treten, wie das schon oben als eine durchaus nicht seltene Erschei- 
nung von uns hervorgehoben ist. Vielleicht sogar, dass man die 
Erzeugung der neuen Brut in unserm Falle direct an den frühern 
Besitz der geschlechtlichen Fortpflanzung anknüpfen, gewisser- 
maassen als das letzte Ueberbleibsel derselben ansehen dart, zumal 
ja auch die Keimzellen morphologisch noch mit Eiern eine unverkenn- 
bare Aehnlichkeit besitzen. Die Bedeutung, welche dieser Generations- 
wechsel für die Erhaltung und den Umtrieb unserer Parasiten hat, 
liegt auf der Hand. Wo früher nur ein einziger Schmarotzer vor- 
handen war, nimmt jetzt vielleicht eine Zahl von vielen Dutzenden 
und noch mehr ihren Ursprung: alle bereit und im Stande, unter 
günstigen Verhältnissen ein neues Schmarotzerleben zu beginnen *). 

Die neu gebildeten Distomeen wachsen aber nicht etwa in oder 
neben ihren Eltern zu geschlechtsreifen Thieren aus, sondern verlassen 
den Wirth — so wenigstens in der Regel — um als sog. Cercarien 
mit Hülfe eines besondern, der Schwanzblase des Archigetes nicht 
unähnlichen Anhanges eine Zeitlang frei umherzuschwimmen und dann 
in einen neuen Wirth, meist wiederum ein wirbelloses Thier, einzu- 
wandern (8. 96). Die Oercarien unterliegen also einem Wirthswechsel, 
und zwar einem solchen, der sie nicht sogleich an ein Wirbelthier 
abliefert, wie es sonst der Fall ist, sondern zunächst wiederum einem 
Wirbellosen, einer Schnecke oder einem Wasserinsecte oder dergl., 
zuführt. Bei den heutigen Distomeen sind auch diese zweiten Wirthe 
wieder Zwischenwirthe, aber wir dürfen wohl annehmen, dass dem 
nicht von Anfang an so gewesen ist, zunächst vielmehr diese zweiten 
Zwischenwirthe ihre Trematoden in ganz derselben Weise, wie das 
früher — unserer Annahme zufolge — mit den Redien der Fall war, 
als geschlechtsreife Thiere zur vollen Ausbildung gebracht haben. 
Da der Schwanzanhang, mit dessen Hülfe die Cercarien schwärmen, 
beim Eindringen in den neuen Wirth verloren geht, wird der Ent- 
wicklungszustand dieser Geschlechtsthiere im Wesentlichen schon der 
jetzige gewesen sein. 


#) Eine solche Prolification im Zwischenwirthe finden wir bekanntlich auch bei 
einigen Öestoden, besonders Echinococeus, nur dass die junge Brut hier durch Knospung 
entsteht und Zeitlebens mit ihrem Mutterthiere in Verbindung hleibt, 


Schmarotzerlebens bei den Trematoden. 153 


Die entozootischen Trematoden sind hiernach denn auch die- 
jenigen Helminthen, in denen zunächst der Wirthswechsel sich her- 
vorbildete, zu einer Zeit bereits, in welcher die Wirbelthiere, die 
denselben sonst ausschliesslich zu vermitteln pflegen, vermuthlich 
überhaupt noch nicht existirten. 

Die Annahme, dass sich die Cercarien Anfangs in ihren Wirthen 
zur Geschlechtsreife entwickelt hätten und erst im Laufe der Zeit zu 
blossen Zwischenzuständen zurückgebildet wären, findet darin einen 
besondern Anhaltspunkt, dass diese Thiere noch heute unter gewissen 
Umständen in ihrem Zwischenwirthe geschlechtsreif werden und Eier 
erzeugen. Wir haben bei einer frühern Gelegenheit (S. 95, Anm.) 
einzelne Fälle dieser Art angeführt und lernen deren immer noch 
mehr kennen. Nicht, dass diese geschlechtsreifen Helminthen beson- 
dere Species darstellten, die keinen andern geschlechtlichen Zustand 
besässen, es sind dieselben vielmehr nichts Anderes, als gewisse irgend- 
wie bevorzugte Individuen von Arten, welche unter andern Verhält- 
nissen erst nach der Uebertragung in ein Wirbelthier ihre Reife 
zu erlangen pflegen. 

Dass die Distomeen in ihren Zwischenwirthen ihre Geschlechts- 
organe nicht bloss anlegen, sondern sie auch völlig — bis auf die 
Funktionsfähigkeit — zur Ausbildung bringen, ist übrigens eine sehr 
sewöhnliche Erscheinung, der wir auch bei andern Eingeweidewürmern 
begegnen, obwohl sich die einzelnen Arten in dieser Hinsicht viel- 
fach verschieden verhalten, und manche noch bei der Einwanderung 
in den definitiven Träger geschlechtlich völlig indifferent sind. In 
letzterer Beziehung erwähne ich z. B, den sog, Kappenwurm (Ou- 
cullanus) und die Spiropteren, während andere, wie Hedruris und 
sämmtliche Echinorhynchen, in ihren Zwischenwirthen, gewissermaassen 
zur Erinnerung an die früheren Zustände, bereits ihre sämmtlichen 
äussern wie innern Geschlechtseisenthümlichkeiten annehmen. Natür- 
lich sind derartige Unterschiede auch für die Zeitdauer der defini- 
tiven Entwicklung nicht ohne Einfluss: anstatt der sonst vielleicht 
nöthigen Wochen und Monate braucht ein Wurm der letztern 
Kategorie nur wenige Tage, um nach der Auswanderung aus dem 
Zwischenwirthe seine volle Reife zu gewinnen und im Stande zu sein, 
auf geschlechtlichem Wege eine Nachkommenschaft zu erzeugen. 


154 Die Lehre von den 


Die Einwirkung der Schmarotzer auf ihre Wirthe. 
Parasitenkrankheiten. 


Was wir bei früherer Gelegenheit über die Lebensgeschichte 
der Schmarotzer und besonders der Entozoen mitgetheilt haben, 
lässt keinen Zweifel, dass dieselbe zahlreiche Momente enthält, 
welche die Gesundheit und selbst das Leben ihrer Wirthe gefährden. 
Aber diese Momente sind grossentheils erst durch die Entdeekungen 
der letzten Jahrzehnte festgestellt. Erst seit dieser Zeit datirt denn 
auch eine rationelle Begründung der Parasitenkrankheiten und eine 
volle Einsicht in die hohe Bedeutung dieses wichtigen Theiles unserer 
mediemischen Wissenschaft. Nicht, als wenn die Lehre von den Para- 
sitenkrankheiten etwas absolut Neues wäre. Im Gegentheil; schon 
in der frühesten Zeit: kannte und fürchtete man die nachtheiligen 
Einwirkungen jener ungebetenen Gäste, man fürchtete sie vielleicht 
noch mehr, als man sie kannte. 

Um sich von den ältern Ansichten über die pathologische Be- 
deutung der Parasiten eine richtige Vorstellung zu machen, muss 
man selbst einmal in die betreffende Literatur des siebenzehnten und 
achtzehnten Jahrhunderts einen Blick geworfen haben *). 

Da war kein schweres und gefährliches Leiden, das die Para- 
siten, und insonderheit die Eingeweidewürmer, nicht zu erregen im 
Stande sein sollten. Ruhr, Scorbut, Wasserscheu, selbst die gefähr- 
lichen Seuchen des Mittelalters, wie Pest und Blattern, sie alle sollten 
den Parasitenkrankheiten zugehören. Für jede dieser Krankheiten 
nahm man besondere Parasiten an, wie man noch heute gelegentlich 
von Cholerathierchen und andern derartigen Geschöpfen, als den 
Trägern gewisser specifischer Krankheitsstoffe, spricht. Hier liess . 
man diese lebendigen Erreger im Darme, dort unter der Haut oder 
im Blute leben und von da aus, je nach ihrer Natur in verschiedener 
Weise, den gesammten Organismus in Mitleidenschaft ziehen. Und 
das war nicht etwa die Meinung Einzelner, sondern Vieler, und theil- 
weise selbst der berühmtesten Vertreter der lan Pathologie 
(Leeuwenhoek, Hartsoeker, Andry u. A.). 


*) Ich empfehle besonders Andry, de la generation des vers dans le corps de 
Yhomme, Paris. 1700 (später in neuen Auflagen und deutscher Uebersetzung). 
\ I o o 


Parasitenkrankheiten. 155 


Verwundert fragt man sich heute nach der Möglichkeit solcher 
überschwenglichen Ansichten. Um sie zu begreifen, muss man 
sich die damaligen , Zustände unserer medieinischen Wissenschaft 
vergegenwärtigen. Auf der einen Seite die Unsicherheit der Diagnose 
und die fast vollständige Unkenntniss der pathologischen Anatomie, 
auf der andern das natürliche Bestreben, die einzelnen Krankheits- 
formen auf bestimmte ätiologische Einheiten zurückzuführen. Man 
verfiel dabei auf die Parasiten *), wie später etwa auf den Magnetis- 
mus und die Elektrieität — zum Theil nur desshalb, weil man zu 
wenig davon wusste. Man verfiel vielleicht um so eher auf die 
Parasiten, weil man in gefährlichen Krankheiten nicht selten den 
Abgang von Eingeweidewürmern beobachtete und dann wohl Ge- 
nesung eintreten sah, überdies auch schon seit der Zeit der arabi- 
schen Aerzte den Parasitismus einer Milbe (Fig. 6) als Ursache der 
so weit verbreiteten Krätze erkannt hatte. In den Augen mancher 
Pathologen galt die letztere Thatsache geradezu als directer Be- 
weis für die Richtigkeit einer Theorie, von der man die tiefsten Auf- 
schlüsse über die Natur der Krankheiten erwartete. 

Aber diese Hoffnungen wurden getäuscht. Obgleich die hel- 
minthologischen Kenntnisse sich allmählich immer mehr erweiterten 
und consolidirten, fand die Lehre von den „Morbi anımati“ keine 
neue Stütze. Vergebens suchte man bei den oben erwähnten Krank- 
heiten die Existenz eines Oontagium vivum ausser Zweifel zu stellen. 
Man gewann nur die Ueberzeugung, dass die früheren Aerzte mit 
ihrer Annahme von der Existenz gewisser Parasiten viel zu freigebig 
gewesen waren. Die sog. „Herzwürmer‘“ wurden als Blutgerinnsel, 
die „Nabelwürmer“ als blosse Hirngespinnste erkannt. Sogar die 
Krätzmilben wurden zweifelhaft, seitdem eine Anzahl geübter Aerzte 
und Naturforscher vergebens nach ihnen gesucht hatte. Dabei 
mehrten sich die Beobachtungen über das Vorkommen der Ein- 
geweidewürmer bei Thieren, denen man trotz dieses Parasitismus 
keinerlei Zeichen einer Erkrankung anmerkte. 

Unter solchen Umständen kam man denn in der zweiten Hältte 
des vergangenen Jahrhunderts immer mehr von den früheren An- 
sichten zurück. Im Ganzen hielt man die Entozoen freilich nach 
wie vor für böse Gäste, welche die Gesundheit ihres Trägers tief 
erschüttern könnten und gelegentlich selbst sein Leben in Gefahr 


*) Diese Speculationen gingen so weit, dass inan z. B. allen Eınstes die Frage — 
meist bejahend — discutirte, „an mors naturalis sit substantia verminosa ?““ 


156 Historisches. 


brächten. Aber die specifischen Beziehungen zu gewissen Krank- 
heiten traten immer mehr in den Hintergrund; es gab selbst Manche, 
welche den Eingeweidewürmern eine jede nachtheilige Einwirkung auf 
ihre Träger absprachen. Sogar zu Gunsten derselben erhoben sich 
Stimmen. Männer, wie Göze und Abildgaard behaupteten u. a., 
dass die Darmwürmer durch Verzehren des Schleimes und Erregung 
peristaltischer Zusammenziehungen die Verdauung beförderten. Jör- 
dens erklärte sie sogar für die guten Engel und allzeit bereiten 
Nothhelfer der Kinder*). Auch auf die Entwicklung der Lungen 
und Baucheingeweide sollten sie durch ihre Bewegungen und die 
dadurch hervorgerufenen Zufälle (nach Gaultier) einen günstigen 
Einfluss ausüben. 

War schon durch diese Bedenken und Zweifel der Glaube an 
die absolute Schädlichkeit der Parasiten erschüttert, so geschah das 
noch mehr, als man sich allmählich von der weiten Verbreitung der- 
selben und ihrer Häufiskeit bei gewissen Thieren überzeugen musste. 
Man begann nicht bloss die Existenz specifischer Wurmkrankheiten 
in Abrede zu stellen, sondern hielt sich auch weiter zu der Meinung 
berechtigt, dass es eine Ausnahme sei, wenn der Parasitismus eines 
Thieres überhaupt eine Störung der Gesundheit veranlasse. 

Wir müssen übrigens, der Wahrheit gemäss, hinzufügen, dass 
es vornämlich die Naturforscher und Helminthologen waren, die 
solche Behauptungen aussprachen. Die Aerzte hielten in ihrer Mehr- 
zahl noch immer an den frühern Ansichten fest. Wo man über die 
Natur und die Ursache eines Leidens im Ungewissen war, da wurden 


die Würmer angeklast, und „Wurmreiz“, „Wurmfieber“ und andere 


„Wurmkrankheiten“ spielten in Theorie und Praxis eme grosse Rolle. 
Wollte es dann der Zufall oder auch die Behandlung des Arztes, 
dass dem Patienten ein Wurm abging, so war die Diagnose gerettet, 
und die Ursache des Leidens ausser Zweifel gestellt. 

Obgleich sich, wie gesagt, die Helminthologen von Fach, mit 
Rudolphi und Bremser an der Spitze, in eine sehr entschiedene 
Opposition zu diesen Ansichten gesetzt hatten, konnten dieselben 
doch nicht leugnen, dass gewisse pathologische Zustände, besonders 
des Verdauungsapparates, häufig mit der Anwesenheit von Würmern 
combinirt seien. Der Annahme abgeneigt, dass diese Zustände eine 
Folge der Würmer seien, suchten sie dieselben, in Uebereinstimmung 
mit der von ihnen vertretenen Lehre von dem selbständigen Ursprunge 


*) Entomologie und Helminthologie des menschlichen Körpers. Hof 1802. 


Wurmkrankheit ohne Würmer, 157 


der Helminthen, als deren Ursache hinzustellen. Sie sprachen von 
einer Anlage zur Wurmerzeugung, die auf bestimmte patho- 
logische Vorgänge zurückzuführen sei, von einer Diathesis verminosa, 
die sie gelegentlich selbst als Verminatio, als Wurmkrankheit (ohne 
Würmer!) bezeichneten. So sagt u. a. Bremser*), der berühmte 
Wiener Helminthologe: „Wurmkrankheit nenne ich diejenige Störung 
oder dasjenige Missverhältniss in den Verrichtungen der zur Ver- 
dauung und Ernährung dienenden Organe erster und zweiter Instanz, 
wodurch im Darmkanale Stoffe erzeugt und angehäuft werden, aus 
welchen sich unter begünstigenden Umständen Würmer erzeugen 
können, aber nicht nothwendig erzeugen müssen; kurz den materiellen 
Factor der Wurmerzeugung. Würmer im Darmkanale sind also keine 
ursprüngliche Krankheit, ja sie sind selbst, wenige Fälle ausgenommen, 
gar nicht als Krankheit zu betrachten, sondern sie sind vielmehr ein 
Erzeugniss des angegebenen Krankheitszustandes der erwähnten 
Organe oder des Missverhältnisses der Wirksamkeit dieser Organe 
zu einander, wodurch allerlei Zufälle verursacht werden können, 
ohne dass gerade die Gegenwart von Würmern erfordert werde.“ 
Was wir bei frühern Gelegenheiten über die Lebensgeschichte 
und das Herkommen der Entozoen mitgetheilt haben, überhebt uns 
der Nothwendiskeit, diese Ansichten einer eingehenden Kritik zu 
unterwerfen. Wir dürfen es heute als völlig ausgemacht ansehen, 
dass die Parasiten nicht aus krankhafter Anlage, sondern aus ein- 
gewanderten oder importirten Keimen entstehen und überall da ent- 
stehen, wo diese Keime die Bedingungen ihrer Entwicklung vorfinden. 
Je mehr Keime importirt werden, je vollständiger dabei die äussern 
Verhältnisse den Bedürfnissen der Keime entsprechen, desto mehr 
wird im einzelnen Falle die Zahl der Schmarotzer heranwachsen. 
Man könnte nun allerdings vielleicht annehmen, dass die Ent- 
wicklungsbedingungen der Schmarotzer gewisse pathologische Zustände 
in sich einschlössen, also annehmen, dass die Schmarotzer bloss in 
kranken Individuen zur Entwicklung kämen, aber mit solcher An- 
nahme würde man bei der Unmöglichkeit des Beweises einem blossen 
Dogma huldigen. Ich weiss sehr wohl, dass man in Betreff der Pilz- 
sporen und selbst der Borkenkäfer und der Reblaus ein Gleiches be- 
hauptet, allein auch hier scheint mir die Annahme einer voraus- 
gehenden Krankheit eine Präsumption zu sein, -die durch Nichts 
bewiesen, nicht einmal wahrscheinlich gemacht werden kann. 


*), Lebende Würmer im lebenden Körper. S. 119, 


158 Die Schmarotzer 


Was mich zu diesem Urtheile ermächtigt, ist vor allem Andern 
die Sicherheit, mit der wir auf experimentellem Wege jedwelche 
Individuen, und wären sie augenschemlicher Weise auch die ge- 
sundesten, mit Entozoen infieiren können. Natürlich gelingt das 
nicht mit jedem beliebigen Parasiten, sondern nur mit solchen, die 
den betrefienden Versuchsobjecten adäquat sind, wie wir das oben. 
specieller aus einander gesetzt haben. Und selbst dann bleibt im 
einzelnen Falle mitunter das erwartete Resultat aus. Allein wir sind 
durch unsere früheren Bemerkungen auf solche Erfahrungen vor- 
bereitet. Wir wissen, dass neben den specifischen auch mancherlei 
individuelle Factoren in Betracht kommen, wo es gilt, den Entwick- 
lungsbedürfnissen eines Schmarotzers zu entsprechen. Wir wollen 
selbst zugeben, dass der Gesundheitszustand, dass namentlich die Be- 
schaftenheit des zu infieirenden Organes für die Schicksale der ein- 
geführten Brut nicht ohne Bedeutung ist — in dem oben (S. 114) 
erwähnten Falle, m dem die Köpfe der Taenia coenurus nach drei 
Wochen kaum die ersten Spuren. einer weitern Metamorphose zeigten, 
hatte das Versuchsthier einige Zeit vorher zu einem Trichinen-Ex- 
perimente gedient —, aber dafür, dass die Entwicklung der impor- 
tirten Helminthen durch eine Krankheit des Versuchsthieres be- 
fördert oder gar bedingt werde*), wüssten wir bis jetzt nicht 
den geringsten Wahrschemlichkeitsgrund geltend zu machen. 

Bis auf Weiteres dürfen wir demnach wohl annehmen, dass 
überall da, wo zwischen den Krankheiten eines Helminthenträgers 
und den vorhandenen Schmarotzern wirklich ein Zusammenhang be- 
steht, die letzteren es sind, die als ätiologische Momente wirken. 

Es geschieht aber nicht bloss aus aprioristischen Gründen, wenn 
wir behaupten, dass die Schmarotzer im Stande sind, 
Krankheiten und selbst gefährliche Krankheiten zu 
erzeugen. Die Experimentalhelminthologie hat diesen Satz auch 
auf directe Weise ausser Zweifel gestellt. Ich verweise namentlich 


*) Die Statistik, die hier allein den Ausschlag geben kann, zeigt im Gegensatze 
zu dieser Behauptung, dass gewisse Krankheiten und namentlich die chronischen Darm- 
katarrhe zur Beseitigung der das erkrankte Organ bewohnenden Schmarotzer beitragen 
oder auch deren Ansiedelung hemmen. So fand Gribbohm (zur Statistik menschl. 
Entozoen, Kieler Inauguraldissert. 1877. S. 8) bei chronischem Darmkatarrh , meist 
Folge phthisischer Processe, in 65 Leichen nur 16 Mal (24,6°/,), bei chronischem 
Dickdarmkatarrh in 18 Leichen sogar nur 3 Mal (16,7°/,) die sonst so häufig — 
im Durchschnitt bei 49,8%), — vorkommenden Darmnematoden (Ascaris, Oxyuris, 
Trichocephalus), 


als Krankheitsursachen. 159 


auf die Experimente mit Taenia Coenurus*) und Trichina spiralis, 
die den Unglauben hier wohl für alle Zeiten verbannt haben dürften. 
Unter günstigen Umständen wirkt die Brut dieser Parasiten wie ein 
Gift. Eine tüchtige Dosis — und das Leben der Versuchsthiere ist 
unrettbar verloren. 

Durch das Experiment hat die Lehre von den Parasitenkrank- 
heiten aber nicht bloss eine factische Begründung, sie hat dadurch 
auch zugleich eine exacte Behandlung gefunden. Bis jetzt sind in 
dieser Richtung freilich erst wenige Schritte geschehen, aber nichts 
desto weniger haben sich dabei schon mancherlei neue und auch 
praktisch wichtige Thatsachen ergeben. 

Wenn wir hier von Parasitenkrankheiten sprechen, so 
wird damit zugleich die mannigfach wechselnde Natur der durch 
unsere Geschöpfe hervorgerufenen Gesundheitsstörungen angedeutet, - 
im Gegensatze zu jener Ansicht, als wenn es etwa bloss eine einzige 
„Wurmkrankheit“, eine specifische Helminthiasis, gebe. Die Parasiten 
wirken auf eine sehr verschiedene Weise**), je nach Grösse und 
Lebensart, auch je nach der Natur des bewohnten Organes. Die 
Hirnparasiten erregen andere Symptome, als die Darmparasiten, und 
in der Rindenschicht der Hemisphären wieder andere, als in den 
Grosshirnschenkeln. Ebenso wirkt Dochmius duodenalis anders, 
als Oxyuris oder Trichna. Bei manchen Parasiten bleiben die 
Wirkungen niemals aus, wie z. B. bei Cysticercus im Auge oder 
Strongylus in der Niere, während es bei andern vielleicht von weitern 
zufälligen Momenten abhängt, ob und in welchem Grade dieselben 
eintreten. Von besonderer Wichtigkeit ist in dieser Beziehung ausser 
dem Sitze der Parasiten und der Individualität des Helminthen- 


*) Besonders instructiv in dieser Hinsicht ist das Ergebniss eines Fütterungsversuches, 
der im Mai 1854 gleichzeitig von van Beneden in Löwen, Eschricht in Kopen- 
hagen, Gurlt in Berlin und mir in Giessen mit einem von Küchenmeister (damals 
in Bautzen) gelieferten Materiale von Taenia Coenurus vorgenommen wurde. An allen 
Orten erkrankten die Versuchsthiere zu gleicher Zeit unter genau denselben Erschei- 
nungen. Vergl. Haubner in Gurlt’s Magaz. a. a. OÖ. oder Leuckart, Blasenband- 
würmer S. 47 oder Cpt. rend. Acad. de Paris. 1854. Juillet -p. 46. 

*#) Wir verweisen bei dieser Gelegenheit auf das classische Werk von Davaine. 
traite des entozoaires et des maladies vermineuses de l’'homme et des animaux domesti- 
ques, Paris 1860, 2. Aufl. 1877, das eine fast vollständige Sammlung der bisherigen 
Erfahrungen über Wurmkrankheiten darstellt und eine Fülle der interessantesten Einzel- 
fälle enthält, (Weniger zu rühmen ist freilich — auch in der zweiten Auflage — der 
naturhistorische Theil dieses Werkes, der vielfach Falsches und Anachronistisches 
enthält.) 


160 Wirkungsweise der Schmarotzer. 


trägers namentlich die Zahl der importirten Keime, mit der die 
Stärke der Einwirkung und die Grösse der Gefahr im Allgemeinen 
gleichen Schritt hält. So kann man sich leicht auf experimentellem 
Wege davon überzeugen, dass die furchtbaren Erscheinungen der 
Trichinose nur da eintreten, wo die Parasiten in Masse den Darm- 
kanal bewohnen und in noch grösserer Masse in die Muskeln ein- 
wandern*), während bei Importation einer nur mässigen Anzahl kaum 
irgend welche Gesundheitsstörungen zu beobachten sind. Wie gross 
aber gelegentlich die Menge der Parasiten ist, welche der Mensch 
beherbergt, geht am überzeugendsten vielleicht daraus hervor, dass 
man die Zahl der bei der sog. cochinchinesischen Diarrhoe binnen 
vier und zwanzig Stunden mit dem Stuhle entleerten Exemplare von 
Rhabditis stercoralis in einzelnen Fällen auf mehrere hundert Tausend 
- (bis zu einer Million!) berechnet hat**). 

In Betreff der Art und Weise, wie die Parasiten auf 
ihre Träger einwirken, haben wir ein Dreifaches zu unter- 
scheiden. Die Parasiten wirken einmal dadurch, dass sie auf Kosten 
ihres Trägers wachsen und eine Nachkommenschaft erzeugen, ihrem 
Wirthe also Nahrungsstoffe entziehen. Sie wirken ferner als Objeete 
von räumlicher Ausdehnung, indem sie auf ihre Umgebung drücken 
oder die Canäle, in denen sie leben, verstopfen. Sie wirken endlich 
durch ihre Bewegungen, die je nach den Umständen bald Schmerzen, 
bald Entzündungen verschiedenen Grades und Ausgangs, bald auch 
Durchbohrungen und Zerstörungen zur Folge haben, Erscheinungen 
übrigens, die sich gelegentlich auch schon als Wirkungen eines con- 
tinuirlichen Druckes geltend machen. 

Die erste dieser dreifachen Einwirkung ist, wenn auch von allen 
vielleicht die constanteste, doch in pathologischer Hinsicht nur selten 
hoch zu veranschlagen. Es müssen schon ungewöhnliche Verhält- 
nisse obwalten, wenn der Verlust an Nahrungsmaterial, den 
die Parasiten durch Stoffwechsel, Wachsthum und Fortpflanzung. her- 
beiführen, dem Wirthe fühlbar werden soll, vorausgesetzt, dass dieser 
den grössern Thieren zugehört, seine Parasiten also an Volum und 
Nahrungsbedürfniss um ein Vielfaches gegen ihn zurückstehen. Ein 


*) Man hat die Menge der Muskeltrichinen in einzelnen Fällen auf 60 — 100 
Millionen geschätzt — eine Zahl die, bei der Annahme, dass die Darmtrichinen zur 
Hälfte Weibchen sind und durchschnittlich 1500 Embryonen erzeugen, einer, Menge 
von 100—120,000 geschlechtsreifen Thieren entsprechen würde. 

#*) Normand, mem. sur la diarrhoe dite de Cochinchine, Paris 1877. (Davaine 
l, c. II, Edit. p. .968.) 


Entziehung von Nahrungsmatenal. 161 


Ein Bothriocephalus latus von 7 Meter Länge wiest ungefähr 
27,5 Gr. Nach Eschricht’s Angaben stösst derselbe nun binnen 
Jahresfrist eine Anzahl von Stücken ab, die insgesammt etwa 50—-60 
Fuss messen und ein Gewicht von etwa 140 Gr. repräsentiren mögen. 
Nehmen wir nun auch. an, dass das Thier, welches ja natürlich einen 
Stoffwechsel hat, das Drei- und Vierfache seinem Wirthe entzieht *), 
schätzen wir selbst die Menge der von den Parasiten aufgenommenen 
Nahrungsstoffe auf einige Pfunde des Jahres, so ist das doch immer 
noch eine so bescheidene Masse, dass sie den jährlichen Einnahmen 
des Wirthes gegenüber kaum in Betracht kommt. Kaum anders 
verhält es sich bei den Taenien, selbst der Taenia saginata, die täg- 
lich, wie wir annehmen wollen, 11 Proglottiden in einem Gesammt- 
sewichte von 1,5 Gr. abstösst, im Laufe des Jahres also ca. 550 Gr. 
organische Substanz verliert. Wird die Zahl der Parasiten grösser, 
dann gestaltet sich das Verhältniss allerdings ungünstiger. Wenn 
ein weiblicher Spulwurm, wie wir oben berechnet haben, jährlich 
allein 42 Gr. Eisubstanz bereitet, mit den Ausgaben des Stoffwechsels 
also mindestens in dieser Zeit 100 Gr. seinem Wirthe entzieht, dann 
bedingen deren Hundert, wie sie gelegentlich neben einander vor- 
kommen — wir kennen Fälle, in denen selbst 1000 gleichzeitig im 
Darme gefunden wurden — monatlich einen Verlust von 833 Gr., 
was unter Umständen, besonders im kindlichen Alter, doch immerhin 
schon schwer in’s Gewicht fällt. Ebenso repräsentiren die 100,000 
Exemplare von Rhabditis stercoralis (1 Mm. lang, 0,4 Mm. dick), die 
nicht selten täglich von den an der Cochinchinesischen Diarrhoe **) 


*) Dass das Verfahren Heller ’s (Art. Darmschmarotzer in v. Ziemssen’s Handbuch 
d. sp. Path. u. Ther. Bd. VII. Th. 2. S. 567), den Verlust an Nahrungssubstanz, den 
die Helminthenträger erleiden, einfach durch das Körpergewicht der Schmarotzer zu be- 
stimmen, durchaus unzulässig ist, bedarf wohl keines besondern Nachweises. Uehrigens 
kennt man Bandwürmer, deren Wachsthum so rapide ist, dass schon die Heller’sche 
Berechnungsweise ganz ansehnliche Resultate ergeben würde. So wissen wir u. a., dass 
der Schafbandwurm (Taenia expansa), der bis zu hundert Ellen heranwächst, schon bei 
vierwöchentlichen Sauglämmern gelegentlich 51 Ellen misst (Göze a. a. 0. 8. 371). 


==) So eben berichten Grassi und Perona (Archivo scienze medic. 1879. T. III. 
N. 10), dass sie eine bisher bloss aus Cochinchina bekannte zweie Rhabditisform (An- 
guillula intestinalis) auch in Mailand bei dem Menschen aufgefunden hätten. Normand 
und Bavay beobachteten dieselbe stets nur in Begleitung der Rh. stercoralis, von der 
sie sich ‘durch ihre schlanke Form unterscheidet, und immer nur in geringer Menge, 
so dass sie ihr eine nur untergeordnete Bedeutung beilegten. Sie ist aus diesem Grunde 
auch. oben (S. 68 und 129) von mir nicht besonders erwähnt worden. Grassi und 
Perona fanden dieselbe bei einem an katarrhalischer Gastroenteritis verstorbenen Bauer 

Leucekart, Allgem. Naturgesch, d. Parasiten. alal 


162 Blutverlust. 


leidenden Kranken entleert werden, allein durch ihre Masse 
(ohne Rücksicht also auf den Verbrauch beim Stoffwechsel) ein Ge- 
wicht von ca. 200 Gr. Wenn wir nun berücksichtigen, dass die 
Zahl der entleerten Würmer bis zum Zehnfachen steigen kann, dann 
wird es begreiflich, wie schon bei kurzer Dauer der Krankheit — und 
sie dauert oft Monate lang — eine hochsradige Anämie und starker 
Marasmus sich einstellt. 


Ich will mit diesen Beispielen übrigens keineswegs der Ansicht 
Vorschub leisten, als wenn die Ernährungsstörungen mit ihren viel- 
fachen äussern Zeichen, die von den Aerzten so gerne als Symptome 
einer Helminthiasis gedeutet werden, überall als directe Folgen eines 
durch die Parasiten bedingten Säfteverlustes zu betrachten seien. 
Selbst wenn der Zusammenhang mit Parasiten ausser Zweifel steht, 
bleibt immer noch die Möglichkeit, dass die Beziehungen zwischen 
beiden mehr indirecter Art sind und durch die Zustände der von den 
Parasiten bewohnten Organe herbeigeführt werden*). Bei längerem 
Bestande wird ein jedes Leiden, und wäre es zunächst auch nur ein 
leichtes und locales, in den Gesammtverhältnissen der Ernährung 
seinen Ausdruck finden. 


Für die Beurtheilung dieser Beziehungen ist es übrigens keimes- 
wegs gleichgültig, welcher Art die Stoffe sind, die dem Parasiten zur 
Nahrung dienen. So wird ein blutsaugender Schmarotzer unter 
sonst gleichen Verhältnissen stets einen grössern Verlust bedingen, 
als ein solcher, der etwa von Epithelialzellen lebt. Hieraus erklärt 
sich u. a. die grosse klinische Bedeutung des Dochmius (Anchylosto- 
mum Dub.) duodenalis (Fig. 10), der in vielen tropischen und sub- 
tropischen Ländern, schon in Norditalien, nicht selten massenhaft 
bei dem Menschen vorkommt und meist so stark mit Blut gefüllt ist, 
dass man auf den ersten Blick fast glauben könnte, der Darm des 
Kranken sei mit Blutegeln bedeckt. Im der Regel bedingt die An- 
wesenheit des Wurmes schon nach kurzer Zeit einen bleichsüchtigen 


zu Millionen im Dünndarme und beobachteten deren Eier und Embryonen auch im Kothe, 
in welchem letztere 10—12 Tage lebendig blieben und an Grösse fast um das Doppelte 
zunahmen. In andern Fällen wurden bloss die Embryonen aufgefunden, bisweilen in 
solcher Menge, dass dieselben auf mehrere Millionen pro Tag geschätzt werden konnten. 


*) Ein sehr überzeugendes Beispiel liefern hier die Trichinen, die nicht nur durch 
ihre Einwanderung in die Musculatur zahllose Fasern zerstören, sondern auch durch 
Lähmung der Beiss- und Schluckmuskein die Nahrungszufuhr der Art beeinträchtigen, 
dass die Patienten schon in kurzer Zeit um ein Beträchtliches abmagern, 


Folgen des Wachsthums und der Ansammlung. 163 


Zustand *), der mit semen mancherlei Folgekrankheiten in Aegypten 
so häufig ist, dass fast ein Viertel der ganzen eingebornen Bevölke- 
rung daran leidet — daher Uhlorosis aegyptiaca — und ein grosser 
Theil bei Mangel einer passenden Behandlung, die in erster Instanz 
natürlich auf Entfernung der gefährlichen Gäste gerichtet sein muss, 
zu Grunde geht. Freilich kommt in diesem Falle nicht bloss der 
Blutverlust in Betracht, den unsere Schmarotzer durch Anfüllung 
ihres Verdauungsapparates herbeiführen, sondern auch jener noch, 
der durch Nachblutung aus den Bisswunden bedingt wird, und dieser 
ist nach der Angabe Griesinger’s**) mitunter sehr beträchtlich. 
Auch die Blutegel werden auf solche Weise dem Menschen bisweilen 
gefährlich und unter Umständen tödtlich. 

Vielleicht dürfte an dieser Stelle auch daran zu erinnern sein, 
dass der Parasitismus der Filarıa Bankrofti (F. sanguinis hominis) 
und des Distomum haematobium gleichfalls — in Folge der durch 
die Auswanderung der Embryonen bedingten Haematurie — einen 
beträchtlichen Blutverlust zur Folge hat. 

Im Allgemeinen aber stehen die durch den Verbrauch von Säften 
und Nahrungsmaterial bedingten Störungen beträchtlich zurück hinter 
jenen, die in Folge des Wachsthums, wie der Ansammlung 
der Helminthen herbeigeführt werden. 

Sobald die Würmer eine bestimmte Grösse überschreiten, üben 
sie gleich andern Fremdkörpern auf ihre Umgebung einen Druck aus, 
der immer stärker wird, je mehr das Wachsthum zunimmt, und je 
weniger die anliegenden Gebilde demselben nachzugeben im Stande 
sind. Am constantesten äussern sich die Wirkungen dieses Druckes 
natürlich bei den grössern Parasiten, besonders jenen, die im engen 
Canälen oder im Parenchym der Organe ihren Wohnsitz aufgeschlagen 
haben. Die Theile, welche zunächst dem Drucke ausgesetzt sind, 
beginnen an der Berührungsstelle mit dem fremden Körper ihre 
Beschaffenheit und ihr normales Aussehen zu verlieren. Die Canäle 
erweitern sich, sopald das Volumen des Insassen den frühern Quer- 


*) In einzelnen Fällen vergehen übrigens Jahre, bevor die Krankheit mit aller 
Intensität zum Ausbruche kommt. Ein in Wien beobachteter derartiger Fall (Mittheil. 
des Vereins der Aerzte in Niederösterreich 1876), der einen sechs Jahre früher in 
Norditalien als Soldat garnisonirten Arbeiter betraf, hat Henschl zu der Vermuthung 
veranlasst, dass Dochmius duodenalis Anfangs gleich dem D. trigonocephalus der Hunde 
von Epithelzellen lebe und erst nach dem Verbrauche derselben auf die blutführende 
Bindesubstanz der Darmzotten übergreife. 

##) Vierordt’s Archiv für plıysivl. Heilkunde. Bd. XII. S. 554. 
le: 


164 Druckwirkungen 


schnitt überschreitet. Sie buchten sich aus und verwandeln sich 
sogar, falls die Verhältnisse es gestatten, in geschlossene Säcke, die 
durch Wucherung des eingelagerten Bindegewebes immer mehr sich 
verdicken und dann kaum von den oben (S. 26) beschriebenen Cysten 
der Parenchymwürmer sich unterscheiden lassen. Gleichzeitig be- 
ginnt das anliegende weiche Gewebe zu schwinden*) und unter 
mehr oder minder auffallender histologischer Veränderung zu Grunde 
zu gehen. So sehen wir die Substanz des Hirnes im Umkreis der 
darin sich entwickelnden Blasenwürmer immer mehr der Zerstörung 
anheimfallen, so auch das Parenchym der Leber in Folge des Echino- 
coccus oder des die Gallengänge bewohnenden Distomum hepaticum 
in immer weiterem Umfange atrophiren, je mehr die Druckwirkung 
sich ausdehnt**). 

Wird durch den Druck des wachsenden Parasiten die Blutzufuhr 
zu dem befallenen Organe beschränkt, oder sonst irgendwie die Er- 
nährung desselben beeinträchtigt, dann nimmt die Rückbildung natür- 
lich noch beträchtlichere Dimensionen an. In derartigen Fällen 
schwindet bisweilen die gesammte Masse des Organes bis auf ein 
vielleicht nur unbedeutendes Residuum, wie das z. B. bei der Niere 
der mit Eustrongylus gigas behafteten Thiere beobachtet wird, die 
schliesslich nur noch (Fig. 76) eine schwache sichelförmige Verdickung 
an dem durch den Wurm sackartig aufgetriebenen Nierenbecken 
darstellt ***). 

Unter Umständen vermögen übrigens schon Parasiten von un- 
bedeutender Grösse derartige Wirkungen zu erzielen. So bringen 
die winzigen Embryonen der Trichine die Fleischsubstanz der von 
ihnen angebohrten Muskelfasern alsbald zu einem Zerfalle, in Folge 
dessen die letztern sich in Körnerschläuche verwandeln. Anfangs be- 


*) Göze berichtet (Versuch u. s. w. S. 234) von einer „überaus magern und elend 
anzusehenden“ Ratte, deren Leber so von Öysticercen durchsetzt war, „dass man vor 
Blasen fast Nichts von der Substanz derselben sehen konnte“. Ein zweiter sehr ähn- 
licher Fall auf S. 243. 

**) Auf diese Weise verwandeln sich auch die Gallengänge der Kaninchen durch die 
im Innern sich entwickelnden und immer mehr sich anhäufenden Psorospermien in mehr 
oder minder grosse geschlossene Bälge. Gleiches beobachtet man an den Lieberkühn’- 
schen Drüsen der Frösche, falls Nematoden und andere Parasiten in dieselben ein- 
wandern. Auch die Blutgefässe des Frosches sollen nach Waldenburg (Arch. für 
Anat. u. Physiol. 1862. S. 195.) durch aneurysmatische Erweiterung und Absackung 
velegentlich zu Wurmcysten werden. 

*##) Aeltere Beobachter verlegten den Sitz des Wurmes desshalb denn auch direct in 
das Innere der Niere, 


in pathologisch-anatomischer Hinsicht. 165 


sitzen diese Schläuche noch ganz die Gestalt der frühern Sarco- 
lemmaschläuche, wenn die Würmchen aber später wachsen, dann bildet 
sich an der Lagerstätte derselben eine Ausbuchtung (Fig. 77), die 
durch Schwinden der Endzipfel und andere Veränderungen schliesslich 
zu der Bildung einer „Trichinenkapsel“ hinführt*). 

Fig. 77, 


1 = Eh 
Zn allle 


Fig. 76. Niere von Nasua socialis mit Eustrongylus im erweiterten Becken. 
Fig. 77. Sieben Wochen alte Muskeltrichinen in den Erweiterungen der Sarcolemma- 
schläuche. 

Wie die Würmer, so verhalten sich auch die von ihnen abge- 
legten Eier, vorausgesetzt, dass dieselben sich im Innern enger Canäle 
oder gar im Parenchym der Organe ansammeln, wie das u. a. von 
den Eiern des Distomum (Bilharzia) haematobium bekannt ist. Die 
unter der Schleimhaut der Harnwege hinziehenden Venenäste, in 
welche der genannte Helminth seine Eier absetzt, erzeugen durch 
den Druck der sie füllenden Fremdkörper in ihrer Umgebung mehr 
oder minder beträchtliche Gewebswucherungen (Fig. 78) und werden 
schliesslich der Art verändert, dass sie — unter Blutergu®s — ihren 
Inhalt nach Aussen, in die Harnwege hinein, entleeren. Ebenso 
beobachtet man auch im Umkreis der von den Lungenstrongyliden 


*) Vergl. Leuckart, Parasiten, Bd, Il. S. 572, Untersuchungen über Trichina 
spiralis. 2. Aufl. S. 53. 


166 Functionsstörungen 


abgelegten Eier*) und der in die Epithelien eingewanderten sog. 
Psorospermien eine lebhafte Zellenvermehrung. Die von den Psoro- 
spermien selbst bewohnten Zellen gehen durch 
das Wachsthum derselben zu Grunde. 

Derartige Veränderungen finden natürlich 
auch in der Function der leidenden Organe 
ihren Ausdruck. Es entstehen mehr oder 
minder beträchtliche Störungen, die dann 
ihrerseits wieder auf das Gesammtleben je 
nach ihrem Grade und der physiologischen 
Bedeutung des befallenen Organs in dieser 
und jener Weise zurückwirken. 

Wie der Parasitismus des Distomum hae- 
matobium Haematurie zur Folge hat, so be- 
dingen die Blasenwürmer des Gehirnes je nach 
ihrem Sitze Blödsnn und Lähmung oder 

Raserei und Convulsionen **). Ebenso beein- 
ne a na trächtigt der Echinococcus der Leber und der 

"processes. Strongylus der Niere durch Unterdrückung 

der Gallen- und Harnausscheidung den Stoff- 

wechsel, während die Trichinen bei massenhafter Zerstörung von 
Muskelsubstanz Erscheinungen einer mehr oder minder vollstän- 
digen Lähmung hervorrufen. Dass diese Lähmung einige Zeit 
nach der Infection wieder schwindet, rührt von einer Neubildung 
der Muskelfasern her, von einem Ersatze, der nach Zerstörung der. 
Leber oder des Hirnes nicht in gleicher Weise stattfindet, wesshalb 
denn auch die hier auftretenden functionellen Abweichungen per- 
sistiren und nicht selten der Art sich steigern, dass der Tod unver- 
meidlich wird. Freilich ist der Tod des Helminthenträgers in solchen 
Fällen nicht immer die directe Folge der zunächst durch die Parasiten 
bedingten Erscheinungen, sondern oftmals durch secundäre Störungen 
hervorgerufen, unter denen, ausser den kachektischen und hydro- 


*) Bollinger, zur Kenntniss der desquamativen und käsigen Pneumonie, Arch. 
für exper. Pathologie u. Pharm. Th. I. 1873. 

#*) Am bekanntesten sind die hierher gehörigen Erscheinungen der Drehkrankheit 
hei den Schafen, welche an Coenurus leiden. Vergl. Numan, over den Veelkop-Blaas- 
worm der Hersenen (Verhandl. koningl. Nederl. Inst. Wetensch. I. Pl. 3. Reihe, 3. 'Th. 
p. 225fl.). Der Druck, welchen der Ooenurus ausübt, wird nicht selten so stark, dass 
— bei peripherischer Lage des Wurmes — selbst die Knochen der Resorption anheim- 
fallen, und die benachbarten Theile der Schädeldecken biegsam werden. 


in Folge der mechanischen Einwirkung. 167 


pischen Zuständen, wie sie auch sonst oft im Laufe der Zeit aus 
chronischen Leiden sich hervorbilden, besonders die durch Fort- 
leitung des Druckes auf die grösseren Gefässstämme bedingten Cir- 
culationsstörungen, schleichende Entzündungen und Rupturen zu 
nennen sind. ä 

Die Fälle, die der voranstehenden Schilderung zu Grunde 
liegen, gehören zum Glücke nur zu den seltenen. Die Mehr- 
zahl der Parenchymwürmer wirkt weniger gefährlich, und manche 
rufen kaum einmal irgend welche Störungen hervor, wie z. B. der 
Cysticereus cellulosae der Muskeln. Ueberall richtet sich der Erfolg 
nach den Umständen d. h. in unserm Falle nach der Stärke des 
ausgeübten Druckes und der physiologischen Bedeutung des affıcirten 
Organes. Die specifische Natur des drückenden Parasiten ist dabei 
so irrelevant, dass z. B. derselbe Cysticereus cellulosae, den wir 
soeben als harmlos‘ bezeichneten, wenn er die Muskeln bewohnt, 
unter andern Verhältnissen oder an andern Orten, wie etwa im 
Auge oder im Gehirne, den hösartigsten Schmarotzern zugerechnet 
werden muss. 

Wo die Parasiten in weiten Räumen zu grössern Massen heran- 
wachsen, da äusserst sich ihre Wirkung weniger durch Druck, als 
durch eine mehr oder minder vollständige Hemmung der Passage. 
Welchen Einfluss das auf die Gesundheit hat, hängt vorzugsweise 
wiederum von der Bedeutung ab, welche das betreffende Organ 
(resp. die Leitung) für den Organismus besitzt. So bedingt das 
Vorkommen des Oysticercus in der vordern Augenkammer oder im 
Glaskörper Blindheit, die massenhafte Ansammlung von Würmern 
(Strongylus s. Syngamus trachealis) in der Luftröhre bei den Vögeln, 
besonders unsern Hühnern, oftmals Erstickung, und ebenso werden 
durch Verknäuelungen von Band- und Spulwürmern im menschlichen 
Darme mitunter Zustände hervorgerufen, die mit Darmverschlingung 
oder eingeklemmten Brüchen die grösste Aehnlichkeit haben. Bei 
geringern Graden der Verstopfung sind die Erscheinungen natürlich 
andere. Weniger intensiv, werden sie dann nicht selten durch längere 
Dauer dem Helminthenträger verderblich. 

An dieser Stelle dürften wir am besten auch wohl der sog. 
Wurmaneurysmen erwähnen, die bei unsern Pferden so häufig an 
den Gekrösearterien, besonders der vordern, angetroffen werden, 
dass man dieselben nur selten (nach Bollinger nur in 6—10 °/,) 
vergebens sucht. Die betreffenden Bildungen rühren, darüber kann 
nicht länger ein Zweifel obwalten, von dem Parasitismus des sog. 


168 Wurmaneurysma. 


Pallisadenwurmes (Strongylus s. Sclerostomum equinum) her, der als 
Würmcehen von unbedeutender Länge (S. 80) von Aussen zunächst 
in den Darmkanal der Pferde gelangt, aber rasch von da in den 
Blutgefässapparat einwandert und dann zur Bildung aneurysmatischer 
Säcke Veranlassung giebt. Zur 
Beurtheilung der allmählichen Ent- 
wicklung dieser Aneurysmen (Fig. 
79) fehlt es einstweilen noch an 
den nöthigen Anhaltepunkten, in- 
dessen liest die Annahme nahe, 
dass die Würmer alsbald nach ihrem 
Uebertritte in die Blutgefässe die 
Arterienhaut anbohren und da- 
durch eine Schwellung und Locke- 
rung der Wandung hervorrufen, 
die das Gefässlumen verengt und 
die aneurysmatische Erweiterung 
zu Stande brinst*). Später trifft 
man freilich die inzwischen zu be- 
trächtlicher Grösse (bis 15 Mm.) 
herangewachsenen Würmer meist 
zwischen den Eiweissschollen des 
aneurysmatischen Sackes, allein’ 
diese Lage ist vermuthlich erst eine 
secundäre. In einzelnen Fällen giebt auch die Weiterwanderung 
srösserer Würmer zur Bildung neuer Aneurysmen Veranlassung. 
Dass die Existenz dieser Aneurysmen nicht selten noch weitere Er- 
krankungen zur Folge hat, wird schon dadurch sehr wahrscheinlich, 
dass die vordere Gekrösearterie, der regelmässige Sitz derselben, 
die nutritive und funetionelle Blutquelle für eine nicht weniger als 
26—27 Meter lange Darmstrecke abgiebt. In der That haben denn 
auch Bollinger’s Untersuchungen **) dargethan, dass die sog. Kolik 
der Pferde, eine der häufigsten Todesursachen dieser Thiere, in der 
srössesten Mehrzahl der Fälle auf embolischen und thrombotischen 


Wurmaneurysma des Pferdes. 


*) Die Annahme, dass die Würmer durch ihre Mundbewallnung zur Erzeugung 
der Aneurysmen beitrügen, beruht auf einer völligen Unkenntniss der Verhältnisse, 
denn diese Bewallnung entwickelt sich erst kurz vor dem Uebertritte der Parasiten in 
den Darmkanal, zu einer Zeit. in der die pathologischen Veränderungen der Arterie 
längst zur Ausbildung gekommen sind. Vergl. Parasiten Bd. II. $. 449, 

**, Bollinger, die Kolik der Pferde, München 1870, 


Die Parasiten als bewegliche I'remdkörper. 169 


Vorgängen beruht, die durch das W urmaneurysma hervorgerufen 
werden. 

Auch der Echinococeus giebt gelegentlich zu Embolien Ver- 
anlassung, dann nämlich, wenn derselbe, wie es mitunter geschieht, 
in grössere Venenstämme hindurchbricht und seinen Inhalt in diese 
entleert. Die übertretenden Blasen bedingen dann gewöhnlich einen 
Verschluss der Arteria pulmonalis und in dessen Folge ein rasches Ende. 

Was wir bisher über die Einwirkungen der Parasiten auf ihre 
Wirthe kennen lernten, knüpft zunächst nur an die Anwesenheit 
und das Wachsthum derselben an. Es sind Erscheinungen, wie wir 
sie auch sonst unter ähnlichen Umständen, namentlich bei Wucherungen 
von Geschwülsten, beobachten. Aber die Parasiten sind nicht bloss 
wachsende fremde Körper, sondern mit wenigen Ausnahmen auch 
bewegliche, und diese Beweglichkeit, die sie so auffallend vor den 
Pseudoplasmen auszeichnet, wird für den Organismus, der sie be- 
herberst, zu einer neuen Quelle mannigfacher Störungen. 

Wir haben in Betreff dieser Beweglichkeit früher bei den Parasiten 
je nach Aufenthalt, Grösse und Entwicklungszustand vielfache Unter- 
- schiede kennen gelernt und dürfen von vorn herein vermuthen, dass 
auch die dadurch bedingten Störungen verschiedener Natur sind. Es 
hat voraussichtlicher Weise eine andere Wirkung auf den Helminthen- 
träger, wenn sich die Parasiten desselben innerhalb der Grenzen eines 
räumlich abgeschlossenen Wohnortes bewegen, als dann, wenn sie diese 
verlassen und im Körper umherwandern; wie es denn auch natürlich 
eine andere Wirkung hat, wenn diese Bewegungen und Wanderungen 
von wenigen oder zahlreichen, von kleinen oder grossen Geschöpfen 
vollzogen werden, wenn sie rasch oder langsam von Statten gehen. 

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit zunächst auf die Folgen, 
die dem Organismus durch die Wanderungen der Para- 
siten erwachsen. 

Obenan unter diesen Wanderungen stehen bekanntlich die der 
Embryonen. Sie sind von allen die häufigsten, aber auch zugleich, 
wegen der mikroskopischen Grösse der Wanderer, die verborgensten, 
so dass sie sich ohne Kenntniss der vorausgegangenen Infection nur 
schwer als Krankheitsursache nachweisen lassen. Begreiflich unter 
solchen Umständen, dass wir ihre Einwirkungen auf den Helminthen- 
träger auch zunächst nur nach den Ergebnissen des Experimentes zu 
beurtheilen vermögen. Nach diesen aber dürften dieselben nichts 
weniger als gering sein — vorausgesetzt natürlich, dass es sich dabei 
um Massenwanderungen handelt. 


\ 


170 Pathologische Folgen 


Bei den zum Zweck der Finnenerzeugung an Säugethieren, be- 
‚sonders Kaninchen, ausgeführten Fütterungen ist es mir häufig 
passirt*), dass die Versuchsthiere in den ersten Tagen (mitunter 
schon vor Ablauf von 24 Stunden) ohne irgendwelche nachweisbare 
äussere Ursache zu Grunde gingen. Da in solchen Fällen fast be- 
ständig eine Fütterung mit grössern Massen von Bandwurmeiern 
vorausgegangen war, liegt die Vermuthung nahe, dass der Tod durch 
die Wanderungen der Embryonen veranlasst sei. Bei der Leichen- 
untersuchung findet man eine meist ziemlich starke Capillarinjection 
der Eingeweide, besonders der (hier und da auch 
bisweilen ecchymotischen) Lungen und der Leber, 
dazu ein ziemlich dünnflüssiges Blut, aber sonst 
keinerlei Symptome eines specifischen Leidens. Ob 
man vielleicht annehmen darf, dass die Embryonen 
(Fig. 80) durch massenhafte Einwanderung in das 

Taenienembryo. Gefässsystem eine capilläre Embolie der genannten 

Organe herbeiführten, muss ich unentschieden 

lassen, obwohl es mir gelungen ist, einzelne Embryonen in dem 
Pfortaderblute aufzufinden. 

Aehnliche Fälle sind auch von andern Experimentatoren be- 
obachtet. Ich erwähne unter diesen namentlich einen, den Leisering 
bei einem mit Taenia margimata (e Cyst. tenuicolli) gefütterten 
Schaflamm beschrieben hat**). Die Hauptveränderungen des hier 
am d. Tage nach der Fütterung gestorbenen Thieres betrafen die 
Leber, die im ganzen Umfange aufgetrieben und von blutreichen 
Erweiterungen der Pfortadercapillaren durchzogen war, in denen 
sich Hunderte kleiner, aber schon mit blossem Auge sichtbarer Band- 
wurmembryonen nachweisen liessen. Daneben Icterus und Blut- 
extravasate, letztere auch in den Lungen. 

Dass wir es hier mit den Folgen der stattgefundenen Infection 
zu thun haben, unterliegt keinem Zweifel, wenn auch die eigentliche 
Todesursache vielleicht nicht mit voller Bestimmtheit dargethan 
werden kann. 

Wo die Versuchsthiere die nächsten Folgen der Infection über- 
stehen, da entwickelt sich — besonders bei den mit Taen. saginata 
gefütterten Rindern — durch die Einwanderung und das Wachsthum 
der jungen Brut nicht selten ein Zustand, der in pathologischer wie 


*) Blasenbandwürmer. 8. 45. 
**) Bericht über das Veterinärwesen Sachsens. 1857/58. S. 22. 


der Emhryonalwanderungen. 171 


pathologisch anatomischer Beziehung die grösseste Aehnlichkeit mit 
einer Miliartubereulose hat und deshalb denn auch von mir als acute 
Cestodentuberculose bezeichnet ist *). 

Die Cestoden dürften übrigens kaum die einzigen Parasiten sein, 
die durch ihre Embryonalwanderungen auf den Helminthenträger 
einwirken. Auch die Wanderungen der Trichinenembryonen bleiben 
nicht ohne Einfluss, denn die schmerzhaften Gefühle der Muskel- 
übermüdung, die schon in den ersten Tagen der Trichinose sich 
einstellen und rasch in heftiger Weise sich steigern, die Entzündung 
und oedematöse Schwellung der befallenen Theile, die Ruhelosigkeit 
und das beginnende Fieber — das Alles darf doch bestimmt zum 
grossen Theile auf die durch die wandernden Embryonen bedingten 
Reizzustände zurückgeführt werden. Freilich müssen wir bei der 
Beurtheilung der die Trichinose begleitenden Symptome beständig 
berücksichtigen, dass diese Krankheit das Product einer ganzen Reihe 
von helminthologischen Zuständen ist, die neben einander in dem- 
selben Wirthe ablaufen und in einen so kurzen Zeitraum sich zu- 
sammendrängen, dass es schwer zu bestimmen ist, wie die einzelnen 
Momente zu diesen Zuständen sich verhalten. Nach einer stärkern 
Infection erkennt man bei Schweinen und Kaninchen in der zweiten 
Woche nicht selten auch eine mehr oder minder auffallende Rö- 
thung an der Peritonealbekleidung des Darmes und der Bauchwände, 
gelegentlich selbst eine Verklebung der Eingeweide oder einen serösen 
Erguss in die Leibeshöhle, Erscheinungen also, die, obwohl sie bei 
dem Menschen bisher noch nicht zur Beobachtung kamen, doch nur 
von den Embryonalwanderungen herrühren können. Virchow glaubt 
auch die typhusartigen Zustände, welche die Triehinose begleiten, 
durch den directen Einfluss der Wanderungen erklären zu können, 
doch dürfte es vielleicht näher liegen, dieselben mit der Aufnahme 
der bei der Zerstörung der Muskelsubstanz in Menge erzeugten Zer- 
setzungsproducte in Beziehung zu bringen. Dass die Trichinenem- 
bryonen durch gewisse ihnen inhärirende chemische Stoffe zu wirken 
im Stande seien**), scheint mir sehr zweifelhaft. 

Auch der sog. Filaria medinensis hat man hier und da giftige 
Eigenschaften beigelest, um die gefährlichen Folgen zu erklären, 
welche das Abreissen des Wurmes gelegentlich hervorruft, allein 


*) Mosler, helminthologische Studien und Beobachtungen, Berlin 1864. S. 1ff. 
**) Friedreich, deutsches Archiv f. klin. Med. 1872. S. 265. Aehnliches vermuthet 
Huber auch (ebendas. 1870. S. 450) von Ascaris lumbricoides. 


172 Nematoide Hämaturie. 


dieselben reduciren sich nach Böttcher’s Untersuchungen*) gleich- 
falls nur auf Erscheinungen, die durch die in zahlloser Menge in 
das umliegende Gewebe eindringenden Embryonen bedingt werden 
und der Hauptsache nach entzündlicher Natur sind. 


Ebenso rufen die in den Lungen auskriechenden Embryonen von 
Strongylus filaria beim Schaf und andern Wiederkäuern sehr gewöhn- 
lich eine mehr oder weniger ausgebreitete Entzündung hervor, die 
günstigen Falls erst mit der Auswanderung der Parasiten ihr Ende 
erreicht. Verschieden von dieser diffusen Entzündung sind die durch 
die Einwanderung der Ollulanusembryonen **) bedingten Veränderungen, 
die je im Umkreis der einzelnen Würmer vor sich gehen und wiederum 
ganz das Bild einer Miliartuberculose darbieten, auch an Gefährlich- 
keit der oben (8. 171) erwähnten Cestodentubereulose nicht nachstehen, 


Dass es übrigens weniger die Wanderungen als solche sind, welche 
als Krankheitsursache wirken, sondern die durch diese Wanderungen 
hervorgerufenen Reizungen und Verletzungen, beweist am schla- 
sendsten wohl die Geschichte der sog. Filaria sanguinis (S. 65), die 
gelegentlich zu Millionen in dem Blute ihrer Träger circulirt, trotz- 
dem aber für gewöhnlich nur insofern Störungen hervorruft, als sie 
bei ihrer durch die Niere hindurch stattfindenden Auswanderung die 
Malpighischen Getässknäuel durchbohrt und zur Blutung veranlasst, 
Die hierdurch erzeugte Hämaturie (resp. Ohylurie) hat bei längerer 
Dauer allerdings — wie die Hämaturie in Folge des Distomumleidens 
(S. 165) — anaemische Zustände zur Folge, allein sie ist für gewöhn- 
lich die einzige Aeusserung der Helminthiasis. Nur in seltenen Fällen 
dürften die Blutwürmer in andern Organen durch Ruptur oder capilläre 
Embolie, wie Lewis meint, gewisse mehr oder minder bedenkliche 
Störungen veranlassen. Gruby und Delafond beobachteten bei den 
mit Blutwürmern behafteten Hunden bisweilen epileptische Anfälle ***), 


Wenn die Embryonen schliesslich ihre Wanderungen beendigt 
haben und nach dem Festsetzen zu wachsen beginnen, dann treten 
neue Erscheinungen an die Stelle der frühern, je nach Umständen 
solche von bald geringerer, bald auch grösserer Intensität. Sie tragen 
in der Regel den Charakter einer entzündlichen Localaffection, deren 
Ursache wir am natürlichsten wohl in der Combination des begin- 


*) Sitzungsber. der Dorpater Naturforschergesellsch. 1871. 8. 275. 
**) Vergl. Bugnion und Stirling an den oben (S. 60) eitirten Orten. 
##%*) pt. rend. Acad. Paris 1852. T. XXXIV. p. 9. 


Hirnentzündung nach Öoenurusinfection. 173 


nenden Druckes*) mit der immer noch, wenn auch nur langsam 
fortschreitenden Ortsbewegung zu suchen haben. Bis zu welchen be- 
denklichen Zuständen diese Entzündungen sich steigern können, beweist 
nicht bloss das Auftreten der schon oben (5. 171) angezogenen acuten 
Oestodentuberculose des Rindes, sondern weiter auch die Constanz, 
mit der unsere Coenurusexperimente beim Schafe im Laufe der 
dritten Woche eine Hirnentzündung**) hervorrufen, der die meisten 
Versuchsthiere zum Opfer fallen. Bei Eröffnung des Schädels sieht 
man in solchen Fällen auf der Oberfläche des Hirnes (Fig. 81) oft- 
mals zolllange Streifen eines käsigen Exsudates, die den Weg unserer 


Fig. 81. 


Hirn eines Lämmchens mit Coenurusgängen. 


Wanderer bezeichnen (Haubner, Leuckart, van Beneden) und 
durch die Beschaffenheit ihrer Umgebung als die Herde des entzünd- 
lichen Processes sich zu erkennen geben. 

Natürlicher Weise sind diese Localerscheinungen nicht in allen 
Organen gleich gefährlich. Ich sah die Leber der Kaninchen nach 
Fütterung mit Taenia serrata nicht selten von Hunderten junger 
Cysticercen (Fig. 82) durchsetzt und durchwühlt (vgl. oben S. 92), 
und doch erinnere ich mich keines einzigen Todesfalles, der durch 
diese Zerstörungen ***) bedingt wäre. Sind die Blasenwürmer (in der 
dritten und vierten Woche nach der Fütterung) allmählich aus der 
Leber ausgewandert, dann schliessen sich die Bohrgänge. Der früher 


*) Dass auch der von den wachsenden Helminthen ausgehende continuirliche Druck 
gelegentlich schon als solcher zu entzündlichen Processen Veranlassung geben kann, 
unterliegt keinem Zweifel. Es ist desshalb auch oftmals unmöglich, bei den Helminthen- 
krankheiten die Wirkungen des einfachen Druckes und der von den Parasiten vor- 
genommenen Bewegungen scharf aus einander zu halten. 

#*) Nicht ganz richtig bezeichnen manche Experimentatoren diese Hirnentzündung 
bereits als „‚Drehkrankheit‘“‘. Die letztere tritt mit ihren charakteristischen Symptomen 
erst einige Monate nach der Infection auf. 

###) Man vergleiche hierzu die Darstellungen in meinem Werke über die Blasen- 
bandwürmer 8. 124. Taf. I. Fig. 1—3. 


174 Auswanderung der Finnen und Pentastomen 


vorhandene Congestivzustand geht verloren, die Exsudatmassen, die 
neben den Würmern die Bohrgänge füllten, werden resorbirt, und 
das gesunde Aussehen kehrt wieder. Nur die persistirenden Narben 
- verrathen die Affection, die vorausging. 


Aehnlich verhält es sich nach meinen Erfahrungen mit dem 
Uysticercus tenuicollis (Fig. 83), nur dass dieser zur Zeit der Aus- 
wanderung aus der Leber eine beträchtlichere Grösse besitzt, und 


Fig. 83. 


Fig. 82. Ein Stück Kaninchenleber mit Finnengängen (Cysticercus pisiformis). 


Fig. 83. Auswanderung eines jungen Öysticercus tenuicollis aus der Leber. 


desshalb denn auch unter gleichen Verhältnissen eine bedeutendere 
Affection hervorrufen mag. Ich habe an den von diesen Parasiten 
eben verlassenen Lebern Löcher gesehen, in die man den Finger fast 
einen halben Zoll tief versenken konnte. Wenn meine Versuchsthiere 
trotzdem allem Anscheine nach gesund blieben, so erklärt sich wohl 
daraus, dass die Menge der Parasiten bei denselben nicht besonders 
gross war und über die Zahl zwölf niemals hinaussing. 


Weit gefährlicher sind die Zufälle, die von den Auswanderungen 
des jugendlichen Pentastomum denticulatum (vgl. S. 103) aus Leber 
und Lunge herrühren. Man braucht freilich nur ein Mal die raschen 
und kräftigen blutegelartigen Bewegungen, nur em Mal die Bewaft- 
nung dieser Thiere, die Stachelkränze und die gewaltigen Krallen 
derselben (Fig. 56) gesehen zu haben, um das begreiflich zu finden. 
Leber und Lunge sind bei stärkerer Infection nach allen Richtungen 
durchwühlt und auf der Oberfläche mit Löchern besetzt (Fig. 84), die 
je den Mittelpunkt eines mehr oder minder ausgedehnten Entzündungs- 
kreises abgeben. Besonders gilt das für die Lungen, die mit Blut 
und flüssıgem Exsudat mitunter in grosser Ausdehnung infiltrirt sind. 
Wo die Pentastomen in grösserer Menge in die Leibeshöhle aus- 


aus Leber und Lunge. 175 


wandern, gesellt sich zu dieser Affection gewöhnlich noch eine Peri- 
tonitis, die nicht selten einen tödtlichen Ausgang nimmt *). 

Selbst bei spontaner Infection hat man gelegentlich diesen Aus- 
gang beobachtet — wie u. a. der von Weinland beobachtete Fall 
beweist, in dem eine Antilope bubalis dem Pentastomum denticulatum 
erlag**). Trotzdem aber kennen wir bis jetzt noch keinen Fall, 
in dem unser Pentastomum auch dem Menschen gefährlich geworden 
wäre. Es hänst das wohl damit zusammen, dass der Parasit bei 
der gewöhnlichen Art der Uebertragung (durch die von Hunden be- 
leckten und beschnüftelten Hände) meist nur einzeln oder doch im 
geringer Menge importirt wird. Das in den tropischen Gegenden 
Afrika’s den Menschen bewohnende Pent. constrietum (Fig. 85a) 


Fig. 84. Fig. 85. 


Fig. 84. Lunge eines mit Pentastomen behafteten Kaninchen. 
Fig. 85. Pentastomum constrietum, a in doppelter Grösse, b in Leber (nach Aitken), 


c in Lunge. 
scheint dagegen eine viel intensivere Einwirkung auf seinen Träger 
auszuüben, denn nach den Mittheilungen, die Aitken***) über ein 
paar Fälle dieser Art gemacht hat, dürfte die Auswanderung dieses 
Parasiten aus der Leber und Lunge sehr häufig den Tod herbeiführen +). 
Freilich ist dabei zu berücksichtigen, dass das Pent. constrietum eine 


-  # Leuckart. Bau- und Entwicklungsgesch. von Pentastomum taenioides. Leipzig 
1865. S. 14. 
==) Der zoologische Garten. 1860. Nr. 2. 
*##) On the occurrence of Pentastomum constrictum in the human body as a cause 
of painfull disease and death. Aitken, the science and practice of medicine, 4. Auf. 
r) Wedl (Sitzungsber. der Wiener Acad. Bd. 48. S. 1) berichtet Gleiches auch von einer 
Löwin, die ein grösseres Pentastomum (P. moniliforme ?) in Leber und Milz beherbergte, 


176 Durchbohrung des Darmes. 


Länge von fast anderthalb Zoll hat, während Pent. denticulatum 
kaum einen Centimeter lang ist. 

Wir haben in der voranstehenden Darstellung übrigens nur 
solche Wanderungen berücksichtigt, die constant und regelmässig in 
früherer oder späterer Zeit des Entwicklungslebens bei gewissen 
Parasiten auftreten. Die Zahl der angeführten Fälle wäre grösser 
ausgefallen, wenn wir unsere Aufmerksamkeit dabei nicht aus- 
schliesslich den höheren Thieren zugewendet hätten. Wir würden 
sonst u. a.*) auch die meist tödtlich endigenden Auswanderungen 
der bei den verschiedensten Insekten vorkommenden Schmarotzer- 
larven und Filarien (Gordius, Mermis) hervorzuheben gehabt haben. 
Aber auch so werden unsere Angaben genügen, um die Bedeutung jener 
Erscheinungen für die Pathologie ausser Zweifel zu stellen. 

Ausser diesen constanten und regelmässigen Wanderungen der 
Jugendzustände giebt es aber auch solche, die von den erwachsenen 
Thieren, wenn auch meistens nur gelegentlich und zufällig, vollzogen 
werden. Zu diesen gehören namentlich die Auswanderungen der 
Spulwürmer in die Leibeshöhle, Wanderungen, die natürlicher Weise 
ene Durchbohrung des Darmes voraussetzen. 

Man hat die Möglichkeit solcher Durchbohrungen in älterer 
und neuerer Zeit vielfach bezweifelt, „weil die Spulwürmer eines 
jeden Bohrapparates entbehren“, und die zahlreich in unserer Lite- 
ratur vorliegenden Fälle dieser Art durch die Annahme zu erklären 
versucht, dass die Würmer dabei eine immer nur seeundäre Rolle 
spielten, indem sie die durch penetrirende Darmgeschwüre ent- 
standenen Wege benutzt hätten, um ihren früheren Aufenthaltsort, 
vielleicht erst nach dem Tode des Wirthes, mit einem neuen zu 
vertauschen. Als Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung führt 
man die Beschaffenheit der Durchbruchsstelle an, die mehr für eine 
allmähliche Corrosion, als eine mechanisch wirkende Gewalt zu 
sprechen scheine. 

Obgleich es schwer ist, hier mit Bestimmtheit zu entscheiden, 
glaube ich doch, dass man mit dieser absprechenden Behauptung 


*) Von den übrigen hierher gehörigen Fällen ziehe ich nur eine Beobachtung von 
Busch an (Beobachtungen über Anatomie und Entwicklung wirbelloser Seethiere, Berlin 
1851. S. 98), die einen kleinen geschlechtslosen Nematoden betrillt, der rücksichtslos 
die Gewebe der Sagitten nach allen Richtungen hin zu durchsetzen pflegt. „Die armen 
Sagitten leiden natürlich ausserordentlich, so sagt unser Autor, wenn die Eindringlinge 
ihre Wanderungen beginnen, und sterben meist unter tetanischen Zufällen, indem die 
Haken starı aus dem Kopfe heryor gestreckt werden, und der Körper sich krampf haft 


rückwärts biegt.“ 


Wurmabscesse. 177 


viel zu weit geht*). Dass es zum Durchsetzen der Gewebe und Organe 
der Bohrapparate keineswegs nothwendig bedarf, ist nach unsern 
heutigen Erfahrungen eine ausgemachte Sache und wird auch durch 
die oben zusammengestellten Fälle von wandernden Oysticercen u. a. 
zur Genüge bewiesen. Allerdings wird man bei den Grössen verhält- 
nissen des Spulwurmes nicht annehmen können, dass derselbe die 
Wandungen des Darmes mit derselben Leichtigkeit durchsetzt, wie 
etwa der Embryo einer Trichine. Wenn wir bei dem letztern die 
Durchbohrung als einen acuten Vorgang bezeichnen können, so er- 
scheint dieselbe bei dem Spulwurme als ein mehr chronischer Process, 
der unter fortgesetztem Andrange des Kopfendes abläuft, vielleicht 
auch nicht einmal ohne Weiteres zu einer Durchbohrung der Darm- 
wand hinführt, sondern zunächst bloss gewisse Gewebsveränderungen 
einleitet, die dann erst ihrerseits den Durchbruch ermöglichen. 

In gewissen Fällen beschränkt sich die Durchbohrung übrigens 
nicht einmal auf die Darmwände. Am Nabel und in der Leistengegend, 
an Stellen also, an denen die Bauchdecken eine grössere Nachgiebig- 
keit besitzen, wird mit den Darmwänden auch zugleich die Leibes- 
wand durchsetzt. In Folge des Andrängens von Seiten des Parasiten 
entstehen dann die sog. Wurmabscesse, Bindegewebsentzün- 
dungen, die schliesslich eine Geschwürbildung zur Folge haben, 
ganz wie das an den Durchbruchsstellen der, sog. Filaria medinensis 
der Fall ist. 

Dass die Folgen einer solchen Durchbohrung resp. des Eintrittes 
in die Leibeshöhle weit tiefgreifender und meist auch gefährlicher 
sind, als diejenigen, welche durch einen wandernden Embryo ent- 
stehen, liest auf der Hand. Bei dem Menschen bedingt die Grösse 
und Beweglichkeit des Wurmes eine meist sehr intensive Peritonitis, 
die besonders in solchen Fällen einen raschen und tödtlichen Ver- 
lauf nımmt, in denen ausser dem Wurme auch noch andere fremde 
Substanzen durch die Darmwände austraten. 

Die Spulwürmer sind übrigens nicht die einzigen Darmwürmer, 
welche derartige Wanderungen vorzunehmen vermögen. Häufiger 
noch geschehen dieselben von den Kratzern, die freilich auch durch 
den Besitz eines mit kräftigen Haken besetzten retractilen Rüssels 
dazu besonders geschickt sind. Selbst der Echinorhynchus gigas (der 
Schweine) vermag mit Hülfe dieses Apparates den Darm zu durch- 
setzen, obwohl er mehrere Linien im Durchmesser hat. Auch von 


*) Vergl. Parasiten Bd. II. 8. 240 if. 
Leuekart, Allgem. Naturgesch. d. Parasiten, 12 


178° Krätzmilben und 


Bandwürmern kennen wir derartige Fälle, nicht bloss von Taenia 
solium, sondern auch von Arten, die des Hakenapparates entbehren. 
So vertauscht z. B. die Taenia plicata des Hasen und Kaninchens 
den Darm nicht selten mit der Leibeshöhle, ohne dabei jedoch, 
da die Wirthe nur wenig zur Peritonitis neigen, die sonst so 
bedenklichen Erscheinungen hervorzurufen. Göze fand in einem 
Falle*) die „kleine wulstförmig verschlossene Oeffnung, die man nicht 
anders als bei Aufschneiden des Darmes inwendig an der Villosa 
bemerken konnte, wo die Würmer ausgetreten waren“. Ebenso be- 
richtet Göze von einer Tauchergans mit Fasciolen (Ligula), von . 
denen etliche die Darmwände durchbohrt hatten**). Im Larven- 
zustand, den die Ligula bekanntlich in der Leibeshöhle unserer Weiss- 
fische, besonders des Brassen, verlebt, bricht dieselbe gegen Ende 
August auch oftmals durch die Bauchdecken hindurch, „bald am 
Bauche, bald auf der Seite oder nahe am Rücken, bisweilen auch 
am Kopfe oder ohnweit des Schwanzes. Der Ort, wo der Durch- 
bruch geschieht, erhebt sich, die Haut wird dünn, und die Wunde, 
welche zurückbleibt, ist länglich, wie die Wunde einer geöffneten 
Ader, auch dabei blutig***)“. Die gleiche Auswanderung beobachtete 
Steenstrup bei dem Schistocephalus der Stichlinge, die übrigens 
in Folge der Verletzung meist zu Grunde gehenf). 

Als Gegenstück zu diesen bloss gelegentlichen Wanderern giebt 
es unter den ausgebildeten Schmarotzern aber auch solche, die be- 
ständig auf der Wanderung begriffen sind. Obenan unter denselben 
‚steht die Krätzmilbe, welche die Epidermis nach allen Richtungen 
durchwühlt (Fig. 86 u. 87) und durch das Anbohren des Papillar- 
körpers jene schmerzhaften Zustände und Pusteln erzeugt, die wir 
seit vielen Jahrhunderten als besondere Krankheit, als Krätze, zu 
bezeichnen pflegen. \ 

Den Krätzmilben ähnlich verhalten sich die das Bindegewebe 
ihrer Wirthe bewohnenden Filarien, die nur irrthümlicher Weise ge- 
wöhnlich für ruhende Entozoen gehalten werden, während sie doch 
beständig, wenn auch im Ganzen nur langsam, in Bewegung be- 
eriffen sind. Da nun die Bindesubstanz zugleich die Lagerstätte von 


*) Versuch einer Naturgesch. u. s. w. 8. 367. 
##) Ehendas. S. 25 und 8. 185. 
#+#) Bloch, Abhandlung u. s. w. S. 2. 
+) Vgl. hierzu die auf S. 32 angezogenen Beobachtungen, denen ich weiter noch 
hinzufüge: v. Baer, über Linne’s im Wasser gefundene Bandwürmer. Verhandl. naturf. 
Freunde, Berlin 1829. Bd. I, S. 388. 


Filarien. 179 


Nerven und Blutgefässen abgiebt, so wird es dadurch schon von 
vorn herein wahrscheinlich, dass diese Parasiten mancherlei krank- 
hafte Erscheinungen hervorrufen*). Im Einzelnen werden die Er- 
scheinungen freilich nach den speciellen Verhältnissen (der Beschaffen- 
heit sowohl des bewohnten Organes, wie des beweglichen Wurmes) 
auf das Mannigfachste wechseln. Während z. B. die Filaria medi- 
nensis bei ihren Bewegungen zwischen den Muskeln meist nur zu 
mehr oder minder heftigen Schmerzen Veranlassung giebt, erzeugt 


Fig. 87. 


Fig. S6. Sarcoptes scabiei. 

Fig. 87. Kruste von Scabies norwegica mit Milbengängen, Milben, Eiern u. Kothballen. 
die unter der Conjunctiva des Auges lebende Filaria loa**) eine 
chronische Entzündung, und die in dem Unterhautbindegewebe, be- 
sonders der Leistengegend, sich aufhaltende Filaria Bankrofti, die 
Mutter der von Lewis entdeckten Filaria sanguinis (S. 65), sclerotische 


#) Eisig beobachtete bei dem Känguruh eine Filaria, welche den Herzbeutel 
durchbohrt und dadurch eine tödtliche Pericarditis hervorgerufen hatte. Ztschr. für 
wissensch. Zool. Bd. XX. S. 99. 

*%*) Durch die Freundlichkeit des Herrn Dr. Falkenstein, eines Mitgliedes der 
deutsch-afrikanischen Expedition, habe ich inzwischen Gelegenheit gehabt, ein Exemplar 
dieser Fil. loa zu untersuchen, und dabei die Ueberzeugung gewonnen. dass dieselbe 
keineswegs mit Fil. medinensis identisch ist, vielmehr beträchtlich davon abweicht. Die 
von dünnen Eischalen umschlossenen Embryonen haben eine grosse Aehnlichkeit mit 
der Fil, sanguinis, sind aber kleiner (0,21 Mm). 

DE: 


180 Darmwürmer und die von ihnen 


und lymphatische Veränderungen, die mit der Elephantiasis gewisse 
Aehnlichkeit haben und auch vielfach dafür gehalten sind*). 

Unter solchen Umständen wird es uns nicht mehr überraschen, 
wenn wir erfahren, dass die Helminthen auch n Darm und den 
übrigen Eingeweiden durch ihre Bewegungen häufig zu 
Störungen, und oftmals sogar zu sehr bedenklichen Störungen, 
Veranlassung geben. Sie erzeugen einen Reiz, der bei der zarten 
Beschaffenheit der inneren Häute um so leichter zu katarrhalischen 
und entzündlichen Zuständen hinführt, je intensiver die Bewegungen 
sind, und je zahlreicher die Thiere, von denen dieselben ausgehen. 

Einen schlagenden Beweis für die Richtigkeit dieser Behaup- 
tungen liefern die Trichinen, die nach ihrer Uebertragung als- 
bald eine Reihe von Darmerscheinungen hervorrufen**), welche bei 
starker Infection der Art sich steigern, dass die Kranken gelegentlich 
das Bild einer förmlichen Cholera darbieten. Bei Kaninchen und 
andern kleinern Thieren tritt nicht selten schon im diesem Stadium 
der Tod ein. Bei der Section findet man den Darm stark injicirt, 
und die Schleimhaut mit einer dicken Lage abgestorbener Epithel- 
zellen, wie mit einer Pseudomembran, überzogen. In gleicher Weise 
ist die sog. Cochinchinesische Diarrhoe, die wir erst seit wenigen 
Jahren durch die davon befallenen französischen Soldaten näher 
kennen gelernt haben, durch den Parasitismus eines kleinen Spul- 
wurmes bedingt, der Rhabditis s. Anguillula stercoralis, die in fast 
unglaublicher Menge den Darm in ganzer Ausdehnung vom Magen 
an bewohnt und selbst die anhängenden Drüsengänge erfüllt. Ein 
jeder Stuhlgang fördert viele Tausende dieser Würmer nach Aussen, 
während die Trichinen, die mehr zwischen den Darmzotten leben, 
nur selten abgehen. Da aber der Verlust fortwährend ersetzt wird, 
indem die gesammte Entwicklung des Wurmes (S. 63) im Darme 
abläuft und einen Zeitraum von nur fünf Tagen in Anspruch nimmt, 


*) Hier dürfte vielleicht auch die Thatsache anzuziehen sein, dass der in Nord- 
amerika und Australien beim Schweine sehr häufige, aber auch bei uns gelegentlich 
vorkommende Stephanurus dentatus (= Sclerostomum pinguicola) dıe Fettanhäufungen 
neben den Nieren, die er bewohnt, nach allen Richtungen durchwühlt und dadurch die 
Bildung von eitergefüllten Cavernen veranlasst. (Vergl. S. 60.) Die afficirten Schweine 
leiden ziemlich regelmässig an Kreuzlähme. 

##) Die Existenz dieser Darmerscheinungen ist auffallender Weise von Virchow, 
Knoch, Zenker u. A. eine Zeitlang in Abrede gestellt worden, bis die Hettstädter 
und namentlich die Hederslebener Epidemie die von mir darüber gemachten Beobach- 


tungen vollständig bestätigt haben. 


bedingten Reizzustände. 181 


entsteht ziemlich bald, wie das schon oben (8. 61) hervorgehoben ist, 
ein anämischer Zustand, der es auch bedingt, dass der Darm, trotz 
der fortdauernden Diarrhoe, keinerlei Congestionszustände aufweist. 
Uebrigens ist auch unter den bei uns gewöhnlichen Spulwürmern 
einer, der sog. Madenwurm (Oxyuris vermicularis), der gelegentlich 
in grossen Schaaren vorkommt und dann gleichfalls nicht selten 
schleimige und selbst blutige diarrhoische Stuhlgänge zur Folge hat. 

Und nicht bloss Spulwürmer sind es, die bei massenhaftem Auf- 
treten derartige Darmerscheinungen hervorrufen, sondern auch Band- 
würmer. Als Beweis dieser Behauptung führe ich den Umstand an, 
dass der mit Taen. Echinococcus oder T. cucumerina besetzte Hunde- 
darm sehr regelmässig, so weit die Würmer reichen, eine aufge- 
lockerte und geröthete Schleimhaut besitzt und somit Veränderungen 
zeigt, die sicherlich auch in den Darmfunktionen ihren Ausdruck 
finden. Unter Umständen werden die Bandwürmer sogar tödtlich, 
wie auch ich das einst bei meinen Versuchen erfahren habe. Ich ver- 
fütterte nämlich an einen Hund etwa 150 Stück unreifer, höchstens 
spannelanger T. coenurus, die zusammen vielleicht eine gänseeigrosse 
Masse repräsentirten, indem ich diesen Ballen über die Zungenwurzel 
in den Rachen des Versuchsthieres schob. Es geschah in der Hoft- 
nung, dass sich diese Würmer wenigstens theilweise in dem neuen 
Wirthe weiter entwickeln möchten. Doch mit nichten. 18 Stunden 
nach der Fütterung war der kräftige Hund eine Leiche. Bei der 
Section war Magen und Zwölffingerdarm mit einer blutigen Flüssig- 
keit gefüllt. Die Wände waren äusserst stark injicirt, mit zahlreichen 
Ecechymosen bedeckt und theilweise auch von einer lockern Schicht 
veränderter Epithelzellen überlagert. In dem Dünndarm war die 
Affection in schwächerm Grade bis über die Mitte hinaus zu ver- 
folgen. Die gefütterten Bandwürmer waren sämmtlich verdaut, doch 
liessen sich hier und da in dem Inhalte des Dünndarmes noch Fetzen 
davon auffinden. Trotzdem übrigens trage ich kein Bedenken, die 
importirten Helminthen als die Todesursache des Hundes anzuklagen 
und die Vermuthung auszusprechen, dass sich diese durch eine rasche 
und kräftige Bewegung der tödtlichen Einwirkung der Verdauungs- 
säfte zu entziehen versucht hatten. Allerdings geht die gewöhnliche 
Annahme dahin, dass die Bandwürmer den trägsten und indolen- 
testen Geschöpfen zugehören, allein es ist das irrig, wie man leicht 
erkennt, sobald man Gelegenheit hat, dieselben in ihrem natürlichen 
Elemente, dem warmen Darme, oder auch in der Brutmaschine zu 
beobachten, 


1832 Darmwürmer. 


Es bedarf übrigens nicht einmal der Anwesenheit einer grössern 
Menge von Darmwürmern, um Veränderungen, wie die voran- 
stehend beschriebenen, hervorzurufen. Schon ein einziger Bandwurm 
oder Spulwurm kann Erscheinungen einer mehr oder minder inten- 
siven Darmreizung bedingen, vorausgesetzt allerdings, dass seine 
körperliche Beschaffenheit eine nur einigermassen kräftige Bewegung 
gestattet. Dieselbe Röthung und Lockerung der Schleimhaut, die 
wir für Taenia Echinococcus und T. cucumerina eben hervorhoben, 
habe ich mehrfach auch in solchen Fällen beobachtet, wo nur ein 
einziger grösserer Bandwurm oder Spulwurm vorhanden war, und 
oftmals so genau auf die von demselben eingenommene Darmstrecke 
beschränkt, dass über die Beziehungen zu dem Parasiten keinerlei 
Zweifel obwalten konnte*). Da die Section in diesen Fällen stets 

Fig. 88. unmittelbar nach dem Tode stattfand, kann es 
sich dabei auch um keine Leichenerscheinung 
handeln: es war der lebende Wurm, der, offen- 
bar durch seine Bewegungen, die Darmhaut ge- 
reizt hatte. Auch der Parasitismus der Fliegen- 
larven erzeugt nicht selten die intensivsten 
Reizzustände **). 

Die Symptomatologie solcher Zustände mag 
je nach Umständen und Individualität der 
Kranken verschieden sein. Am häufigsten wer- 
den Verdauungsstörungen dieser oder jener 
Art, auch vielleicht kolikartige Schmerzen im 
(Gefolge derselben auftreten. (Bei Anwesenheit 
von Anthomyienlarven hat man schon förm- 
liche choleraartige Zufälle auftreten sehen.) In 

ae manchen Fällen zeigen sich daneben noch 
Authomyia canicularis. Erscheinungen aus der Gruppe der Sympathien 
und Reflexe, bald mehr locale, bald auch allgemeine, wie Convulsionen, 
Veitstanz und ähnliche Krankheiten verschiedenen Verlaufes. Es mag 
in dieser Beziehung Vieles übertrieben sein, aber daraus erwächst uns 


*) Hierher gehört auch folgende Beobachtung von Göze (a. a. O. 8. 71): „Da 
mein Kind am 11. Februar 1778 plötzlich starb und Tags darauf seciert wurde, fand 
sich nicht weit vom Magen in dem Darm ein grosser Spulwurm, der an der Stelle, wo 
er gelegen, einen rothen Entzündungsfleck verursacht hatte“, 

**) Von den hier vorliegenden zahlreichen Beobachtungen citire ich bloss eine: 
Meschede, Fall von plötzlicher schwerer Erkrankung durch verschluckte Fliegenmaden. 
Virchow’s Arch. 1866. Bd. XXVL. S. 300. 


Lungenparasiten. 183 


noch kein Recht, ein Verhältniss zu läugnen, das durch zahlreiche 
Beobachtungen in hohem Grade wahrscheinlich gemacht ist und nach 
allen unsern Kenntnissen über die Natur jener Leiden keine Un- 
möglichkeit in sich einschliesst*). 

Was hier für die Darmwürmer bemerkt wurde, gilt im Wesent- 
lichen auch für die Bewohner anderer Organe. Ueberall sind con- 
gestive und entzündliche Leiden mit ihren mannigfachen Neben- 
wirkungen die nächste Folge des von unsern Thieren ausgehenden 
Reizes. 

Das bekannteste Beispiel dieser Art bieten uns die in den 
Bronchien unseres Hornviehes nicht selten massenhaft vorkommenden 
Strongylusformen (Str. mierurus und Str. rufescens beim Rinde, Str. 
filaria bei dem Schafe, Str. paradoxus beim Schweine), die eine Ent- 
zündung hervorrufen, welche von den afficirten Bronchien aus rasch 
auf das zugehörige Lungengewebe übergeht und oftmals einen lethalen 
Ausgang nimmt. Filaroides mustelarum (= Spiroptera nasicola Lt.) 
bringt sogar die Knochenwandungen der Sinus frontales, in denen sie 
lebt, bis auf das Periost zur Resorption, so dass das Schädeldach durch- 
löchert wird**). Ebenso bedingt der Parasitismus des Pentastomum 
taenioides in der Nasenhöhle des Hundes bei längerer Dauer (nach 
Chabert) eine förmliche Caries. In frischen. Fällen bemerkt man frei- 
lich nur eine Injection und Auflockerung der Schneider’schen Mem- 
bran. In den Lungen wirken die Pentastomen noch viel gefährlicher, 
wie schon daraus hervorgeht, dass ich einst eine Schlange (Naja haje) 
untersuchte, welche augenscheinlicher Weise an einer Pentastomum- 


*) Bei dieser Gelegenheit darf ich wohl die „artige Bemerkung‘ anziehen, die 
Göze (a. a. OÖ. S. 27. Anm.) über einen jungen, bald jährigen Hund gemacht hat, der 
an Taenia cucumerina litt. „Oft bog er sich, so sagt Göze, durch Krämpfe, welche 
‘die Menge der Würmer verursachen mochte, mit dem Rücken und Kopfe dergestalt 
zusammen, dass der Bauch Rücken wurde, sahe sich öfters in die Seiten, ritt auf dem 
Sande u. s. w., aber in der ganzen Zeit von zween Monaten, dass ich dieses an ihm 
bemerkte, hörte ich ihn auch nicht ein Mal bellen. Ich liess ihm hierauf ein drastisches 
Purgirmittel beibringen, wodurch ihm ein ganzer Napf voll Bandwürmer mit und ohne 
Kopf abging. Er wurde gesund und fing gleich den Tag nach der Cur an zu bellen. 
Hat man doch Erfahrungen, dass Kinder von Würmern Jahre lang stumm und taub 
gewesen sind. Ich erinnere mich wenigstens des Titels einer Dissertation: de aphonia 
ex vermibus.‘‘ Ebenso bemerkt Leisering auf Grund eigner Beobachtungen, dass 
Hunde mit vielen Exemplaren von Taenia Echinococcus nicht selten einer Krankheit 
verfallen, die ihrer äussern Erscheinung nach völlig der Hundswuth gleicht. Ber. 
Veterinärwesen Sachsens, Jahrg. X. S. 87. 

**) Vergl. Weijenberg in den Archives]neerlandaises sc. exact. et naturelles. 
Ra HEA2S. 


184 Blutegel und Fliegenlarven. 


Pneumonie gestorben war. Die Lunge zeigte zahlreiche entzündete 
Stellen von Handtellergrösse, die im Mittelpunkte je ein mit den 
Haken festgekralltes Pentastomum trugen. 

Auch der Pferdeegel. (Haemopis vorax) erzeugt, wenn er, 
was in wärmern Gegenden, besonders Nordafrika, durchaus nicht 
selten geschieht, mit dem Trinkwasser verschluckt wird und dann 
in Rachen oder Kehlkopf sich ansiedelt, bei Mensch und Vieh einen 
Zustand chronischer Entzündung, der gelegentlich bis zur Kehlkopfs- 
schwindsucht sich steigert. Acuter und intensiver noch sind die Ein- 
sriffe, welche die Larven der Musca (Lucilia) hominivorax in Rachen 
und Nasenhöhle ihrer Träger herbeiführen. So 
berichtet Vercamer, ein belgischer Militär- In 
arzt, von einem Soldaten in Mexico, dem 
schon nach kurzer Zeit diese Thiere mittels 
ihrer Mundhaken die Stimmritze zerfressen, 
die Gaumenpfeiler zerfetzt und das Gaumen- 
segel zerrissen hatten, „wie wenn dieselben 
mit einem Locheisen behandelt wären“ 
(van Beneden). Auch in unsern Gegenden 
hat der Arzt nicht selten Gelegenheit die 
Zerstörungen zu beobachten, welche der Para- 
sitismus der Fliegenlarven, besonders von 
Musca vomitoria (Fig. 89) und Sarcophaga 
carnaria, in schlecht gehaltenen Wunden und 
blennorhoisch affieirten Organen anrichten. Die 
Abscesse, welche in den tropischen Gegenden be- 
sonders Amerikas durch die Dasselfliege und den we En N 
Sandfloh erzeugt werden, dürften hier als ana- yersrössert u. natürl. Grösse. 
loge Erscheinung gleichfalls Erwähnung finden. 

Ob auch die in neuerer Zeit mehrfach bei Pferden beobachteten 
Fälle hierher gehören, in denen die mit einem flechtenartigen Aus- 
schlage bedeckte Haut von jugendlichen Nematoden bewohnt war *) 
— bei den Negern an der Westküste Afrikas kommt nach O’Neill**) 
eine der Krätze ähnliche Hautkrankheit vor, die gleichfalls von jungen 
Spulwürmern herrühren soll — muss ich dahin gestellt sein lassen. 
Ich selbst habe freilich Gelegenheit gehabt, bei einem kranken Fuchse 


*) Hierher die Fälle von Rivolta, il medico veterinario Torino 1868. p. 300 oder 
Hering’s Repertor. f. Thierheilk. Jahrg. XXIX. S. 373, so wie Sommer, Oesterr. 
Vierteljahrsschrift für Veterinärkunde Bd. XXXIV. S. 175. 

*#), Lancet 1875. Febr. 


Diagnose der Parasitenkrankheiten. 185 


die Existenz solcher Schmarotzer auf der Haut zu constatiren, aber 
trotzdem ist mir die parasitäre Natur der Affection zweifelhaft. Und 
in diesem Zweifel wurde ich dadurch noch bestärkt, dass ich auf der 
eczematischen Haut eines Hundes einst zwischen den Borken zahlreiche 
Exemplare von Flohlarven auffand, die doch wohl schwerlich den Aus- 
schlag erzeugt, ihn vielmehr bloss als ergiebige Nahrungsquelle be- 
nutzt haben. 

Ueberblieken wir zum Schlusse noch einmal die Störungen, die 
auf die eine oder andere Weise durch unsere Gäste herbeigeführt 
werden, so stossen wir dabei auf eine Menge der verschiedenartigsten 
leichteren und schwereren Affectionen. Aber nur in wenigen Fällen 
bieten diese eine so specifische Combination von einzelnen Zügen, 
dass man aus ihnen ohne Weiteres mit einiger Wahrscheimlichkeit 
auf die Natur und die Aetiologie derselben zurückschliessen dürfte. 
In der Regel sind die Parasitenkrankheiten der Art, dass sie eben 
so gut auch durch anderweitige Momente bedingt sein könnten. 


Diagnose. 


Unter solchen Umständen ist denn eine sichere Diagnose der 
Helminthen-Krankheiten in der Mehrzahl der Fälle an den objec- 
tiven Nachweis von der Existenz der Parasiten gebunden. 

Je nach Vorkommen und Natur der Parasiten kann dieser Nach- 
weis auf verschiedene Weise geführt werden. Am einfachsten gelingt 
derselbe — wenn wir von den hier kaum in Frage kommenden 
Epizoen absehen — bei den Bewohnern des Darms und der übrigen 
nach Aussen offnen Organe, nicht bloss, weil diese Thiere häufig von 
selbst abgehen oder durch passende Behandlung abgetrieben 'werden, 
‚ sondern weiter auch desshalb, weil dieselben mit wenigen Aus- 
nahmen zu den geschlechtsreifen Parasiten gehören, die ihre Eier 
in meist beträchtlicher Menge an Ort und Stelle ablegen, so dass 
sich diese mit Hülfe des Mikroskops in den Dejectionen leicht auf- 
finden lassen. Welche Bedeutung in dieser Beziehung namentlich 
die Untersuchung der menschlichen Darmexeremente hat, ist bereits 
von mehreren Seiten, besonders von Davaine*), Lamb1**) und 
Vix***), auch früher schon von Malmsten u. A. hervorgehoben. 


*) Mem. soc. biol. 1858. T. IV. p. 188. 
**) Prager Vierteljahrsschrift 1859. II. S. 43. 
*#*) Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie. 1860. S. 14. 


186 Mikroskopische Untersuchung 


Es sind unter den menschlichen Helminthen vornehmlich acht 
oder (mit Dochmius) neun Arten, die bei derartigen Untersuchungen 
in Betracht kommen; drei Bandwürmer: Taenia saginata (Eier in 
Fig. 90, h), T. solium (i) und Bothriocephalus latus (k), zwei Saug- 
würmer: Distomum hepaticum (f) und D. lanceolatum (g), die beide 
in den Gallengängen leben, aus denen die Eier dann erst nachträg- 
lich in den Darm übertreten, und vier Spulwürmer: Ascaris lumbri- 
coides (a), Oxyuris vermicularis (b, c), Trichocephalus dispar (d), Doch- 
mius duodenalis (e). Sie produeiren sämmtlich Eier von so charak- 
teristischen Form- und Grössenverhältnissen, dass man dieselben — 
wie die nachstehenden Abbildungen zeigen — meist schon bei ober- 
Hächlicher Untersuchung auf ihre Mutterthiere zurückführen lernt, Am 


Fig. 90, 


Fig. 90. Eier von menschlichen Darmwürmern bei 400 maliger Vergrösserung. 

a von Ascaris lumbricoides, b, c von Oxyuris vermicularis, d von Trichocephalus dispar, 
e von Dochmius duodenalis, f von Distomum hepaticum, g von Dist. lanceolatum, h von 
Taenia solium, i von T. saginata, k von Bothriocephalus latus. 
schwierigsten ist die Unterscheidung der von den zwei Taenien ab- 
stammenden Eier, die fast nur dadurch von einander abweichen, dass 
die einen (T. solium) mehr, die anderen (T. saginata) etwas weniger 
kugelig, auch im Ganzen etwas grösser sind. Am grössesten, wahre 
Riesen, sind die Eier von Distomum hepaticum (0,135 Mm. lang, 0,083 
Mm. breit). Sie haben nahezu die doppelte Länge der Eier von Bothrio- 


der Exeorete. 187 


cephalus latus und Ascaris lumbricoides und die dreifache der übrigen. 
Dabei tragen sie, gleich denen von Dist. lanceolatum und Bothrio- 
cephalus, an dem einen Pole ein (meist allerdings nur wenig auf- 
fallendes) Deckelchen. Die Eier der beiden Tänien sind mit einer 
äusserst dicken Schale versehen, die um so mehr in’s Auge fällt, als 
sie eine bräunliche Farbe und eine sehr distincete radiäre Zeichnung 
hat, die von einem dichten Stäbchenbesatze herrührt. Auch die 
Eier von Ascaris lumbricoides und Trichocephalus dispar sind dick- 
schaligs; die erstern ausserdem noch von einer meist mit Gallen- 
pigment gefärbten höckrigen Eiweissschicht umhüllt, die andern an 
den Polen durchlöchert und mit einem Eiweisspfropfe versehen, Der 
Eiimhalt zeigt gleichfalls mancherlei Verschiedenheiten, indem er bald 
noch unverändert ist, wie in der Mehrzahl der Fälle, bald in der 
Dottertheilung betroffen wird (Dochmius), bald auch schon einen 
Embryo darstellt (Taenia solium und T. saginata, auch Oxyuris, nur 
_ dass derselbe hier in der Regel erst unvollständig (Fig. 90, b) ent- 
wickelt ist). 

Dass man aus der Menge der Eier bis zu einem gewissen 
Grade auch auf ein mehr oder minder massenhaftes Vorkommen 
der Würmer zurückschliessen kann, braucht kaum besonders hervor- 
sehoben zu werden, doch muss man dabei in Anschlag bringen, 
dass die Fruchtbarkeit der einzelnen Formen keineswegs die gleiche 
ist. Ueberdiess werden die Eier um so leichter, also auch häufiger 
aufgefunden, je weniger weit der Wohnsitz der Parasiten von dem 
After entfernt ist, da sie in diesem Falle, statt mehr gleichmässig 
durch den Koth sich zu vertheilen, vornehmlich den obern Schichten 
desselber und dem Schleimüberzuge beigemischt sind. Am leichtesten 
wird man hiernach die Eier von Oxyuris nachweisen können. Hier- 
mit stimmt denn auch u. a. die Angabe von Vix, dass er unter 
seinen Oxyuriskranken nicht einen einzigen gefunden habe, bei welchem 
nicht das erste mikroskopische Präparat, ja meist das erste Sehfeld 
die oft m unzähliger Menge vorhandenen Wurmeier gezeigt hätte. 
Wenn übrigens Vix bei dieser Gelegenheit empfiehlt, statt des Kothes 
überall nur den Darmschleim zu untersuchen, den man zu diesem 
Zwecke mit dem Skalpelstiel, resp. einer Hohlsonde aus dem After 
oder auch einer tiefern Stelle des Rectums entnehmen könne, so mag 
das wohl für Oxyuris ausreichen, aber weniger für die übrigen, höher 
ım Darmkanale lebenden Schmarotzer, deren Eier, wie bemerkt, mehr 
dem Kothe selbst inhäriren. Wenigstens dürfte da, wo die Unter- 
suchung des Darmschleimes keine positiven Resultate liefert, obwohl 


188 Abgang von Darmwürmern.- 


der Verdacht einer Helminthiasis vorliegt, auch der Koth nicht un- 
untersucht bleiben. 


Ueber die Methoden der Untersuchung können wir um so eher 
hinweggehen, als sich diese bei der allerdings nicht eben sehr an- 
genehmen Arbeit bald von selbst ergeben. 


Eine besondere Erwähnung verdient dagegen der Umstand, dass 
man gelegentlich auch bei constatirtem Vorkommen von Taenien im 
Darm vergebens nach den Eiern sucht. Es hat das seinen Grund 
darin, dass diese Thiere ihre Eier nicht einzeln in den Darm ent- 
leeren, sondern sie, wie das auch oben (S. 86) bemerkt ist, zugleich 
mit den sie umschliessenden Gliedern nach Aussen absetzen. Wenn 
man trotzdem hier und da im Kothe des Bandwurmträgers derartige 
Eier antrifft, so sind das immer nur solche, die durch eine zufällige 
Verletzung der Glieder frei wurden, wie sie namentlich bei stark ge- 
fülltem Uterus nicht selten spontan in Folge einer Zusammenziehung - 
eintritt. Trichineneier wird man bei derartigen Untersuchungen 
nicht erwarten können, da die Embryonen dieser Würmer bekanntlich 
schon im Mutterleibe ausschlüpfen und dann alsbald die Wandungen 
des Darmes durchbohren. Dafür aber findet man bisweilen die 
Mutterthiere selbst, im Ganzen freilich viel seltener, als man — na- 
mentlich nach Analogie der Rhabditis stercoralis — bei dem gewöhn- 
lich sehr massenhaften Vorkommen im Darme erwarten sollte. Um 
diesen Umstand erklärlich zu finden, muss man berücksichtigen, dass 
die Trichinen durch ihre schlanke Form befähigt sind, eng an die 
Darmzotten sich anzuschmiegen und, zwischen denselben versteckt, 
dem Andrange des Kothes sich zu entziehen. 


Wie die Rhabditis stercoralis, so lässt sich auch das Balantidium - 
(Paramaecium) coli, und zwar beim Menschen so gut wie beim Schweine, 
massenhaft mit Hülfe des Mikroskopes im Koth und Darmschleim 
auffinden. Dass auf die gleiche Weise auch der Strongylus gigas, 
die Filaria sanguinis und das Distomum haematobium aus den Harn- 
sedimenten, die Strongylusarten der Luftwege aus den Sputis, das 
Pentastomum taenioides aus dem Nasenschleime diagnosticirt werden 
kann, versteht sich von selbst, und ist auch theilweise schon er- 
fahrungsmässig. festgestellt. 

Aber die Bewohner der nach Aussen offenen Eingeweide sind 
nicht die einzigen Parasiten, deren Anwesenheit sich durch objectiven 
Nachweis ausser Zweifel stellen lässt. So kann man schon durch 
Untersuchung der Zunge, besonders deren Unterfläche, bisweilen ohne 


Nachweis der Parenchymwürmer, 189 


Weiteres die Existenz sowohl von Muskeltrichinen *), wie von Cysti- 
cercen**) constatiren, wie man denn auch durch Anwendung des 
Augenspiegels im Stande ist, die Insassen des Augengrundes nicht 
bloss als solche zu erkennen, sondern auch deren Lage und Wohn- 
stätte mit grösster Genauigkeit zu bestimmen***), Wo bei dem 
Verdacht der Trichinose die gewöhnlichen Mittel zur Sicherstellung 
der Diagnose nicht ausreichen, ist es wiederum das Mikroskop, welches 
das entscheidende Wort zu sprechen hat. Es genüst in diesem Falle, 
dem Deltoideus oder einem andern leicht zugänglichen Muskel mittels 
des Messers oder der Harpune ein Stückchen Fleisch zu entnehmen 
und dasselbe der Untersuchung zu unterwerfen. 

Auch die sog. Filaria medinensis macht in diagnostischer Beziehung 
keine besonderen Schwierigkeiten, namentlich in den spätern Stadien, 
wenn das Kopfende des Wurms die Haut bereits durchbrochen hat, 
und die lebendige Brut mit dem Secrete der Durchbruchstelle nach 
Aussen gelangt. Bei dem Üysticercus des intermusculären Binde- 
gewebes ist die Diagnose schon zweifelhafter, da die durch die Haut 
hindurch fühlbaren Bälge leicht mit Furunkeln und andern Ge- 
schwülsten verwechselt werden könnten. In manchen Fällen liefert 
freilich die Art des Vorkommens und der Verbreitung zur Sicherung 
der Diagnose genügende Anhaltspunkte. Vollkommen zweifellos aber 
wird dieselbe erst durch die Ergebnisse der Exeision und der Acu- 
punktur, die nirgends unterbleiben sollte, wo die Erkenntniss des 
Uebels (z. B. bei gleichzeitiger Geisteskrankheit) von Werth ist. 

Von den übrigen Parenchymwürmern dürfte nur noch der 
Echinococcus gelegentlich mit Bestimmtheit nachgewiesen werden 
können, und das nicht bloss dann, wenn er, wie es mitunter ge- 
schieht, seinen Inhalt durch Lungen oder Nieren oder Darm ent- 
leert, sondern auch in andern Fällen, wenn er unter der Form einer 
geschlossenen Oyste persistirt. Das diagnostische Mittel ist in solchen 


*) Es gelingt das allerdings nur, wenn die Trichinenkapseln bereits verkalkt sind, 
die Infection also schon vor längerer Zeit stattgefunden hat. 

*#) Schon Aristoteles empfiehlt die Untersuchung der Zunge bei den Schweinen 
zur Diagnose der Finnenkrankheit (Histor. animal. Lib. VIII, Cap. 21, N. 3) „AyAaı 
d' zioiv ai yahabaocı' Ev Te yao tig yAorınz TO zero Eyovoı udkıora Tag 
yuldLac“. 

#=*) Man vergl. hierzu besonders die Beobachtungen von v. Gräffe, Journal für 
Ophthalmologie. 1857. S. 308 u. a. a. OÖ. Einer spätern Nachricht zufolge (Verhandl. 
d. med. Gesellsch. Berlin 1871. S. 96) soll Gräffe über 100 Fälle von Ausenfinnen 
beobachtet haben. 


190 : Wirkung der 


Fällen die Percussion und Auscultation. Die erstere belehrt uns von 
der Anwesenheit einer abgesackten und zitternden Wassergeschwulst, 
während die zweite uns dieselbe (an dem sogen. Hydatidengeräusche) 
als specifische Bildung erkennen und von den übrigen Wasser- 
geschwülsten unterscheiden lehrt. 


Therapie und Prophylaxe. 


Ist nun die Parasitenkrankheit als solche erkannt, dann gilt es 
natürlicher Weise nicht bloss die Behandlung der vorhandenen Sym- 
ptome, sondern namentlich auch die Erfüllung der Indicatio causalis. 
Es gilt die Entfernung der Parasiten, die durch ihre Anwesen- 
heit die pathologischen Zustände hervorrufen. 

Das Verfahren, das der Arzt zu diesem Zwecke einschlägt, wird 
je nach Art und Umständen sehr verschieden sein, auch nicht überall 
mit gleicher Leichtigkeit zum Ziele führen. Je zugänglicher das 
Organ ist, welches die Parasiten bewohnen, desto sicherer dürfen wir 
im Allgemeinen dabei auf Erfolg rechnen. 

Am einfachsten erscheint die Entfernung der Epizoen, die ent- 
weder auf mechanische Weise, durch Absuchen, oder noch sicherer 
und bequemer durch Tödtung mittels geeigneter Medicamente 
(Quecksilbersalben, ätherische Oele, Petroleum u. s. w.) vollzogen 
wird. Nächst den Bewohnern der Haut dürften im Allgemeinen die 
Darmwürmer am leichtesten zu vertreiben sein, obwohl die jedes- 
malige Bildung der Haftapparate im Einzelnen hier mancherlei 
Unterschiede zur Folge hat. Es sind die sogen. Anthelminthica, 
die wir gegen diese Würmer anwenden und in reichlicher Menge 
in unserem Arzneischatze verzeichnet finden. Ihre Wirkung ist ent- 
weder direct auf die Würmer gerichtet oder zunächst auf die Wan- 
dungen des Darms. Der erstern Gruppe scheinen die meisten der 
specifischen Wurmmittel anzugehören. Sie wirken, indem sie den 
Wurm tödten oder betäuben, ihn vielleicht auch nur in irgend einer 
Weise unangenehm afficiren und zur Auswanderung veranlassen, 
während die Mittel der zweiten Gruppe durch verstärkte Peristaltik 
oder Veränderung der Darmsecrete ihren Einfluss geltend machen. 

Wenn wir uns hier auf blosse Andeutungen beschränken, so liegt 
der Grund in der Unsicherheit und Lückenhaftigkeit unserer bis- 
herigen Kenntnisse über die eigentliche Natur der anthelminthischen 
Arzneiwirkungen. Die Experimente von Küchenmeister, der (nach 
Redi’s Vorgang) Ascariden und andere Darmwürmer. mit den zu 


Anthelminthica, 191 


prüfenden Substanzen in directe Berührung brachte, haben dieses 
Dunkel bis jetzt nur wenig gelichtet, obgleich sie als erster Versuch, 
die vorliesenden Fragen auf rationellem Wege zu erledigen, unsere 
volle Anerkennung verdienen. 

In den übrigen vegetativen Organen können die Helminthen 
meist nur auf indireete Weise durch solche Mittel behandelt werden, 
welche die Funktion der afficirten Gebilde erhöhen und besonders 
die Absonderungen derselben vermehren. Der Erfolg wird freilich 
immer nur zweifelhaft sein, obwohl zu hoffen steht, dass die Würmer 
mit dem reichlicher fliessenden Secrete nach Aussen gebracht wer- 
‘den. Freilich wird dabei vorausgesetzt, dass dieselben keine allzu 
beträchtliche Grösse besitzen. Im andern Falle würde höchstens 
die veränderte Beschaffenheit der Umgebung unsere Parasiten zu 
eimer selbstständigen Auswanderung veranlassen können. 

Gegen die Parenchymwürmer kann die ärztliche Kunst nur dann 
etwas ausrichten, wenn sie in oberflächlichen Organen vorkommen, 
und auch dann nur auf operativem Wege. So wird bekanntlich die 
‚Filaria medinensis aus dem Unterhautzellgewebe des Kranken allmählich 
herausgewunden, so auch (wie das in neuerer Zeit namentlich von 
v. Gräffe mehrfach geschehen ist) die Augenfinne durch Extraction 
entfernt, wie eine eataractische Linse. Ebenso kennen wir zahlreiche 
Fälle, in denen der Echinocoecus der Leber und anderer innerer 
Organe durch eine glückliche Operation (Oeffnung des Echinococcus- 
sackes meist durch Aetzpaste, Anwendung der Electricität nach vor- 
hergegangener Acupunctur, Ausspritzung mit Jodtinktur und andern 
reizenden Substanzen) beseitigt wurde, aber im Ganzen sind wir 
derartigen Parasiten gegenüber ziemlich machtlos. Ein Gleiches gilt 
für die Brut der Helminthen, auf deren Wanderungen wir nach 
Durchbohrung der Darmwände schwerlich auf irgend eine Weise 
einzuwirken vermögen. Hier kann nur die Prophylaxis uns sicher 
stellen, und dieser möchten wir in Betreff der Parasitenkrankheiten 
überhaupt die grösseste Bedeutung vindiciren, eine grössere jedenfalls, 
als man ihr bisher meist beigelegt hat. 

Um aber den Anforderungen einer solchen Prophylaxe zu ge- 
nügen, müssen wir vor allen Dingen die Mittel und Wege kennen, 
durch welche der Import der Parasiten und Parasitenkeime geschieht. 
Wir müssen mit andern Worten die Lebensgeschichte der einzelnen 
Parasiten erforschen, denn diese ist es allein, die uns in den Besitz 
jener Kenntnisse setzt. In dieser Beziehung hat die Helminthologie 
noch manche wichtige Aufgabe zu lösen, denn bis jetzt giebt es 


192 Aetiologie. 


unter den menschlichen Entozoen nur wenige, deren Geschichte und 
Schicksale vollständig erschlossen sind. Ueber die Schwierigkeiten 
der Lösung wollen wir uns keine Illusionen machen. Es wird noch 
lange währen, bevor wir uns eines vollständigen Besitzes werden 
berühmen können. Aber das Ziel ist wohl werth, darum zu ringen, 
denn es gilt nichts Geringeres, als das Wohl und die Gesundheit 
vieler Tausende Wir übertreiben nicht. Schon oben haben wir 
Gelegenheit gefunden, auf die Verheerungen hinzuweisen, welche 
der Dochmius duodenalis unter den Fellahs Aegyptens anrichtet. 
Und Aehnliches kennen wir auch von andern Orten. In Island leidet 
nach Angabe von Schleisner und Thorstensen der siebente Theil 
der Bevölkerung an der Echinococeusseuche*), und m den Tropen- 
gegenden der alten und neuen Welt gehören Helminthenkrankheiten 
(Bandwurmleiden, Dracontiasis, Haematurie, Chlorose, Dysenterie u. a.) 
zu den häufigsten und verbreitetsten aller Leiden. 


Aetiologie. 


Leider sind unsere positiven Erfahrungen über die Einwanderung 
der menschlichen Helminthen dermalen noch lange nicht ausreichend, 
so dass wir uns vielfach noch mit Andeutungen und Inductions- 
schlüssen begnügen müssen. Es können die nachfolgenden Bemer- 
kungen demnach auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen 
— aber es möchte so ziemlich Alles sein, was wir bis jetzt in dieser 
Richtung hervorzuheben im Stande sind. 

Das Hauptresultat unserer frühern Betrachtungen über die Lebens- 
geschichte der Helminthen dürfen wir in den Satz zusammenfassen, 
dass die weitaus grösseste Mehrzahl dieser Geschöpfe in ihren ver- 
schiedenen Zuständen verschiedene Thiere bewohnt. Uebertragen 
wir diesen Satz auf die menschlichen Helminthen, so ergiebt sich 
daraus die Wahrscheihlichkeit, dass wir einen grossen, ja wahr- 


*) Schleissner erklärt die Echinococcusseuche — die auch, wie wir inzwischen 
erfahren haben, in Asien und Australien weit verbreitet ist — in Island geradezu für 
die häufigste aller Krankheiten. Unter 2600 in den Medicinalberichten aufgeführten 
Krankheitsfällen fanden sich 328 Leberkranke und ebenso unter 327 eignen Patienten 
deren 57. Nach den Mittheilungen Krabbe’s sind diese Angaben übrigens sehr wenig 
genau und keinenfalls auf alle Districte Island’s zu übertragen (Archiv für Naturgesch. 
1865. Th. I. S. 114). Krabbe glaubt nach den Aufzeichnungen Finsen’s für den 
nördlichen Theil Islands die Zahl der nachweislich an Echinococcus leidenden 
Personen auf nur "/— "/s, der Gesammtbevölkerung veranschlagen zu dürfen. Aber 
auch das ist immer noch eine sehr beträchtliche Menge. 


Statistik. 193 


scheinlich den bei Weitem grössten Theil*)unserer Entozoen 
von den Thieren beziehen. Voraussichtlicher Weise werden dabei 
zunächst diejenigen Thiere in Betracht kommen, mit denen wir in 
irgend einer Weise verkehren, vor allen also unsere Haus- und 
Schlachtthiere. 

Die Richtigkeit unserer Schlussfolgerung ist durch Erfahrung 
und Experiment ausser Zweifel gestellt. Die Thiere liefern uns in 
der That ein beträchtliches Contingent zu unserer Helminthenfauna, 
aber sie liefern es in verschiedenen Zuständen. Die Parasiten, die 


*) Eine ausreichende Statistik der menschlichen Entozoen ist selbst für die euro- 
päischen Culturstaaten noch ein Desiderat. Erst vor Kurzem sind auf Grund klinischer 
Sectionen dazu die Anfänge geliefert: K. Müller, Statistik menschl. Entozoen, Erlangen 
1872 (nach den Ergebnissen der Erlanger und Dresdener Klinik) und H. Grib- 
bohm, zur Statistik der menschl. Entozoen, Kiel 1877. Es ergiebt sich daraus, dass 
bei uns Trichocephalus, Oxyuris und Ascaris die bei Weitem häufigsten Helminthen 
sind. In Erlangen fanden sich unter 1755 Leichen 227 mit Ascaris (12,9 °/,), 213 mit 
Oxyuris (12,13°/,), 195 mit Trichocephalus (11,11°/,). Ausgeschlossen dabei sind 138 
Sectionen Geisteskranker aus der Irrenanstalt, bei denen Rundwürmer stets gefunden 
wurden, bald nur eine Art, bald deren mehrere. Dresden (1939 Sectionen) lieferte weit 
seringere Zahlen: Ascaris bei 9,1°/,, Oxyuris bei 2,1°,, Trichocephalus bei 2,5°/,. 
Gribbohm zählt für Kiel (1117 Leichen) 18,3°/, mit Ascaris, 23,3°/, mit Oxyuris und 
32,2°/, mit Trichocephalus, und berechnet die Summe der Parasitenträger im Ganzen 
auf 43,5°/,, nach Abzug der Kinder unter !/, Jahr auf 49,8 (bei Weibern 53,8 %/,, bei 
Kindern von '/,—15 Jahren 50°/,, bei Männern 46,7 °/,). Die übrigen Parasiten reprä- 
sentiren den Rundwürmern gegenüber einen nur kleinen Procentsatz: Pentastomum 
denticulatum fand sich unter den 1117 Fällen 12 Mal, Cysticercus cellulosae 6 Mal, 
Echinococcus 3 Mal, Taenia saginata 2 Mal, Taenia solium und Trichina je 1 Mal. 
Ich füge weiter noch hinzu, dass unter den 3694 Sectionen von Müller 17 Fälle 
von Taenia solium, 5 von T. saginata, 36 von (Cysticercus cellulosae, 9 von 
Echinococeus vorkamen. (In Göttingen fand Förster von 639 Leichen 3 mit Echino- 
coccus und 4 mit ÖOysticereus.) Nach Daconta (Zeitschrift für Epidemiologie, Th. I) 
entfällt in Thüringen ein Bandwurmträger auf 3315 Einwohner, in den Physikatsbe- 
zirken Eisenach, Apolda, Jena und Weimar aber schon auf 486. Für die Stadt Hannover 
hat man sogar 2°/, Bandwurmkranke berechnet. Den Bothriocephalus latus fand Cruse 
in Dorpat (Dorp. med. Zeitung Bd. II. S. 315) bei 482 Sectionen in 6°), (Ascaris 
lumbricoides in 9,9°/,). Zur Vergleichung mit diesen Angaben bemerke ich, dass 
Krabbe in Kopenhagen und Umgegend unter 500 Hunden 336, d. i. 67°/, mit Hel- 
minthen besetzt sah. Ascaris marginata fand sich bei 24°/,, Taenia marginata bei 14, 
T. cucumerina sogar bei 48. Die übrigen Helminthen kamen beträchtlich seltener vor: 
Taenia Ooenurus bei 1°/,. T. serrata bei 0,2, T. Echinococcus bei 0,4, Bothriocephalus 
sp. bei 0,2, Dochmius trigonocephalus bei 2°/,. (Recherches helminthologiques, Copen- 
hague 1866, p. 3.) Anders war es in Island, wo Krabbe bei 100 Hunden 75 Mal die 
Taenia marginata, 18 Mal die T. Coenurus, 28 Mal die T. Echinococcus, 57 Mal T. 
eucumerina, 21 Mal Taenia lagopodis, 5 Mal Bothriocephalus und nur 2 Mal Ascaris 


marginata traf. Helminthenfrei waren in. Island bloss 7 Hunde.. Ibid. p. 21. 
lLeuekart, Allgem. Naturgesch. d. Parasiten. 13 


194 Bezugsquellen der menschlichen Parasiten. 


wir durch unser Schlachtvieh erhalten, gehören, wie der gemeine 
Bandwurm und die Trichine, zu den ausgebildeten Darmwürmern. 
Wir beziehen dieselben im Larvenzustande, den Bandwurm als Finne, 
die Trichine als eingekapselten Muskelwurm, beide vorzugsweise vom 
Schweine — es gilt das freilich in Betreff des Bandwurmes nur für 
die Taenia solium, denn die Taenia saginata erhalten wir von dem 
Rinde — während die Hausthiere uns zumeist mit den Eiern und Em- 
bryonen ihrer Entozoen beschenken, die dann in unserem Leibe ge- 
wöhnlich nur zu Larvenzuständen sich ausbilden. 

Unter den Thieren letzterer Art ist vor allen andern der Hund 
als Hauptlieferant zu nennen. Er ist es, der uns mit dem Pen- 
tastomum denticulatum, mit dem Cysticercus tenuicollis*) und na- 
mentlich auch dem Echinococceus versieht, indem er die reifen Eier 
seines Pentastomum taenioides, seiner Taenia marginata und T. Echi- 
nococeus auf irgend eine Weise bei uns einschmuggelt. 

Die Art der Infeetion ist je nach Umständen und Zufall eine 
verschiedene. Es wäre vergebliche Mühe, hier alle überhaupt denk- 
baren Möglichkeiten aufzuzählen, aber auf Einiges dürfen wir doch 
aufmerksam machen. Die Eier des Pentastomum taenioides, die mit 
dem Nasenschleime nach Aussen gelangen, werden wohl meist durch 
das Schnüffeln und Lecken des Hundes übertragen. Sie werden auf 
unsere Hände, auch vielleicht direct auf Nahrungsstoffe, wie Brod 
und Salat, oder auf Gegenstände abgesetzt, deren wir uns beim Essen 
und Trinken bedienen. Auf dieselbe Weise können, besonders durch 
Verunreinigung unserer Geschirre und Nahrungsstoffe, auch die Eier 
und Embryonen der Hundetänien bei uns importirt werden, und das 
um so leichter, als statt der isolirten Eier in der Regel die träch- 
tigen Thiere (resp. Glieder) von dem Helminthenträger abgehen, 
die nicht bloss die Fähigkeit einer selbstständigen Bewegung besitzen, 
sondern auch wegen der klebrigen Beschaffenheit ihrer Körperober- 
fläche zu mancherlei seltsamen Verschleppungen Veranlassung geben. 
Auch das Trink- und Waschwasser mag in manchen Fällen die Eier 
dieser Thiere auf uns übertragen. 

Uebrigens darf man nicht glauben, dass der Parasitismus der- 
artiger Jugendzustäinde bei dem Menschen beständig von einem 
fremden Import herrühre. Es kommt auch vor, dass der Mensch 
sich selber ansteckt. Ganz constant geschieht das bei den 


*) Krabbe hält übrigens das Vorkommen des Gyst. tenuicollis bei dem Menschen 
für zweitelhaft (Ugeskrift for Laeger 1862. Bd. 37; N. 5). 


Selbstansteckune. 195 


Trichinen, deren Embryonen, wie wir wissen, frei in dem Darmkanale 
ihrer Träger geboren werden und von da aus ohne Weiteres in die 
Muskeln auswandern, um hier in die bekannten Binnen-Würmchen 
zu wachsen. Auch mit den Embryonen seiner Taenia solium kann 
sich der Mensch inficiren, wenn er die reifen Glieder oder auch bloss 
deren Eier in den Magen bringt. Dass eine solche Infection direct 
vom Darme aus geschieht, wie man wohl behauptet hat (Küchen- 
meister), halte ich desshalb für unmöglich, weil das Ausschlüpfen 
der Embryonen eine Auflösung der Eihülle voraussetzt, wie sie wohl 
im Magen, aber nach allen unsern bisherigen Erfahrungen niemals 
im Darme vor sich geht. Auch das Experiment widerlegt die 
Küchenmeister’sche Vermuthung. In zwei Fällen, in denen es 
mir gelang, einem jungen Kaninchen die Eier von T. serrata mittels 
einer feinen Spritze nach Eröffnung der Bauchdecken in den Darm 
zu bringen, blieben die Versuchsthiere ohne Finnen*). Verhielte es 
sich anders, so würde unstreitig auch ein Jeder, der an Taenia solium 
leidet, zugleich finnig sein müssen, was doch bekanntlich nicht der 
Fall ist. Wenn wir trotzdem aber gerade bei solchen Individuen 
vielfach Finnen antreffen, die an dem Bandwurm leiden oder gelitten 
haben, so rührt das daher, dass der Import von Eiern oder Gliedern 
bei Anwesenheit eines Bandwurmes im eignen Körper viel leichter 
ist, als dann, wenn diese von einem andern Träger bezogen werden 
müssen. Ich will hier — von andern nahe liegenden Möglichkeiten 
abgesehen — nur darauf hinweisen, dass ein Bandwurmkranker leicht 
in Gefahr kommt, durch Erbrechen einen Theil seines Wurmes oder 
auch nur einige wenige Glieder in den Magen zu überführen, dass 
er ferner im Schlafe, wenn die Glieder, wie es nicht selten geschieht, 
einzeln für sich abgehen und an dem Körper emporkriechen, durch 
Abwischen mit der Hand oder auf andere Weise leicht unbewusst 
eine Uebertragung in den Mund und Magen vermitteln kann. 

Die Muskeltrichinen und Finnen sind übrigens keineswegs die 
einzigen Entozoen, die der Mensch von sich selbst bezieht. Die Ver- 
muthung allerdings, dass auch der Echinococeus diesen Autochthonen 
zugehöre (Küchenmeister), hat sich als irrthümlich erwiesen, da 
die Taenia, deren Jugendform dieselbe darstellt, bei dem Menschen 


*) Dieses Experiment, von welchem Küchenmeister noch heute (Parasiten 2. Aufl. 
S. 115 Anm.) die endliche Entscheidung über die von mir „unbewiesen angezweifelte“ 
— soll wohl heissen als unbewiesen angezweifelte — ‚Möglichkeit des Ausschlüpfens der 
Brut im untern Darmkanale‘“ erwartet, ist längst — hereits vor 15 Jahren! — gemacht. 


12% 
{9} 


196 Verkehr mit Mensch 


nicht vorkommt*), aber dafür haben wir inzwischen**) in der 
Oxyuris vermicularis einen Wurm kennen gelernt, dessen Uebertragung 
sehr gewöhnlich durch eine Selbstinfection geschieht. Die Eier, die 
unter geeigneten Umständen (bei Einwirkung einer Temperatur von 
30° R.) schon in wenigen Stunden einen entwicklungsfähigen Embryo 
ausscheiden und allenthalben in der Umgebung der mit dem Wurme 
behafteten Personen verbreitet sind, nicht selten auch massenhaft am 
Leibe selbst gefunden werden, gelangen gar häufig auf diese oder 
jene Weise, meist mittels der Hände, zurück in den Darm, in dem 
die Embryonen dann ausschlüpfen und rasch zur Geschlechtsreife 
gelangen. Auf der Leichtigkeit dieser Selbstinfection und der stets 
andauernden Fortzüchtung beruht vornehmlich die Hartnäckigkeit 
des Oxyurisleidens und die Schwierigkeit der Radicalcur, die so 
gross ist, dass man früher an die Möglichkeit dachte, es möchten 
sich die Eier, wie bei Rhabditis stercoralis, ohne Weiteres wieder im 
Darme des Trägers zu geschlechtsreifen Formen entwickeln. 

Gleich dem Madenwurme wird auch der Trichocephalus dispar 
und nach Davaine’s Vermuthungs, die freilich keineswegs fest- 
steht, selbst die Ascaris lumbricoides in Gestalt embryonenhaltiger 
Eier in den Menschen eingeschmuggelt. Aber die Uebertragung ge- 
schieht hier nicht so direct, wie bei Oxyuris, da zwischen dem Ab- 
legen der Eier und der Uebertragung in der ‚Regel ein Zeitraum 
_ vieler Monate liegt, während deren die Eier natürlich die verschieden- 
artigsten Verschleppungen erlitten haben. Es ist auch nicht gerade 
nöthig, dass es der Mensch war, der diese Eier lieferte, denn die 
genannten Würmer finden sich beide auch bei dem Schweine, ob- 
wohl sie in diesem nicht selten als besondere Species (Trichocephalus 
crenatus, Ascaris suillae) in Anspruch genommen sind. 

Nach den voranstehenden Erfahrungen haben wir natürlich kein 
Recht mehr, unsere Hausthiere allein für den Import von Helminthen- 
eiern in unseren Körper verantwortlich zu machen. Zum Theil sind 


*) Die gegentheilige Angabe beruht auf einer Verwechselung der Taenia nana 
v. Sieb., die in der That ein menschlicher Helminth ist, mit T. Echinococcus v. Sieb. 
(— Taenia nana van Beneden). Die Art und Weise, wie Küchenmeister diese 
Verwechslung benutzt, mir einen Vorwurf zu machen (Parasiten, 2. Aufl. S. 163 Anm.) 
ist übrigens zu eigenthümlich, als dass ich es mir versagen könnte, darauf hinzuweisen, 
und den Leser zu bitten, die harmlosen — rein sachlichen — Bemerkungen zu lesen, 
welche (Parasiten, Bd. I. S. 341) unserm Autor Gelegenheit gaben, seiner Stimmung 
segen die „Herren Zoologen‘ Ausdruck zu geben. 

#*) Vergl. Leuckart, Parasiten, Bd. II. S. 221. 


und Thier. 197 


wir selbst die Schuldigen. Wir infieiren unsern eignen Leib, wir 
infieiren gelegentlich auch den unserer Mitmenschen, ganz wie es 
die Thiere thun, mit welchen wir verkehren. 

Bei den voranstehenden Bemerkungen haben wir zunächst nur 
die Entozoen im Auge gehabt. Aber diese sind bekannter Maassen 
nicht die einzigen Parasiten, die wir durch äussern Verkehr von 
Thier und Mensch beziehen. In einem noch höhern Grade silt solches 
für die Epizoen, deren Uebertragung ausschliesslich auf diesem Wege 
vor sich geht. Läuse, Flöhe, Milben — sie alle bekommen wir nur 
durch einen mehr oder minder directen Verkehr von fremden Indi- 
viduen und Thieren, und zwar in allen Formen, nicht bloss als Eier, 
sondern mehr noch und häufiger als ausgebildete, legereife Geschöpfe. 

Dass es auch Entozoen giebt, die als ausgebildete Thiere über- 
wandern, ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Küchenmeister 
hat solches allerdings für den Madenwurm angenommen und nament- 
lich behauptet, dass derselbe durch Zusammenschlafen von einem 
Individuum dem andern mitgetheilt werde. Da der genannte Wurm 
zu Zeiten, besonders Abends, spontan aus den After auswandert und 
in der feuchten Umgebung desselben sich verbreitet — ich sah einst 
einen Kranken, bei dem die Madenwürmer während eines nächtlichen 
Schweisses bis zwischen die Schultern emporgestiesen waren *) —, 
hat diese Annahme auf den ersten Blick auch Manches für sich, 
allein die Ueberwanderung könnte doch nur per anum vor sich 
gehen, und das setzt von vorn herein schon Verhältnisse voraus, die 
nur als exceptionell erscheinen. Nachdem wir inzwischen auch eine 
bessere Einsicht in die Lebens- und Entwicklungsgeschichte des 
Madenwurmes gewonnen haben, ist die Annahme Küchenmeister’s 
— die überdiess niemals direct geprüft wurde — ziemlich obsolet 
und unnöthig geworden. 

Obwohl die Zahl der Parasiten, die wir nach den vorstehenden 
Mittheilungen durch den bloss äusserlichen Verkehr mit Mensch und 
Thier erhalten, keineswegs gering ist, so wird sie doch um ein Be- 
trächtliches noch von jenen übertroffen, welche wir mit Speise und 
Trank in uns einführen. Das Schlachtvieh, dessen Fleisch wir ge- 
niessen, beherbergt, wie wir wissen, eine ganze Anzahl jugend- 
licher Helminthen (Fig. 91 und 92), die erst in dem menschlichen 


*) Micheison beschreibt einen Fall (Berl. klin. Wochenschrift 1877. N. 33), in 
dem die Oxyuriden die pathologisch veränderte Schenkelbeuge eines Knaben als 
Wohn- und Brutstätte benutzt hatten. Vergl. hierzu die oben (S. 184) angezogenen 
Beobachtungen über das Vorkommen von Nematoden auf der kranken. Haut. 


198 Infection 


Darme ihre volle Ausbildung erreichen. Vom Schweine beziehen wir 
die Trichinen und die Taenia solium, vom Rinde die Taenia saginata, 
und zwar genau in derselben Weise, wie die Katze von der Maus 
ihren Bandwurm (Taenia crassicollis) bezieht, und die Maus von 
dem Mehlwurme ihre Spiroptera. Gilt es doch in Betreff der hel- 
minthologischen Beziehungen zwischen den Thieren, wie schon früher 
(S. 107) bemerkt ist, als erstes und allgemeinstes Gesetz, dass der 
Fleischfresser mit seiner Beute zugleich einen grossen Theil seiner 
Entozoen in sich aufnimmt. Doch nicht nur die direct zu Nahrungs- 
zwecken genossenen Thiere sind es, die ihre Entozoen an andere 


Fig. 91. Finniges Schweinefleisch (nat. Grösse). 
Fig. 92. Trichiniges Schweinefleisch (45 Mal vergrössert). 


(Geschöpfe abliefern, sondern auch jene, die zufällig mit der Nahrung 
verschluckt oder sonst irgendwie in den Darm übertragen werden. 
Es sind namentlich die Pflanzenfresser, bei denen diese Art des Im- 
portes vorwaltet (S. 108). Aber sie sind es nicht allein, denn auch 
der Mensch, der freilich semer Nahrung nach dem Pflanzenfresser 
kaum weniger nahe steht, als dem Fleischfresser, ja selbst das Raub- 
thier, das die Pflanzenkost verschmäht, ist gegen diesen zufälligen 
Import nicht gesichert. 

Doch betrachten wir zunächst die Uebertragung der Para- 
siten durch die Fleischspeisen. 


durch Fleischgenuss. 199 


Wo das Fleisch in rohem Zustande genossen wird, wie bei den 
Abyssiniern und andern Nationen, da bedarf die Möglichkeit dieser 
Uebertragung keines besondern Nachweises. Die mit dem Fleische 
verschluckten Helminthen entwickeln sich eben so sicher und con- 
stant, wie bei unsern Versuchsthieren — vorausgesetzt natürlich, 
dass sie in dem neuen Wirthe die Bedingungen ihrer Weiterbildung 
vorfinden und bei der mechanischen Behandlung der Speise unver- 
letzt geblieben sind. Auf diese Weise erklärt es sich zur Genüge, 
dass die Taenia saginata unter den vornehmlich von rohem Rind- 
fleisch sich ernährenden Abyssiniern bei Jung und Alt gefunden wird 
und auch nach kurzer Zeit die Europäer heimsucht, sobald dieselben 
a P’Abyssinienne zu leben anfangen. 

Anders aber verhält es sich bei den Culturvölkern, bei denen 
die Sitte, das zur Nahrung bestimmte Fleisch zu kochen oder sonst 
eulinarisch zu behandeln, der Gefahr einer Ansteckung mit jugend- 
lichen Helminthen eine gewisse Grenze setzt. Aber der Schutz, der 
dadurch geboten wird, ist nur ein bedingter. 

Zunächst ist hier der Umstand zu berücksichtigen, dass der 
Einfuhr derartiger Parasiten trotz der allgemeinen Verbreitung jener 
Sitte immer noch gewisse Nebenwege often stehen. Das rohe Fleisch 
wird von den Aerzten in manchen Krankheiten als kräftiges Nah- 
rungsmittel verordnet, es wird bei der Zubereitung gewisser Speisen 
(besonders der Würste und Klösse) vor dem Kochen von Schlächtern, 
Köchinnen und Hausfrauen auf seinen Salz- und Pfeffergehalt ze- 
prüft, es bildet in diesem Zustande sogar ein Lieblingsessen vieler 
Personen und ganzer Gesellschaftsklassen (der Arbeiter in den nord- 
deutschen Fabrikbezirken). Dazu komint, dass wir aus dem Metzger- 
laden Wurst und Schinken beziehen, die mit helminthenhaltigen 
Fleischtheilen und lebenden Helminthen verunreinigst sein können. 
Durch solche zufällige Verunreinigungen wird namentlich die Schweine- 
finne (resp. deren Kopfzapfen) nicht selten eingeschmusgelt, zumal 
die Metzger bei dem bestehenden Verbote des Verkaufs von finnigem 
‚Schweinefleische eifrigst bemüht sind, die Parasiten überall, wo sie 
zu Tage treten, mit Messer und andern Instrumenten zu entfernen. 
Wo in den Bürgerfamilien die Sitte des Einschlachtens existirt, wie 
im nördlichen Deutschland, eventuell also Parasiten in Küche und 
Vorrathskammer gefunden werden, da giebt es natürlicher Weise 
noch mancherlei andere Möglichkeiten der Verschleppung und des 
Imports. Freilich wird man vielleicht einwenden, dass eine Finne 
kaum übersehen werden könne, also auch schwerlich verschluckt 


200 Einfluss 


werde, allein zur Entwicklung des Bandwurmes genügt schon der 
Kopf, der sich leicht im Ganzen abtrennt und in diesem Zustande 
kaum ohne nähere Untersuchung von einem Fettklümpchen zu unter- 
scheiden ist. 

Aber auch die culinarische Behandlung des Fleisches, selbst das 
Kochen und Braten, gewährt nicht immer und überall genügenden 
Schutz gegen eine Infection mit Helminthen. Man hat das gelegent- 
lich schon früher behauptet und sich dabei auf Beobachtungen be- 
rufen, denen zufolge in gekochten und gebackenen Fischen gelegent- 
lich noch lebende Eingeweidewürmer, (meist Ligula*), bisweilen auch 
die sog. Filaria**) piscium) gefunden worden seien. Die zur Prüfung 
dieser Angaben von Pallas***) und Bloch?) vorgenommenen Ex- 
perimente — man kochte die Würmer bald allein, bald noch in 
ihren (meist freilich nur kleinen) Wirthen — ergaben s. Z. aller- 
dings nur zweifelhafte Resultate, allein heute können wir die Richtig- 
keit derselben unmöglich noch länger bezweifeln. Nachdem durch 
die zuerst von mir im Jahre 1860 angestellten und in der ersten 
Auflage meines Parasitenwerkes veröffentlichten Versuche der Beweis 
geliefert war, dass das trichinige Fleisch bei landesüblicher Behand- 
lung eben so wenig durch blosse Salzung, wie durch Räucherung — 
ich liess dasselbe zu Salzfleisch, Rauchwurst und Schinken verarbeiten 
— vollständig desinfieirt werde, hat das Experimenttr), wie die Beob- 
achtung in eleicher Weise dazu beigetragen, den Glauben an die 
Unschädlichkeit unserer Fleischspeisen gründlich zu zerstören. Es 
ist das natürlich nicht dahin zu verstehen, dass Hitze und Rauch 
(resp. Holzessig) und Salz auf die im Fleische vorhandenen Para- 
siten ohne alle Einwirkung blieben. Durch direete Anwendung kann 


*) Hierher u. a. ein Fall von v. Rosenstein (Kinderkrankheiten, 3. Aufl. 1774. 
S. 445), der einen solchen Wurm lebend in einem gekochten Brassen fand. 

*#) Ein solcher Fall ist mir vor vielen Jahren von meinem inzwischen verstorbenen 
Vreunde Dr. Krüger in Braunschweig mitgetheilt. Ein mässig grosser Dorsch, der 
gekocht auf den Tisch kam, enthielt in seinem Fleische viele Dutzende lebendiger 
Filarien. 

###) Neue nord. Beiträge. Bd. I. St. 1. S. 98. 

+) Abhandl. von der Erzeugung der Eingeweidewürmer. Berl. 1782. S. 3. 

++) Man vergl. hierüber u. A. Küchenmeister, Haubner und Leisering. 
Berichte über das Veterinärwesen im Kgr. Sachsen 1862, S. 188, Rupprecht, die 
Trrichinenkrankheit 1864, S. 112, Fürstenberg, Wochenblatt der Annalen der Land- 
wirthschaft 1864, N. 30, 8. 274, Kühn, Mittheilungen des landw. Institutes, Halle 
1865. S. 1-84, Perroncito, sulla tenacita di vita del Cisticerco in Annali Accad, 
Agricoltur. di Torino Vol. XIX, 1876 und Vol. XX, 1877. 


der culinarischer Behandlung. 201 


man vielmehr leicht die Ueberzeugung gewinnen, dass die betreffenden 
Agentien sammt und sonders — wenn auch in verschiedenem Grade 
— für unsere Würmer pernitiös sind, aber gleichzeitig stellt sich 
dabei die weitere Thatsache heraus, dass die Einwirkung eine be- 
stimmte Intensität besitzen und eine bestimmte Zeit hindurch an- 
dauern muss, wenn die Würmer absterben sollen. So gehen die 
Trichinen erst dann zu Grunde, wenn eine Temperatur von 50 bis 
55° R. auf sie einwirkt — aber die Wärme, die wir beim Braten 
und Kochen zu erzielen pflegen, bleibt im Innern des Fleisches nicht 
selten, und unter Umständen (bei kürzerer Behandlung und grössern 
Fleischmassen, die im Innern oft noch blutig sind) sehr beträchtlich 
hinter dieser Höhe zurück, so dass dann natürlich Keimkraft und 
Leben der Insassen nur wenig gelitten haben. Und kaum anders 
verhält es sich mit gewissen (kalten) Formen der Räucherung: wir 
wissen von zahlreichen und schweren Erkrankungen, die durch den 
Genuss von Schinken und Cervelatwurst erzeugt sind. Die Gefahr 
aber, die von solchen Speisen droht, ist um so grösser, als die 
Triehinen in den so conservirten Fleischmassen viele Monate lang 
lebendig bleiben. 

Ich darf übrigens bei dieser Gelegenheit wohl hinzufügen, dass 
die Trichinen auch unter ihres Gleichen eine ungewöhnliche Wider- 
standskraft gegen äussere Einflüsse besitzen. Nicht bloss, dass sie zur 
Sommerzeit im faulenden Muskel noch Wochen lang lebendig bleiben, 
auch gegen Kälte und Frost verhalten sie sich im höchsten Grade 
unempfindlich. In der strengsten Januarkälte liess ich (bei — 16 
bis 20° R.) eine Portion Trichinenfleisch drei Tage und drei Nächte 
lang im Freien, um es dann später, nach dem in kaltem Wasser vor- 
genommenen Aufthauen, an ein Kaninchen zu verfüttern. Ich er- 
wartete kaum ein Resultat und war höchlichst erstaunt, als ich nach 
Ablauf dreier Wochen das bis dahin wenig beachtete Thier ab- 
gemagert und gelähmt wiedersah und mich nach dem acht Tage 
später eintretenden Tode davon überzeugte, dass es durch und durch 
trichinisirt war. 

Die voranstehenden Bemerkungen lassen schon vermuthen, dass die 
für die Trichinen constatirten Verhältnisse nicht ohne Weiteres auch 
auf die übrigen Fleischwürmer übertragen werden dürfen. In der That 
sterben auch die Cysticercen schon bei einer Temperatur von 40° R.*), 


*) So wenigstens nach den Experimentaluntersuchungen von Perroncito, deren 
Resultate mit meinen (neuern) Erfahrungen übereinstimmen. Lewis bestimmt die zum 
Absterben der Cysticercen nöthige Wärme auf 50. Pellizari sogar auf 54° R. 


202 Höhere und 


also beträchtlich früher, als die Triehinen. Ebenso ist auch ihre 
Lebensdauer ın den Fleischwaaren kürzer, so dass sie vielleicht nur 
selten über 4—5 Wochen hinausreicht. Trotzdem aber ist natürlich 
auch hier die Möglichkeit einer Ansteckung gegeben — für die Tae- 
nia saginata sogar um so leichter, als das Rindfleisch auch nach 
vorausgegangener culinarischer Behandlung sehr häufig in noch halb- 
rohem Zustande genossen wird. 

Zur Beruhigung unserer Leser dürfen wir übrigens die Bemerkung 
nicht unterdrücken, dass die Ansteckung mit gekochtem und ge- 
räuchertem Fleische im Ganzen nur selten ıst, die Parasiten mit 
andern Worten in der bei Weitem srössern Mehrzahl der Fälle 
durch die gewöhnliche Behandlung unserer Fleischwaaren abgetödtet 
werden. Und das gilt ebensowohl für die Trichinen, als die Finnen, 
wie die Ergebnisse der Statistik mit Bestimmtheit nachweisen. So 
werden in Leipzig — nach officiellen Mittheilungen — des Jahres 
über 30,000 Schweine verzehrt, von denen nach den Ergebnissen der 
Trichinenuntersuchungen in Braunschweig (die das bis jetzt gün- 
stigste Verhältniss ergeben haben, 1 Triehinenschwein auf 5000 Stück) 
mindestens 6 trichinös sind. Wir würden also, falls die Parasiten 
nicht durch die Küchenbehandlung unschädlich gemacht würden, des 
Jahres an 6 Trichimenepidemieen zu gewärtigen haben, während in 
Wirklichkeit deren seit 1860 — von einzelnen sporadischen Fällen 
abgesehen — nur eine grössere (Winter 1877) und eine kleinere zur 
Beobachtung gekommen ist. In Schweden, wo an manchen Orten 
1°/, der Schweine trichmig ist, kennt man die Trichinose überhaupt 
nur als eine sporadische Krankheit und auch in dieser Form nur 
selten *). 

Wenn wir bei unserer Darstellung bisher nur das Schwein und 
Rind im Auge hatten, so erklärt sich das durch den Umstand, dass 
diese das wichtigste Schlachtvieh der Culturvölker abgeben und nach 
unsern dermaligen Kenntnissen auch zumeist als Helminthenträger 
in Betracht kommen. Uebrigens wissen wir zur Genüge, dass wir 
uns auch durch andere Fleischspeisen mit Helminthen infieiren 
können. So beherbergt z. B. die Ziege (wenngleich lange nicht so 
häufig, wie das Rind) die Finne der Taenia saginata, das Schaf und 
Reh gelegentlich die der Taenia solium. Ebenso finden wir die Tri- 
chinen in dem Fleische der Marder, Füchse, Ratten und Hamster, die 
hier und da gleichfalls genossen werden. Die Behauptung Herbst’s 


*) Vergl. Leuckart, Parasiten, Bd. II. S. 590, 


niedere Thiere als Helminthenlieferanten, 203 


freilich, dass auch die Tauben und andere Vögel mit Muskel-Trichinen 
behaftet seien, beruht auf einem Irrthum. Wir kennen bis jetzt 
überhaupt keinen Vogel, der den Menschen mit Helminthen zu infi- 
ciren vermöchte. Auch unsere Flussfische sind ziemlich unverdächtig, 
da die Vermuthung, dass sie (besonders die Salmoniden) uns den 
Bothriocephalus latus brächten, im Laufe unserer Untersuchungen sehr 
unwahrscheinlich geworden ist*). Ob das freilich für die Fische ins- 
gesammt gilt, darf bezweifelt werden. So lebt z. B. in Grönland 
ein zweiter Bothriocephalus (B. cordatus), der immerhin durch Fische 
importirt werden könnte. Er findet sich nicht bloss bei den Men- 
schen, sondern auch den Hunden, die von den Eskimos bekanntlich 
vorzugsweise mit rohen und getrockneten Fischen gefüttert werden. 
Jedenfalls sind es Wasserthiere, die den Jugendzustand der mensch- 
lichen Bothriocephalen beherbergen, wie wir das mit aller Bestimmt- 
heit schon aus dem Flimmerkleide, mit dem die Embryonen derselben 
eine Zeit lang umherschwimmen **), entnehmen können. 

Auch die Leberegel erhalten wir wahrscheinlicher Weise durch 
Wasserthiere, nur, dass es in diesem Falle vermuthlich Schnecken 
sind, die uns dieselben liefern. Natürlich spielt beim Import hier 
wiederum der Zufall seine Rolle. Wissentlich werden wir eben so 
wenig eine lebende Schnecke verzehren, wie eine Finne. Aber wie 
leicht versteckt sich ein solches Thier zwischen Salat und andern 
Vegetabilien, die wir roh geniessen, besonders wenn diese — man 
denke etwa an die Brunnenkresse u. s. w. — an feuchten Stellen 
gewachsen sind. Ebenso können wir auch mit andern Pflanzenstoffen, 
mit Wurzeln, Fallobst u. dergl. gewisse kleine Thiere, wie Würmer 
.und Insekten, verschlucken, ohne sie zu bemerken, und durch sie 
dann gleichfalls den einen oder andern Parasitenkeim beziehen. Wo 


*) Vermuthlich sind es kleine Würmer (Naiden) oder Krebse (Cyclopiden), mit 
denen der Import des Bothriocephalus latus geschieht. 

**) Die Behauptung von Knoch (Virchow’s Arch. 1862, Bd. XXIV. S. 453 u. s. w.), 
dass der Bothriocephalus ohne Zwischenwirth zur Entwicklung komme, ist — trotz des 
versuchten Experimentalbeweises — im höchsten Grade unwahrscheinlich. (Vergl. 
Leuckart, Parasiten, Bd. I. S. 761 u. Bd. I. S. 367.) Ebenso bedarf die früher 
_ gelegentlich geäusserte Vermuthung, dass die in manchen Gegenden verbreitete Sitte, 
den Salat mit dem flüssigen Inhalte unserer Dungstätten zu begiessen, den Import 
von Bothriocephaluseiern zur Folge habe, die dann im Darmkanale ohne Weiteres zu 
einem Bandwurm auswüchsen, heute um so weniger einer Widerlegung, als die 
in den Dungstätten vorhandenen Helmintheneier überhaupt nur selten noch in keim- 
fähigem Zustande sein dürften. Andernfalls könnte man daran denken, dass auf diese 
Weise gelegentlich die Eier der Taenia solium den Menschen finnenkrank — nicht, 
wie man öfters liest, bandwurmkrank — machten. 


204 Uebertragung durch Wasser und Vegetabilien. 


derartige Geschöpfe gar als Speise oder Leckerbissen genossen wer- 
den, wie das besonders bei den Naturvölkern geschieht, da öffnen 
sich der Infection natürlich noch weitere Wege. Wir kennen freilich 
bis jetzt erst wenige Beispiele, die eine derartige Uebertragsung mit 
Sicherheit nachweisen — hierher gehört namentlich die Infection mit 
Taenia cucumerina, die bei Kindern durchaus nicht selten ist und 
durch die Hundeläuse (Trichodectes) vermittelt wird, in denen die 
Jugendzustände des Wurmes schmarotzen *) — allein wir dürfen wohl 
annehmen, dass auf diese Weise gar mancher sonst vielleicht nur 
selten und nur in gewissen Gegenden bei dem Menschen vorkommende 
Schmarotzer seinen Eingang findet. 

Auch das Trinkwasser giebt unter Umständen Gelegenheit zur 
Ansteckung mit Helminthen. So besonders da, wo es aus Teichen 
und Tümpeln geschöpft wird, die von zahlreichen kleinen Thieren 
bewohnt sind oder die Abfälle organischen Lebens enthalten. Die 
mit dem Wasser verschluckten Krebschen (Cyelopen) liefern den 
Medinawurm, der nach Fedschenko in diesen Thieren seine frühern 
Entwicklungszustände verbrinst**). Und neben den Helminthen- 
trägern finden sich in diesen Wässern hier und da auch die freien 
Jugendformen gewisser Helminthen, wie z. B. die von Dochmius 
duodenalis, die mit dem Trunke dann gleichfalls m den Darm ge- 
langen und hier sich ansiedeln ***). 

Wenn die ältern Aerzte den Genuss von Obst und rohen Vege- 
tabilien als ätiologisches Moment für bestimmte Formen der Hel- 
minthiasis hervorhoben, so ist das in gewissem Sinne, wie wir jetzt 
wissen, vollkommen gerechtfertigt. Aber, wie gesagt, nur in gewissem 
Sinne. Denn bis jetzt kennen wir kein Beispiel, in dem die Pflanzen- 
kost an sich den Träger eines Helminthen oder eines Helminthen- 
keimes für den Menschen (auch für die Thiere) abgiebt, obgleich wir 
die Möglichkeit eines derartigen Verhältnisses immerhin im Auge 
behalten müssen}). Natürlich handelt es sich dabei nur um Fälle 

*) Vergl. Leuckart, Parasiten, Bd. I. S. 863 oder Melnikoff, Arch. für 
Naturgesch. 1869. Th. I. S. 62. 

#*) Leuckart, Parasiten, Bd. II. S. 705. 

###) Ehendas. S. 434 u. 880. Ich darf hinzufügen. dass inzwischen auch Perona 
und Grassi (sullo suiluppo dell’ Anchylostoma duodenali Pavia 1878) durch ihre Unter- 
suchungen über die Jugendzustände des Dochmius duodenalis — wie früher Wucherer 
(Gazeta medica di Bahia 1869. N. 65) — den Nachweis geliefert haben, wie berechtigt es 
war. die Lebensgeschichte des Dochmius trigonocephalus auf diesen Wurm zu übertragen. 

+) Die Angabe von Ercolani, dass die Anguilluliden und Rhabditiden “der 


Pflanzen nach ihrer Uebertragung in den Darm der Thiere zu genuinen Parasiten 
würden, beruht auf einer Täuschung. 


Active Einwanderung. 205 


eines regelmässigen Vorkommens, denn einer zufälligen Verunreinigung 
mit keimfähigen Parasiten oder Parasitenkeimen ist die vegetabilische 
Nahrung eben so gut, wie die animalische ausgesetzt. Haben wir 
doch allen Grund für die Vermuthung, dass mit den Pflanzen- 
stoffen, die wir roh geniessen, gewisse Spulwürmer, besonders Tricho- 
cephalus (und Oxyuris), sehr gewöhnlich — in Form embryonenhal- 
tiger Eier — in den Menschen übergehen. 

Dass es auch Helminthen giebt, die sich nach Art der Krätz- 
milbe und des weiblichen Sandflohes, durch die Bedeckungen des 
Menschen hindurch einbohren, erscheint sehr zweifelhaft, nachdem das 
einzige Beispiel, welches man für eine derartige Einwanderung an- 
zuführen wusste, der Medinawurm, durch die oben erwähnten Beob- 
achtungen von Fedschenko hinfällig geworden ist. 

Der Krätzmilbe und dem Sandfloh ähnlich verhalten sich übrigens 
die parasitischen Fliegenlarven, wenigstens solche, die in oberflächlich 
gelegenen Organen vorkommen, wie die Oestruslarven des Unterhaut- 
bindegewebes oder die Muscidenlarven des Ohrganges, der Nasen- 
höhle u. s. w., nur dass die Einwanderung hier zunächst durch das 
frei lebende Mutterthier eingeleitet wird. Die weibliche Fliege selbst 
ist es nämlich, die ihre Eier an die betreffenden Localitäten absetzt*). 
Leben die Maden im Darme, dann hat wohl meist eine Uebertragung 
(von Eiern oder jungen Larven) mit kalten Fleischspeisen, Käse 
u. dergl. stattgefunden, ein Import also, wie wir ihn oben bei den 
Helminthen vorfanden. In einzelnen Fällen mögen die Eier aber 
auch unter solchen Umständen direct von der Mutter stammen, die 
sie vielleicht während des Schlafes an Lippen und Zunge absetzte. 

Doch die Fälle einer activen Einwanderung sind im Ganzen nur 
selten und nur auf wenige Parasiten beschränkt. Die eigentlichen 
Helminthen, die Parasiten x«@r’ 2Soyıv, zeigen uns kein einziges Bei- 
spiel derselben, und somit haben wir denn allen Grund, den zu- 
fälligen Import von Eiern und Jugendzuständen mit allen 
seinen verschiedenen Modalitäten als die bei Weitem häu- 
figste und constanteste Quelle der menschlichen Entozoen 
zu bezeichnen. 

Ein Jeder, der sich auf die eine oder die andere Art diesem 
Import aussetzt, läuft Gefahr, von Helminthen infieirt zu werden, 


*) In der Regel dürften übrigens diese Fliegen — wenigstens jene, deren Eier 
sich für gewöhnlich in faulenden Substanzen entwickeln — erst durch übelriechende 
Ausflüsse zum Ablegen ihrer Eier veranlasst werden. Vergl. hierzu v. Frantzius, 
Arch. pathol. Anat. Bd. 43. 8. YSt, 


206 Fälle scheinbarer Disposition. 


bald von diesen, bald auch von jenen, wie es die Umstände mit 
sich bringen. 


Vorkommen und Verbreitung. 


Man spricht oftmals von einer gewissen Disposition zur Hel- 
minthiasis, die nach Alter, Geschlecht und selbst nach Nationalitäten 
wechsele. 


Dass gewisse individuelle Momente, dass namentlich auch Alters- 
verschiedenheiten bestimmend auf die Entwicklung der importirten . 
Keime einwirken, ist bei verschiedenen Gelegenheiten (bes. S. 114) 
ausdrücklich von mir anerkannt, aber trotzdem glaube ich, dass die 
Mehrzahl der hier zum Beweise beigebrachten Thatsachen eine andere 
Interpretation erheischen. Wenn wir z. B. sehen, dass die Kinder 
häufiger als Erwachsene mit Spulwürmern oder der Taenia cucume- 
rina behaftet sind*), während die sonst gewöhnlichen Bandwürmer 
nur selten bei ihnen vorkommen, so folgt daraus meiner Ansicht 
nach weniger, dass die Kinder eine grössere Disposition für die erst- 
genannten Würmer besitzen, sondern zunächst, wie ich glaube, nur 
soviel, dass die Kinder durch die natürlichen Verhältnisse ihres 
Lebens weit eher Gelegenheit finden, sich mit den Jugendzuständen 
ihrer Parasiten zu infieiren. Um meine Auffassung zu begründen, 
brauche ich nur an die bekannte Thatsache zu erinnern, dass die 
Kinder die mannigfaltigsten Gegenstände ohne Wahl und Unterschied 
verzehren und benagen. Dass sie dabei vielfach Gelegenheit finden, 
durch Helminthenträger sich zu infieiren, die ihnen unter andern 
Umständen fern bleiben würden, bedarf keiner besondern Begründung. 


*) Nach Gribbohm (a. a. O. 8. 7) beträgt der Procentsatz der an Ascaris leidenden 
Kinder — bis zu 10 Jahren — 24,6°/, (gegen durchschnittlich 18,3°%,). An Oxyuris 
leiden sogar 31,6°/, (gegen 23,3°),) und an Trichocephalus 33,30%, (gegen 32,2°/,). 
Die Zahl der überhaupt mit Darmnematoden behafteten Kinder — bis 20 Jahr — be- 
rechnet sich auf nicht weniger als 62°/,. während die Durchschnittsziffer sämmtlicher 
Altersklassen nur 43,5°/, beträgt. Die bei der Berechnung zu Grunde gelegten Zahlen 
sind freilich immer noch zu gering, um sichere Resultate zu liefern. (Gribbohm 
stützt sich auf 1117 Sectionen.) Auf diese Weise erklärt sich denn auch, dass Müller 
nach den statistischen Ergebnissen der Dresdener und Erlanger Kliniken (zur Statistik 
der menschlichen Entozoen, Erlanger Dissert. 1874) — im Gegensatze zu der gewöhn- 
lichen Annahme — zu dem Resultate kommt, dass Ascaris und Oxyuris bei den 
Kindern überhaupt nicht häufiger sei, als im höhern Lebensalter. Was die Taenia 
cucumerina betrifft, so ist diese bis jetzt überhaupt nur bei Kindern, niemals bei Er- 
wachsenen, zur Beobachtung gekommen, 


Einfluss der Beschäftigung und Lebensweise. 307 


In derselben Weise dürfte sich auch das erst neulich wieder von 
Vix bestätigte massenhafte Vorkommen von Spulwürmern bei solchen 
Geisteskranken erklären, die sich durch ihre Fressgier auszeichnen. 
Das „Schmutzessen“, das Vix als eine Folge der Helminthiasis be- 
trachten möchte, scheint hier viel eher als Gelegenheitsursache an- 
gesehen werden zu müssen. 

Eben so wenig ist es natürlich das Zeichen einer besonderen 
Disposition, wenn wir sehen, dass das weibliche Geschlecht häufiger 
an Taenia saginata und T. solium leidet, als das männliche (nach 
Wawruch fast = 2:1), da ja die häuslichen Beschäftigungen des 
erstern eine viel grössere Gefahr der Infection mit Finnen herbei- 
führen. Wir müssten consequenter Weise sonst auch den Köchen 
und Metzgern eine besondere Disposition für den Bandwurm und die 
(sporadische) Trichinose zuschreiben, weil wir wissen, dass diese vor 
allen andern Personen von Tänien und Trichinen heimgesucht wer- 
den*). Wie es hier das Metier ist, das diese Häufigkeit erklärt, so 
ist es andererseits die Abstinenz und nicht die Nationalität, welche 
die Europäer in Abyssinien vor dem Bandwurme bewahrt (8. 199). 

Der Gesichtspunkt, den wir vor allen andern bei der Beurtheilung 
derartiger Verhältnisse festhalten müssen, führt uns somit zu der 
Erkenntniss, dass die Häufigkeit der Helminthen zunächst 
durch die Gelegenheit zur Uebertragung der Keime be- 
stimmt wird. Es sind die Sitten, Gewohnheiten, Beschäftigung 
und Lebensweise, die hier in erster Linie Berücksichtigung verdienen 
und weit mehr auf das Vorkommen und die Verbreitung der Schma- 
rotzer influiren, als Alter, Geschlecht und Nationalität es jemals ver- 
mögen. Nach den oben erwähnten Thatsachen dürfte die aetio- 
logische Bedeutung der letztern überhaupt mehr eine scheinbare sein 
und dadurch bedingt werden, dass zwischen ihnen und den eigent- 
lichen Gelegenheitsursachen mancherlei innige Beziehungen obwalten. 

Der Umstand, den wir soeben hervorhoben, erklärt es auch, 
warum das Auftreten gewisser Formen der Helminthiasis nicht selten 
in auffallender Abhängigkeit von zeitlichen und örtlichen 
Verhältnissen steht. 

In ersterer Beziehung liegt für den Menschen allerdings bis jetzt 
nur ein geringes Material vor, und das wird überdiess noch dadurch 


*) Diese Beobachtung stammt schon aus dem Anfang unseres Jahrhunderts und 
scheint zuerst von Fontassin gemacht zu sein. Wawruch, dem wir die umfassendsten 
Angaben über die Statistik des Bandwurmes verdanken, zählt von 206 Kranken melhır 
als ein Viertel unter den obigen Rubriken auf. 


208 Einfluss 


unsicher, dass viele Parasiten eine längere Lebensdauer besitzen 
und nicht gleich von vornherein sich bemerkbar machen. Immer- 
hin aber dürfen wir Einiges hier hervorheben. So soll u. a. 
der Spulwurm bei uns im Herbst am häufigsten sein*), wie wir das 
bei dem raschen Wachsthume des Wurmes nach den oben von uns 
ausgesprochenen Vermuthungen auch wirklich erwarten konnten, 
während die Taenia solium nach den Erfahrungen beschäftigter 
Wurmdoctoren mehr im Sommer zur Behandlung kommt, in einer 
Zeit, die auf eine im Winter stattgefundene Infeetion zurückschliessen 
lässt, da der Bandwurm mehrerer Monate bedarf, bevor er sich durch 
Abstossen einzelner Glieder bemerklich macht. Dass aber gerade die 
Wintermonate wegen der häufigern Fleischkost und der Sitte des 
Einschlachtens die Infeetion mit Finnen begünstigen, dürfte sich 
schwerlich in Abrede stellen lassen. Aus demselben Grunde wird 
auch die Trichinose, die eine nur kurze Incubationszeit hat, während 
des Winters ungleich häufiger beobachtet, als im Sommer. 

Noch überzeugender sprechen in dieser Hinsicht die Helminthen- 
krankheiten unserer Hausthiere, deren Auftreten in evidenter Weise 
von gewissen periodisch wiederkehrenden Gelegenheitsursachen ab- 
hängig ist. Der Schafhusten (Strongylus filaria), der im Spätherbst 
unsere Herden befällt, lässt sich mit derselben Bestimmtheit auf den 
Weidegang zurückführen, wie der Coenurus, der meist um Weih- 
nachten auftritt, oder der Echimorhynchus gigas, der nur bei solchen 
Schweinen vorkommt, die zur Mästung in’s Freie getrieben werden. 
“Selbst unsere Gänse sind nur so lange mit Würmern (besonders 
Taenia lanceolata) besetzt, als sie auf Feld und Trift ihre Nahrung 
suchen, während sie dieselben später, beim Mästen, verlieren **). 

Nicht minder bekannt ist die Thatsache, dass die Leberfäule 
(Distomum hepaticum) und die verminöse Lungenentzündung (Stron- 
gylus) bei unserm Hornvieh in gewissen Jahren weit häufiger auf- 
tritt, als in andern. Wir wissen sogar von Epizootieen dieser Art, 


*) Nach Gribbohm fällt übrigens das Maximum des Vorkommens für Ascaris in 
den Februar (a. a. O. S. 9). Ebenso für Oxyuris in den Januar, für Trichocephalus in 
den April. Die Minima treffen auf den August, October, November. 

##) Schon Bloch hat (Abh. über die Erzeugung der Eingeweidewürmer 1782. 
S. 10) diese Thatsache gekannt und den Grund derselben mit Recht in der veränderten 
Nahrung gesucht. In andern Fällen werden die in der Jugend (bei einer bestimmten 
Lebensweise) erworbenen Parasiten in das spätere Leben mit hinübergenommen. So 
stammen z. B. bei dem Frosche die Polystomeen der Harnblase und die Opalinen des 
Rectums sämmtlich aus der Zeit des Larvenzustandes. Verel. Zeller, Ztschft. f. wiss. 
Zool. Bd. XXVIL. S. 238 und Bd, XXIX. 8. 352. 


der Jahreszeiten. 209 


die den Viehstand mancher Gegenden für eime lange Zeit ruinirt 
haben. Es sind besonders feuchte Jahre, die diesen pernitiösen Ein- 
fluss ausüben, Jahre also, in denen ein länger anhaltendes Regen- 
wetter die Verschleppung der jungen Brut und der Helminthenträger 
erleichtert und die Möglichkeit der Infection erhöhet. 

Auch unter den menschlichen Parasiten ist eine Art, auf deren 
Vorkommen die feuchte Jahreszeit einen unverkennbaren Einfluss 
ausübt. Es ist die tropische sog. Filaria medinensis, deren periodisch 
wechselnde Häufigkeit schon seit lange die Aufmerksamkeit der Beob- 
achter erregt hat. Die Register des nativ general hospital in Bombay 
ergeben nach Oarter*) während der Jahre 13851—1858 ein Maximum 
mit 63 Fällen für den August, ein Minimum mit 12 Fällen für den 
Februar, und 44 Fälle für den Monat Mai. Noch richtiger dürften 
die Resultate der in Militärhospitälern angestellten Beobachtungen 
sein, da die Soldaten sogleich bei ihrer Erkrankung Hülfe suchen. 
Und diese gestalten sich insofern anders, als z. B. in Sattara, einer 
100 (engl.) Meilen von Bombay entfernten Garnisonstadt, drei Vier- 
theile aller Fälle in dem Zeitraum von März bis Juni zur Behand- 
lung kommen. Das Maximum fällt (ebenfalls nach Beobachtungen 
von sieben Jahren) hier auf den Mai (125 Fälle) und den Juni (102), 
das Minimum auf den Januar (11), so dass wir die ersten zwei 
Monate, also das Ende der trockenen Jahreszeit und den Anfang der 
Regenzeit, als diejenigen bezeichnen dürfen, in denen das Uebel am 
häufigsten sich einstellt. Nach den bei Matrosen, die nur kurze Zeit 
an Ort und Stelle verweilten, mehrfach gewonnenen Erfahrungen 
steht nun fest, dass der Medinawurm etwa 10-—-12 Monate zu seiner 
völligen Entwicklung bedarf, und daraus können wir den weitern 
Schluss ziehen, dass die Regenzeit diejenige ist, in welcher der Parasit 
am häufigsten einwandert **). 

Das locale und endemische Vorkommen der Schmarotzer 
fällt zum grossen Theile unter genau denselben Gesichtspunkt. Dem- 
nach dürfen wir denn auch von vorn herein erwarten, dass die Hel- 
minthiasis mit der Cultur und der Civilisation eines Landes in um- 
gekehrtem Verhältnisse steht. Der Schmutz und die Unreinlichkeit, 
der häufige Genuss von rohen Nahrungsmitteln, besonders rohem 
Fleische, von Insekten und Schnecken, das enge Zusammenleben von 
Menschen und Vieh — kurz alle die einzelnen Züge, die das äussere 


*) Annals and mag. nat. history 1859. T. IV. p. 110. 


##) Das Nähere hierüber bei Leuckart. Parasiten. Bd. IL S. 710. 
Leuekart, Allgem. Naturgesch. d. Parasiten. 14 


310 Endemisches und 


Leben der Naturvölker charakterisiren, sie sind oben von uns als 
die wichtigsten Gelegenheitsursachen der Parasitenkrankheiten her- 
vorgehoben. Und dem entspricht auch der Thatbestand, so weit wir 
ihn kennen. Nirgends sind Eingeweidewürmer häufiger, als bei den 
Naturvölkern, besonders der Tropen, wie wir das durch ältere und 
neuere Reisende und Aerzte, besonders aus Afrika, zur Genüge er- 
fahren haben. So ist z. B. in Abyssinien ein jeder Eingeborene, 
Mann und Weib, vom vierten und fünften Jahre an mit Helminthen 
behaftet. Aehnlich lauten die Angaben über das Vorkommen von 
Würmern bei den amerikanischen Sklaven, den Eskimos und Buräten, 
unter der ärmeren Bevölkerung Ostindiens u. s. w. Freilich sind es 
nicht überall dieselben Schmarotzer. Die Neger Westindiens werden 
vorzugsweise von Ascariden heimgesucht, während die Abyssinier 
hauptsächlich Taenien beherbergen und diese, wie schon Bruce seiner 
Zeit vermuthet hat, dem allgemein verbreiteten Genusse rohen Fleisches 
verdanken. Da das Schweinefleisch von den Abyssiniern verschmähet 
wird, ist es natürlich nicht die Taenia solium, die bei denselben vor- 
kommt, sondern die Taenia saginata, die mit dem Rinde fast über 
die ganze Erde verbreitet ist, während erstere, gleich der Trichine, 
vornehmlich in Ländern mit vorwaltender Schweinezucht auftritt *). 
Selbst benachbarte Gegenden, wie das nördliche und südliche Deutsch- 
land, bedingen in dieser Hinsicht schon einen Unterschied. In 
Berlin ist die Taenia solium und dem entsprechend auch der Cysti- 
cercus cellulosae bei dem Menschen durchaus nicht selten, während 
beide in Wien zu den Raritäten gehören, so dass die Wiener Aerzte 
lange vergebens nach Augenfinnen suchten und — damals noch 


*) Krabbe fand in Dänemark unter 100 Bandwurmfällen 53 Mal die Taenia 
solium, 37 Mal T. saginata, 1 Mal T. cucumerina, 9 Mal Bothriocephalus. Aehnlich 
verhält es sich in Giessen: von 57 Bandwurmkranken waren nur 12 mit Taenia saginata 
behaftet. Dagegen war unter 35 Bandwürmern, die in Florenz (von Marchi) beob- 
achtet wurden, nur eine einzige Taenia solium. Es sind das übrigens Verhältnisse, die 
in Folge veränderter Umstände eine Verschiebung gestatten. So schreibt mir Krabbe, 
dass seit 1869, bis wohin die oben angezogenen Zahlen Gültigkeit haben, die T. saginata 
relativ häufiger in Kopenhagen und Umgebung zur Beobachtung gekommen sei. Von 
78 seit dieser Zeit neu. beobachteten Fällen kamen auf Taenia solium nur 16, auf T. 
saginata dagegen nicht weniger als 46 (4 auf T. cucumerina, 10 auf Bothriocephalus). 
Krabbe sucht die Ursache dieser Erscheinung theils in der Trichinenfurcht, die den 
Genuss rohen Schweinefleisches beträchtlich beschränkt habe, theils in der neuerdings 
viel häufigern Verabreichung rohen Rindfleisches in Krankheitsfällen. Auch im nörd- 
lichen Deutschland ist meinen persönlichen Erfahrungen zufolge das Vorkommen der 
Taenia solium seit einem Decennium ein weit selteneres geworden, 


lokales Vorkommen. 211 


ausser Stande die T. saginata von T. solium als eigne Art zu unter- 
scheiden — die Angaben ihrer Berliner Collegen über die Häufig- 
keit derselben sogar mit unverhohlenem Misstrauen betrachteten. 
Durch denselben Umstand findet es seine Erklärung, dass der be- 
rühmte Wurmdoctor Bremser, bekanntlich gleichfalls Wiener, von 
der Existenz eines Hakenkranzes bei dem menschlichen Bandwurme 
erst überzeugt werden konnte, als Rudolphi ihm den bestachelten 
Kopf eines solchen (d. h. der Taenia solium) aus Berlin zusendete. 
Wo die Fleischnahrung zurücktritt, die Quellen gewisser Helminthen 
also auch spärlicher fliessen, da sind letztere natürlich auck seltener 
— es müsste denn sein, dass die Differenz durch eine grössere Un- 
achtsamkeit in der Bereitung der Fleischspeisen wieder ausgeglichen 
würde. Das Letztere gilt namentlich in Rücksicht auf die Trichinose, 
die auf dem platten Lande und in den untern Ständen kaum minder 
häufiger ist, als in den Städten und bei den Wohihabendern, obwohl 
die Zahl der Taenien daselbst nicht unbeträchtlich — besonders im 
Vergleich mit den Spulwürmern — zurückbleibt. 

Ohne specielle Kenntniss der Lebensgeschichte ist es übrigens 
unmöglich, die localen Verhältnisse der Helminthen im Einzelnen 
mit den Sitten und der Lebensweise der Bewohner in Zusammen- 
hang zu bringen. Wir müssen es desshalb bis auf Weiteres auch 
unentschieden lassen, woher z. B. die 63 Procent Fellahs und 
Kopten das Distomum haematobium beziehen, an dem sie nach Bil- 
harz und Meckel leiden sollen, oder wie das häufige Vorkommen 
der Filaria sanguinis in den Tropengegenden zu erklären ist. Andrer- 
seits wird uns dagegen die Verbreitung des Dochmius duodenalis 
alsbald verständlich, wenn wir uns daran erinnern, dass dieser Wurm 
seine Jugendzeit frei im Wasser verlebt, und stehende oder langsam 
fliessende Gewässer in den wärmern Zonen viel häufiger als in den 
semässisten Gegenden das Trinkwasser liefern. Ebenso dürfen wir 
die Häufigkeit der Ecehinococeuskrankheit bei den Isländern und 
andern Hirtenvölkern mit allem Rechte auf das Zusammenleben mit 
den in Menge vorhandenen Hunden *) und den damit zumeist ver- 
bundenen Mangel an Reinlichkeit zurückführen. Auch in Deutsch- 
land und anderwärts scheint die Echinococeuskrankheit in früheren 
Jahrhunderten weit häufiger gewesen zu sein, als gegenwärtig, wo 


*) Man vergl. hierzu die Schilderung bei Krabbe (Rech. helminthol. p. 60), so 
wie die Thatsache, dass nach demselben Autor in Island auf je 11 Einwohner ein 
Hund kommt (in Deutschland erst auf etwa 50), die isländischen Hunde auch weit 
häufiger, als die deutschen (vergl. S. 193, Anm.), mit Taenia Echinococeus besetzt sind. 


212 (reographische Verbreitung. 


die Sitte eine strengere Absonderung von den Hunden fordert, und 
die Hundesteuer überdies die Zabl dieser Thiere, die für die Gesund- 
heit ihrer Umgebung keineswegs gleichgültig sind, um ein Bedeutendes 
beschränkt hat*). 

Wir sprachen bis jetzt bloss von den localen Vorkommnissen 
der Helminthiasis ohne specielle Rücksicht auf die geographische 
Verbreitung derselben. Diese letztere ist von Sitte und Lebens- 
weise in mehrfacher Hinsicht unabhängig. Sie wird überhaupt weniger 
durch die Menschen bestimmt, als durch die Verbreitung der Zwi- 
schenträger, von denen die Menschen ihre Schmarotzer beziehen, und 
durch die Temperatur der Umgebung. 

Die Bedeutung der Wärme für die Verbreitung der Helminthen 
wird schon durch den Umstand bewiesen, dass die Embryonalent- 
wicklung, wie wir oben (S. 73) sahen, nur unter dem Einflusse einer 
gewissen Temperatur vor sich geht. Wo diese Temperatur nicht er- 
reicht wird, oder nicht hinreichend lange einwirken kann, da wird 
auch der betreffende Wurm nicht existiren. Die Ascaris lumbricoides 
wird also in solchen Breiten fehlen, in denen die Temperatur nicht 
über 16° R. steigt oder nur kurze Zeit auf dieser Höhe verharrt. 
In der That ist dieselbe denn auch schon auf Island (nach Krabbe) 
so gut wie unbekannt, obwohl sie in der warmen und heissen Zone 
überall verbreitet ist. Trichocephalus hat natürlich, da das Wärme- 
bedürfniss seiner Eier noch grösser ist, einen noch engern Verbrei- 
tungsbezirk. Wäre es übrigens die Höhe der Brutwärme allein, die 
hier entschiede, dann würde die Oxyuris (mit einem Wärmebedürfniss 
von 30°) kaum über die Tropengegenden hinausgehen können, wäh- 
rend wir in ihr doch in Wirklichkeit einen Parasiten besitzen, der 
noch im höchsten Norden ausserordentlich häufig vorkommt und weit 
allgemeiner verbreitet ist, als irgendwo anders (Ohlrick). Doch dieser 
Kosmopolitismus erklärt sich, sobald wir weiter berücksichtigen, dass 
jene hohe Temperatur nur wenige Stunden auf die Eier zu wirken 
braucht, um die Embryonen zur Entwicklung zu bringen. Unter 
solchen Umständen bietet denn schon die warme Körperhaut des 
Menschen die Entwicklungsbedingungen für die Oxyuriseier, und das 
bei den Eskimos nicht minder, als bei dem Tropenmenschen. Der 


*) Als (1833) die Hundesteuer im Grossherzogthum Baden von 3 Fl. jährlich auf 
1—1?/, Fl. herabgesetzt wurde, stieg die Zahl der Hunde der Art, dass auf je 28 Ein- 
wohner ein Hund kam, während vorher (bei 3 Fl. Steuer) und auch jetzt wieder (4 Fl.) 
das Verhältniss 1 : 49 ist. 


Abhängigkeit von Klima und Zwischenträger. 213 


Öxyuriskranke trägt also seinen Ansteckungsstoff stets bei sich — 
es bedarf nur des kurzen Weges nach dem Munde, um eine Infection 
zu vermitteln, und dieser wird um so leichter zu finden sein, je 
weniger für Reinlichkeit am Körper und in der Kleidung gesorgt 
wird *). 

Dass weiter auch die Beschaffenheit des Zwischenträgers auf die 
Verbreitung der Helminthen von bestimmendem Einflusse ist, braucht 
kaum näher begründet zu werden. Wo der dem Parasiten noth- 
wendige Zwischenträger fehlt, da fehlt natürlich auch der Parasit 
selbst**). Parasit und Zwischenträger sind ihrem Vorkommen nach 
in genau derselben Weise an einander gebunden, wie der Pflanzen- 
fresser an seine Nährpflanze. 

Es ist nicht zu bezweifeln, dass wir im Laufe der Zeit, wenn 
unsere Kenntnisse über die Lebensgeschichte der menschlichen Hel- 
minthen erst vollständiger geworden sind, durch Nachweis der Zwi- 
schenwirthe vielfach die Ursachen einer mehr oder minder beschränkten 
Verbreitung gewisser Parasiten werden darlegen können. Vornehm- 
lich dürften es die — bis jetzt erst zum kleinen Theile bekannten — 
tropischen Entozoen sein, für die nach der hier angedeuteten Rich- 
tung hin ein weiterer Aufschluss zu erwarten ist. Angesichts des 
Umstandes freilich, dass der einzige tropische Wurm, dessen Zwischen- 
wirth wir kennen, die sog. Filaria medinensis, seine Jugendzeit in 
Thieren verlebt (Cyclopen), die auch bei uns zu den häufigsten Be- 
wohnern des Süsswassers gehören, scheint die hier ausgesprochene 
Hoffnung kaum berechtigt zu sein, allein wir dürfen in dieser Be- 
ziehung wohl geltend machen, dass nicht bloss und ausschliesslich 
die bisher hervorgehobenen Momente, sondern weiter auch Zufällig- 
keiten der mannigfachsten Art auf das Vorkommen der Parasiten 
einwirken. 

Es ist durchaus nicht selten, dass auch da, wo die Bedingungen 
des Vorkommens sämmtlich gegeben sind, die einzelnen Arten sich 
sehr ungleich über die betreffende Localität vertheilen. Während 


*) Hiernach erscheint es auch kaum auffallend. wenn wir die Oxyuris gelegentlich 
schon bei jungen Säuglingen antreffen. Gribbohm sah dieselbe schon bei Kindern 
von 5 Wochen, während Ascaris und Trichocephalus erst im 11. Monate beobachtet 
wurden (a. a. OÖ. S: 6). Bei Göze lese ich freilich (a. a. 0. S. 66): „Man hat Bei- 
spiele, dass kaum vierwöchentlichen Kindern, die noch Nichts als Mutter- oder Ammen- 
milch genossen haben, grosse Spulwürmer abgegangen sind“. 

==) So fehlt z. B. in Island mit den Hasen und Kaninchen zugleieh die bei uns 
so allgemein verbreitete Taenia serrata (Krabbe). 


914 Infectionsherde und Wurmepidemien. 


sie an dem einen Orte vielleicht in grösster Häufigkeit gefunden 
werden, fehlen sie oftmals schon in der Nachbarschaft gänzlich oder 
doch fast gänzlich, Es giebt für die Parasiten eben so gut wie 
für die freien Thiere innerhalb der Verbreitungsbezirke bestimmte, 
mehr oder minder eng begrenzte Wohnplätze, die, wenn nicht aus- 
schliesslich, so doch mit besonderer Vorliebe von denselben einge- 
nommen werden. Wo ein bestimmter Eingeweidewurm sich einmal 
in Folge einer zufälligen Combination günstiger Umstände eingebürgert 
hat, da erhält er sich eime lange Zeit hindurch, weil die Möglichkeit 
der Infection mit der Menge der Würmer gleichen Schritt geht*), 
bis die Umstände sich ändern. Auf diese Weise entstehen‘ selbst 
förmliche Infectionsherde, wie wir das in unserer Zeit namentlich 
von den Triehinen kennen gelernt haben, aber auch von den Band- 
würmern und andern Parasiten wissen. Von solchen Herden kann 
dann die Helminthiasis in immer weitere Ferne getragen werden. 
So ist u. a. die Filaria medinensis von der Westküste Afrikas durch 
Sklaven in das tropische Amerika eingeschleppt und auch sonst viel- 
fach verbreitet worden. Da die Zwischenträger des Wurmes selbst bei 
uns zu den häufigen Vorkommnissen zählen, der Wurm überdiess in 
Asien keineswegs auf die wärmeren Länder beschränkt ist, würde eine 
Acelimatisation in unsern Breiten keineswegs zu den Unmöglichkeiten 
gehören. 

Wo die Gelegenheit zur Infection aus irgend einem Grunde sich 
mehrt, da beobachtet man auch bei dem Menschen gelegentlich das 
Auftreten förmlicher Wurmepidemieen. So berichtet Knox von 
einer förmlichen Bandwurmepidemie, die im October 1819 während 
des Kafternkrieses unter den englischen Soldaten ausgebrochen sei, 
nachdem diese eine längere Zeit von dem Fleische abgetriebener und 
ungesunder Ochsen sich ernährt hatten **). ‚Ebenso wurde im Jahre 
1820 die unter Mohamed-Bey in Kordofan operirende ägyptische 


*) Im Punjab, wo die Taenia saginata in gewissen Bevölkerungsschichten fast eben 
so häufig ist, wie in Abyssinien, wurden auf den Militärstationen (nach offieciellen Be- 
richten) während des Jahres 1869 nicht weniger als 5,55°/, (1868 sogar 6,12°/,) finnige 
— und stark finnige — Rinder geschlachtet. (Vergl. Lancet 1872, Dec. p. 860.) Bei 
uns ist das spontane Vorkommen des Öysticercus beim "Rinde überhaupt erst in einigen 
wenigen Fällen constatirt worden. Ebenso ist in Island bei dem Hunde T. marginata, 
T. Coenurus und T. Echinococcus 4, 18 und 47 Mal häufiger, als in Dänemark 


(Krabbe) — ein Verhältniss, das dann ähnlich auch bei den zugehörigen Blasen- 
würmern wiederkehrt. 
*#) Froriep’s Notizen 1822. 8.122. — Friedberger beobachtete eine „‚Band- 


wurmseuche unter den Fasanen‘, Ztschft. f. Veterinärwiss. 1877, S. 97. 


Prophylaxe. 215 


Armee zum vierten Theile plötzlich vom Medinawurme befallen, nach- 
dem sie zwei Jahre lang gesund gewesen war*). Auch die „feurigen 
Schlangen“ des alten Testamentes sollen nach Bartholin und 
Küchenmeister Medinawürmer gewesen sein. 

Die fast alljährlich in Norddeutschland wiederkehrenden Trichinen- 
epidemien sind so bekannt, dass es fast unnöthig scheint, auf sie noch 
besonders die Aufmerksamkeit hinzulenken. Auch den Spulwürmern 
hat man in früherer Zeit mitunter ein epidemisches Auftreten zuge- 
schrieben. Was man aber damals als Wurmepidemie bezeichnete, 
waren meist dysenterische Leiden, bei denen gelegentlich, viel- 
leicht auch häufiger als sonst, der Abgang von Spulwürmern beob- 
achtet wurde. Ob diese in irgend einer Weise bei jener Krankheit 
betheilist waren, bleibt zweifelhaft, obwohl es an sich keineswegs 
unwahrscheinlich ist, dass auch die Spulwürmer unter Umständen 
einmal ungewöhnlich häufig m den Menschen importirt werden **). 

Die voranstehenden Excurse sollten uns die Mittel und Wege 
kennen lehren, durch die sich der Mensch mit Helminthen und 
Helminthenbrut ansteckt. Sie sollten dazu dienen, eine rationelle 
Prophylaxis anzubahnen, wenigstens die Richtung zu bezeichnen, in 
der diese zu wirken hat. So kurz und bündig es auch lautet, das 
erste Gebot dieser Prophylaxe: Hüte Dich vor jeder Gelegen- 
heit, die eine Ansteckung mit Parasiten herbeiführen 
kann, so schwierig, ja unmöglich ist es, im einzelnen Falle dem- 
selben nachzukommen. Gegen unbekannte und unsichtbare Feinde 
kann man sich nicht wehren, und solche sind es zum Theil, mit denen 
wir es hier zu thun haben. Die Helminthiasis wird niemals aus- 
sterben. Aber sie kann durch eine vernünftige Prophylaxe in ihrer 
Ausbreitung gehemmt, in gewisse Grenzen gebannt werden — und 
damit ist schon Vieles an Gesundheit und Leben gewonnen. 

Vor allen Dingen handelt es sich bei dieser Prophylaxis um 
Reinlichkeit, besonders in Küche und Haus. Man überwache die 
rohen Speisen, mögen sie vegetabilischen oder thierischen Ursprungs 
sein. Das Fleisch halte man vor der Zubereitung von den übrigen 
Nahrungsmitteln (Brod) und den gebräuchlichen Geschirren abge- 
sondert. Die culinarische Behandlung geschehe mit gehöriger Sorg- 


*) Clot, Apergu sur le ver dragonneau. Marseille 1830. p. 30. 

=) Göze berichtet (Versuch einer Naturgesch. der Eingeweidewürmer, S. 23, 
Anm. 2) von einer Familie in Braunschweig, deren Mitglieder sämmtlich „vom Vater 
bis auf die Kinder, sogar die beiden Mägde, ausser zwei Gesellen sich vor Spulwürmern 
nicht retten konnten“. | 


216 Vorkehrungsmaassregeln. 


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falt. Wurst und Schinken, die in kleinen Portionen aus dem Metzger- 
laden geholt sind, unterwerfe man, wie das im rohen Zustande zur 
Nahrung bestimmte Fleisch, und letzteres noch mehr als erstere, 
einer nähern Prüfung. Das Wasser, und namentlich das Trinkwasser, 
sei hell und rein. Hunde und andere Hausthiere entferne man aus 
der Küche und dem Speisezimmer. Ueberhaupt beschränke man den 
Verkehr mit ihnen auf das Nothwendisste und sistire ihn ganz, so- 
bald sich irgendwelche verdächtige Zeichen von Helminthiasis ein- 
stellen. Die Nahrung des Hundes und Schweines bestehe vorzugs- 
weise aus gekochten Substanzen, niemals (namentlich in Schlächtereien 
und Abdeckereien) aus den Abfällen geschlachteter oder gar ver- 
endeter Thiere. Die Ratten, welche unsere Schweine mit Trichinen 
inficiren, halte man von den Ställen fern. Ebenso müssen die Exere- 
mente an unzugänglichen Orten abgelegt, und etwa vorhandene Darm- 
würmer (besonders Taenia solium) möglichst rasch entfernt werden. 

Das etwa dürften die Vorschriften sein, die hier zunächst zu 
berücksichtigen sind und auch den einheimischen Helminthen gegen- 
über ziemlich ausreichen. Gegen die Epizoen bedarf es theilweise 
anderer Maassregeln, besonders solcher, die den Verkehr mit den 
Menschen regeln, und verhüten, dass in dem Gebrauche von Betten, 
Wäsche und Kleidern eine verdächtige Gemeinschaft stattfinde. _ 

Das Voranstehende gilt zunächst nur für die einzelne Person 
und die Familie. Dem Staate erwachsen aus den hier drohenden 
Gefahren andere, weitergreifende Aufgaben, die eben so wohl die 
Wasserleitungen, die Miststätten und Aborte, wie die Schlachthäuser 
und die Fleischordnung betreffen. Was in letzterer Beziehung von 
sanitätspolizeilichen Verordnungen bis jetzt vorliegt, ist keineswegs 
überall ausreichend und dem gegenwärtigen Stande unserer Wissen- 
schaft entsprechend. Wir verweisen hier bloss auf die Bestimmungen 
in Betreff des finnigen Fleisches, das an vielen Orten bedingungs- 
weise, wenn die Finnen nämlich „nicht häufig“ sind, wohl roh ver- 
kauft, aber niemals zu Wurst und dergl. verarbeitet werden darf — 
obgleich doch gerade dieses letztere Verfahren die Finnen ziemlich 
unschädlich macht. Auch die zum Schutze gegen die Trichinen er- 
griffenen Massregeln bedürfen vielfach der Verbesserung. Vor allen 
Dingen aber ist es nöthig, die Lehre von den Parasiten und deren 
Entstehung in geeigneter Weise zu popularisiren und namentlich auch 
in den Volksschulen einheimisch zu machen, 


Gedruckt bei E, Polz in Leipzig. 


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